Gebärdensprachforschung in Klagenfurt

AutorIn: Franz Dotter
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Anmerkung: Das Thema ‚Integration von hörgeschädigten Kindern' und ‚Gehörlosenbildung' wird in der Fachwelt sehr gegensätzlich diskutiert. BIDOK hat Texte von Vertretern beider Seiten aufgenommen. Siehe dazu auch René J. Müller.
Copyright: © Franz Dotter 1997

1. Die institutionelle Situation

Am Beginn der Gebärdensprachforschung in Klagenfurt[1] stehen Zufälle: Zwei Gehörlosenlehrerinnen, Margret Pinter und Monika Pöllabauer, welche sich bereits mit hohem persönlichem Einsatz mit dem Einsatz der Gebärdensprache bei der Erziehung und Bildung von Gehörlosen und schwer Hörbehinderten beschäftigt hatten, wandten sich im über Vermittlung der Seniorenstudentin Julia Gruber an mich. Ebenso zufällig war, daß ich mich kurz zuvor im Rahmen meiner Habilitation auch kurz mit Gebärdensprache(n) beschäftigt hatte, sodaß ich die Situation von Gehörlosen bereits umrißhaft kannte. Nach Vorgesprächen wurde im Juli 1990 ein erstes Projekt formuliert und ab Wintersemster 1990 in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Gebärdensprache realisiert[2]. Aufgrund von organisatorischen und inhaltlichen Auffassungsunterschiede kam es im Februar 1991 zu einer Trennung der Arbeitsbereiche und entsprechenden neuen Projektanträgen.

Was die sprachwissenschaftliche Seite betrifft (nur über diese berichte ich hier), wurde von Daniel Holzinger 1992 aufgrund eines von der Forschungskommission der Universität Klagenfurt geförderten Werkvertrags ein Forschungsbericht (publiziert als Holzinger 1993) erstellt, welcher als Grundlage für einen Projektantrag beim Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank diente. Nach Genehmigung dieses Antrags lief das Projekt "Linguistische Analyse der österreichischen Gebärdensprache" vom 1. 2. 1993 bis zum 15. 3. 1995 (mit Manuela Jakopitsch und Ingeborg Okorn als gehörlosen Mitarbeiterinnen, Daniel Holzinger als hörendem Mitarbeiter, sowie Jean Ellis als Dolmetscherin). Aufgrund des Entgegenkommens der Arbeitsmarktverwaltung und anderer Stellen (Landesinvalidenamt für Kärnten, Kärntner Landesregierung, Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten, Universität Klagenfurt, Förderungsstelle des Bundes für Erwachsenenbildung in Kärnten) konnten trotz ursprünglich äußerst knapper finanzieller Mittel neben der über zweijährigen Laufzeit auch eine ausreichende Geräteausstattung [3], sowie anfallende Material- und Reisekosten finanziert werden.

Ein Anschlußprojekt (Sprachwissenschaftliche Arbeiten zur Österreichischen Gebärdensprache) wurde durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung bewilligt und läuft seit 1. 10. 1995 (mit Manuela Hobel und Ingeborg Okorn als vollbeschäftigten gehörlosen, Marlene Hilzensauer, Klaudia Krammer und Andrea Skant als teilbeschäftigten hörenden Mitarbeiterinnen, sowie Jean Ellis als Dolmetscherin [4]).



[1] Die Gebärdensprachforschung in Österreich ist insgesamt sehr jung (vgl. z.B. Leitner 1992, Wrentschur 1992, Grbi 1994). Es muß auch der große Nachholbedarf Österreichs bezüglich der Verwendung optischer Kommunikationssysteme in der Frühförderung, der schulischen Bildung und der Weiterbildung Gehörloser bzw. schwer Hörbehinderter unterstrichen werden: Es gibt weder ein Lexikon noch eine deskriptive Grammatik der ÖGS und auch keinerlei Unterrichtsmaterialien für die Schule.

[2] Mit Ingeborg Okorn und Christian Orasche als gehörlosen, Margret Pinter und Monika Pöllabauer als hörenden MitarbeiterInnen; Frau Pinter führte zugleich gemeinsam mit den gehörlosen Mitarbeiterinnen Gerlinde Wrießnegger und Sonja Gmoser den von ihr vorgeschlagenen Schulversuch "Bilinguale Förderung hörgeschädigter Kinder in der Gehörlosenschule" an der Gehörlosenschule Klagenfurt durch).

[3] Diese besteht derzeit aus einer Hi-8 Videokamera (Sony CCD-TR 805), einem Avi-Sys-Videomobil (mit Hi-8 Recorder, S-VHS-Player und Monitor), einem weiteren Videorecorder VHS (Dual 3420) mit Monitor, einem Apple Quadra 800 mit Videodigitalisierung "Miromotion" (Karte und Software) und Videobearbeitungssoftware "Adobe Premiere", einem magneto-optischen Speichersystem (Sony EDM-1300, 1,3 GB-Laufwerk), sowie zwei PC's für die Textverarbeitung. Ein neues Videoigitalisierungssystem (120 Mhz Pentium mit 4,3 GB-Festplatte Micropolis 3234 und Digitalisierungskarte Miro Video DC 20) wurde soeben installiert.

[4] Daniel Holzinger arbeitet seit Sommer 1995 als klinischer Linguist an der Gehörlosenambulanz des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz.

2. Bisherige Projektarbeiten

Inhaltsverzeichnis

Die Ziele der ersten Arbeiten zu einer bislang kaum wahrgenommenen bzw. beschriebenen Sprache [5] ergaben sich sozusagen von selbst: Es ging um die Entwicklung einer Dokumentation [6] und Beschreibung sowie einer umfassenden sprachwissenschaftlichen Analyse der österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) sowie die Erarbeitung eines Einführungskurses [7] und einer 'Praktischen Grammatik' der ÖGS, daneben um die Qualifikation der gehörlosen Projektmitarbeiterinnen für die selbständige Arbeit an der Gebärdensprache. Das Vorhaben war damit von Beginn an sowohl anwendungsorientiert als auch für Theorie bzw. Methode der Sprachwissenschaft interessant.

