Das politische Selbstverständnis der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland

AutorIn: Karsten Exner
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Vortrag im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZsL) Mainz e.V. am 14.3.2000
Copyright: © Exner 2000

Das politische Selbstverständnis der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland

Um es gleich zu Beginn unmißverständlich zu sagen: Es geht mir im folgenden nicht um eine Bewertung oder gar Kritik der konkreten Beratungs- und Unterstützungsarbeit, die von den Selbstbestimmt-Leben-Zentren alltäglich geleistet wird. Diese Arbeit kann in ihrer Bedeutung für die Ratsuchenden und für die Situation von behinderten Menschen vor Ort im Vergleich zu traditionellen Beratungseinrichtungen und Behinderteninteressenvertretungen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dabei steht für mich außer Frage, daß diese Arbeit auch eine politische Dimension hat. Und zwar eine viel weitergehende, als es uns im Alltag gemeinhin deutlich wird.

Deshalb ist es unerläßlich, daß sich die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung immer wieder damit auseinandersetzt, auf welcher Grundlage von politischem Selbstverständnis sie aktiv ist und wo sie sich im allgemeinen Gesellschaftsdiskurs verortet. Dabei müssen wir lernen, uns und unsere Bewegung als politische Kraft zu begreifen, deren Bedeutung über den Behindertenbereich hinaus gehen kann und muß. Wenn wir die dafür notwendigen internen und öffentlichen Auseinandersetzungen nicht führen, läuft die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung - so meine These - auf Dauer Gefahr, von den allgemeinen Gesellschaftsentwicklungen überrollt zu werden und dabei auch ihre wichtige Funktion im Behindertenbereich zu verlieren. Dieser Funktionsverlust wäre nicht einmal dramatisch, wenn die Arbeit der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung zuvor dazu führen würde, daß sich die allgemeine Situation behinderter Menschen derart verbessert, daß es der Bewegung nicht mehr bedarf. Doch ist eine solche positive Annahme angesichts des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustandes nicht realistisch; eher muß mit einer Verschlechterung der Lebensbedingungen behinderter Menschen bei gleichzeitigem Funktionsverlust der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung gerechnet werden.

Die von mir geforderte Auseinandersetzung setzt voraus, daß auch die zentralen Begriffe, die sich die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung auf die Fahnen geschrieben hat, auf ihre historisch entwickelten Inhalte und auf ihre - damit verbundene - gesellschaftliche Bedeutung hin kritisch untersucht werden, da schon die Wahl der Zentralbegriffe die politische Richtung und Position bestimmen. In diesem Zusammenhang bin ich der Ansicht, daß wir unsere Ziele und Inhalte nicht mit den Leitbbegriffen 'Selbstbestimmung' und 'Selbstbestimmt-Leben' transportieren sollten, denn wir dürfen nicht vergessen, 'unsere' Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ist ein 'Importprodukt' aus den USA und wurde dort von behinderten Menschen in der amerikanischen Tradition der Bürgerrechtsbewegung entwickelt.

In Deutschland gibt es eine derartige Tradition der Bürgerrechtsbewegung nicht. Wir beziehen uns im allgemeinen auf eine Tradition der (bürgerlichen) Emanzipationsbewegung. Damit geht einher, daß sich - behindert oder nicht - unsere (politische) Sozialisation direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt, positiv oder negativ, als Auseinandersetzung mit dem Emanzipationsbewußtsein vollzieht. Emanzipation bedeutet bei uns, - in der Tradition der (bürgerlichen) Aufklärung - mit Kant gesprochen - die "Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit". Doch egal ob "selbstverschuldet" oder nicht: Viele Menschen haben den Begriff 'Emanzipation' tiefer verinnerlicht als den relativ 'neuen' Begriff 'Selbstbestimmung'. Die emotionale Begriffsbindung hat wiederum Auswirkungen auf den Verlauf des gesellschaftlichen Diskurses über die Ziele und Forderungen behinderter Menschen, wenn es z.B. darum geht, ob andere Gesellschaftsgruppen zur Unterstützung bewegt werden können oder nicht. Das heißt: Die Verwendung des Emanzipationsbegriffes wäre in diesem Zusammenhang sinnvoll, weil in Deutschland keine andere Gesellschaftsgruppe (z.B. Bürgertum, Arbeiter, Studenten, Frauen), die um ihre Freiheit und Rechte kämpft(e), ihre Forderungen und Ziele am - Begriff 'Selbstbestimmung' bzw. 'Selbstbestimmt-Leben' als Leitbegriff festgemacht hat bzw. festmacht und somit behinderte Menschen mit der Herleitung dieser Begriffe aus dem amerikanischen Gesellschaftsdiskurs (wieder) eine Sonderdiskussion begonnen haben.

