Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung:

Zu den Argumenten ihrer Gegner

AutorIn: Franz Dotter
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung: Zu den Argumenten und Einstellungen ihrer Gegner. - In: Das Zeichen 5 (1991), S. 321-332 und in: Der Sprachheilpädagoge 23 (1991), Heft 3, S. 27-50. Anmerkung: Das Thema ‚Integration von hörgeschädigten Kindern' und ‚Gehörlosenbildung' wird in der Fachwelt sehr gegensätzlich diskutiert. BIDOK hat Texte von Vertretern beider Seiten aufgenommen. Siehe dazu auch René J. Müller.
Copyright: © Franz Dotter 1991

1. Vorbemerkung

Die Sprachentwicklung vollsinniger Kinder ist aus vielen Untersuchungen bekannt und muß hier nicht wiedergegeben werden, vgl. etwa MacWhinney, Slobin, Wode.

Auch wenn man keine biologistische Position einnimmt, wird man als Forschungsergebnis akzeptieren müssen, daß zwischen dem 2. und 5./6. Lebensjahr eine erhöhte Aufnahmefähigkeit für ein symbolisches System wie Sprache besteht. Selbstverständlich sind Interaktion und sprachliche Entwicklung dabei nicht scharf zu trennen (vgl. dazu Meyer). Wird die Phase erhöhter Prägefähigkeit versäumt bzw. nicht genützt, treten diverse Einschränkungen der kognitiven Entwicklung auf. Untersuchungen zu deprivierten Kindern, wie die zu Genie (vgl. Curtiss) zeigen, daß in der Sprachentwicklung zwar kompensatorisch viel nachgeholt werden kann, daß aber - offensichtlich aufgrund der schlechteren Automatisierungsmöglichkeiten - die Fähigkeiten in der Syntax d.h. in der Bildung komplexer Zeichen, sich nicht völlig normgemäß entwickeln.

Als gesichertes Ergebnis der internationalen Forschung ist folgendes zu betrachten: Gehörlose, welche dominant lautsprachlich erzogen werden, erreichen mit ihren Leistungen im Durchschnitt bei weitem nicht den Durchschnitt der hörenden Kinder. Ihnen stehen nach Durchlaufen der Bildungseinrichtungen sehr wenige Berufe offen; höhere Bildung wie Matura oder gar Studium ist von ihnen im Vergleich zum Schnitt der Gesamtbevölkerung praktisch nicht erreichbar. Dagegen gibt es in den Ländern, in denen die Gehörlosen gebärdensprachlich ausgebildet werden, die Möglichkeit, eine solche höhere Bildung zu erreichen.

Ein wichtiger Punkt der Argumentation ist: Sollen wir annehmen, daß die erwähnte Prägefähigkeit für Symbolsysteme bei gehörlosen Kindern - falls sie sonst keine Behinderungen aufweisen - grundsätzlich gleich ist wie bei vollsinnigen, oder daß erstere auch hier Defizite oder unterschiedliche ontogenetische Abläufe aufweisen; alltagssprachlich: generell dümmer sind als letztere? Ich sehe momentan keinen wissenschaftlichen Grund, ersteres nicht anzunehmen (vgl. auch Boyes Braem). Tun wir dies aber, so ist Vorsorge zu treffen, daß auch gehörlosen Kindern ein Symbolsystem zur Verfügung gestellt wird, das sie genauso leicht erlernen und gebrauchen, selbst weiterentwickeln können wie vollsinnige Kinder.

1.1 Bedingungen

Soll ein Zeichen-/Symbolsystem von Kindern leicht und schnell erlernt werden können, muß es folgende Bedingungen erfüllen:

  • Leicht und schnell wahrnehmbare und produzierbare Zeichenkörper.

  • Einfache Herstellung einer Verbindung des Zeichens mit dem, wofür es steht (dem "Bezeichneten", einer Person, einem Objekt oder einer Aktion der Realität); dadurch ist eine einfache Gedächtnisspeicherung möglich, die auch so schnell abgerufen werden kann, daß perzipierte Zeichenfolgen "verstanden" werden können.

  • Das Zeichensystem muß die aktive Kommunikation ebenso ermöglichen wie die passive.

  • Automatisierbarkeit des Aufbaus von Zeichen aus einfachen Bausteinen (in der Lautsprache den Lauten) für Produktion und Perzeption (ein Primärsystem kann kein solches sein, dessen Produktionselemente eine andere Qualität aufweisen als die Perzeptionselemente).

  • Eine Muttersprache kann nur ein Zeichensystem sein, mit dem das Kind von Beginn an experimentieren kann, das es verändern kann und das vor allem alle wichtigen Phasen der Entwicklung abdecken kann, wie z.B. eine "Was ist das?"- oder eine "Warum?"-Phase.

Es läßt sich leicht zeigen, daß für die Gehörlosen die Lautsprache das Symbolsystem mit den geforderten Eigenschaften nicht sein kann, Beweise dafür finden sich auch bei den Vertretern der Lautsprachemethode selbst und im Realitätsbefund lautsprachlich gebildeter Gehörloser.

Nun erhebt sich die Frage, ob es ein Symbolsystem gibt, das die gewünschten Eigenschaften besitzt, und wenn ja, in welchem Kommunikationskanal es liegt. Der akustische Kanal scheidet aufgrund der Behinderung aus, es bleiben im wesentlichen der optische und der taktile Kanal. Von diesen ist der optische aus mehreren Gründen vorzuziehen: der Sehsinn ist ein sehr dominanter Sinn des Menschen mit hoher Wahrnehmungsdifferenzierung und er ermöglicht im Gegensatz zum taktilen körperliche Distanz.

Für hörgeschädigte Kinder (bei denen der Hörrest nicht für die volle Aufnahme der Lautsprache ausreicht) können aufgrund der vorgebrachten Schlußfolgerungen nur Gebärdensprachsysteme als muttersprachliche verwendet werden. Wer diese Entwicklung behindert oder bewußt ausschaltet, muß sich sagen lassen, daß er ein gehörloses Kind entgegen den bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen bewußt in seiner Entwicklung einschränkt, es für sein ganzes Leben lang zusätzlich schädigt.

Hogger hat vorgeschlagen, die Schriftsprache als optischen und zeitlich beständigen Code zum Ausgangspunkt für den Spracherwerb Gehörloser (dabei ist die Lautsprache - bei Hogger als "Verbalsprache" bezeichnet - gemeint) zu machen, und zwar ab dem 2./3. Lebensjahr. Hogger übersieht, daß Schriftsprache nur ein sekundärer Kode ist, wenn sie auch als (relativ) autonomer Sprachmodus gelten kann; von ihrer primären Funktion her notiert sie flüchtige Zeichen, welche die primären Zeichen sind, z.B. lautsprachliche. Primäre Sprachzeichen sind deswegen flüchtig und müssen im Zeitverlauf schnell produziert und perzipiert werden können, weil sonst spontane Kommunikation nicht zustande kommt. Ein Schriftbild kann nicht so leicht mit dem Bezeichneten verbunden werden wie eine Geste oder ein Wort als Lautkomplex, weil es ohne Hilfsmittel nicht aktuell handlungsbegleitend bzw. dialogisch erlernt werden kann; d.h. sie ist als primärer Kode nicht kommunikationsökonomisch einsetzbar. Als Hilfsmittel für das Erlernen der Lautsprache auf einer gebärdensprachlichen Basis ist die Schrift aber gut geeignet.

Zum besseren Verständnis muß an dieser Stelle die Entgegensetzung 'lautsprachorientiert vs. gebärdensprachorientiert' erläutert werden. Beide 'Typen' von Orientierung sind nicht einheitlich. Sie können am besten durch die Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständigem muttersprachlichen System für Gehörlose unterschieden werden. Wer dies tut, soll hier als 'gebärdensprachorientiert' bezeichnet werden. Lautsprachorientierte 'Schulen' weisen zurecht darauf hin, daß von ihnen "die Gebärde" (man beachte dieses Wort) ja nicht vollständig abgelehnt werde und man daher nirgends von "rein lautsprachorientiert" sprechen könne (was im Gegenzug den Gebärdensprachbefürwortern vorgeworfen wird). In der lautsprachorientierten Bildung Gehörloser werden optische Zeichen, einzelne Gebärden, lautsprachbegleitendes Gebärden oder Varianten von Gebärdensprache immer dann eingesetzt, wenn lautsprachlich 'nichts mehr geht', d.h. in 'kommunikativen Notfällen'. Den Schülern wird seit nicht allzu langer Zeit in den meisten Schulen auch "das Gebärden" außerhalb des Unterrichts zugestanden.

Es wäre leicht zu zeigen - nur stellte dies ein unmenschliches Experiment à la Kaspar Hauser dar - daß tatsächlich 'rein lautsprachliche' Erziehung für die so Erzogenen kognitiv, sozial und psychisch katastrophal endet. Das zunehmende 'Erlauben' von Gebärden bzw. der Gebärdensprache durch lautsprachorientierte Ausbilder ist das praktische Eingeständnis der Tatsache, daß Gehörlosen mit Lautsprache zu wenig vermittelt werden kann, als daß sie vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft sein könnten.

1.2 Hypothesen zur Gebärdensprachorientierung

Gebärdensprachorientierung mag auf den ersten Blick auch als rigidere, weniger liberale pädagogische Grundhaltung empfunden werden. Sie ist mit folgenden Hypothesen zu umschreiben:

  • Für alle Menschen, deren Gehör die Perzeption bzw. Verarbeitung von Lautsprache nicht erlaubt, ist eine optische Muttersprache, die Gebärdensprache, wichtig. Diese muß entsprechend den bekannten Prinzipien und Phänomene des Spracherwerbs aufgebaut werden können.