2.1 Vorliegende Korpora

Es liegen mittlerweile Videoaufzeichnungen gebärdeter Texte im Ausmaß von etwa 15 Stunden vor, welche Grundlagen grammatischer Analyse sein werden. Dazu kommen weitere 10-12 Stunden, welche sich aus Erhebungen zu einer Dissertation über Lebensgeschichten Gehörloser ergeben haben. Die Analyse eines Textstücks im Ausmaß von ca. 15 Minuten ist fertiggestellt. Von den gehörlosen Mitarbeiterinnen wurden darüber hinaus Videoaufnahmen im Ausmaß von ca. 1,5 Stunden voranalysiert.

Für die Analyse der Einzelzeichen wurde eine Liste von ca. 2000 Einzelzeichen erarbeitet [8], die mittels Vergleichen mit lautsprachlichen Grundwortschatzlisten sowie durch Kontrolle der gehörlosen Mitarbeiterinnen abgesichert ist. Aufgrund dieser Liste wurden bisher 22 Gewährspersonen aus allen österreichischen Bundesländern befragt. Die Analyse der Einzelzeichen nach sublexikalischen Merkmalen tritt vorerst gegenüber der Dokumentation zurück.



[5] Nur Sprache der Hände. Bei der Arbeit in Österreich kann auf die Erfahrung von Ländern zurückgegriffen werden, in denen entsprechende Forschungen z.T. schon seit Jahrzehnten durchgeführt werden. Es ging zu Beginn also vorwiegend um das 'Nacharbeiten' in Österreich. Wie sich aber bald zeigte, ist eine Menge wichtiger Fragen der Gebärdenspracbeschreibung (z.B. Notationssystem, Auswahl bzw. Bezeichnung grammatischer Kategorien, Rolle nichtmanueller Elemente) noch teilweise offen, deren Bearbeitung auf längere Sicht durchaus auch neue, wissenschaftlich interessante Ergebnisse verspricht.

[6] Die Erhebung berücksichtigt verschiedene "Textsorten" von Gebärdensprache, wie etwa die gesteuerte Produktion einzelner Begriffe, von Zeichenkombinationen bzw. Sätzen, aber auch ungesteuerte Dialoge oder Erzählungen. Die Dokumentation soll entsprechend dem Stand der Technik weitgehend digital erfolgen (stehende Bilder (Fotos, Skizzen) und Videos sind nur zweitrangig für spezielle Funktionen vorgesehen).

[7] Dieser wurde im Oktober 1993 nach dem Vorbild von "Signing naturally" fertiggestellt (Holzinger/Okorn 1993; Version 1.0) und ist bislang der einzige in einer ÖGS-Variante mit vollständigem Begleitbuch bzw. -video. Eine grundsätzliche Orientierung für die weitere Arbeit kann das seit mehreren Jahren laufende große Europaratsprojekt bezüglich Lautsprachen ("Kontaktschwelle") bieten (dieses arbeitet mittels Festlegung eines ersten, europaweit anzuerkennenden Ausbildungsniveaus, welches für Lautsprachen etwa 1200-1500 bzw. 2500-3000 Einzelwörter - vergleichbar dem, was allgemein als 'Grundwortschatz' angesehen wird - und die entsprechende grundlegende Grammatik umfaßt).

[8] Es wurde die Dokumentation eines Gebärdeninventars angestrebt, welches demjenigen des ersten Bandes des deutschen Gebärdensprachbuchs (Maisch/Wisch 1987) äquivalent ist (etwa 2000 Zeichen). Wir gehen bei unseren Erhebungen von einer aus dem Vergleich ähnlicher Listen entstandenen und auf die Besonderheiten der GS angepaßten 'Konzeptliste' aus. Das Dolmetschinstitut der Universität Graz wird voraussichtlich 'Kontrollerhebungen' dazu mittels Texten durchführen. Differenzierungen und weitere Erhebungen sollen sich dann immer stärker auch an Prinzipien von einsprachigen Lexika (z.B. Vorrang von spontan produzierten Texten) orientieren.

3. Stand der Forschung

Durch die Untersuchung eines Sprachtyps, der - im Gegensatz zu den Lautsprachen - im optischen Kanal funktioniert, ergeben sich interessante allgemein sprachwissenschaftliche Fragestellungen betreffend die Anwendbarkeit bzw. tatsächliche Anwendung bekannter sprachwissenschaftlicher Arbeitsmethoden bzw. Hypothesen, wie z.B.:

  • Welche Eigenschaften bzw. Kategorien von Gebärdensprachen (GS) und Lautsprachen (LS) sind miteinander vergleichbar? Dies betrifft sowohl Einzelkategorien als auch generelle Typbeschreibungen (zu letzterem: Ist die Grundordnung der Satzelemente durch ein 'topic-comment-Prinzip' bestimmt oder ist sie mit einer Subjekt-Verb-Objekt-Ordnung zu beschreiben?). Damit hängen auch methodische Fragen zusammen, wie die Anwendbarkeit von Minimalpaaranalyse bei simultanen Realisationen auf verschiedenen grammatischen Ebenen; weiters die Einsetzbarkeit konzeptuell bzw. kognitiv orientierter Ansätze (mit Schlüsselbegriffen wie Konzeptualisierung, Kodierung, Metapher und Grammatikalisierung).

  • Welche Folgen hat die Verwendung des optischen Kanals (und damit die Nutzung des dreidimensionalen Raums in der Kodierung) für die GS?

