"Entweder Du gehst oder ich gehe!" - neue Verhältnisse

AutorIn: Ines Boban
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in: Ines BOBAN: Neue Verhältnisse. In: SCHLEY, Wilfried, BOBAN, Ines & HINZ, Andreas: Integration in Hamburger Gesamtschulen. Erste Schritte zur Integrationspädagogik im Sekundarbereich. Hamburg: Curio 1989, 213-222
Copyright: © Ines Boban 1989

"Entweder Du gehst oder ich gehe!" - neue Verhältnisse

Es erscheint mir müßig, hier den Versuch zu unternehmen, Tims Behinderungen definieren zu wollen. Bei ihm gelingt auch nicht die elegante Lösung, eine Vermutung auszusprechen, welche Sonderschule er wohl besuchte, wäre er nicht in einer Integrationsklasse. Seine Probleme, Bedürfnisse und sein Verhalten sind so vielfältig und zum Teil umstritten, daß jeder Einordnungsversuch einem "hochkarätigen Eiertanz" gleichkäme (zum Glück, wie sich hier noch zeigen läßt).

Jana kannte Tim schon "von weitem", da sie in der Grundschule seine Parallelklasse besuchte. Tim kannte und kennt jeder, denn einige außergewöhnliche Verhaltensweisen machen ihn auch auf dem Schulhof zu einem bemerkenswerten Menschen. Aus verschiedenen Gründen liebt er u.a. blondes Haar (insbesondere wenn es seidig glatt und lang ist), Mickey-Mouse-Abbildungen (insbesondere auf Kleidungsstücken), Worterfindungen (z.B. "Tampe" für Taschenlampe), Wortspiele ("Ich habe meine Fassung verloren - die kannst Du mir zu Weihnachten schenken") und rückwärts gesprochene Namen, ritualiserte Handlungsabläufe, "XY - ungelöst", Katastrophenberichte (Challenger, Tschernobyl), Sperrmüll, Cassettenrecorder und die Münchner Freiheit. Diese Informationen sind vielleicht hilfreich, um die folgende Beschreibung der Beziehungsentwicklung besser zu verstehen.

Vom ersten Moment in der neuen Klasse an sucht Tim Janas Nähe. Ständig schwärmt er sie öffentlich an und versucht ihre langen, seidig glatten, blonden Haare zu streicheln. Zwar haben vier der sechs Mädchen derartige Schöpfe, und zunächst werden auch immer wieder einige von ihnen handgreiflich bewundert, jedoch konzentriert er sich immer mehr auf Jana. Ihre Reaktion auf sein Verhalten, das übrigens bei den anderen Jungen in der Klasse wenig Beachtung findet und zu keinen Kommentaren zu reizen scheint, ist zunächst vielfältig und widersprüchlich.

Tim bedauert laut, nicht neben Jana sitzen zu können: "Die ist so süß! Blondie!" Er läuft aufgeregt lachend durch die Klasse, um zu ihr zu gelangen, sie zu streicheln. "Nein Tim, laß das, ich will das nicht!" - "Och, warum denn nicht? Du hast so schöne Haare." - "Darum nicht! Und nun geh!" Aber er geht nicht. Sie erträgt ein oder zwei Berührungen zähneknirschend. Dann faucht sie ihn an, sie wolle arbeiten und er solle sie nicht länger stören. Auch dafür findet sie nicht sein Verständnis. Er bleibt hinter ihr stehen, seine Hand zuckt in der Luft, streichelt ihre Silhouette mit zehn Zentimetern Abstand, und nach einigen Sekunden ist es wieder soweit. "Du nervst! Hau ab! Was soll das?! Ich will nicht angefaßt werden von Deinen Wurstfingern!" Aber Tim strahlt sie an und will ihr weitere Liebkosungen zukommen lassen. Andere Mädchen schalten sich ein, erklären ihm, daß er aufhören müsse, wenn Jana ihm sagt, daß sie nicht gestreichelt werden will. Jetzt guckt er hilflos und faßt sich an die Gurgel. Die Situation ist eskaliert, blitzschnell gekippt. Tim läuft in den Gruppenraum, wirft sich auf das Sofa, beschimpft alle, die sich ihm nähern, wimmert, daß ihn keiner möge.

Diese Situation wiederholt sich auch mehrfach an einem Tag. Oft kümmert sich dann im Gruppenraum einer von uns Erwachsenen um Tim und ringt um eine Klärung mit ihm. Manchmal kommt auch Jana hinzu, um ihm zu sagen, daß sie ihn an sich schon möge, trotzdem aber nicht ungefragt berührt werden wolle.