  • Durch den Einsatz der Gebärdensprache als Erstsprache können sich Sprache und Intelligenz bei Gehörlosen und schwerhörigen Kindern normal entwickeln. Dabei müssen alle Informationen, die ein hörendes Kind akustisch erreichen, über die Gebärdensprache weitergegeben werden.

  • Nur ein vollständig erworbenes visuelles Sprachsystem wie die Gebärdensprache gewährleistet, daß auf seiner Basis weitere Sprachen oder Varianten systematisch erworben werden können.

  • Kognitiven entsprechende sprachliche Strukturen werden bei Gehörlosen wesentlich besser über Gebärdensprache als über Lautsprache und ihre Strukturen erworben, der weitere Weg führt über Schriftsprache und Lautsprache (dies bedeutet keine strenge zeitliche Abfolge, vielmehr müßten entsprechend der kindlichen Entwicklung alle Förderungsmöglichkeiten zu den optimalen Zeitpunkten genutzt werden).

Wer gebärdensprachorientiert arbeiten will, hat sich also dezidiert für eine Hauptlerngrundlage entschieden und muß - entsprechend den Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung - auch durchzusetzen versuchen, daß in den angezeigten Fällen gehörlose Kinder schon lange vor dem Kindergarten und Schule diese Sprache erlernen. Dafür hätte eine entsprechende Elternbildung einzusetzen. Dies ergäbe auch einschneidende Folgen für die pädagogischen Konzeptionen von Kindergarten und Schule für Gehörlose: Die Gebärdensprache als Muttersprache dieser Kinder müßte das Hauptkommunikationsmittel in diesen Institutionen werden. Daraus folgte wieder ein Bedarf an 'muttersprachlichen Sprechern' der Gebärdensprache, also Gehörlosen als Bediensteten in den Bildungsinstitutionen.

Daß es hier um eine schwerwiegende Entscheidung ginge, welche die Qualifikationen der bisher im Gehörlosenbereich Beschäftigten stark in Frage stellt, erklärt m.E. den enormen Widerstand auch gegen jede ernsthafte Diskussion.

Die vorliegende Arbeit will nicht eine vollständige Argumentation für die eben vorgebrachte Ausgangsposition liefern; eine solche findet sich etwa bei Boyes Braem oder Prillwitz/Wudtke. Es geht hier vielmehr um die Analyse der Aussagen und Argumente von Lautsprachbefürwortern (exemplarisch werden folgende Publikationen verwendet: Breiner, Hogger, Jann und Uden, sowie in letzterer die Arbeiten von Gipper, Löwe und Oléron). Damit sollen wissenschaftliche Defizite, offene und verborgene Einstellungen nachgewiesen werden, die sich auf den Umgang mit der Frage : 'Lautsprache oder Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung?' auswirken. Wird meine Analyse als stichhältig angesehen, müssen die Lautsprachbefürworter ihre Argumentation in wesentlichen Punkten revidieren. Gelingt ihnen dies nicht, ist das ein Nachweis der Schwäche ihrer Position.

2. Analyse

Folgende Argumentationsstrategien und Einstellungen lassen sich bei Lautsprachbefürwortern zeigen:

2.1. Gebärdensprache ist keine 'Sprache'

Trotz des existierenden Gegenbeweises (vgl. zusammenfassend Boyes Braem) spricht man der Gebärdensprache den Charakter eines Systems mit distinktiven Elementen ab (Gipper, S. 18). Bei der Beurteilung dieser Sachlage spielt der unterschiedliche Kommunikationskanal wohl die wichtigste Rolle, welche aber von Gipper offensichtlich nicht anerkannt wird. Der Nachweis der Behauptung wird in verschiedenen Richtungen zu führen versucht:

2.1.1. Gleichsetzung von "Sprache" und "Lautsprache" als Prämisse

Im folgenden Absatz wird die Richtigkeit einer solchen Gleichsetzung nicht bewiesen, sondern entsteht durch die Textgestaltung: "Sprache" geht in "Lautsprache" gleichsam über, wo zuerst das eine verwendet wurde, steht nun das andere Wort. Dadurch kann der Eindruck entstehen, beide Begriffe bedeuteten dasselbe (siehe auch 2.4.):

Wer weiß, was Sprache für das Sprachwesen Mensch wirklich bedeutet, wer einsieht, daß sie ein völliges Unikum in der Welt des Lebendigen darstellt, daß sich ihr Wesen eben nicht in der Kommunikation erschöpft, der wird keine Anstrengungen scheuen, auch den Menschen den Weg zu ebnen, denen ein schweres Schicksal den Gehörsinn verschlossen hat, ohne den die Lautsprache nicht als natürliches Medium menschlichen Denkens und Handelns hätte werden können. (Gipper, S. 18)

Worin das "Mehr" "richtiger" Sprachen liegt, ist wahrscheinlich aus der Überschrift "Weltansicht der Gebärden?" abzulesen. Dazu wird Gipper zitiert und für die Gebärdensprache schlicht festgestellt, daß es eine solche Weltsicht für Gebärdensprachen ebenfalls geben solle, daß dies aber noch kaum untersucht worden sei. Offensichtlich bedeutet das, daß eine solche Weltsicht für die Gebärdensprachen (noch) nicht angenommen wird (Uden, S. 60).

2.1.2. Fehlende Merkmale von ‚Sprache'

Der Gebärdensprache fehlen entscheidende Merkmale von 'Sprache'

Um dies nachzuweisen, werden "Phonologie", "Morphologie" und "Syntax" der Gebärdensprache behandelt. Dabei wird etwa den Elementen von Gebärdenzeichen (den Cheremen) im Gegensatz zu den Phonemen der Lautsprache die Distinktivität abgesprochen. Dies geschieht aber mit Argumenten, welche die Parallelen zwischen Laut- und Gebärdensprache aufzeigen (vgl. Uden, S. 63f). Bezüglich Cheremen und Morphemen wird die Tatsache, daß erstere stärker ikonischen Charakter aufweisen als entsprechende Elemente der Lautsprache, als Argument gegen den Sprachcharakter angesehen (vgl. auch Uden, S. 108-112). Das Argumentationsmuster ist 'je arbiträrer, desto eher Sprachcharakter'. Stärkere Ikonizität ist sprachwissenschaftlich weder ein Argument gegen noch eines für Distinktivität oder Morphemcharakter. Vom Standpunkt einer modernen Linguistik, welche etwa in der Natürlichkeitstheorie mit Präferenzmustern arbeitet, wäre eine relativ ikonischere Sprache sogar einfacher und "natürlicher" als eine weniger ikonische; je ikonischer ein Sprachelement, desto leichter verwendbar, desto weniger markiert ist es. Die Frage der Ikonizität hängt wahrscheinlich mit dem Kommunikationskanal, wohl aber auch mit der längeren Sprachgeschichte von Lautsprache zusammen.

Bezüglich der Morphologie findet sich als Schlußbemerkung:

Außerdem finden wir nur semantische Nuancierungen, jedoch keine Erscheinungen, die mit rein funktionellen Flexionen übereinstimmen, wie sie in gesprochenen Sprachen, namentlich im Lateinischen (s.u.) anzutreffen sind. STOKOE (1978) sagt denn auch mit Recht: 'Sign Languages do not have the inflectional class-systems of Indo-European and related languages' (Die natürlichen Gebärdensprachen haben nicht die flektierenden Wortartsysteme der indoeuropäischen und der damit verbundenen Sprachen). Wahrscheinlich dürfen wir diese Aussage auf alle gesprochenen natürlichen Sprachen ausdehnen, da sogar Kreol-Sprachen schon funktionelle Flexionen aufweisen können...

Die Morphologie der Gebärdensprachen scheint darum, wenn sie nicht künstlich beeinflußt ist, äußerst arm zu sein, besonders dann, wenn Beziehungen ausgedrückt werden sollen. (Uden, S. 90f)

Trotz des hier verwendeten Zitats von Stokoe wird die Gebärdensprache etwas später - zu Ungunsten ihrer eigenständigen Elemente - mit Latein verglichen (Uden, S. 105-107). Für die Syntax gilt eine ähnliche, typologisch naive Argumentation: Daß die Gebärdensprache eher topik-comment-orientierte Serialisierung (nach Uden, 97f, eher ikonisch, 'semantisch', 'emotional') besitzt, wird offensichtlich als kognitiv 'niedriger' angesehen als syntaktisierte Serialisierungen. Wir finden hier die Argumente der 'Defizithypothese' aus der Diskussion über die Bernsteinschen elaborierten und restringierten Codes. Gebärdensprache würde als restringierter Code eingestuft, weil sie z.B. stark situationsabhängig, weniger informativ und weniger rational, aber auch weniger zurückhaltend (da sie "dramatisiere", vgl. z.B. Uden, 110f) sei.

Die Skizzen (Uden, S. 110) zur Gebärdensprache erwecken zudem den Eindruck, als ob alle Information in der Mimik stecke. Dies dient offenbar der Darstellung der (wahrscheinlich negativ bewerteten) 'Dramatisierung'. Verschiedene Elemente der Gebärdensprache, z.B. die Verwendung verschiedener Referenzpositionen für verschiedene Teilnehmer/Rollen in Äußerungen oder ikonische Intensivierungsstrategien werden ebenfalls als 'Dramatisierung' abgewertet. Daß die Mimik auf ökonomische Weise sowohl lautsprachlich Intonationsfunktionen, als auch insgesamt Textkonstitution und lexikalische Parameter ausdrücken kann, wird nicht systematisch beobachtet. Offensichtlich liegt hier eine - im Alltag öfter zu beobachtende - Abwehr gegen optische Elemente der Gebärdensprache vor.

Gegenüber der Argumentation bei Gipper, Uden u.a. versucht Schulte einen anderen Weg. Er will nachweisen, daß die Gebärdensprache dem Chinesischen ähnlich sei und implizit den Leser zur Folgerung kommen lassen, daß aufgrund der Schwierigkeiten, welche vornehmlich Europäer mit Laut und Schrift dieser Sprache haben, eine Sprache, die dem Chinesischen so ähnle wie die Gebärdensprache, bei uns unverwendbar sei.