  • Welche speziellen, bereits in anderen GS festgestellten Kategorien bzw. Erscheinungen (z.B. Ableitungsbeziehungen zwischen Verben und Nomina, Einsatz von Klassifikatoren, aspektuale Kodierungen am Verb) lassen sich auch für die ÖGS nachweisen?

  • Wie lassen sich Gebärdensysteme in Frühförderung bzw. Gehörlosenbildung einsetzen? Wie verläuft die Sprachentwicklung bei 'bilingualen' Ansätzen? Wie sieht die Kommunikation Hörende - Gehörlose bei Einsatz verschiedener Zeichensysteme aus?

Bezüglich der linguistischen Analyse der GS kann auf den thematisch einschlägigen Forschungsbericht Holzinger 1993, für die Zeit bis Mitte der Siebziger Jahre weiters auf Wilbur 1979, für die jüngere Forschung auf Engberg-Pedersen 1993 (insbesondere S. 35-65) verwiesen werden. Zu ergänzen ist:

3.1. Zur Sozio- und Psycholinguistik der GS

GS sind auf natürliche Weise dadurch entstanden, daß Gehörlose, denen die LS akustisch nicht zugänglich war, optische Kommunikationssysteme entwickelten. Gehörlose waren, weil sie die LS nicht oder nur schlecht beherrschten, seit jeher eine auffällige Behindertengruppe, insbesondere in der Erziehung (bezogen auf die Annahme, daß Sprache - verstanden als Lautsprache - 'den Menschen ausmache').

Die den Gehörlosen gegenüber angewandten Erziehungs- bzw. Bildungsmethoden sind seit langem gekennzeichnet durch den Streit zwischen Vertretern lautsprach- und gebärdensprachorientierter Ansätze. Obwohl die meisten Argumente gegen den Einsatz der GS bzw. den Sprachstatus der GS von Nichtlinguisten kamen, zeitigten sie z. T. bis heute bedeutende Auswirkungen auf die Gehörlosenbildung (wir gehen hier nicht näher auf die Sachlage ein; vgl. Holzinger 1994, Dotter 1991). Deswegen gerät jede wissenschaftliche Beschäftigung mit GS auch in die pädagogischen bzw. politischen Auseinandersetzungen über den praktischen Nutzen dieser Sprache.

Von Seite der internationalen Linguistik wird nicht mehr bezweifelt, daß bei Ausfall des akustischen die kompensatorische Nutzung des optischen Kanals die kommunikativen Möglichkeiten Gehörloser und schwer Hörbehinderter entscheidend verbessert; ebenso steht mittlerweile fest, daß GS natürliche Sprachen im Sinn des wissenschaftlichen Verständnisses davon sind. Wie speziell aus der Minderheitensprachforschung bekannt ist, spielt die Möglichkeit zur Entfaltung eines angemessenen individuellen Sprachsystems im Vollsinn dieses Wortes eine wesentliche Rolle bei der Identitätsbildung von Menschen.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bieten sich aufgrund der soziolinguistischen Situation (z.B. 'Streusiedlung' der Gehörlosen, Politik der Integration der Gehörlosen in die 'hörende' Gesellschaft) bilinguale Konzepte der Gehörlosenbildung an. Dies wird durch 'Kompensationsansätze' anderer Wissenschaften (z. B. Neurophysiologie) gestützt, welche besagen, daß bei Ausfall einer Sinnesmodalität die dadurch entstehenden oder drohenden Defizite über funktionierende Modalitäten auszugleichen sind. Zu einem in diesem Kontext angemessenen Begriff von 'bilingual' sowie bezüglich der empirischen Forschung zum Einsatz von Gebärdensystemen in der Gehörlosenbildung vgl. Holzinger 1994, zu einem konkreten Vorschlag bezüglich der Frühförderung gehörloser und schwer hörgeschädigter Kinder Dotter/Holzinger Ms. 1994).

Als Vorannahme aus sprachwissenschaftlicher Sicht gilt dabei, daß eine Anerkennung der Gebärdensprache als Kommunikationsmittel und der Gehörlosen (und derjenigen schwer Hörbehinderten, welche dies wünschen) als sprachliche Minderheit eine Verbesserung deren rechtlichen und sozialen Situation bringt. Tendenzen in Richtung der (zumindest wahlweisen) Verwendung der jeweiligen nationalen bzw. regionalen Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung verstärken sich.

Eine Behinderung im akustischen Sinnesbereich führt zu Kommunikationsdefiziten im Lautsprachbereich. Aufgrund dieser Defizite und mangelnder Kompensation sind die Gehörlosen als benachteiligte Gruppe unserer Gesellschaft zu bezeichnen. Es fehlen ausreichende Elterninformation, Früherkennung und Frühförderung; eine vor allem lautsprachlich orientierte Erziehung in Kindergarten und Schule kann die erwähnten Defizite nicht bewältigen. Der Spracherwerb sollte auch bei gehörlosen und schwer hörbehinderten Kindern in einem Alter stattfinden, in dem hörende Kinder ihn vollziehen (also nicht erst in Kindergarten und Schule).

Derzeit setzt die Sprachförderung bei solchen Kindern oft zu spät (und oft nur auf Sprache bezogen) ein bzw. ist zu wenig intensiv. Dies führt in vielen Fällen zu beträchtlichen Rückständen in der Gesamtentwicklung (kognitiv, emotional, sozial). Dadurch ist die Lage besonders für gehörlose und schwer hörbehinderte Kinder sowie für hörende Eltern solcher Kinder dramatisch. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht behindert die Verwendung der Gebärdensprache die Lautsprachentwicklung nicht. Es wird im Gegenteil durch den Zugang zu Information bzw. Kommunikation (z.B. durch das Ausdrückenkönnen von Wünschen und Bedürfnissen) eine positive Gesamtentwicklung gefördert. Gezielte Sprachanbahnung und -aufbau müssen sich freilich an den Besonderheiten des Spracherwerbs dieser Behindertengruppen orientieren.

