Im Zeitalter der Biomacht

25 Jahre Gentechnik - eine kritische Bilanz

AutorIn: Michael Emmerich
Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Releaseinfo: Entnommen aus: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 3/99
Copyright: © Michael Emmerich1998

Titelseite:

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Michael Emmerich (Hrsg.)

Titel: Im Zeitalter der Biomacht - 25 Jahre Gentechnik - eine kritische Bilanz

Infos: Mabuse-Verlag, Frankfurt/Main 1998, 480 Seiten, DM 48, ÖS 350, SFr 46

Themenbereich: Eugenik (Gentechnik)

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Wolfgang Mitzelli

Muskeldystrophie wird bald geheilt werden. Der Veitstanz wird besiegt. Das Down Syndrom gibt es bald nicht mehr. Die Leber vom Schwein, das Herz vom Pavian und die Lunge vom eigenen Klon werden bald zu haben sein. Und wem verdanken wir das alles? Den unermüdlichen ForscherInnen im Namen der Menschlichkeit in den Biotechnik-Labors.

Das ist das, was wir alle glauben sollen. Das ist das, was uns immer versprochen wird.

Die Wirklichkeit ist viel ernüchternder. Es gibt eine einzige wirklich funktionierende Therapie, die auf Biotechnologie, genauer Gentechnik beruht[1]: Die pränatale Diagnostik mit anschliessendem Schwangerschaftsabbruch.

Trotzdem wird immer noch der grosse Segen der Biotechnologien gepredigt. Tiere produzieren Medikamente. Pflanzen werden resistent gegen Pflanzengifte und somit ertragreicher. Seltsam ist nur, daß oft ein und die selbe Firma Pflanze und Gift verkaufen will. Wiewohl Profit mit Gentechnik und anderen biotechnologischen Verfahren noch nicht zu machen ist[2].

Zur Biotechnologie gibt es auch die passende Ethik: die Bioethik. Geprägt vom utilitaristischen Nützlichkeitsdenken und dessen Dogma der Glücksmaximierung für das Kollektiv will sie ForscherInnen den Zugang zum menschlichen Versuchsmaterial beinahe uneingeschränkt ermöglichen.

Die Wirklichkeit ist also eher ernüchternd und besorgniserregend: Kaum eines der Versprechen der Biotechnologie wurde gehalten. Dafür hat sie das Bild des Menschen als ständig verbesserbare Maschine verfestigt. Zugleich darf man wieder ungestraft an "Minderwertigen", am Ausschuss herumdoktern. Das Buch - "Im Zeitalter der Biomacht" - beleuchtet mit 18 Beiträgen den ganzen Komplex der biotechnologischen Forschung und Industrie. Allen Beiträgen gemeinsam ist der latente Grundtenor: "Der Mensch pfusche Gott nicht ins Handwerk!". Damit beginne ich mit dem, was mich an dem Buch stört. Gott pfuschen wir schon seit es uns gibt, ins Handwerk: Angefangen vom Faustkeil über die Dampfmaschine bis zur Atomkraft und der Gentechnik. Ausserdem befleissigen sich die Autoren meistens einer Wortwahl und einer Grammatik, die das Verstehen extrem erschweren: Schachtelsätze und Fachjargon! Als extremstes Beispiel sei hier der Beitrag von Hiltrud Beyer über die somatische Gentherapie genannt. Dieses unverständliche Deutsch wird der Verbreitung dieses Buches hinderlich sein. Leider, denn die Fakten, die die Beiträge liefern, sind höchst spannend. Für den Bereich Behinderung liefert eben auch der schon genannte Beitrag Interessantes. Hiltrud Beyer teilt nämlich mit, dass sämtliche genetischen Therapien bei Muskeldystrophie und Mukoviszidose nichts gebracht haben. Zudem ist die bevorzugte Methode, die Gene in den Menschen zu bringen, extrem gefährlich. Die wirkungsvollste genetische Therapie ist damit immer noch der Schwangerschaftsabbruch nach positivem Ergebnis einer pränatalen Diagnose. Zwei Beiträge beschäftigen sich eben mit dieser und geben wenig Anlass zur Freude. Da es keine Therapie gibt, um die diagnostizierten genetischen Andersartigkeiten - man kann sie auch Schäden nennen - zu beseitigen, bleibt einem nichts übrig, als den Träger dieses andersartigen Gens zu beseitigen. Der Träger wird auch meistens beseitigt, weil den Eltern kaum eine andere Chance gegeben wird. Wer entscheidet sich schon für ein behindertes Kind? Bringt ja nur lebenslange Mühe und Plage: Letzteres stimmt natürlich auch, aber wer sagt, dass behinderte Menschen nicht auch Quelle unbeschreiblich Freuden sein können? Das wäre auch eine Denkoption.

Ein weiterer Bereich, mit dem sich einige Beiträge beschäftigen, ist die Bioethik und deren Wirken in internationalen Dokumenten. Dabei fällt auf, dass diese Dokumente meistens hinter verschlossenen Türen verhandelt wurden. Was zumindest mich dazu veranlasst, zu fragen: Wie sicher sind demokratische Strukturen noch in einer Welt, wo Dokumente über medizinische Versuche an Menschen von wenigen "ausgewählten" Experten verfasst werden?

Wolfgang Mizelli

Quelle:

Rezensiert von Jutta Schöler

Entnommen aus: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 3/99

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 02.03.2006



[1] Gentechnik ist nur ein Teil der Biotechnologie. Letztere umfasst auch noch In Vitro Fertilisation, Transplantationen, Klonen etc.

[2] Interessanterweise wird derzeit im Bereich der Gentechnik das meiste Geld nicht mit Tieren, die Medikamente produzieren oder Pflanzen, die gegen Gifte resistent sind, erzielt, sondern mit Gentests für Menschen.

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