2.1.3. Mangelnde Leistungsfähigkeit der Gebärdensprache.

Diese Topoi finden sich sowohl in der vergleichenden Sprachwissenschaft bis in die Mitte unseres Jahrhunderts (gegenüber afrikanischen oder Südseesprachen, in jüngerer Zeit gegen das Black English bzw. Pidgin- und Kreolsprachen) als auch in der Soziolinguistik (vgl. dazu auch Leven). Interessant ist, daß solche Aussagen meist von Menschen stammen, die nicht muttersprachliche Sprecher der negativ eingeschätzten Sprache waren (dies gilt wohl auch für Gipper und die Gebärdensprache). Im Fall der Gebärdensprache werden sie mit folgenden Argumentgruppen gestützt:

  • Gebärdensprache weise nicht die Vielseitigkeit des Inhalts von Lautsprachen auf. Der Gebärdensprache gegenüber kann man mit Urteilen ja noch hart sein. Sie ist bezüglich der Erfordernisse moderner Kulturtechniken wie viele Sprachen der Dritten Welt nach langer kolonialer Unterdrückung möglicherweise tatsächlich mit Schwächen behaftet und vor allem: ihre möglichen Sprecher können sich z.T. gar nicht wehren, weil sie ihre Sprache nicht lernen dürfen. Das Begriffspaar "natürlich" vs. "künstlich" wird gegen die Gebärdensprache gewendet: Entwickelt sich eine Gebärdensprache oder wird sie entwickelt, kann sie nicht mehr als 'natürlich' gelten (vgl. Uden, S. 129); damit wird es leicht, die 'natürliche' Gebärdensprache auf Dauer defizitär zu halten. Aufgrund funktioneller oder kommunikativer Notwendigkeiten neu entwickelte Elemente oder Strukturen werden nämlich als "künstlich" bezeichnet und so quasi definitorisch aus der Gebärdensprache ausgeschlossen. Ein solches Argument ist völlig ahistorisch, wenn man sich etwa die Entwicklung des Deutschen durch die christlich-lateinische Mission ansieht.

  • Die mangelnde Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit wird mehrfach durch nicht zufriedenstellende Übersetzungsergebnisse aus der Lautsprache in die Gebärdensprache begründet (Uden, 114f). Informationsverluste, wenn es sie gibt, werden nicht als Übersetzungsprobleme, sondern als Defizite der Gebärdensprache interpretiert. Interessanterweise stammen die Beispiele dafür aus den Institutionen der USA, in den Gehörlose studieren können. Es werden also auch in diesem Fall mögliche sprachentwicklungsbedingte Schwierigkeiten, welche von Forschern innerhalb des Gebärdensprachbereichs diskutiert werden, als Gegenargumente gegen die Gebärdensprache verwendet: Die Gebärdensprache kann nur ein Bruchteil der semantischen Merkmale, die den Sprachinhalt ausmachen, ins Visuelle hinüberretten. Zwar mag es theoretisch möglich sein, alle semantisch relevanten Elemente auch visuell auszudrücken, dies würde aber zu einer völlig unbeherrschbaren Gebärdenflut führen, deren Gebrauch zudem so zeitraubend wäre, daß dies nicht mehr praktikabel wäre. (Gipper, S. 15). Hier wird vergessen, daß die semantische Vielfalt auch in der Lautsprache nicht in den einzelnen Wörtern selbst steckt, sondern nur durch ihren Gebrauch erzielt werden kann. Hier unterscheiden sich Gebärden- und Lautzeichen erst recht nicht voneinander. Der Vergleich geht von der eigenen Lautsprache, ihren Elementen und Strukturen aus. Was deren Leistungsfähigkeit erreichen will, muß gleich aussehen wie lautsprachliches Deutsch: Bestimmte syntaktische Probleme wie z.B. die Folge von Subjekt, Prädikat, Dativ- und Akkusativobjekt, lassen sich indessen ohne weiteres durch eine Festlegung der Gebärdenfolge regeln. (Gipper, S. 15) Es wird verschwiegen, daß eine nicht gar so kleine Anzahl auch von Lautsprachen ohne Elemente wie das Dativobjekt auskommen. Für typologisch von den 'europäischen Mustersprachen' abweichende Sprachen wird die mangelnde Leistungsfähigkeit der Gebärdensprache nur mehr mittels Behauptung festgehalten: Selbst in Sprachen, die fast ohne grammatische Fügungsmittel auskommen, wie z.B. das Chinesische, bleibt das Problem der Umsetzung in Gebärden prinzipiell das gleiche. (Gipper, S. 15)

  • Gebärdensprache ist ein Derivat aus anderen (Laut)Sprachen. Diesen Vorwurf (der wie viele andere nicht von selbst schon negativ ist, man denke an die Schriftsprache oder auch an Zeichensysteme wie das Morsealphabet) teilt die Gebärdensprache mit den Pidgin- und Kreolsprachen. Die negative Bewertung dieser Tatsache ist aus dem Argumentationsmuster 'das Derivat erreicht die Leistungen des Originals nicht' ableitbar: Alle Gebärdensprachen sind keine genuinen und autonomen Gebilde, sondern es handelt sich immer um direkte oder indirekte Ableitungen aus Lautsprache, also um Sprachderivate, die das Original nicht völlig erreichen und ersetzen können. (Gipper, S. 15) Die Erfahrung mit den Pidgin- und Kreolsprachen zeigt aber, daß neue Generationen, die eine solche Sprache verwenden, diese autonom weiterentwickeln. Dies gilt auch für die Gebärdensprache, sofern sie sprachpolitisch überhaupt erlaubt ist.

2.1.4. Kommunikative Defizite von Gebärdensprache

Schwierigkeiten, die sowohl für lautsprachliche als auch für gebärdensprachliche Kommunikation mit Gehörlosen bestehen (immer dann, wenn mindestens einer der Kommunikationspartner keine ausreichende Kompetenz auf einem dieser Gebiete besitzt oder besitzen kann), werden immer gegen die Gebärdensprache ausgelegt, obwohl beide Sorten von Schwierigkeiten genannt werden; vgl.:

Wer einmal als Erzieher in einem Schülerheim einer Gehörlosenschule oder als Betreuer etwa eines Gehörlosenvereins in der Fürsorge für erwachsene Gehörlose tätig gewesen ist, der weiß aus Erfahrung, daß die nur gebärdensprachliche Kommunikation oft unbefriedigend ist. (Uden, S. 144)

"Die in den Oberklassen der Deutschen Taubstummenschulen gebräuchliche Verständigung in der reinen Lautsprache unter Begleitung von Gestik und Mimik, im Notfalle auch durch Lautgebärden, unter Zuhilfenahme von Schrift, Zeichen und weitgehender Veranschaulichung, unter Beachtung des vorhandenen Begriffs-, Wort- und Formenschatzes, stellt z.Z. die vollkommenste Form des Verkehrs mit Taubstummen dar. Doch sind auch hier Mißverständnisse nicht ganz ausgeschlossen (SCHORSCH, 1931, 67)." (Uden, S. 145)

Auch alle sonst erdenklichen Schwierigkeiten werden als Argument gegen die Gebärdensprache aufgeführt, so etwa die Schwierigkeit, gute Gewährsleute für Gebärdensprache zu finden (Uden, S. 61).

Die Gebärdensprache wird immer nur als Notbehelf zugelassen, dem aber die wichtige Funktion zugestanden wird, in kommunikativen 'Notfällen' eingesetzt zu werden. Gleichzeitig dient die Darstellung der Unterstützung folgenden Bilds: die Lautsprachebefürworter sind keine 'Extremisten', die nur Lautsprache betreiben. 'Extremisten' sind hingegen die Gebärdensprachanhänger, welche die Lautsprache vollständig abschaffen wollen:

Ein kurzer Blick in die Geschichte der Gehörlosenbildung soll zeigen, daß es - aus recht unterschiedlichen Gründen - in deutschen Gehörlosenschulen nur ganz selten einmal eine 'reine Lautsprache' unter Ausschluß jeglicher Gebärdenzeichen gegeben hat. Das bezeugt indirekt auch GOTTHOLD LEHMANN (1986-1951), für den das Kriterium der reinen Lautsprachmethode wohl der Ausschluß der Gebärde aus dem Unterricht, nicht aber aus dem Verkehr der Schüler untereinander ist (LEHMANN, 1948, 34). (Uden, S. 145f)

Es ist zu vermuten, daß hinter dieser Passage die Vorstellung steht: 'bezüglich dem, was außerhalb des Unterrichts passiert, sind wir ja großzügig'.

Auf diese Weise entsteht ein eigenartiges Bild der Gebärdensprache: sie wird nicht als Sprache anerkannt (es wird immer das Wort 'Gebärde' dafür verwendet), in allen möglichen Faktoren negativ bewertet, aber doch quasi 'unter Sachzwang' gezielt kommunikativ eingesetzt. Anders herum: der damit nachgewiesene Wert der Gebärdensprache wird - um die eigene Theorie nicht zu gefährden - mittels Uminterpretation der Schwierigkeiten, die durch unvollständige Verwendung der Gebärdensprache entstehen, stark eingeschränkt.