Integration kann nicht Selbstzweck sein. Bei Berücksichtigung eines zumindest teilkulturellen Andersseins muß Integration gerade im Gehörlosenbereich sehr sorgfältig die 'Welt' der Gehörlosen beachten. Unter Umständen müssen gehörlosenspezifische Kindergarten- und Schulphasen aufrecht bleiben.

3.2. Zur Entwicklung der Gebärdensprachforschung und ihrer Relevanz für die Sprachwissenschaft

3.2.1. Die bisherige Forschung

Der erwähnte Kanalunterschied läßt Unterschiede zwischen LS und GS erwarten. Daher sind Erkenntnisse aus der Gebärdensprachforschung wichtig für die Typologie bzw. Universalienforschung. Eine der Fragen, um die es in der aktuellen Gebärdensprachforschung geht, ist, ob die bisherigen, mittels Lautsprachforschung gewonnenen Kategorien einfach auf GS zu übertragen sind (vgl. dazu Dotter/Holzinger 1995, insbesondere zur sublexikalischen Analyse von Gebärdenzeichen). Beispielsweise finden verschiedene Autoren in GS Erscheinungen sowohl starker Flexion (Klima/Bellugi 1979) als auch Isolation (vgl. Prillwitz/Leven/von Meyenn/Zienert/Schmidt 1985).

Phänomenorientiert ist festzustellen, daß zwar eine große Modulationsfähigkeit (abgestuft nach Zeichenklassen) vorliegt, diese aber mit den lautsprachtypologischen Begriffen ('flektierend' usw.) nicht zureichend beschrieben werden kann. Wahrscheinlich führen gerade kanalbedingte Eigenschaften der GS dazu, daß sie sowohl mit dem isolierenden Chinesischen als auch mit morphologiereichen Indianersprachen verglichen werden.

Die erste Phase der linguistischen Beschäftigung mit GS war zu einem Teil daran orientiert, den Sprachstatus dieser optischen Kommunikationssysteme zu belegen. Diese Legitimationsabsicht führte zum Versuch, möglichst viele Kategorien der LS auch in den GS nachzuweisen (dezidiert anders ging z.B. Stokoe 1960 vor; vgl. auch Anderson 1992, S. 274-276). Damit wurden zwangsläufig auch weniger angemessene Hypothesen formuliert. Z.B. wurde die Ikonizität der GS heruntergespielt, da ein Kennzeichen der LS die weitgehende Arbitrarität ihrer Lexeme ist. Die dahinterliegende - meist implizite - Vorstellung, daß eine 'entwickelte' Sprache nur wenig Ikonizität aufweisen dürfe, wurde u.a. durch verschiedene "natürliche" Ansätze der Lautsprachlinguistik stark relativiert, indem man die Ikonizität als ein wichtiges Kodierungsprinzip auch für LS erkannte (vgl. Haiman 1983, Dotter 1990).

Ein zweites Kennzeichen der Gebärdensprach-Forschung bis in die Achtziger Jahre war eine vorwiegend beschreibungsorientierte Vorgangsweise. Dies war aufgrund der Neuheit des Objektbereichs auch erwartbar. Insbesondere seit dem Beginn der Übertragung formaler Modelle der generativen Grammatik kam es zu einem großen Schub von Arbeiten, welche die vorhandenen Daten (z.T. unter expliziter Bezugnahme auf die zu erwartende Gültigkeit der generativen "Universalgrammatik" auch für GS) mittels solcher formaler lautsprachbezogener Modelle zu beschreiben versuchen (vgl. Liddell/Johnson's - 1989 - Anwendung der autosegmentalen Phonologie; weiters Papaspyrou 1990, bzw. verschiedene Arbeiten im Sammelband Lucas 1990).

3.2.2. International derzeit intensiv diskutierte Fragen sind

3.2.2.1. die 'Phonologie' der GS

Hier ist die durch generative Modelle vermittelte Entwicklung zu stärkerer Formalisierung besonders deutlich. Z.B. wird in der "Phonologie" der GS gerade diskutiert, ob die Annahme von Silben, Moren oder anderen die Lautsprachproduktion steuernden Faktoren in der GS sinnvoll ist. Gleichzeitig mit der Übertragung solcher Begriffe auf Phänomene der GS werden dann auch die bisherigen Erkenntnisse über phonologische Prozesse der LS auf die GS anzuwenden versucht. War die frühe Gebärdensprach-Forschung von einem eher simultanen Aufbau gebärdensprachlicher Zeichen ausgegangen, führte neben neuen Analysen vor allem die Anwendung der Autosegmentalen Phonologie zu einer grundlegend sequenzorientierten Auffassung.

GS weisen bezüglich simultaner bzw. sequentieller Ordnung eine im Vergleich zu LS wesentlich andere Gewichtung ihrer Organisation auf. Als Beispiele seien hier genannt: sequentielle Phänomene sind in der LS Laute und ihre Kombinationen, in der GS der Wechsel von Bewegungsmodi, die Herstellung eines Kontakts zwischen 'Artikulatoren', Wechsel von Handformen; als motorische Produktionseinheit erscheint in der LS die Silbe, in der GS eine noch näher zu beschreibende 'Bewegungseinheit'. Simultane Phänomene sind in der LS die Merkmale von Lauten und die Kombination von Lautsegmenten mit suprasegmentalen Elementen, in der GS Zeichen- wie Komponentenkombination.

In GS besteht eine viel stärkere Orientierung auf Simultanität, aber auch sequentielle Phänomene sind signifikant. Dies gilt nicht nur für den Aufbau einfacher Zeichen: Wir können sagen, daß die Morphosyntax der GS gleichzeitig simultan und sequentiell organisiert ist.