Die Folge davon ist, daß wir den 'neuen' Begriff 'Selbstbestimmung' bzw. 'Selbstbestimmt-Leben' nicht nur im Behindertenbereich, sondern u.a. auch in die für behinderte Menschen zuständigen Politikbereiche (immer noch in erster Linie Sozial und Gesundheitspolitik) und in die Öffentlichkeit einführen müssen. Da die Begriffe 'Selbstbestimmung' bzw. 'Selbstbestimmt-Leben' dabei immer direkt mit den Belangen behinderter Menschen verbunden werden bzw. sind, entsteht der Eindruck, die mit diesen Begriffen einhergehenden Inhalte gingen hauptsächlich 'Behinderte' an. Die allgemeine Bedeutung für alle Gesellschaftsgruppen wird so nur schwer erkennbar, so daß behinderte Menschen aus ihrem diskriminierenden Sonderstatus kaum herauskommen. Zudem ist es schwieriger, andere Gesellschaftsgruppen, die ähnliche Ziele haben, zu einer solidarischen Zusammenarbeit zu bewegen, denn aus deren Sicht haben die Interessen behinderter Menschen nichts mit den ihren zu tun.

An dieser Stelle muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß es in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung so etwas wie verschwommenes Emanzipationsbewußtsein geben muß, denn immer mal wieder wird - wie z.B. von Udo Sierck - von "emanzipatorische[n K.E.] Behinderteninitiativen [...] in der BRD"[1] gesprochen oder - wie z.B. von Lothar Sandfort[2] - die Zielrichtung 'Emanzipation' formuliert. Jedoch fehlt es insgesamt an einer Konkretisierung der Inhalte vor dem Hintergrund historisch gewachsener Gesellschaftsstrukturen bzw. -verhältnisse. Um die hier notwendige Inhaltsbestimmung von der Emanzipation behinderter Menschen vorzunehmen, reicht es jedoch nicht aus, die rechtlichen und materiellen Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen sowie deren individuellen Lebenssituationen zu thematisieren. Eine Konzentration auf die aufgezählten Aspekte würde schon deshalb zu kurz greifen, weil sich die Konkretisierung der individuellen und kollektiven Lebensbedingungen behinderter Menschen auf dem Fundament von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Gegebenheiten vollzieht.

Der Politologe Walter Grode beschreibt die umwälzende gesellschaftliche Entwicklung der letzten 20 Jahre wie folgt:

"Standen am Anfang der achtziger Jahre noch Forderungen nach einer grundlegenden Wende in der Umweltpolitik, einer Neudefinition der Arbeit, der Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd, sozialer und gesetzlicher Besserstellung von sozialen Randgruppen, sowie realer Gleichstellung von Frauen in Beruf und Gesellschaft im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung, so stiegen seit dem Ende der achtziger Jahre Fragen nach den Folgen ungebremster Einwanderung, des 'überzüchteten' Wohlfahrtsstaats und damit verbunden der 'Anspruchsmentalität' zu Themen auf. Sie sind Ausdruck einer neuen politischen Kultur des Ressentiments, die sich im Zuge weltweiter technologischer Veränderungen grenzüberschreitend ausbreitet."[3]

Diese Entwicklung war bzw. ist begleitet von einer zunehmenden Ökonomisierung des sozialen Handelns. Das heißt: Sowohl individuelle wie auch kollektive auf andere gerichtete soziale Handlungen werden an der Frage ausgerichtet 'was kostet es und was bringt es mir bzw. uns?'.

Dementsprechend will die Gesellschaft wissen, welches Interesse sie am selbstbestimmten Leben behinderter Menschen haben kann. Dieses Interesse macht sich in der heutigen Zeit in erster Linie an folgenden Aspekten fest, die als individuelle und/oder kollektive Entscheidungskriterien in unterschiedlicher Gewichtung herangezogen werden:

  • Ein direkter oder indirekter materialer Vorteil muß für die Gemeinschaft erkennbar sein und

  • aktuelle ethische und soziale Grundsätze (die niemals statisch sind) müssen ausreichend erfüllt sein.

Das bedeutet, daß die Gesellschaft - von der wir behinderten Menschen ja ein gleichberechtigter Teil sein wollen - wie bei jeder anderen Gruppe auch - offen oder verdeckt - täglich danach fragt, warum sie den Forderungen behinderter Menschen nachkommen soll? Als Reaktion auf diese Frage reicht es nicht, wenn wir uns in unseren Antworten auf humane Schlagworte (z.B. Menschenrechte, Grundrechte, Antidiskriminierung, Humanität und auch Selbstbestimmung) beziehen und meinen, diese seinen Grund genug, unseren Anliegen zu entsprechen. Denn die Inhalte und die gesellschaftliche Umsetzung humaner und emanzipatorischer Forderungen sind - unter Bezugnahme auf die von mir o.g. zwei Einscheidungskriterien - der permanenten Interpretation und Veränderung unterworfen.