2.2. Wissenschaftliche Defizite als Grundlage der Argumentation

2.2.1. Mangelndes Wissen

Daß die Argumentation nur aufgrund eines mangelnden Wissens um bzw. mangelnden Verständnisses für die Funktionen bzw. die Struktur von Sprache erfolgt, zeigt dieser Abschnitt:

Wir werden die wichtigsten Untersuchungen, auf denen diese Thesen beruhen, evaluieren und zu dem Schluß kommen, daß Gebärdensprachen von Gehörlosen, jedenfalls in ihren sogenannten reinen Formen (d.h. nicht vermischt mit verbalen Elementen) nicht mit irgendeiner gesprochenen Sprache, selbst nicht mit einer Art Kreol-Sprache zu vergleichen sind, sondern daß sie etwas Einzigartiges darstellen, in dem der Inhalt des Zeichens die Hauptrolle spielt. (Uden, S. 21)

Dies gilt auch für den Lautsprachbereich; vgl.:

Es muß also darauf hingewiesen werden, daß nicht alle natürlichen gesprochenen Sprachen gleichermaßen reine Sprachen sind. Es gibt auch einfachere, weniger ausgearbeitete gesprochene Sprachen, wie z.B. das gerade genannte Papiamento mit seinem ziemlich beschränkten Wortschatz, weiter bestimmte Sprachen in Afrika, Indianersprachen, usw. - diese Sprachen sind darum auch nicht ohne weiteres für "höhere Studien" geeignet, d.h. für Bereiche, welche mehr umfassen als die beschränkten Kulturen, in denen diese Sprachen befriedigend funktionieren. - Übrigens ist selbstverständlich auch das Umgekehrte möglich: diese Sprachen können in gewisser Hinsicht reicher oder in manchen Bereichen differenzierter sein. Eine Übersetzung aus diesen Sprachen ins Deutsche oder Englische kann, wegen der verschiedenen kulturellen Hintergründe, oft sehr schwierig sein. (Uden, S. 24).

Es geht aus dem Text nicht hervor, ob die Autoren das Germanische vor bzw. nach der römischen Besetzung bzw. verschiedene historische Varianten des Deutschen als "reine" ansehen. In diesem Zitat finden sich auch kulturelle Abwertung und die Übersetzungsschwierigkeiten als Argumente gegen die Fremde Sprache, die weiter unten ausführlicher behandelt werden.

Aufgrund der Verwendung defizitärer Argumente und Schlußfolgerungen kommt es zu Aussagen wie der folgenden, typischerweise unter Verwendung des Lexems 'wesen':

Durch die Beibehaltung von Bildhaftem, in ihrer sog. 'ikonischen' Struktur, sind und bleiben sich grundsätzlich Gebärdensprachen und Buchstabensprachen fremd. Sie unterscheiden sich wesenhaft. (Schulte, S. 261)

2.2.2. Leugnung der Möglichkeit von Bilingualität

Leugnung der Möglichkeit von Bilingualität; wohl wegen der dann entstehenden Vorteile für die Gebärdensprache.

Die Absage an die Gebärdensprache erfolgt nicht, weil wir annehmen, daß gehörlose Kinder keine zwei Sprachen erlernen können; sie erfolgt vielmehr aus der Erkenntnis, daß der simultane Gebrauch zweier Sprachen nicht möglich ist, Verdeckungseffekte von Gebärden ausgehen, die Festigung des lautsprachlichen Bezugssystems sabotiert wird, die zeitlichen Verhältnisse bei der Sprache nicht übereinstimmen, das Abdrängen in das Optische sich verstärkt und die Isolation des Gehörlosen damit zunimmt' ([Breiner] 1984, 16). (Uden, S. 170)

Wir können annehmen, daß ein Gehörloser nur dann das Sprechlautsystem verinnerlicht, wenn er ausschließlich in 'Lautsprache' geschult wird. Die erwähnten Untersuchungsbefunde lassen annehmen, daß diese Phase der Verinnerlichung beim Gehörlosen länger dauert als beim hörenden Kind. Werden in seiner Schulung mehrere Formensysteme angewandt, dann scheint er die für ihn leichtere Form zu verinnerlichen... und nicht die Sprechlaute... [Affolter und Bischofsberger, 1982, 615] (Uden, S. 171)

Hörgeschädigte Kinder lernen in der Vorschulzeit, in der Grund- und Hauptschulzeit, unsere Lautsprache aufzunehmen und zu sprechen. In dieser Zeit (also solange die Lautsprache nicht gefestigt ist) stört und behindert der Gebrauch einer Gebärdensprache die Entwicklung der Sprechmotorik und den Fortgang der Hörerziehung... (Breiner, S. 12)

Es muß angenommen werden, daß auch Schulte bilinguale Bildung für unmöglich hält, zumindest bei der Kombination so verschiedener Sprachtypen:

Ein Einsatz 'Deutscher Gebärdensprache' mit ihrer dem Chinesischen vergleichbaren semanto-syntaktischen Gebärdenstruktur bedeutet nach Form und Inhalt eine bilinguale Erziehung, in dem alle Gehörlosen zwei total verschiedene Sprachen sukzessiv erlernen sollen: "Deutsch" soll im Prinzip erst in der Schule auf der Basis von und im Kontrast zu der bis dahin dominant gedachten 'Gebärdensprache Gehörloser' gelernt werden.

Der Vergleich 'Gebärdetes Deutsch' vs. 'Gebärdetes Chinesisch' läßt die Probleme erahnen, die aus einer einseitigen Forderung nach gebärdensprachlicher Bildung Gehörloser mit LDGS und dem darauf aufbauenden Anspruch der Anerkennung Gehörloser als gebärdensprachliche Minderheit für die Rehabilitation Gehörloser insgesamt entstehen können! (Schulte, S. 261)

Die Erfahrungen zeigen also: Das Funktionsgerechtere verdrängt das weniger Funktionsgerechte als Muttersprache; diese richtige Erkenntnis darf für die Gehörlosen aber nicht gelten.

Dies führt zu einer völligen Verschiebung der Abfolgebeziehungen:

Eine jahrhundertealte Erfahrung lehrt, daß beides zugleich - eine Gebärdensprache und eine Lautsprache - vom Kind nicht ohne Schaden für die Lautsprachentwicklung erworben werden kann.

Erst wenn der lautsprachliche Lernprozeß abgeschlossen ist und die Sprechmotorik sich gefestigt hat, kann eine Gebärdensprache gewinnbringend vermittelt werden. (Breiner, S. 13)

Nur wenn der Unterricht auf der Grundlage einer umfassenden medizinischen, audiologischen, pädagogischen und psychologischen Differenzialdiagnose den individuellen Bedürfnissen eines jeden einzelnen Kindes entsprechend entweder vornehmlich lautsprachlich, vornehmlich schriftsprachlich taktil oder vornehmlich gebärdenorientiert erfolgt, werden gehörlose Kinder die von ihnen erreichbaren Leistungen auch wirklich erbringen können. Dagegen muß nach den von kritischen Mahnern vorgebrachten Argumenten befürchtet werden, daß die von den Befürwortern der Gebärdensprache vorgeschlagene kombinierte Methode, die sich teils als Nach-, teils als Nebeneinander von Gebärden- und Lautsprache versteht, nur zu einer völlig unzureichenden Lautsprachbeherrschung führt.

Nun wird allerdings niemand bestreiten können und wollen, daß, insgesamt gesehen, viele deutsche Gehörlosenschulen zur Zeit das Hochziel der Lautspracherziehung nur bei wenigen Kindern erreichen. Eine solche Feststellung sollte Anlaß zu gründlicher Ursachenforschung und nicht zur Resignation sein. (Löwe, S. 181f)

Deswegen wird "Vorrang und Schutz für die lautsprachliche Entwicklung" gefordert (Assoziation "Naturschutz"), es wird also eine schutzwürdige Situation suggeriert. Hier ist ein polemischer Vergleich angebracht: Ein Querschnittgelähmter wird, vor die Wahl gestellt, wie er sich auf längere Distanzen fortbewegen will, ob mittels Kriechen oder mittels Rollstuhl, sich für letzteres entscheiden. Will man Querschnittgelähmte zum Kriechen erziehen, muß man ihnen den Rollstuhl wegnehmen. Das ist dann eine ethische Entscheidung. Denn welcher "Normale" fährt heute im Rollstuhl?

2.2.3. Unverständnis gegenüber einer sprachlichen Minderheitensituation

Haltungen, wie sie auch gegenüber Minderheitssprachen eingenommen werden, finden sich etwa in folgenden Abschnitten:

Die ersteren [Vertreter der Gebärdensprache] fordern konsequenterweise eine Kommunikationsgemeinschaft gebärdender Gehörloser, zu der Hörende nur dann Zugang finden können, wenn sie selbst dieses Kommunikationsmittel lernen, was natürlich eine Utopie ist. (Gipper, S. 11)

Niemand wird gehörlosen Personen eine Gebärdensprache streitig machen, wenn sie diese gebrauchen wollen. Die Gebärdensprache wird jedoch nicht im Betrieb, nicht in öffentlichen Situationen und nur in 25% der Familien durchgängig gebraucht. Die Möglichkeit, eine Gebärdensprache zu benützen, ist daher sehr beschränkt. (Breiner, S. 8)

Der Gebärdensprachgemeinschaft wird nicht, wie dies bezüglich jeder anderen Sprachgemeinschaft notwendig ist, die zeitliche Möglichkeit zugestanden, daß sie ihre Sprache im Lauf der Zeit verbessert. Gipper behauptet einfach, daß Gebärdensprache keine Metaphern hätte (Uden, S. 16).

Wie in anderen Zitaten auch würden einfache Ersatzproben, die denselben Text auf andere Zielgruppen umformulieren (z.B. 'Nigerianer' statt 'Gehörlose', 'Yoruba' statt 'Gebärdensprache'), zeigen, daß die dann entstehenden Texte heute nicht mehr so formulierbar wären.

2.3. Techniken der Überzeugung bzw. Manipulation

2.3.1. Verwendung wertender Elemente

Verwendung wertender Elemente zur positiven Kennzeichnung des eigenen Standpunkts bzw. der negativen Attribuierung des Gegenstandpunkts.

Van Uden "weiht" sein Leben einer bestimmten Wissenschaftsschule; über die Gegner ist eine solche Aussage nicht nachzulesen (Gipper, S. 12); Gipper schreibt Uden eine 'große Besonnenheit und Fairness' in seiner Untersuchung zu (Gipper, S. 13).

Hingegen haben nur die Gebärdensprachvertreter "zweifelhafte" Argumente (Gipper, S. 11). Vorschläge aus diesem Bereich werden auch anstatt mit Argumenten mit Prophezeihungen oder Prognosen abgewertet: sie 'scheinen voreilige Schlußfolgerungen' zu sein bzw. es wird festgestellt, daß es "kaum einen Beweis" für ihre Meinungen gäbe (Uden, S. 138f). "Befürwortern der Gebärdensprache" (Uden, S. 163) stehen "kritische Mahner" (Löwe, S. 168) gegenüber. Manche Vorschläge können "ohne weiteres verneint werden", ohne daß ein falsifizierender Beweis oder auch nur ein falsifizierendes Argument vorgebracht werden müßten, außer, daß hochbegabte Kinder auch die Lautspracherziehung erfolgreich beenden können (Uden, S. 140).

Die einseitig negative Bewertung der Gebärdensprache ist aus der Wortwahl des folgenden Abschnitts herauszulesen:

Wenn auch HEINICKEs Schüler und Nachfolger 'Gegner des Handalphabets sowie der Schriftmethode waren und wenigstens in der Theorie die Pflege des Lautwortes als Überlieferung ihres Meisters hochhielten, so unterlagen sie doch der Einwirkung der Gebärde, indem sie dieser unter der Form einer verbesserten Pantomime zum Nachteil der artikulierten Sprache Eingang gewährten... Begünstigt wurde dieser bedauerliche Rückschritt durch die Internatseinrichtung der Institute. Die Vereinigung zahlreicher Taubstummer in einem Pensionat war der geeignete Boden für die Vererbung der Gebärdenzeichen von einer Schülergeneration zur anderen. Die Taubstummenlehrer standen in diesen Pflegestätten der Gebärde infolge einer der Bedürfnisse des praktischen Lebens wie die persönliche Ausdrucksfähigkeit zu wenig berücksichtigenden Methode der Entfaltung und Verbreitung der Zeichensprache machtlos gegenüber und paßten sich den gegebenen Verhältnissen an, indem sie sich zur Begriffsentwicklung in weitgehendem Maße der Gebärden bedienten'. (EMMERIG, 1927, 432). (Uden, S. 148)

2.3.2. Berufung auf den eigenen Status

Als Sprachwissenschaftler, der sich seit Jahrzehnten um die Klärung des Verhältnisses von Sprache und Denken bemüht, kann ich den Analyseergebnissen Dr. VAN UDENs nur zustimmen. (Gipper, S. 14)

Zur negativen Einschätzung der Gehörlosen, wenn sie die Gebärdensprache fordern, vgl. das Zitat von Schulte auf S. 28.

2.3.3. Eindruck einer unwiderlegbaren Begründung

Erwecken des Eindrucks, daß es sich beim vorliegenden Buch um eine unwiderlegbare Begründung der Lautsprachmethode handle:

Ich muß allerdings auch zugeben, daß manche "Lautsprachler" ihre Sache häufig nicht ausreichend zu begründen wissen. (Gipper, S. 14)

2.3.4. Verwendung aus dem Zusammenhang gerissener Zitate

Es werden Zitate aus Arbeiten von Gebärdensprachbefürwortern in einer Weise angeführt, als stützten diese auch die Ausgangsposition van Udens, während die Autoren in Wirklichkeit eine Verbesserung der Gebärdensprache bzw. ihrer Verwendung herbeiführen wollen. Vgl. dazu S. 7 und Loncke.

2.3.5. Umkehrung der 'Verantwortlichkeit' und des Verhältnisses von Ursache und Wirkung

Was den gehörlosen Kindern vorenthalten wird, beschreibt Gipper als Vorteil der Lautsprache (S. 15):

Wie sich die Sprachinhalte im natürlichen Prozeß der Spracherlernung der hörenden Kleinkinder aufbauen und was sie für deren Denken und Handeln leisten, haben wir in einem über 10 Jahre andauernden Projekt Kindersprache an der Universität Münster nachgewiesen. Ein 3-jähriges hörendes Kind verfügt bereits aktiv über bis zu 2000 Wörtern (!) und rechnet man die zugehörigen Flexionsformen hinzu, kann es auf einen Sprachbesitz von 3000 Lexemen einschließlich deren Verwendbarkeit in 10-15 Satzbauplänen mit Frage und Verneinung sowie Satzgefügen mit Haupt- und Nebensatz kommen. Die inhaltliche Vielfalt ist bereits so groß, daß schon hier eine völlig adäquate Umsetzung in Gebärden nicht unproblematisch erscheint.

Durch die Fixierung auf die Umsetzung von der Laut- in die Gebärdensprache statt der Berücksichtigung der Möglichkeit, die Gebärdensprache sich frei entwickeln zu lassen, kann Gipper einen unrealistischen Unterschied konstruieren:

Die Gebärdensprache zwingt zur Reduktion und Vereinfachung in allen sprachlichen Bereichen. Eine solche Reduktion und Vereinfachung wäre dann zu rechtfertigen und hinzunehmen, wenn der Gehörlose bereits über die vollen Sprachinhalte verfügte. (Gipper, S. 15f)

So entwickelt sich die Frage,

ob dieser komplexe Sprachinhalt mit Gebärden, und zwar nur mit Gebärden überhaupt aufgebaut werden kann. Dies bezweifeln diejenigen, die wissen, was Sprache wirklich ist, mit Recht. (Gipper, S.16)

Das sind nun nur mehr die Wissenden, da fehlen auch Gipper die Argumente. Das muß man glauben.

In der Schlußfolgerung ist

Die informative Kraft der sog. natürlichen Gebärdensprache der Gehörlosen... sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen äußerst schwach. (Uden, S. 131)

Immerhin macht Uden eine Nachbemerkung:

Wir machen in dieser Studie keinen Vergleich mit Sprechen-Mundabsehen-Lautwahrnehmung bei Gehörlosen. Es geht uns ausschließlich um die Gebärdensprache der Gehörlosen als solche. Es geht um die Frage: Ist diese Sprache 'in keiner Weise den gesprochenen Sprachen unterlegen'? (Uden, S. 131)

Wenn es ausschließlich darum geht, die Gebärdensprache gegenüber der Lautsprache schlecht aussehen zu lassen, dann muß man freilich nicht erwähnen, daß Gehörlose mit der Gebärdensprache wesentlich bessere Ergebnisse erzielen als ohne sie.

M.E. wird also die Gebärdensprache der Gehörlosen auf einem zu einfachen, d.h. zu niedrigen Informationsniveau stehen bleiben. (Uden, S. 138)

Wir kommen deshalb zu dem Schluß, daß eine natürliche Gebärdensprache ein ikonisch orientiertes kommunikatives System besonderer Art ist. (Uden, S. 135)

Ist eine weitere natürliche Entwicklung, analog der von der Pidgin-Sprache über die Kreol-Sprache zur natürlichen gesprochenen Sprache, auch bei den Gebärden der Gehörlosen möglich?

Ich sehe diese Möglichkeit nicht, und zwar aus zwei Gründen:

1. Die Gebärden sind hauptsächlich und kennzeichnend ikonisch, sei es direkt oder indirekt.

2. Das Kurzzeitgedächtnis für Serien von Gebärden ist zu begrenzt.

Namir und Schlesinger (1978) sagen m.E. mit Recht: 'There is little evidence for the calm (!) that the language will develop sign other rules of its own'. (Es gibt kaum einen Beweis für die Behauptung, daß die Gebärdensprache von sich selbst aus (linguistische) Regeln für ihre Struktur entwickeln wird.) (Uden, S. 137)

Hier hat Uden recht: dies hat noch keine Sprache getan.

Diese im vorliegenden Buch breiter vorgestellten, hier kurz wiederholten Überlegungen müßten mich zu folgender Erkenntnis führen: die natürliche Gebärdensprache der Gehörlosen kann nicht als vollständige Sprache bezeichnet und nicht mit natürlichen gesprochenen Sprachen verglichen werden; eine derartige Entwicklung ist auch nicht zu erwarten. Die natürliche Gebärdensprache der Gehörlosen ist, wie gesagt, 'von besonderer Art'. (Uden, S. 140)

2.3.6. Vereinfachte Darstellung/'einfache Lösung'

Vereinfachte Darstellung/'einfache Lösung'durch Herstellung eines ungerechtfertigten Dualismus und bloß scheinbarer Alternativen

Gipper (S. 11) will unterscheiden

... zwischen jenen, die für einen völligen Ersatz der Lautsprache durch Gebärden eintreten und jenen, die Gebärden und andere visuelle Hilfen (Fingeralphabet usw.) nur zur Unterstützung der Lautsprache heranziehen wollen.

Dieses 'weder-noch' besteht so nicht; es geht doch im wesentlichen darum, zu argumentieren, daß für Gehörlose die Gebärdensprache Muttersprache sein kann, wobei ein möglichst weitgehender Erwerb der Lautsprache und besonders des Lesens ein völlig unangetastetes Ziel einer integrativen Bemühung bleibt.

Dem steht folgendes einfaches Weltbild von Gipper gegenüber (S. 11f):

Die ersteren fordern konsequenterweise eine Kommunikationsgemeinschaft gebärdender Gehörloser, zu der Hörende nur dann Zugang finden können, wenn sie selbst dieses Kommunikationsmittel erlernen, was natürlich eine Utopie ist. Verteidigt wird diese Forderung mit dem zweifelhaften Argument, es sei inhuman, den Gehörlosen die Lautsprache aufzuzwingen und sie mit dem schwierigen Prozeß der Spracherlernung zu quälen, der doch zu keiner wirklichen Sprachkompetenz führen könne.