Zwischen bedeutungsunterscheidenden und -tragenden Elementen von Zeichen besteht keine scharfe Unterscheidung. Bezüglich der Unterscheidbarkeit von 'Morphemen' und 'Lexemen' gehören GS zu jener Menge von Sprachen, in denen deutlich mehr als nur diese zwei dichotomisch gegenüberliegenden Kategorien auftreten, und die auch bezüglich der Kodierungsform für Referenten relativ flexibel sind (z.B. existieren 'Stämme', die sowohl nominal wie verbal verwendet werden können).

Aus diesen beiden Feststellungen ist zu folgern, daß die GS eine zu LS unterschiedliche Ebenenorganisation aufweisen. Bezüglich des Zeichenaufbaus aus Komponenten, und zwar sowohl von Einzelzeichen als auch von Zeichenkombinationen, sind GS als Typ von LS als Typ zu unterscheiden. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, daß innerhalb dieser beiden Typen nicht einzelne Erscheinungen als Parallelen oder Analoga zu interpretieren sind, sondern nur, daß aus einer globalen Perspektive GS als Typ nicht als Ganzes mit einem LS-Typ vergleichbar sind. Es sei nur auf die Bewegung als außergewöhnlichen Faktor verwiesen, der alle Funktionen vom 'materiellen' Träger der GS-Produktion bis zum Träger von Bedeutung umschließt und daher mit keinem konstitutiven Element von LS vergleichbar ist. Es ist überhaupt zu erwarten, daß die Grundmuster des Zusammenspiels von Kodierungsstrategien bzw. -elementen bei so unterschiedlichen Kanalbedingungen, wie sie für GS bzw. LS gelten, verschieden sind.

Von dieser Feststellung bleibt die Annahme unberührt, daß GS und LS die Möglichkeiten des humanen konzeptuellen Systems inklusive semiotischer Prinzipien teilen. D.h. GS-Zeichen sind strukturierte Gestalten wie Zeichen der LS. Gemeinsam haben beide, daß diese Strukturierung durch spezielle Kombinationen bestimmter Parameterwerte (unter Existenz von Präferenzregeln) erfolgt und bezüglich Einzelzeichen, besonders aber bezüglich der Kombination von Zeichen rhythmische Strukturierungsmöglichkeit von 'Aktivitätseinheiten der Kodierung'besteht. In GS liegt aber eine grundsätzlich andere 'Dimensionierung' verschiedener Kodierungsmittel vor, die vor allem aus der Verwendung der Hände und des Körpers im dreidimensionalen Raum resultiert (vgl. Dotter/Holzinger 1995).

3.2.2.2. die Verbmorphologie/-typologie

Die Verben der GS (d.h. die Kodierungen, welche Aktions- bzw. 'verbähnliche' Konzepte ausdrücken) sind durch folgende einander z.T. überschneidende Eigenschaften charakterisiert:

  • Die gegenüber LS stärkere Simultanität führt zur gleichzeitigen Kodierung verschiedener (vor allem adverbieller) 'Begleitkonzepte'.

  • Partizipanten können als Anfangs- und/oder Endposition der Verbgebärde kodiert werden.

  • Eine spezielle Klasse von Verben, welche Aktionen im dreidimensionalen Raum beschreiben, ist durch die Möglichkeit ikonischer Kodierung (Wiedergabe einzelner konkreter Aspekte des kodierten Sachverhalts, z.B. von Positionen, Richtungen oder Bewegungsweisen im Raum bzw. von Objektklassen durch bedeutungstragende Komponenten wie Handform, -orientierung oder Art der Bewegung) sehr stark differenziert (vgl. die Diskussion zu den "polymorphemischen Verben" bei Engberg/Pedersen 1993).

Daraus ergibt sich eine große 'Modulationsfähigkeit' verschiedener Klassen von Gebärdenzeichen, besonders aber bei Verben, die angemessen beschrieben werden muß.

3.2.2.3. Ikonizität

Wie oben erwähnt, war ursprünglich die Ansicht vertreten worden, die GS seien nicht ikonischer als LS (Klima/Bellugi 1979, 26-32). Seither hat sich gezeigt, daß die GS stärker ikonisch als die LS sind: Ca. ein Drittel bis die Hälfte des Gesamtvokabulars eines Erwachsenen wird als relativ ikonisch eingestuft. Obwohl es Deikonisierungsprozesse gibt (Ikonizität abbauende, diachrone Ökonomisierung, vgl. Frishberg 1975; reduktive Formen im Diskurs), nutzen speziell Neubildungen ikonische Kodierungsstrategien. Wieder erscheinen die Kanalbedingungen als ein wichtiger Auslöser dieser starken Ikonizität. Beispielsweise kann die Hand gleichsam als Kodierung 'für sich selbst' stehen, als 'Klassifikator' diagrammatische Ikonizität ausdrücken oder als Symbol für andere Referenten dienen. In den LS ist eine Analogie zum ersten Fall ausgeschlossen, der zweite kann wegen der Verwendung des akustischen Kanals nur wesentlich weniger direkt ausgedrückt werden, nur im letzten Fall gibt es Übereinstimmung.

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang die Rolle der Ikonizität bei Spracherwerb, -verwendung und -system ('Grammatik'), bzw. speziell bei der Verarbeitung (vgl. Brown 1977, Konstantareas/Oxman/Webster 1978, Luftig/Lloyd/Page 1982, Mills 1984, Morrisey 1986): Wenn der Zusammenhang Referent - Zeichen als primär angesehen wird, ist die gedächtnismäßige Absicherung dieses Zusammenhangs in unterschiedlicher Weise möglich. Ikonizität hilft auf jeden Fall bei dieser Absicherung, entspreche sie entweder der erwachsenensprachlichen oder auch einer kindadäquaten.