Und genau an diesem Punkt ist die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung gefragt, denn bisher haben wir diese Grundsatzdiskussion in bezug auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge - so weit sie im Behindertenbereich überhaupt geführt wird - nichtbehinderten 'Fachleuten' überlassen. Sie analysieren, beschreiben und diskutieren gesellschaftliche Zustände, um dann mit ihren Sichtweisen und Ergebnissen unsere Lebensbedingung zu analysieren, zu beschreiben und zu diskutieren. Sie legen fest, wie Gesellschaft in ihrer Grundsätzlichkeit auszusehen hat. Dem entsprechend legen sie auch die gesellschaftliche Relevanz von behinderten Menschen fest. So werden wir nicht nur im Alltäglichen, sondern schon auf der gesellschaftlichen Makrodiskussionsebene zu Objekten. Für behinderte Menschen führt es also im hohen Grade zu FREMDBESTIMMUNG, wenn sie an der theoretischen Gestaltung der Gesellschaft - in der auch sie leben - nicht teilhaben. Doch durch unsere spezifische 'Enthaltsamkeit' in bezug auf die erwähnten Grundsatzdiskussionen, tragen wir selber zu dieser Fremdbestimmung bei, denn wir lassen es zu, daß andere 'unsere' Auseinandersetzung führen.

Wenn wir also nicht wollen, daß diese Diskurse und die mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen gegen uns laufen, dürfen wir uns nicht nur punktuell (z.B. Forderung nach selbstbestimmten Wohnen oder Antidiskriminierungsgesetz) zu Wort melden, sondern müssen uns in die grundsätzlichen Gesellschaftsthemen einmischen. Denn was unsere Nichteinmischung bzw. unser Nichtüberdeneigenen-Tellerrandhinaussehen für Folgen haben kann, läßt sich beispielhaft an der jüngsten Diskussion um das Holocaust-Denkmal verdeutlichen: Hier war in der Öffentlichkeit aus den Reihen behinderter Menschen nichts zu hören. Das Ergebnis ist nun, daß es im öffentlichen Bewußtsein weiterhin Nazi-Opfer 'erster' und 'zweiter Klasse' gibt. Dabei wäre hier eine öffentlich hörbare Einmischung von unserer Seite besonders wichtig gewesen, da es in dieser Auseinandersetzung nicht alleine darum ging, wie den (jüdischen) Nazi-Opfern am besten zu gedenken sei, sondern gleichzeitig wurde immer auch das Menschenbild in der heutigen Gesellschaft thematisiert.

Dort, wo wir uns in allgemeine Gesellschaftsdiskussionen einmischen und so Gesellschaft auch in ihrem übergeordneten Selbstverständnis aktiv mitgestalten, dürfen wir uns allerdings nicht auf die - zur Zeit alles bestimmende - Maxime der ökonomischen Hegemonie einlassen. Denn unter dem Aspekt Gewinnmaximierung läßt sich - konsequent zu Ende gedacht - für behinderte Menschen keine (positive) Daseins-Notwendigkeit herleiten. Auch ein indirekter Nutzen - wie z.B. aus konservativer Sicht für Frauen deren Versorgungsfunktion - ist heute kaum zu begründen. Unsere Aufgabe muß es sein, Argumente in ethischen und sozialen Zusammenhängen zu finden und dieses nicht nur im Interesse von behinderten Menschen. Wir müssen also grundsätzlich auf dem Hintergrund eines kritischen Gesellschaftsdiskurses klarmachen - wie Peter Radtke formuliert - , "warum die Gesellschaft den 'Behinderten' braucht".[4] Das aber bedeutet, daß es von zentraler Wichtigkeit ist, daß behinderte Menschen - auch, wenn dies zur Zeit nicht 'modern' ist - mit der Frage nach allgemeingültigen, humanen Werten und Maßstäben in die Öffentlichkeit treten, und diese - über eine bloße Schlagwortverwendung hinaus - offensiv thematisieren und mit Inhalten versehen, die klar erkennbar über die bloße Behindertenthematik hinausgehen, so daß sie für alle Menschen Gültigkeit haben können.



[1] SIERC K, Udo: Autonom Leben - Erfahrungen einer Reise in die USA. In: Behindertenpädagogik, 27 (1988) 3, S. 304.

[2] SANDFORT, Lothar: Esmeralda - ich liebe dich nicht mehr: Behinderte emanzipieren sich. Frankfurt a. M.: Haag und Herchen 1993.

[3] GRODE, Walter: Wir werden es erleben. Politische Rechte und Extremismus der Mitte im reichen Westeuropa. In: Die Zeichen der Zeit / Lutherische Monatshefte, 3/2000, S. 24.

[4] RADTKE, Peter: Warum die Gesellschaft den "Behinderten" braucht - Über das Menschenbild des 20. Jahrhunderts. In: FETKA-EINSIEDLER, Gerhard; FÖRSTER, Gerfried (Hrsg.): Diskriminiert? Zur Situation der Behinderten in unserer Gesellschaft. Graz: Leykam 1994, S. 109.

Die Autorin:

Karsten Exner (01.03.2000)

Borkumer Straße 18

13581 Berlin

Tel.: 030 / 35 104 218

Quelle:

Karsten Exner: Das politische Selbstverständnis der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland

Vortrag im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZsL) Mainz e.V. am 14.3.2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.06.2010

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation