Ein Jahr nach dem Wechsel in die Schule für Geistigbehinderte ...

AutorIn: Ines Boban
Themenbereiche: Schule, Kultur
Textsorte: Artikel
Copyright: © Ines Boban 2000

... aus Christians Sicht

I: "Christian, die Schule beginnt wieder. Freust Du Dich schon?"

C: "Ja, die Schule, ja!"

I: "Worauf freust Du Dich denn besonders?"

C: "Fußballspielen, Tischtennisspielen, Lernprogramm am Computer."

I: "Gibt es auch Dinge, die Du an der Schule nicht so gut oder sogar blöd findest?"

C: "Na, blöd sagt man doch nicht. Ein Lehrer wollte mich mal rausschmeißen. Da war ichstinkfaul und hatte keine Lust mehr immer mit dem Abschreiben mit den Tieren. Da mach ich immer Fehler."

I: "Hast Du denn Freunde in der Schule - oder auf welche Mitschüler freust Du Dich besonders?"

C: "Jo, auf Angela und auf Karin!"

M: "Angela ist Deine Lehrerin und Karin ist die Erzieherin in Deiner Klasse, Christian. Wer geht mit Dir zur Schule?"

C: "Keine Ahnung!"

M: "Na, hör mal! Und die Melanie zum Beispiel?"

C: "Ach so, ja, Mike und Melanie - die will ich mal heiraten!"

I: "Erinnerst Du Dich noch an die Montessorischule?"

C: "Na klar, und jetzt habe ich mein Seepferdchen gemacht."

I: "Und hast Du noch Freunde aus der Montessorischule?"

C: "Na klar, Marko und Frank!"

M: "Naja, das sind die alten Zivis, die halten bis heute den Kontakt zu uns. Die anderen Kinder trifft er ja nun gar nicht mehr ... Das ist so schade."

I: "Christian, ich danke Dir für dieses Interview (das muß man immer sagen, wenn man ein richtiges Interview beendet und ich werde jetzt mal deine Mutter befragen.)"

C: "O.k., Tschüß!"

... aus der Sicht der Eltern

I: "Wie seht Ihr im Rückblick Eure Entscheidung, Christian damals in eine integrative Schule gegeben zu haben?"

M: "Na, da hätte uns nichts Besseres passieren können. Wunderbar war die Grundschulzeit! Dadurch, daß er sich immer mehr zugetraut hat als auch die Lehrerinnen ihm zugetraut haben - durch die Anregung der anderen Kinder. Anfangs brauchte er einen Zivi, also eine Bezugsperson für sich, aber später ging's immer selbständiger. Er hatte richtige Entwicklungsschübe: Plötzlich liest er, nimmt sich Bücher, schreibt, rechnet ... Dafür war es sehr wichtig, daß er mit nichtbehinderten Kindern zusammen lernen konnte. Meine Freundin ist auch Grundschullehrerin und sie hat immer nur gestaunt was Christian kann und hat sich nur mit uns gefreut."

I: "Ihr habt sehr gekämpft für die Fortsetzung der Integration in der Sekundarstufe. Dann kam dennoch das Aus - oder besser der Entscheid einer Zuweisung Christians zur Schule für Geistigbehinderte. Trotz vieler gezogener Register, inklusive Kontakt zum Ministerpräsidenten und zum Bischof und inklusive eines Fernsehauftritts, habt Ihr nicht durchsetzen können, daß Christian mit seinen Grundschulvertrauten zur Integrierten Gesamtschule wechseln konnte. Ihr habt sicher viel an Seelenkraft gelassen; wie ging es Euch vor einem Jahr?"

M: "Irgendwann kannst Du nicht mehr. Das ist ja auch sonst nicht gerade leicht, Politiker anzuschreiben: Höppner, den Bischof und hin zum Escher ... und nichts kommt dabei raus! Da kannst Du dann einfach nicht mehr und gibst irgendwann klein bei. Wir hatten ja Christian schon ein Jahr zurückgestellt."

I: "Und wie war dann der Übergang in die Sonderschule?"

M: "Wir hatten natürlich auch veraltete Vorstellungen von der Geistigbehindertenschule und waren angenehm überrascht von der schönen Einrichtung der Klassenräume. Und da man merkte, die bemühen sich um die Kinder, machen gute Projekte, haben viele Auszeichnungen von Wettbewerben und so weiter, entwickelten wir Vertrauen und dachten, gut, dann laß die mal machen."