Es kann beispielsweise aber auch passieren, daß die erwachsenensprachlich intendierte oder vorhandene Ikonizität vom Kind nicht genutzt wird bzw. werden kann ('unvollständige' Zeichenwiedergabe z.B. wegen vereinfachter kindlicher Handformen, nicht ausreichende Erfahrung der Kinder; z.B. wird 'Milch' durch die ikonische Wiedergabe von 'melken' ausgedrückt; wenn die Erfahrung des Melkens fehlt, kann die Ikonizität nicht erkannt werden). Spätlerner wenden andere Strategien an (die Vollständigkeit von Zeichen ist leichter nachvollziehbar; man achtet bewußter auf bestimmte Komponenten; die Erfahrungswelt ist eine andere).

Sind GS ikonischer als LS?

Auditorisch repräsentative Formen (Phonetischer Symbolismus, Onomatopoie) stellen in der LS die Ausnahme dar. Ikonizität ist hingegen ein wesentliches Prinzip der Zeichenbildung in der GS (gerade auch für Neologismen). Im morphosyntaktischen Bereich müssen LS für ikonische Kodierungen hauptsächlich auf die Zeit- (Abfolge)dimension zurückgreifen (z.B. die relative Ordnung von Subjekt und Objekt übereinstimmend mit der Salienz in der Ereigniswelt). Die Ikonizität der GS im Grammatikbereich ist dagegen primär räumlich und erst sekundär zeitlich grundgelegt.

Das Argument, daß die Ikonizität von GS lediglich darauf zurückzuführen ist, daß sie eben noch nicht das Stadium eines 'Fließgleichgewichts' zwischen ikonischen und nichtikonischen Elementen erreicht hat (FRISHBERG 1975), daß Ikonizität eben noch ständig abnimmt, ist nicht aufrechtzuerhalten. Es scheint vielmehr so, daß die Verwendung des optisch/räumlichen Kanals eine starke, spezifische Ikonizität zur Folge hat.

Die menschliche Erfahrung und Konzeptualisierung wird durch visuelle Erscheinungen und räumliche Muster dominiert. Wenn nun ein Kanal benützt wird, in dem visuelle Erscheinungen und räumliche Muster/Gestaltung direkt repräsentiert werden können, wird diese ikonische Repräsentationsart bevorzugt werden, welche in LS nicht möglich ist. Die Art der symbolischen Repräsentation erscheint somit auch als eine Funktion des Ausdrucksmediums (vgl. schon ARMSTRONG 1983, 56; KENDON 1986, STOKOE 1972). Weiters ist darauf hinzuweisen, daß die für das grammatische System der GS wesentlichen räumlich-ikonischen morphosyntaktischen Prozesse diachron ihre Ikonizität gerade nicht einbüßen. Damit weisen GS auch in der Morphosyntax gegenüber LS mehr ikonische Kodierungsmöglichkeiten auf.

Aus der Diskussion folgt für die Sprachtypologie: Die Arbitrarität sprachlicher Zeichen ist sowohl hinsichtlich ihrer Funktionen als auch ihres Ausmaßes neu zu überdenken, auch in LS. Die Frage ist nicht mehr, welchen Ikonizitätsgrad eine Sprache haben darf, um noch Sprache zu sein, sondern: Welche Funktionen bzw. Folgen hat Ikonizität einer bestimmten Art bzw. eines bestimmten Grades für eine Sprache, deren Struktur, Verarbeitung, Erwerb? D.h. Ikonizität muß sowohl bezüglich ihres Kanalbezugs und bezüglich Teilbereichen des Sprachsystems, als auch bezüglich Alter, Sprachentwicklungsphasen (auch: Erst- oder Zweitspracherwerb) differenziert werden.

3.2.3. Zur spezifischen 'Klagenfurter Perspektive'

Trotz des späten Einsetzens der Gebärdensprachforschung in Österreich erscheint es möglich, mit einer phänomenorientierten Vorgangsweise bzw. einer konzeptorientierten Sprachsystemdarstellung zumindest in einigen Fragen international 'mitzuhalten', sowie für die ÖGS wichtige praktisch verwertbare Erkenntnisse zu erreichen. Unter 'phänomenorientiert' verstehen wir, daß vor der Anwendung bestimmter sprachwissenschaftlicher Theorien bzw. Beschreibungssysteme die Erscheinungen von GS als solche beobachtet und beschrieben werden sollen (in Einklang etwa mit den Ansichten von Anderson 1992 oder Gee 1992).

Dies bedeutet, daß die Analyse der GS tendenziell deren Eigenständigkeit berücksichtigt, bzw. - wissenschaftshistorisch gesehen - in gewisser Weise zu einer solchen Perspektive zurückkehrt. Ein spezifischer Aspekt dabei ist, Eigenschaften gebärdensprachlicher Kodierungen mit Bedingungen des optischen Kanals (z.B: Simultanität, Verwendung des dreidimensionalen Raums) zu korrelieren (vgl. dazu etwa Meier 1992).