Demgegenüber betonen die Verfechter der Lautsprache, daß es nicht das Ziel einer humanen Erziehung sein kann, Gehörlose aus der Gemeinschaft der Hörenden auszuschließen und sie in ein Ghetto zu zwingen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Was ist hier humaner? Die Isolation oder der zugegebenermaßen anstrengende Weg zur Laut- und Schriftsprache, der an die Sprachgemeinschaft heranführt, selbst wenn er das Ziel völliger Sprachbeherrschung nicht erreicht?

Das Entweder-oder, das hier als Positiv-Negativ-Muster dargestellt wird, ist der Realität gegenüber unrealistisch, da die Gehörlosen de facto weitgehend unter sich bleiben, weil sie von den Hörenden entweder abgelehnt oder zumindest nicht verstanden werden oder sich selber zurückziehen, weil sie erkennen, daß sie an der Hörendenkommunikation nicht ausreichend teilnehmen können. Interpretiert man den letzten Satz des Zitats etwas anders, so wird von den Lautsprachbefürwortern in Kauf genommen, daß ein orales "Heranführen" an die Sprachgemeinschaft, auch wenn die volle Sprachkompetenz nicht erreicht wird, besser ist als eine vollwertige Gebärdensprache unter der Perspektive einer Eigenentwicklung der Gehörlosen.

Dies ist tatsächlich keine wissenschaftliche, sondern eine ethische Entscheidung, die ich nicht auf mich nehmen möchte. Man muß sie auf sich nehmen, wenn man Gehörlosen aufgrund solcher Vorstellungen die Gebärdensprache als Möglichkeit tatsächlich vorenthält. Wer vielfältige Angebote gibt und überprüft, welches angenommen wird, erspart sich diese Entscheidung für die "unmündigen" Anderen zumindest zum Teil. Gipper gibt mit seinem letzten Satz jedenfalls zu, daß man mit reiner Lautspracherziehung den Gehörlosen die Möglichkeit der Entwicklung einer Muttersprache raubt. Die Alternative der Lautsprachbefürworter 'Lautsprache oder Unmöglichkeit von Integration und gesellschaftlicher Teilhabe' ist auch deswegen scheinbar, da die Lautsprache und die Gebärdensprache für Gehörlose keine gleichwertigen Möglichkeiten eröffnen. Die Lautsprache ist nur für diejenigen eine echte Möglichkeit, welche akzeptieren, daß es für Gehörlose ausreicht, ein unvollständiges Zeichensystem als Hauptkommunikationsmittel zu erwerben und auf aktive Kommunikation weitgehend zu verzichten.

2.3.7. 'Modernität': Beibehalten alter Ziele in aktueller wissenschaftlicher Terminologie

Eine ganz andere Richtung der Verschleierung und Manipulation verfolgt Jann in seinem Aufsatz "Kommunikation und Kompensation". Schon der Titel weist auf die verwendete Strategie hin: Der Text enthält Begriffe, Formulierungen bzw. Erkenntnisse aus der jüngeren und jüngsten Zeit; vgl.:

Der zentrale Motor der ganzheitlichen Förderung ist die Kommunikation mit dem Kind, die einer behinderungsspezifischen Strukturierung bedarf... (Jann, S. 94)

Die Aufgabe der sprachlichen Förderung im engeren Sinn (Artikulation) hat sich in Richtung einer umfassenden kommunikativen und artikulationsvorbereitenden Förderung in der Frühphase verlagert und ausgeweitet. Die kommunikative Frühförderung stellt die Basis dar, auf der die Lautsprache 'aufbaut' und in ihrer artikulatorischen, lexikalisch-semantischen, grammatikalisch-syntaktischen und - nicht zuletzt - in ihrer pragmatischen Dimension immer weiter ausdifferenziert wird. Die artikulationsvorbereitenden Maßnahmen beziehen hörerzieherische Aktivitäten, sensomotorisches Training und rhythmisch-musikalische Förderung mit ein. (Jann, S. 94)

Das folgende Zitat könnte auch in einer gebärdensprachorientierten Arbeit stehen:

Die Entdeckung der Möglichkeit, den Ausfall der akustischen Informationsaufnahme durch die Wahrnehmung über andere Sinneskanäle bzw. andere Sinnesmodalitäten zu ersetzen, war die Geburtsstunde der deutschen Gehörlosenpädagogik... (Jann, S. 95)

Nur ganz nebenbei - dort aber selbstverständlich im Sinn eines 'funktionell richtig eingeordneten' Hilfsmittels - wird einmal "Gebärde" genannt:

Kern zählt zu den Zeichensystemen, die das gehörlose Kind aufnehmen kann, zusätzlich das Schriftbild (vermittelt über den optischen Sinn) und das Schreibbild, bei dem Auge und Handmotorik zusammenwirken...

Verschiedene Lautsprachmethodiker sprechen sich für zusätzliche, den Lautspracherziehungsprozeß unterstützende Systeme, z.B. das Phonembestimmte Manualsystem..., das Graphembestimmte Manualsystem... oder Gebärden... aus. (Jann, S. 96)

Hier wie in vielen anderen Abschnitten wird stillschweigend vorausgesetzt, daß die Lautsprache das beste bzw. zentrale Kommunikationsmittel für Gehörlose ist; es wird nicht gegen die Gebärdensprache polemisiert, sie wird schlicht ignoriert. In manchen Fällen steht "Sprache", wo 'Lautsprache' gemeint ist:

Mit der häuslichen Frühförderung ist die Möglichkeit gegeben, die sprachlich-kommunikative Förderung im wahrsten Sinn des Wortes "muttersprachlich" zu betreiben und die Sprache in alltagsrelevante Situation integriert, also interaktional, zu vermitteln. (Jann, S. 94)

Das Ziel der Strategie findet sich ebenfalls formuliert:

Die Gefahr, daß Lautsprache im Sinne eines von konkreten Lebensvollzügen isolierten Lernstoffes in gleicher Weise wie die Inhalte anderer Fächer von der Institution Schule vermittelt wird, kann vermieden werden. (Jann, S. 94)

Auch die begrifflichen Mittel dieser Strategie werden erklärt:

In der jüngsten Zeit stehen auf der begrifflichen Ebene mit "Interaktion" und "Kommunikation" zwei Kategorien zur Diskussion ..., die unter dem genannten Aspekt der "Kompensation" behinderungsspezifische Perspektiven der Hörbehinderung und allgemeinpädagogische Zielstellungen integriert behandeln. (Jann, S. 94)

Das Lernziel "Kommunikationsfähigkeit"... hat gegenüber traditionellen Zielformulierungen wie "Sprechfähigkeit" oder "Sprachkompetenz" den Vorteil, daß es weiter gefaßt ist und die Gesamtpersönlichkeit des Kindes in seiner emotionalen, kognitiven und sozialen Dimension in die Fördermaßnahmen einbezieht. (Jann, S. 95)

Kommunikation erscheint als vielschichtiger, interpersonaler Prozeß, bei dem sowohl die sinnliche Wahrnehmung als auch ihre Auswirkungen und ihre Interdependenz mit persönlichkeitsrelevanten Faktoren und Dispositionen eine zentrale Rolle spielen. (Jann, S. 95)

Begrifflich wird also eingesetzt, 'was gut und teuer' ist, z.B. wird von "analoger" und "digitaler Informationsvermittlung/-aufnahme" gesprochen, bezüglich Kommunikation das Reizwort "Watzlawick" genannt, welches den Autor offenbar in positive Traditionen einordnen helfen soll. Daß es sich hier um eine bloß verbale 'Modernisierung handelt, zeigt sich darin, daß den Ansprüchen der verwendeten neuen Begriffe, welche aus deren Standardkontexten zu gewinnen wären, überhaupt keine Beachtung geschenkt wird. So stehen die beiden letzten Zitate im Abschnitt "Kommunikationsdefizite beim gehörlosen Kind". Umgekehrte Kommunikationsdefizite der Hörenden gegenüber Gehörlosen kommen nicht in Denkreichweite.

2.4. Einstellungen, Haltungen. politisch-ethische Grundsätze

2.4.1. Magisches Verständnis von Sprache bzw. dualistisches Verständnis von "Anderssein"

Ein magisches Verständnis von Sprache und Person bzw. ein absolutes, dualistisches Verständnis von "Anderssein" (Fremdenangst):

Wir sind der Überzeugung, daß auch gehörlose Personen für unsere Gesellschaft und ihre Weltansicht gewonnen werden können. Alle unsere Anstrengungen gehen dahin, hörgeschädigte Kinder (auch gehörlose Kinder) zur Lautsprache zu befähigen, weil wir glauben, daß sie Menschen sind wie du und ich und sie wert sind, für unsere Gesellschaft gewonnen zu werden. Die Vertreter der Gebärdensprache sind zutiefst der Ansicht, gehörlose Personen seien andersartige Menschen. Die Entscheidung für die Lautsprache ist also auch eine ethische Entscheidung. (Breiner, S. 15)

Dazu kommt bei Gipper noch der Mythos vom "Wesen" der Sprache, welcher aus einer mißverständlichen Humboldtrezeption entsteht:

Sprache ist mehr als bloßes Mittel der Kommunikation. Kommunikation ist nichts spezifisch Menschliches, sie kommt überall im Tierreich vor, teilweise sogar mit lautlichen Mitteln. Sprache ist ein menschliches Spezifikum, das es so nirgends im Reich des Lebendigen gibt. Sie ist, wie es der große Sprachforscher WILHELM VON HUMBOLDT gesagt hat, die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen. Sprache ist ein Schlüssel zur Welt, sie ermöglicht uns, die Dinge dieser Welt geistig zu erfassen, sie zu gliedern und so eine sprachliche Weltansicht aufzubauen, die sinnvolle Orientierung und Handeln in dieser Welt ermöglicht. Erst wenn die Welt mit Sprache inhaltlich erschlossen ist, kann hierüber mit anderen Sprachteilhabern kommuniziert werden, vorher bleibt die anonyme Welt unsagbar und deshalb auch nicht mitteilbar. (Gipper, S. 14)