Obwohl wir mit den Mädchen Überlegungen anstellen, warum Tim sich wohl so und nicht anders verhält, bestärken wir sie zugleich, stets ihrem Gefühl zu folgen und nichts zuzulassen, was ihnen nicht behagt. Wir einigen uns darauf, daß sie es auch mal zulassen könnten, gestreichelt zu werden, wenn es ihnen gerade einmal nicht mißfällt, denn das Streicheln an und für sich sei keine unangenehme Berührung.

Jana beschreibt, daß sie es ekelig fände, wenn Tim erst sein Wurstbrot in den Händen zerrupft, dann auf den Nägeln kaue und vorher vielleicht noch im Sperrmüll gewühlt habe, um ihr dann alles streichelnd in die Haare zu schmieren. So sieht sie das und sagt es ihm auch. Sie fügt hinzu, daß sie sich nun täglich ihre Haare waschen müsse. "Hm" überlegt Tim, kaut nachdenklich auf einer Strähne seiner eigenen längeren blonden Haare, "findest Du das pfuilutsch, was ich mache?" - "Ja, ich finde es ganz und gar ekelig und wenn Du nicht damit aufhörst, werde ich mir meine Haare abschneiden!" - "NEIN!!!" - "O doch!"

Tim ist stark verunsichert, er bietet an, sich die Hände zu waschen, bevor er Jana streichelt und akzeptiert die Regel, immer erst um "Erlaubnis" zu fragen. Eine Zeit lang geht es etwas besser, wobei jetzt die ewigen Anfragen und Handwasch-Überprüfungen zu Generve und Konflikten führen.

An Tagen, an denen Jana ein Sweatshirt mit Mickey-Mouse-Aufdruck trägt, kulminieren die Probleme. Nun möchte er insbesondere deren Ohren streicheln und dabei in hohen Tönen "Daisy - süß!" rufen. Obwohl sie es eigentlich gar nicht einsieht, zieht sie entgegen ihrer Lust kaum noch entsprechende Klamotten an.

Sobald Jana einen Tag fehlt, fragt Tim, was bloß mit ihr sei und ob sie sich nun vielleicht von ihm erholen müsse (!). Nicht nur an solchen Tagen ruft er nachmittags bei ihr an - meist ohne dann etwas zu sagen.

"Anaj, wie findest Du es, wenn ein Kernkraftwerk explodiert? Das ist doch toll, nicht, Tampe?" - "Hör auf! Das fänd ich ... Ach, hör auf!" - "Wäre das schrecklich? - Weil ich dann sterben würde auch?" Tim will immer wieder ihre Meinung hören - wozu? "Soll ich Dir mal was sagen? Ohne Dich schlaf ich heut nacht nicht ein. Das ist ein Banküberfall!" - "Ja ja, sehr witzig." - "Ich werde Dir wirklich mal Dein Geld wegnehmen", droht Tim grinsend. In der nächsten Situation, in der Jana ihr Portemonnaie nicht finden kann, fragt sie ihn, ob er es nun genommen habe. Entsetzt und außer sich läuft Tim los, um seinen eigenen Cassettenrecorder zu zertrümmern. Einige Jungen halten ihn von weiteren Aktionen ab, beruhigen ihn und machen Jana Vorwürfe, Tim vorschnell verdächtigt zu haben. Tatsächlich findet sie ihr Geld, erklärt, wieso sie so voreilig urteilte und entschuldigt sich bei Tim. Ihm geht das ganze noch lange nach.

Im Klassenrat ist Tims Verhalten wegen verschiedener Vorfälle häufig Anlaß für lange Gespräche. Er selbst beteiligt sich nicht daran, verbirgt sich vielmehr hinter Rundfunkzeitschriften oder blättert im mitgeschleppten Telefonbuch. Die Kinder äußern Ablehnung, Sympathie, Zorn, Verständnis, Fatalismus. Nichts scheint ihn zu erreichen. Als sich ein Konflikt so zugespitzt hat, daß Jana ihn kaum noch aushalten kann, sagt sie: "Weißt Du, wenn Du so weitermachst, dann will ich nicht mehr in einer Klasse mit Dir sein. Entweder gehst Du oder ich gehe!" Tim senkt die Zeitung kurz, um sie dann noch höher zu heben. In der Klasse herrscht eine hoch gespannte Stille. Mein Kollege ergreift die Initiative und schürt den Konflikt: "Hast Du gehört, was sie gesagt hat? Sie meint nicht mal eben aus dem Klassenraum gehen - sie meint ganz weggehen, an eine andere Schule, für immer!" Tim legt all seinen papierenen Schutz aus den Händen und antwortet! Schon allein diese Tatsache ist für uns alle ein Fest! Er sagt: "Nein, Jana, ich bleibe und Du sollst auch bleiben. Keiner von uns geht weg." Sein Gesicht ist dabei ernst und besorgt. Nach einigem Zögern erwidert sie: "Okay, aber dann müßtest Du schon einige Verhaltensweisen ändern und vereinbarte Regeln einhalten!"