I: "Dann habt Ihr aber an Christian Veränderungen wahrgenommen, die Euch zu schaffen machen. Welche sind das?"

M: "Wir merkten irgendwann, daß es nicht vorwärts, sondern rückwärts ging mit Christians Entwicklung und auch mit seinem Verhalten ... Er konnte bis 100 rechnen, jetzt murkelt er wieder bei 50 rum! Das ist ja ganz normal, daß er sich anpaßt und daß er andere Kinder imitiert in Sprache, Bewegung Verhalten. Zum Beispiel war immer und ist noch seine Schwester die Wichtigste für ihn. Und komisch, sie hat noch nie Freunde gehabt, die Christian abgelehnt hätten. Dann hatte er zusätzlich die Kinder in der Montessorischule als Vorbilder. Tja, und nun? Nun zuckt er plötzlich flatterig mit den Händen wie seine eine Mitschülerin. Und wenn ich sage 'Hey Christian, was machst Du denn da?' sagt er auch ganz klar: 'Das macht die XY doch immer!' Er ist sehr anpassungsfähig - zum Glück oder leider..."

I: "Gibt es auch beobachtbare Effekte der neuen Schule, die Ihr positiv bewertet?"

M: "Hm, positiv? Das ist schwierig. Die Pädagogen da sind sehr nett, sehr engagiert und offen. Sie geben bestimmt ihr Bestes. Aber welche Möglichkeiten hast Du, wenn Du acht Kinder mit ihren verschiedenen Behinderungen und Besonderheiten hast? Seine Lehrerin sagte, sie hatten noch nie ein Kind mit Down-Syndrom das lesen kann. Aber sie meint, daß das, was Christian jetzt bei ihr zeigt oder nicht zeigt, nicht dem entspricht, was die Montessorischule ihm ins Gutachten geschrieben hat, und das liege daran, daß sie ihn eben falsch sahen, ihn überschätzt und auch verwöhnt haben."

I: "Was denkt Ihr dazu? Warum zeigt denn Eurer Meinung nach Christian hier ein anderes Verhalten als vorher? Ist es nur die Anpassung an die anderen SchülerInnen? Hat er irgend eine Krise? Wurde er damals tatsächlich 'verwöhnt'?"

M: "Er ist am vielleicht weitesten entwickelt in dieser Klasse. Wenn sie nun Brettspielespielen, dann üben die anderen ihren Mengenbegriff und für die Erwachsenen ist klar, das ist jetzt spielerisches Rechnen. Aber für Christian ist das nicht Rechnen, für ihn ist das Spielen. Wenn sie unterwegs sind und ihn auffordern, beim Einkaufen oder an den Stationen ein Schild vorzulesen, dann ist das für ihn nicht Lesen. Wenn man ihn nachmittags fragt, was hast Du heute in der Schule gemacht, dann sagt er: gegessen, Tischtennis, Fußball, Computer, rausgehen ... Das empfindet er nicht als Schule.

Wenn er sagt 'Computer ist toll'. Na, hier zu hause sitzt mein Mann am Computer, meine Tochter auch und Christian hat seinen eigenen in seinem Zimmer. Das ist für ihn ein Inbegriff für Freizeitbeschäftigung.

Was er gewohnt war, in Projekten in zwei Wochen zu behandeln, zum Beispiel das Thema 'Uhr', das dauert da zwei Monate. Wir wollen keine 'Sonderbehandlung' für Christian oder als Eltern, aber das tut schon weh, wenn man zugucken muß, wie Fähigkeiten wieder verschwinden. Nur daß Christian damals mehr konnte als jetzt, das sieht die Lehrerin anders. Wir hatten neulich unser zweites Gespräch; früher in der Montessorischule haben wir uns jeden Monat in der Schule zusammengesetzt. Wir haben aber abgewartet, wollten nicht Druck machen. Und die Lehrerin sagte jetzt auch, was sie für eine Angst vor uns hatten: 'Oh, nun kommen DIE!'

Also wir haben uns einfach mehr Zusammenarbeit gewünscht: 'Was kann ich wie unterstützen?' Und wir arbeiten viel mit ihm, obwohl das nach so einem langen Schultag eigentlich unmöglich ist und nach meinem Arbeitstag liegen meine Nerven auch schon mal blank."

I: "Was sind nun Eure Hoffnungen, Wünsche, Perspektiven für Christian?"