Als zweite wichtige Ebene tritt zur Kodierungsebene eine Konzeptebene. Diese soll als eine - bezogen auf Einzeltheorien - möglichst 'theorieexterne' Basis des Vergleichs von GS und LS dienen. Unter Verwendung einer komplexen, eher kognitiv orientierten Konzeptebene soll der Zusammenhang zwischen (Klassen von) Kodierungsmitteln und den von ihnen repräsentierten Bedeutungen bzw. Funktionen strukturiert werden. Wir gehen davon aus, daß eine Adaptierung von Konzeptionen, wie sie in den Forschungen zu einer 'konzeptuellen' bzw. 'kognitiven' Grammatik (vgl. etwa Rudzka-Ostyn 1988, Wierzbicka 1988, Lucy 1992, Haspelmath 1993) bzw. speziell zur Grammatikalisierung entwickelt wurden (vgl. Traugott/Heine 1991, Heine/Güldemann/Kilian-Hatz/Lessau/Roberg/Schladt/ Stolz 1993; verschiedene "ProPrinS"-Arbeitspapiere, wie Stolz 1991, Stolz 1992, Kilian-Hatz/Stolz 1993, Stolz/Stolz 1993), für die Analyse der GS fruchtbar sein könnte (wie auch umgekehrt letztere zu neuen Einsichten bezüglich der Grammatikalisierung bzw. der Strategien zur Kodierung von Konzepten führen könnte). Dies besonders deshalb, weil in GS (u.a. aufgrund des Einsatzes des Körpers bei der Kodierung) vielfach ein direkterer Zusammenhang zwischen Form und Funktion festzustellen ist (zu Körpermustern vgl. weiters Johnson 1987). Diese im Vergleich zu LS stärkere bzw. direktere Art von Ikonizität ermöglicht auch einen direkteren Zugang zu konzeptuellen Grundlagen von Kodierung als dies bei LS der Fall ist. Eine praktische Umsetzung einer kognitiven Grammatik für eine LS findet sich z.B. bei Leech/Svartvik 1994.

3.2.3.1. Praxisorientierte Ziele der wissenschaftlichen Arbeit

Die Analyse der ÖGS soll zu für die Gehörlosengemeinschaft verwertbaren Ergebnissen führen. Diese "praxisorientierten Ziele" beinhalten nicht nur eine auf Dokumentation und Unterricht bzw. Ausbildung orientierte Sprachbeschreibung, sondern auch Fragen des Einsatzes von Gebärdensystemen bei der Erziehung/Bildung gehörloser bzw. schwer hörbehinderter Kinder (vgl. dazu Holzinger 1994).

3.2.3.1.1. Erstellung eines brauchbaren Lexikons zum 'Grundwortschatz'

Dieses Lexikon soll jedenfalls alle erhobenen Varianten einer Gebärde enthalten und nach Möglichkeit auch die Ergebnisse der Diskussion bezüglich einer Standardvariante berücksichtigen. Durch den Einsatz eines digitalen Datenträgers sollen einerseits die Gebärden mittels Filmen repräsentiert werden und andererseits eine vollständige Variantendokumentation und eine erhöhte Benutzerfreundlichkeit erzielt werden. Die Herstellung einer Entsprechung in Buchform ist denkbar, aber zweitrangig. Das Lexikon ist als Begleitmaterial für alle Arten von Einführungen in die ÖGS, sowie als erster Teil einer Dokumentation zum Gesamtlexikon der ÖGS anzusehen.

3.2.3.1.2. Fertigstellung einer 'Praktischen Grammatik der ÖGS I'

Diese Grammatik soll eine anwenderorientierte Einführung in die ÖGS sein, wobei als hauptsächliche Zielgruppe an Personen, die die ÖGS als Zweitsprache erlernen gedacht ist.

3.2.3.1.3. Herbeiführen einer Entscheidung der österreichischen Gehörlosengemeinschaft bezüglich einer für Österreich gültigen Norm der ÖGS

Eine solche Standardisierung ist für Kurse in ÖGS ebenso nötig, wie für die Dolmetschausbildung und allfällige Sendungen im ORF. Wir gehen dabei von einer 'sanften', andere Varianten nicht ausschließenden Perspektive aus.

Sowohl für die Erhebung von Wortschatz und Strukturinventar, insbesondere auch von Varianten, als auch eine Normierung im unbedingt nötigen Ausmaß ist die Überprüfung von Ergebnissen des Projekts durch kompetente Sprecher nötig. Dies soll, entsprechend internationalen Erfahrungen, durch 'Konferenzen' erfolgen, in denen die jeweiligen Analyseergebnisse in einer Runde von Gebärdensprachsprechern diskutiert werden.

3.2.3.2. Zur Rolle der gehörlosen Mitarbeiterinnen

Aus den bisherigen Erfahrungen kann diese Rolle wie folgt beschrieben werden: Beide Mitarbeiterinnen besitzen - insbesondere aufgrund der schlechten Bildungsmöglichkeiten für Gehörlose - keine einschlägigen formalen Qualifikationen (Matura bzw. Studium). Beide haben sich aber bisher sehr engagiert und - bezogen auf das Fehlen formaler Qualifikation - in relativ kurzer Zeit in einigen Bereichen gute Kompetenzen erworben (Frau Okorn im Bereich von Kursen - sie betreut solche auch außerhalb der Universität -, Frau Hobel(-Jakopitsch) im Bereich der Computerarbeit; beide im Bereich von Kontakten zu Gehörlosen im Interesse des Projekts an der Erhebung bezüglich ÖGS bzw. zum Einsatz von GS). Besonders hervorzuheben ist, daß beide - neben ihrer unentbehrlichen Kompetenz als 'native speaker' - die Voranalysen von Gebärdensprachtexten selbständig ausführen. Es ist unser Ziel, sie auch in sprachwissenschaftlichen Arbeitsmethoden selbständig werden zu lassen. Allerdings hat sich herausgestellt, daß dies ein längerfristiges Vorhaben ist.

4. Zur wissenschaftsorganisatorischen und politischen Seite der Projektarbeit

Die Gebärdensprachforschung (vgl. auch 3.1.) ist ein Bereich, in dem folgende Phänomene verschärft auftreten:

Widerstand staatlicher Stellen gegen bestimmte Fragestellungen bzw. Forschungsergebnisse; mangelnde Koordination von Forschungsvorhaben.