Alle diese positiven Merkmale haften laut Gipper nur an der Lautsprache, die Gebärdensprache kann den Gehörlosen solches nicht bieten. Damit gelingt es den Vertretern des "Wesens" der Sprache sich nicht nur von den Tieren, sondern auch von den Gehörlosen ordentlich zu unterscheiden. Einer Äußerung über Sprache, die dieses Phänomen in seiner historischen und philosophischen Komplexität beschreibt, verleiht Gipper Eigenschaftscharakter, den ein Kleinkind schon bewußt erkennen könne. Daß die von Humboldt intendierten Leistungen von Sprache für Gehörlose von der Gebärdensprache geboten werden könnten, zieht Gipper nicht in Erwägung. In Verbindung mit der Bevorzugung flektierender Sprachen ist die hier vertretene Auffassung ideengeschichtlich bis zu den Romantikern zurückverfolgbar (welche diesen Sprachtyp als den besten betrachteten). In einer Kombination der typologischen Unterschiede zwischen Gebärdensprache und Deutsch mit 'Sprache schafft Welt' schreibt Schulte:

Die Forderung nach "Deutscher Gebärdensprache" bedeutet, Gehörlose in zwei Welten, in zwei verschiedenen Sprachen, bilingual ... zu erziehen. Die dem Deutschen fremde Gebärdensprachstruktur der DGS soll die Erstsprache sein;... (Schulte S. 252)

Nach der Maximalversion der Sapir-Whorf-Hypothese wird gefolgert:

Wer DGS lernt, gebärdet nicht nur strukturell anders, sondern denkt im Vergleich zur engen semantisch-syntaktischen Verzahnung von Wortbildung und Satzbau im Deutschen zwangsläufig gedanklich-begrifflich anders. Dazu trägt nicht zuletzt der dominante, 'typisch gehörlose', semantisch ausdifferenzierende Gebrauch der Mimik wesentlich bei. "Deutsch" in Laut- und Schriftform in Kontrast zu einer Gebärdensprache des Typs "Chinesisch"? (Schulte, S. 255)

Im deutschen Sprachraum muß also 'deutsch' gedacht werden. Auf die gestellte Frage antwortet Schulte übrigens bis zum Ende seiner Arbeit nicht; es bleibt beim Hinweis auf 'zu erahnende Probleme', also bei zur Dämonisierung passenden 'dumpfen Ahnungen' (vgl. das Zitat S. 14).

2.4.2. Personifizierung und Dämoniesierung

Personifizierung und Dämonisierung der Gebärdensprache, gepaart mit völligem Unverständnis gegenüber dieser Sprachvariante

Die Bewegungsabläufe der Gebärde sind groß, grobmotorisch und aufmerksamkeitslenkend. Sie erhalten das Übergewicht und verdecken die Sprechmotorik. Sie sind aggressiv gegenüber der Sprechmotorik und verdrängen diese.

Gebärden unterscheiden sich in Form und Verteilung der Energie, also in Tempo, Rhythmik und Betonung ihres Ablaufs völlig von der Sprechmotorik. Sie sabotieren damit die Festigung lautsprachlicher Strukturen. Eine effektive Hörerziehung ist nicht mehr möglich.

Die Ablaufzeiten der Gebärdenmotorik und die Ablaufzeiten der Sprechmotorik insgesamt sind unterschiedlich. Gebärden vergröbern die innere zeitliche Einstellung des Kindes für sprachliche Vorgänge. (Breiner, S. 12)

Gebärden sind also "aggressiv", "sabotieren" eine ordnungsgemäße Entwicklung und "vergröbern" die kognitiven Prozesse, sie "schneidet zurück". Dabei sind verschiedene der hier genannten Phänomene selbstverständlich: im optischen Kanal erhalte ich andere Zeichenkörperqualitäten als im akustischen Kanal, in dem z.B. eine strenge lineare Abfolge von Lauten eingehalten werden muß.

Andere Aussagen sind schlicht falsch, wie z.B.,

Beim Gebrauch der Gebärdensprache kommt es zu Reduktionen und Auslassungen im Vergleich zum Gebrauch der Lautsprache. Die Auswirkungen sind deswegen schwerwiegend, weil die sprachliche Kommunikation auf dieser (oft telegrammstilartigen) Stufe ständig verstärkt wird, ohne daß die sofortige Erweiterung zur kompletten, lautsprachlichen Satzform erfolgt. (Breiner, S. 12)

Elemente, wie sie in Gebärdensprache auftreten, finden wir z.B. in für uns exotischen Sprachen der Welt (etwa eine wenig scharfe Abgrenzung zwischen Objekt- und Aktionszeichen, d.h. Nomina und Verben).

Völlig unsinnig ist der zweite Satz im folgenden Zitat:

Die Gebärdensprache schneidet den Menschen zurück auf einen Augenmenschen. Der Sehsinn trägt jedoch den Keim der Isolierung von Natur aus in sich (Abwenden, Schließen der Augen usw.) (Breiner, S. 12)

Kommunikationsverweigerung ist auf jedem Kanal möglich!

2.4.3. Das Verdrängen von Bildungsdefizit

Das Verdrängen der durch die verwendete Lautsprachemethode verursachten Bildungsdefizit z.B. durch Verschieben/Projektion auf "Befindlichkeiten" der Gehörlosen oder nicht ausreichenden Einsatz der Lehrer:

Gehörlose Erwachsene brauchen geeignetes Lesematerial mit entsprechenden Erklärungen, eine Zeitung mit Nachrichten in der angemessenen Sprache und in geeigneter Auswahl der Themen,... (Breiner, S. 14)

Verteidigt wird diese Forderung [nach einer Gebärdensprachkommunikationsgemeinschaft für Gehörlose] mit dem zweifelhaften Argument, es sei inhuman, den Gehörlosen die Lautsprache aufzuzwingen und sie mit dem schwierigen Prozeß der Spracherlernung zu quälen, der doch zu keiner wirklichen Sprachkompetenz führen könne.

Demgegenüber betonen die Verfechter der Lautsprache, daß es nicht das Ziel einer humanen Erziehung sein kann, Gehörlose aus der Gemeinschaft der Hörenden auszuschließen und sie in ein Ghetto zu zwingen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Was ist hier humaner? Die Isolation oder der zugegebenermaßen anstrengende Weg zur Laut- und Schriftsprache, der an die Sprachgemeinschaft heranführt, selbst wenn er das Ziel völliger Sprachbeherrschung nicht erreicht? (Gipper, S. 11f.)

Es ist inzwischen erwiesen, daß Gehörlosen, sofern sie nicht zusätzlich geistig behindert sind, die Lautsprache beigebracht werden kann, wenn auch nur unter selbstlosem Einsatz gut ausgebildeter Lehrer, die einen systematischen Sprachaufbau durchzuführen in der Lage sind. An solchen qualifizierten Lehrkräften, die wissen, was Sprache ist und wie sie von der lautlichen zur inhaltlichen Ebene hin angelegt und gefestigt werden muß, fehlt es freilich überall. Der Weg ist lang und fordert von Lehrer und Schüler Anstrengung und Geduld. Aber dieser Einsatz ist nicht zu hoch, wenn es gelingt, die große Behinderung der Sprachlosigkeit aufzuheben oder doch zu lindern und den Gehörlosen in die Sprachgemeinschaft so weit zu integrieren, daß er in ihr zu leben und zu handeln vermag. (Gipper, S. 12)

In diesen Passagen stecken typische Selbstfreisprüche der Ideologievertreter, die die Schuld für Mißerfolge den Betroffenen selber (Gehörlosen wie Lehrern) zuschreiben: Wenn der Lehrer nicht selbstlos genug ist, ist er am Mißerfolg schuld, kein Gedanke an die etwaige Schuld der verwendeten Methode. Aber auch wenn der Schüler ungeduldig ist, droht der Mißerfolg.

Es ist das uralte Bild vom Behinderten, der wenigstens lautsprachlich 'guten Tag' sagen können sollte und im übrigen zufrieden sein muß, daß er leben darf und seine Behinderung der Sprachlosigkeit 'gelindert' wurde. Daß die Sprachlosigkeit der verwendeten Bildungsmethode anzulasten ist, daran traut sich wohl nicht einmal der Autor zu denken.

Die entscheidenden Argumente sind aber angeblich andere, nämlich rein sachliche:

Er [van Uden] gelangt zu dem Ergebnis, daß sich die großen Ansprüche der Befürworter der Gebärdensprache in der Praxis nicht erfüllt haben. Er zeigt, daß der Vergleich der Struktur der Gebärden mit der Lautstruktur von Wörtern nicht haltbar ist, daß die Gebärdensprache den Reichtum flektierender Sprachen praktisch nicht in visuelle Zeichen umzusetzen vermag, daß es in ihr zu erheblichen Informationsverlusten kommt und daß die Gebärdensyntax in der Praxis auch weit hinter der Lautsprachensyntax zurückbleibt. (Gipper, S. 13)

Es wird allerdings keine Vergleichsanalyse zwischen oral und manual gebildeten Gehörlosen durchgeführt, die deutlich die wesentlich schlechteren Schul- und Lebenschancen der oral Erzogenen nachweisen würde.