Natürlich schafft Tim das nicht so, wie man es in Romanen vielleicht liebt: Der Knoten ist geplatzt und von nun an ist alles anders. Nein, aber ein "happy end" kann ich dieser Beziehung jedenfalls in ihrer Entwicklung bis zum heutigen Tag dennoch bescheinigen.

Jana arbeitet mit besonders großem Erfolg mit Tim zusammen. Er läßt sich auf Verhandlungen mit ihr ein, daß er ihr Haar streicheln kann, wenn seine Hände sauber und beide mit ihrer Arbeit fertig sind. Zu vielen Aktivitäten findet er sich oft erst durch ihr Zureden und manchmal auch An-die-Hand-Nehmen bereit. Tim ist nun nicht mehr nur im Anfangssinn eine Herausforderung für Jana: Sie hat entdeckt, daß ihr Verhältnis wesentlich konstruktiver für beide Seiten ist, wenn sie offensiver von sich aus auf Tim zugeht. Je mehr sie sich aktiv gestaltend verhalten kann, je mehr sie das Geschehen zwischen ihnen mit eigenen Interessen verbindet, desto entspannter und inhaltsvoller wird ihr Verhältnis. Gründe für ihre Flucht und Abwehr bzw. für sein Schmachten und Verzehren werden rarer. Sie geht burschikos, konsequent und dabei doch selbstkritisch und nach seinen Gründen - oder auch Hintergründen - fragend mit ihm um. Sie untersagt ihm, bei ihr anzurufen, ohne sich dann zu melden. Mit einem süffisanten Lächeln wehrt er ab, woher sie denn überhaupt wissen wolle, daß er der Anrufer sei. Verdächtigungen - "XY - ungelöst". Sie läßt sich nicht auf seine Ablenkungsversuche ein: "Red' keinen Quatsch, unsere Mütter werden mal miteinander reden." Als sie merkt, wie unangenehm ihm das wäre, läßt sie sich auf sein Versprechen ein, sich ab jetzt immer zu melden und sich "anständig" mit ihr zu unterhalten. Es funktioniert. Wirkte sie zu Beginn der Beziehung unter Druck und manchmal überfordert, so geht sie jetzt souverän mit der Bedeutung um, die sie für Tim hat.

Auch Tim findet zu neuen Verhaltensmöglichkeiten und löst sich aus seiner Fixiertheit. Bei der zweiten Klassenreise akzeptiert er schneller, daß er nicht im Mädchenzimmer schlafen wird. Janas heftiges Heimweh kommentiert er kurz: "Ach Anaj, weinst Du immer noch? Das finde ich übertrieben. Hast Du Deine Fassung verloren?"

Tim läßt sich bereitwilliger auf Menschen und Themen seiner Umwelt ein. Er braucht immer seltener seine Zwänge, seine "Mickey-Mouse-Brille" und Janas körperliche Nähe, um in Kontakt zu sich selbst und zu seiner Umgebung zu gelangen. Nicht nur mit ihr ist er nun in der Lage, Dialoge zu führen, dabei seine sicheren Interessensinseln zu verlassen und auf Sprachformeln zu verzichten. Mittlerweile beteiligt er sich an Kreisgesprächen und bringt zu Sachfragen oder Problemen zwischen Personen stets beachtete Vorschläge ein.

Wenn Jana Trost braucht, kann sie seine Zärtlichkeiten ohne Bedingungen zulassen. Wenn er im dunklen Filmraum zu unruhig wird, holt sie ihn von sich aus auf ihren Schoß (obwohl er größer ist als sie) oder bietet ihm an, sich vor ihr auf dem Boden zu plazieren, damit sie ihm das Gesicht kraulen kann. Das liebt er sehr, läßt es aber nur von wenigen zu - und auch Jana genießt, was hier zwischen ihnen beiden möglich geworden ist.

Mittlerweile haben Tims Bedürfnisse in der gesamten Klasse zu einer richtigen Streichel- und Kraulkultur geführt. So kann es passieren, daß ich seinen und Janas Arm kraule, während er sich beeilt zu betonen, wie schön sich das anfühle und wie schön er immer noch ihre Haare finde, die er nun ohne hektisches Getue zart berührt.

Quelle:

Ines Boban: "Entweder Du gehst oder ich gehe!" - neue Verhältnisse

Erschienen in: Ines BOBAN: Neue Verhältnisse. In: SCHLEY, Wilfried, BOBAN, Ines & HINZ, Andreas: Integration in Hamburger Gesamtschulen. Erste Schritte zur Integrationspädagogik im Sekundarbereich. Hamburg: Curio 1989, 213-222

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Stand: 01.03.2006

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