Länderbericht Sachsen-Anhalt 2003

Anlässlich der Tagung der IntegrationsforscherInnen in deutschsprachigen Ländern in Saarbrücken

Themenbereiche: I-Tagung
Textsorte: Bericht
Copyright: © Ines Boban, Andreas Hinz 2003

1. Integration im Schulalter

  • Sachsen-Anhalt liegt im Vergleich aller Bundesländer bei der Integrationsquote (Anteil der SchülerInnen in allgemeinen Schulen an allen SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf) nach wie vor auf dem letzten Platz (ca. 1 %), aber auf Platz 1 bei der Sonderschulquote (Anteil der SonderschülerInnen an allen SchülerInnen) - laut KMK-Statistik wurde 2000 die 7 %-Marke übertroffen!

  • Die statistische Basis ist jedoch unsicher, da der Anteil der SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allgemeinen Schulen erst seit 2000 erhoben wird.

  • Gemeinsamer Unterricht beschränkt sich in der Praxis nach wie vor weitgehend auf zielgleichen Unterricht in der Grundschule. Es gibt jedoch eine Reihe von allgemeinen Schulen im Primar- und Sekundarbereich, die sich selbst als integrative Schulen definieren und ein entsprechendes Profil entwickelt haben - teils sind dies Schulen in freier Trägerschaft.

  • Was die Organisationsformen angeht, ist mit dem Regierungswechsel eine Veränderung eingetreten: Legte die frühere (SPD-geführte) Regierung die Priorität auf wohnortnahe Einzelintegration mit ergänzenden Schwerpunktschulen, will die neue (CDU-FDP-)Regierung sonderpädagogische Förderung insgesamt neu gestalten durch Verschmelzung von Sonderschulen und Integrationsschulen zu Förderzentren - eine Festlegung in der Koalitionsvereinbarung.

  • Der bildungspolitische Kurs insgesamt zielt mit dem parteilosen neuen Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz - ein Kollege aus dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität - nach PISA vor allem auf Leistungseffektivierung, Standardisierung und - aus unserer Sicht - auf Selektion (neues Schulgesetz am 6. 2. 2003 im Landtag beschlossen): Ab Klasse 1 werden Noten gegeben, nach den Klassen 4 und 6 landesweite Vergleichsarbeiten geschrieben, Kopfnoten werden wieder eingeführt. Gleichzeitig wird die Schulpflicht von zehn auf neun Jahre gesenkt und die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre verkürzt, die schulformübergreifende Förderstufe (Klasse 5 und 6) abgeschafft, so dass der Zugang zur gegliederten Sekundarstufe wieder in Klasse 5 erfolgt. In der Sekundarschule werden die SchülerInnen ab Klasse 7 auf Haupt- und Realschulklassen verteilt und die Integrierte Gesamtschule ab Jahrgang 8 zur Einrichtung von Gymnasialklassen gezwungen. Es kann erwartet werden, dass die ohnehin schon extrem hohe Aussonderungsrate weiter steigen wird. Jüngst wurde verkündet, dass die - an die DDR anknüpfenden - Vorschulklassen zum nächsten Schuljahr flächendeckend eingeführt werden - ohne einen Vorlauf mit Konzeptentwicklung und Überlegungen zur Implementation.

  • Immerhin hat sich die rechtliche Situation bezüglich des Gemeinsamen Unterrichts nicht verändert: Nach wie vor gilt das Schulgesetz von 1996, das Integration als Aufgabe der allgemeinen Schule festschreibt, und die Sonderpädagogische Förderverordnung von 2001 mit der Soll-Bestimmung zum Gemeinsamen Unterricht, wenn die Eltern den Antrag stellen und die notwendigen Bedingungen vorhanden sind oder hergestellt werden können - und damit natürlich mit dem Kostenvorbehalt.

  • Zudem trifft der seit 1996 stattfindende und vom Arbeitskreis 'Dialoge zwischen Regel- und Sonderpädagogik' an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg organisierte jährliche 'Integrationstag Sachsen-Anhalt' auf deutlich gewachsenes Interesse - im Herbst 2002 kamen 300 TeilnehmerInnen.