Das, was Lautsprachebefürworter selber tun, wird auf die Gebärdensprachanhänger projiziert: Gebärdensprachvertreter wenden sprachliche Strategien an, "die einer Propaganda gleichen", sie "reproduzieren" (= sie sagen nichts Neues), aber die Geschichte wird sie richten (Oléron, S. 190)

2.4.4. 'Eindämmung' der Gebärdensprache als ethische Entscheidung

Integration ist aus der Sicht der zitierten Arbeiten offensichtlich so zu verstehen: Alle sollen so werden wie ich; ethisch gerechtfertigt ist eine Bildung, die alle mir ähnlich macht. Das Textstück klingt eher nach Mission, weniger nach wissenschaftlich fundierter Handlungsabsicht. Dem entspricht auch der folgende "Glaubenssatz":

Die Aktionsgemeinschaft glaubt, daß unsere Kultur und unsere Werte für Hörende und Hörgeschädigte gemeinsam gelten. Hörgeschädigte sind für uns keine andersartigen, fremden Wesen, sondern gleichartige Mitmenschen mit Schwierigkeiten, die wir gemeinsam überwinden wollen. (Breiner, S. 15)

Hier wird vorausgesetzt, daß unsere Kultur und unsere Werte direkt und unlösbar mit Lautsprache verbunden sind: Die "gemeinsame" Überwindung der Schwierigkeiten (der Gehörlosen!) kann daher nur in einer Richtung erfolgen, der Aneignung der Lautsprache durch die Gehörlosen. Daß hier Assoziationen zum Verhalten von Mehrheits- oder Staatssprachenvertretern gegenüber Minderheitssprachen oder gar von Kolonialisatoren über Kolonialisierten auftreten bzw. Parallelen sprachlich nachweisbar sind, mag den Autoren vielleicht wirklich entgangen sein.

Die pädagogische Präpotenz des allwissenden Erziehers findet sich in folgenden Zitaten: Ich möchte hier nicht in diese soziologische Diskussion eingreifen, glaube aber, daß Oléron (1978) mit folgender Aussage recht hat: "Es besteht kein Anlaß, die Gehörlosen zu ermutigen, einen Weg des Ausdrucks und der Kommunikation aufzugeben, der sowohl pragmatisch als auch im Hinblick auf die intellektuelle Entwicklung und Bildung effektiv ist, um so einen Versuch zu machen, einen Unterschied von den Hörenden zu kennzeichnen. Ähnlich äußern sich auch TROTTMANN und ZIHLMANN, Eltern von gehörlosen Kindern (1985), zu "welches Recht nehmen sich erwachsene Gehörlose heraus, aufgrund der eigenen Erziehungserfahrung, die 10-50 Jahre zurückliegt, über die Erziehungsweise unserer Kinder zu entscheiden?" (Uden, S. 138)

Gerade in entscheidenden Punkten wie diesem wird nur mehr "geglaubt", ohne daß Argumente vorgebracht und abgewogen werden. Die Schwäche des Vorgebrachten liegt nicht nur im Inhalt des Geglaubten, sondern auch in der eindimensionalen Folgerung, daß die Lösung aller Probleme der Gehörlosen in der Lautspracherziehung liegt. Diese Lösung wird dadurch noch zugespitzt, daß sie als pädagogische Einbahn interpretiert wird: Lautsprache ist nicht nur Ziel, sondern auch (hauptsächliche) Methode.

Diese Haltung wird auch durch eigene Erfahrungen nicht verunsichert, wie z.B.:

Untersuchungen haben gezeigt: Oft sind hörgeschädigte Personen anscheinend integriert. Sie erhalten am Arbeitsplatz Arbeitsanweisungen und offizielle Informationen (z.B. Aushang), und in der Familie erfahren sie das Wichtigste.

Aber wenn die Mitarbeiter zusammenstehen, miteinander erzählen und lachen oder viele Personen bei Versammlungen und Familienfesten zusammenkommen, ist der Hörgeschädigte oft aus der lautsprachlichen Kommunikation ausgeschlossen.

Es fehlen den Hörgeschädigten die sog. 'informellen Informationen'. Der Hörgeschädigte braucht daher in seiner Umgebung sog. Mediatoren zur Vermittlung von Informationen. (Breiner, S. 11)

2.5. Schlußfolgerung: Fremdbestimmte Gehörlose

So landen wir bei der fremdbestimmten Therapie (bekanntlich ist derjenige Behinderte der angenehmste, der seine Therapie akzeptiert und keine dummen Fragen stellt):

Die besondere Wahrnehmungssituation bei Gehörlosen macht einen Therapiegelenkten Spracherwerb notwendig. Weder für das Kind noch für seine entscheidenden Bezugspersonen verläuft dabei der Spracherwerb mühelos wie im Normalfall des natürlichen Spracherwerbs. Zwischen Mutter und Kind besteht eine Art Lehr-Lern-Kontakt, so diese überhaupt zu einem behinderungsgerechten Interaktionsverhalten bereit und fähig ist. (Hogger, S. 120)

Dies könnte man boshaft auch so sagen: 'Die Gehörlosen sind selber schuld, daß sie therapiert werden müssen.'

Entsprechend dem obigen Zitat erkennt auch Schulte die politische Dimension der Forderung nach Anerkennung der Gebärdensprache als Muttersprache für Gehörlose:

Der Anspruch einer sog. 'Deutschen Gebärdensprache'

  • als 'Erstsprache' vor Deutsch als Zweitsprache,

  • als 'Muttersprache' vor Deutsch als 1. Fremdsprache,

  • als Voraussetzung ... für 'Lautsprachbegleitende Gebärden'

  • als 'Nationale Gruppensprache' der 'sprachlichen Minderheit Gehörloser', die als 'Recht' eingefordert wird und mit Hilfe zukünftiger Europäischer Gesetzgebung durchgesetzt werden soll,

ist ein dominant politischer Anspruch. Bildungspolitisch, gesundheitspolitisch, sozialpolitisch, beruflich-rehabilitativ läßt er aber ebenso viele Fragen offen wie der derzeitige Forschungs- und Entwicklungsstand der sog. 'Deutschen Gebärdensprache', der solche Ansprüche rechtfertigt. Die Ansprüche werden ohne Ausnahme von Gehörlosen artikuliert, die durch ihre deutsche lautsprachliche Bildung und berufliche Erstausbildung ihre heutigen Fähigkeiten erworben haben. Sie können - wie die wissenschaftlichen hörenden 'Laien' (in Bezug auf 'Gehörlosigkeit') - die vielen offenen Fragen einer grundsätzlich bilingualen Bildung für alle Gehörlosen mit Hilfe von DGS als Erst- und Deutsch als Zweitsprache von systematischen Ergebnissen auf den verschiedensten Entwicklungs- und Altersstufen her wissenschaftlich anspruchsvoll nicht beantworten. (Schulte, S. 253)

Auch hier ist wieder eine Umkehrung der Realität festzustellen, polemisch übersetzt: 'die Gehörlosen sollten dankbar sein, daß sie lautsprachlich gebildet wurden und nicht ihre Kenntnisse, die sie uns, den Lautsprachbefürwortern verdanken, gegen uns einsetzen'. Gar nicht in Widerspruch dazu scheint für Schulte seine dann folgende Abwertung der wissenschaftlichen Fähigkeiten der Gehörlosen zu sein (was, wenn diese auch auf die Lautsprachorientierung zurückginge?).

3. Literatur

(die hier zitierte Literatur zur Gebärdensprache stellt nur eine Ergänzung zu den bei Boyes Braem genannten Arbeiten dar)

Boyes Braem, P.: Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung. Hamburg 1990 (= Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser 11)

Breiner, H.L.: Information zur Arbeitsgemeinschaft Lautsprache und Integration für Gehörlose und Schwerhörige e.V. Frankenthal o.J.

Curtiss, S.: Genie, a psycholinguistic study of a modern day wild-child. New York 1977

Deuchar, M.: British sign language. London u.a. 1984 (=Language, education and society)

Gipper, H.: Vorwort. In: Uden, S. 11-18

Hogger, B.: Die Initiierung des Verbalspracherwerbs bei Gehörlosen über die Schrift. In: Frühförderung interdisziplinär 9 (1990), S. 120-125

Jann, P.A.: Kommunikation und Kompensation. In: Heilpädagogische Forschung 16 (1990), H. 2, S. 93- 97

Key, M.R.: Nonverbal communication today. Berlin u.a. (1980) (= Contributions to the sociology of language 33)

Kyle, J.G./Woll, B.: Language in sign: an international perspective on sign language. London/Canberra (1983)

Leven, K.: Einfache Sprache. Basel 1985 (=Verein zur Unterstützung des Forschungszentrums für Gebärdensprache, Informationsheft 4)

Löwe, A.: Die Stellung der Gebärden im Unterricht deutscher Gehörlosenschulen. In: Uden, S. 141-182

Loncke, F.: Urteile und Vorurteile gegen die Gebärdensprache. [Rezensionsaufsatz zu Uden] Basel 1988 (=Verein zur Unterstützung des Forschungszentrums für Gebärdensprache, Informationsheft 13)

MacWhinney, B. (ed.): Mechanisms of language acquisition. Hillsdale/London 1987

Meyer, M.: Die Sprache des Kleinkindes - wann beginnt sie? Hinterdenkental 1989

Oléron, P.: Nachwort. In: Uden, S. 183-198

Prillwitz, S./Wudtke, H.: Gebärden in der vorschulischen Erziehung gehörloser Kinder. Hamburg 1988 (= Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser 3)

Schulte, K.: Gebärdetes Chinesisch? Zum Problem ein- oder zweisprachiger Bildung Gehörloser. In: Hörgeschädigtenpädagogik 43 (1989), S. 251-262

Uden, A. van: Gebärdensprachen von Gehörlosen und Psycholinguistik. Heidelberg 1987

Wode, H.: Einführung in die Psycholinguistik. Ismaning 1988

4. Adresse des Autors

Franz Dotter

Universität für Bildungswissenschaften Klagenfurt

Universitätsstr. 65-76

A-9020 Klagenfurt

Österreich

Quelle.

Franz Dotter: Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung: Zu den Argumenten ihrer Gegner

Erschienen in: Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung: Zu den Argumenten und Einstellungen ihrer Gegner.-In: Das Zeichen 5 (1991), S. 321-332 und in: Der Sprachheilpädagoge 23 (1991), Heft 3, S. 27-50

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.11.2005

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