M: "Also so richtig für die Zukunft ... soweit denk ich einfach noch gar nicht. Aber: Sobald sich irgendeine Möglichkeit ergibt: wieder Integration. Das kann im Moment nur eine Zwischenlösung sein. Die Lehrerin weiß, daß wir lieber Integration wollten und wollen. Wir sind ja vor kurzem umgezogen. Christian bewegt sich so sicher auch in diesem neuen Umfeld. Er ging einfach los, auf die Nachbarskinder zu. Klar guckten die erst, aber dann nahmen sie ihn ganz toll an, haben sich überhaupt nicht lustig gemacht über ihn - weil er eben 'gut drauf' ist. Im Gegenteil: Als ich dazukam und was von Behinderung sagte, meinte einer von den Jungs, daß er auch 'n bißchen behindert sei, weil er nicht so gut lesen kann. Christian korrigiert mich übrigens, wenn ich sage er habe eine Behinderung: 'Hab ich nicht!' Er könnte sich sofort auf eine Integrationsklasse einstellen, denke ich!"

I: "Nach Christian geht ja jetzt der Streit um Anne aus der Montessorischule. Sie hat zwar kein Down-Syndrom, aber beide sind vollkommen gleich behindert, denn beide werden daran gehindert, die Schule zu besuchen, die ihre Eltern für sie für die Richtige halten. Auch Anne wird die Fortsetzung des gemeinsamen Wegs mit ihren MitschülerInnen in die IGS streitig gemacht. Nun hat Annes Mutter per Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt und Anne wird übermorgen dort loslegen. Das war ein Register, das ihr nicht mehr gezogen habt. Was löst das bei Dir aus?"

M: "Ich freue mich für Anne! ... Das regt wieder Hoffnungen in einem, so daß wir vielleicht auch in Angriff nehmen sollten."

... und aus der Sicht der Lehrerin

I: "Seit einem Jahr bist Du die Klassenlehrerin von Christian, dessen 'integrative Vorgeschichte' Du kanntest, wie auch das eigentliche Streben seiner Eltern nach einer Fortsetzung schulischer Integration. Wie ging es Dir damals mit dieser Herausforderung?"

L: "Wir, die Erzieherin der Klasse und ich, hatten wirklich Angst vor dieser Situation, wir waren einfach unsicher. Und wir hatten eine ganz hohe Erwartung an Christian, nicht nur was seine Fähigkeiten in den Kulturtechniken angeht, sondern vor allem auch, was die Selbständigkeit und sein Verhalten in Freiarbeit betrifft. Und es ist auch wirklich beeindruckend für mich, wie Christian liest. Aber ansonsten bin ich eher ernüchtert: Wir machen auch Freiarbeit, aber Christian ist sehr langsam, guckt rum, was die anderen machen, wartet auf individuelle Ansprache. Und sobald wir uns um andere kümmern, tut er nix! Außerdem trickst er rum am Computer und sucht sich die einfachen Programme, wo er sich nicht anstrengen muß. Ich meine, es ist ja eigentlich toll, daß er so mit dem Computer umgehen kann, aber ... Es fehlt ihm an Eigenverantwortung."

I: "Sind dies Effekte seiner Sozialisation in der integrativen Montessorischule? Worauf führst Du das - 'alltagstheoretisch' sozusagen - zurück?"

L: "Ich denke, daß es etwas mit dem hohen Maß an individueller Ansprache zu tun hat, insbesondere dadurch, daß ja immer ein Zivi an seiner Seite war. Und auch die Nichtbehinderten haben sich unendlich gekümmert! Wenn ihm was runterfällt, hebt er es nicht etwa auf, er guckt, wer es für ihn tun könnte. Er weiß sich diesbezüglich immer zu helfen, wieer andere für sich was tun lassen kann - und er hat ja auch Charme. Ich muß da die Frage stellen, ob von daher die Integration wirklich gelungen ist ..."

I: "Die Eltern beklagen ja, daß Christians Entwicklung in manchem rückläufig ist. Wie siehst Du das?"