Diese Situation hat im Lauf der bisherigen Projektarbeit zu besonders zeitaufwendigen Bemühungen in folgenden Bereichen geführt:

  • Koordination von Forschungsvorhaben im Interesse einer rationalen Aufgabenverteilung an verschiedene Projektwerber, sowie zur Vermeidung von Doppelgleisigkeiten bei sowieso engem Finanzrahmen; notwendige Koordinationsgespräch aller im Gebärdensprach-/Gehörlosenbereich Tätigen

  • Herstellung und Aufrechterhaltung von Kontakten im In- und Ausland [9];

  • Kooperationen [10].

4.1. Zur Forderung nach Anerkennung der ÖGS

Die Projektarbeit bringt es zwangsläufig mit sich, daß die Teammitglieder an den Diskussionen um die Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich und ihren vermehrten Einsatz in der (Aus)Bildung Gehörloser bzw. schwer Hörbehinderter als dezidierter Wahlmöglichkeit teilnehmen [11].

Die Gebärdensprache der Gehörlosen (für Österreich: die Österreichische Gebärdensprache, ÖGS) sollte offiziell als Sprache anerkannt werden, analog dem Muster der bereits anerkannten Minderheitslautsprachen. Einige der wichtigsten Punkte, die dafür sprechen, führe ich hier kurz an:

  • Österreich würde mit einer Anerkennung der ÖGS dem langjährigen Wunsch der Betroffenen entsprechen und damit auch der nunmehr aus wissenschaftlichen und humanitären Gründen angemessenen Auffassung der in dieser Frage fortgeschritteneren Staaten beitreten (dies gilt auch im Hinblick auf die EU).

  • Es steht aus (sprach)wissenschaftlicher wie ethisch-moralischer Sicht außer Zweifel, daß ein Mensch, dem die Verwendung seines Hauptkommunikationsmittels verweigert wird, in seiner Entfaltung und der Wahrnehmung seiner Rechte schwer benachteiligt ist.

  • Die Gebärdensprachen der Gehörlosen werden seit etwa drei Jahrzehnten mit den Methoden der modernen Sprachwissenschaft erforscht. Aufgrund der Ergebnisse haben bereits einige Staaten die jeweilige nationale Gebärdensprache anerkannt. Nachdem mit der Anerkennung der letzten Lautsprache einer autochthonen Minderheit in Österreich, der Sinti, Österreich der Verdienst zukommt, im Lautsprachbereich eine beispielhafte gesetzliche Lösung erreicht zu haben, muß nun endlich auch der optisch kodierten ÖGS das ihr - wie den erwähnten Lautsprachen - zustehende Recht gewährt werden.

  • Der von zuständiger Seite (Bundeskanzleramt) vorgebrachte Einwand, man könne die Gehörlosen nicht wie eine Volksgruppe behandeln, ist richtig, bedeutet aber nicht, daß man deswegen auf eine Anerkennung der Gebärdensprache verzichten müßte. Es muß eben in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und Experten eine spezielle, der ÖGS und ihren Verwendern angemessene juristische Lösung gesucht werden.

  • Die Anerkennung der ÖGS beeinträchtigt sonstige politische Aktivitäten für die Betroffenen nicht [12]; sie soll auch die Wahlfreiheit bezüglich der von einzelnen Personen verwendeten Sprache nicht beschränken, sondern die Rechte der ÖGS-Verwender auf einen Stand bringen, wie ihn die SprecherInnen der erwähnten Lautsprachen in Österreich bereits besitzen.

  • Viele Initiativen im Interesse der ÖGS-Verwender können aufgrund der mangelnden Anerkennung ihrer Sprache nicht verwirklicht werden; so weigert sich der ORF, auch ÖGS zu berücksichtigen, solange sie nicht offiziell anerkannt ist.

  • Initiativen für die gebärdensprachliche Förderung gehörloser bzw. schwer hörgeschädigter Kinder in Kärnten in Fällen, bei denen dies von den Eltern gewünscht wird (derzeit läuft eine solche Förderung für zwei Kinder).



[9] 9. Z.B. mit dem Zentrum für Deutsche Gebärdensprache in Hamburg und dem Gebärdensprachforschungszentrum Basel; in Österreich mit der Ambulanz für Gehörlose und Hörbehinderte im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz (OA Dr. Johannes Fellinger, Daniel Holzinger); an der Universität Klagenfurt z.B. Beteiligung an der Initiative "Interdisziplinäre Behindertenforschung und Integrationspädagogik". Zum Thema "Frühförderung hörgeschädigter Kinder und Cochlearimplantat" bestanden Kontakte zu einer Arbeitsgruppe in Salzburg (Leitung Primar Dr. Albegger), die zum Manuskript Dotter/Holzinger 1994 führten.

[10] Mit dem Dolmetschinstitut der Universität Graz (insbesondere Nadja Grbi und Erich Prun) besteht seit 1991 Kontakt in Sachen GS. Geplant ist die gemeinsame universitäre Verankerung für Gebärdensprach- und Hörgeschädigtenkommunikationsforschung in Österreich. Zum Thema "Mediendidaktik und Gebärdensprache" besteht Kooperation mit Peter Baumgartner und Sabine Payr; vgl. Baumgartner/Dotter/Holzinger/Payr 1993 bzw. Baumgartner/Payr 1993. Mit der Fischer-Film Linz wurde innerhalb des Projekt "Mudra" zusammengearbeitet (gemeinsam mit Nadja Grbi wurden sprachwissenschaftliche Grundlagen für dieses Projekt beigestellt).

[11] 11. In Österreich findet etwa am 20. 10. 1992 ein Parlamentarisches Hearing "Lebenssituation von gehörlosen Menschen - Förderung der Gebärdensprache" statt. Menschenrechtspreis der Kärntner Landesregierung

[12] 12. Die Forderung nach Anerkennung bewertet auch die bisherigen Aktivitäten der 'kleinen Schritte' durch die Bundesregierung (Recht auf Verwendung der ÖGS in Verwaltungs- bzw. Gerichtsverfahren) nicht negativ.

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Quelle:

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.11.2005

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