L: "Also, das Angebot an Kulturtechniken ging zurück. Aber das Gutachten, ich glaube von einem Lehrer einer Schule für Körperbehinderte erstellt, stellt vieles dar, was wir so nicht feststellen konnten. Zum Beispiel: Christian könne im Zahlenraum bis 100 die Grundrechenarten und sogar Sachrechnen und er könne Diktatschreiben; das kann er nicht! - Oder: Er kann es bei mir nicht! Ich frage mich wieso, aber bei uns zeigt er ein solches Können nicht. Das ist schon sehr widersprüchlich. Wir haben mit den Eltern gesprochen und gemeinsam überlegt, wie sie Zuhause kompensieren könnten, was an Fähigkeiten in den Kulturtechniken zurückging."

I: "Siehst Du denn positive Aspekte in der Entwicklung Christians dadurch, daß er jetzt in der Schule für Geistigbehinderte ist?"

L: "Er lernt jetzt anderes kennen, was die Montessorischule nicht vermitteln konnte. Sicher wäre es für ihn und für seine Eltern schöner gewesen, er hätte den eingeschlagenen Weg weitergehen können. Aber vielleicht ist das jetzt auch eine Chance für andere Dinge: Frühstück zubereiten, Abwasch erledigen, gesunde Ernährung, Kochen - Wie schäle ich eine Kartoffel? Wie kehre ich aus?

Im künstlerisch-musischen Bereich können wir ganz andere Erfahrungen bieten, wie gerade unser Schattentheater. Projekte machen wir intensiver. Auch 'Sexualerziehung' zum Beispiel ist spezieller, Regeln und Normen werden selbst erarbeitet."

I: "Wenn Christian eines Tages doch noch in eine Integrationsklasse wechseln könnte, wie würdest Du das einschätzen?"

L: "So ein Wechsel wäre von ihm aus problemlos, da er sehr anpassungsfähig ist. Aber ich denke, daß ihn der 45-Minuten-Rhythmus und das Stoffangebot dort überfordern würde. Das Problem ist doch, daß deren Angebote nicht wirklich auf die Lernbedürfnisse von Kindern mit geistiger Behinderung eingehen können - das können sie ja nicht mal für nichtbehinderte Kinder! Also wenn die Photosynthese dran ist und da sitzt ein Kind, dem erst mal der Unterschied zwischen Tulpe und Rose klargemacht werden muß - tut mir Leid, ich kann's mir einfach nicht vorstellen, wie das gehen soll."

I: "Wie sähe denn für Dich eine gute Entwicklung aus?"

L: "Ich wünschte mir gemeinsame Schulhäuser, damit man sich begegnet, gemeinsame Projekte macht ... aber da muß Regelpädagogik sich sehr ändern - die Rehapädagogik natürlich auch! Daß man sich nicht mehr aus dem Wege geht, das wünschte ich mir für alle unserer Kinder!"

Am Ende des nächsten Schuljahres wird wieder ein Junge mit Down-Syndrom mit seinen MitschülerInnen die Montessorischule verlassen und zur IGS wechseln wollen; seine Eltern baten die zuständigen Stellen bereits jetzt um eine zügige Ablehnung, damit genügend Zeit für rechtliche Schritte und juristische Klärungen bestünde - was natürlich abgelehnt wurde. So möchte ich am Schluß dieser Darstellung auch meinen Gesprächspartnerinnen sehr für ihre Offenheit danken und einige Literaturtips zum Themenkomplex anfügen:

Literatur

KöBBERLING, Almut & SCHLEY, Wilfried (2000): Sozialisation und Entwicklung in Integrationsklassen. Untersuchungen zur Evaluation eines Schulversuchs in der Sekundarstufe. Weinheim/München: Juventa

PREUSS-LAUSITZ, Ulf & MAIKOWSKI, Rainer (Hrsg.) (1998): Integrationspädagogik in der Sekundarstufe. Weinheim/Basel: Beltz

ROSENBERGER, Manfred (1998): Rückpass zur Politik, in: Gemeinsam leben. Zeitschrift für integrative Erziehung 6, H.1, 6f.

ROSENBERGER, Manfred (Hrsg.) (1998): Schule ohne Aussonderung - Idee, Konzepte, Zukunftschancen. Neuwied/Berlin: Luchterhand

SCHLEY, Wilfried, BOBAN, Ines & HINZ, Andreas (Hrsg.) (21992): Integrationsklassen in Hamburger Gesamtschulen. Erste Schritte der Integrationspädagogik im Sekundarbereich. Hamburg: Curio

Quelle

Ines Boban: Ein Jahr nach dem Wechsel in die Schule für Geistigbehinderte ...

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 26.04.2005

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