  • Die Martin-Luther-Universität, Institut für Rehabilitationspädagogik, hat beim Kultusministerium einen Forschungsantrag über 2 1/2 Jahre eingereicht, auf dessen Grundlage sicherere Erkenntnisse über den aktuellen Stand der Entwicklung des Gemeinsamen Unterrichts und über die für seine Weiterentwicklung hinderlichen subjektiven Theorien über Normalität und Heterogenität bei allen Beteiligten gewonnen werden sollen. Inbegriffen sind Teilprojekte wie die Rekonstruktion der Entwicklung integrativer Schulen (Promotionsvorhaben) und die Auswertung der Rahmenbedingungen und Erfahrungen sonderpädagogischer Beratungsstellen an Sonderschulen. Ursprünglich als institutsübergreifender Antrag geplant (Institut für Rehabilitationspädagogik und Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik), musste dieser Antrag durch den Weggang der Kollegin Annedore Prengel auf das erstgenannte Institut reduziert werden, immerhin aber in Kooperation der zwei Arbeitsbereiche Lernbehindertenpädagogik und Allgemeine Rehabilitations-/Integrationspädagogik.

2. Integration im vorschulischen Alter

  • Rein sonderpädagogische Kindertagesstätten sind mittlerweile aufgrund entsprechender integrationsfreundlicher Regelungen der Finanzausstattung weitgehend abgebaut - außer denen, die sonderpädagogischen Landesbildungszentren angegliedert sind. Der massive Druck zum Sparen beginnt nun jedoch auch die Existenz integrativer Strukturen in Frühförderung und Elementarerziehung zu gefährden.

  • Interessant ist eine neu aufgekommene Diskussion darüber, ob die weit verbreiteten Sondergruppen in Kindertagesheimen tatsächlich für die Vorbereitung der Kinder mit Behinderung auf die Integration notwendig sind - und welche Motive bei welchen Beteiligten sonst für deren Existenz maßgeblich sind.

3. Integration im nachschulischen Bereich

  • Im nachschulischen Bereich ist die Situation weitgehend unklar; der Ausbau von Sondersystemen, die teilweise nach der Wende großzügig saniert worden waren, schreitet weiter voran - was beispielsweise Werkstätten für behinderte Menschen angeht.

  • Neue Systeme - etwa nach dem SGB IX - sind vorhanden, nehmen ihren gesetzlichen Auftrag, so weit er ihnen klar ist, entsprechend den pervertierenden administrativen und finanziellen Rahmenbedingungen wahr; so etwa Integrationsämter und Integrationsfachdienste, die sich aufgrund der vorgegebenen Rahmenbedingungen (150 € monatlich) völlig unzuständig für Menschen mit schwerer Behinderung fühlen.

  • Integrative Initiativen kommen aufgrund formaler und finanzieller Schwierigkeiten schwer vorwärts, obwohl eigentlich gute Voraussetzungen der Förderung gegeben sind.

4. Besonderheiten der neueren Entwicklung im Land

  • Auch in Sachsen-Anhalt strebt die neue Regierung nun die Einrichtung von Förderzentrenan, mit denen sowohl Sonderschulstrukturen modernisiert werden sollen als auch der Gemeinsame Unterricht unterstützt werden soll. Im Hintergrund stehen der massive Schülerrückgang und die großen finanziellen Probleme des Landes. Dabei geht die Vorstellung des Kultusministeriums in Richtung eines regional zuständigen Zentrums für sonderpädagogische Förderung, das von einer bestehenden Sonderschule ausgehend mehrere Förderschwerpunkte beinhalten und über Kooperationsverträge mehrere Schulen als kontinuierliche Partner umfassen soll - und dabei sollen auch Grundschulen und Sekundarschulen vertreten sein. Ergänzt werden soll dieses System durch überregionale Förderzentren, die schwerpunktmäßig die regionalen Förderzentren beraten und fortbilden sollen. Diese Entwicklungsprozesse sollen vorrangig in den Regionen gestaltet werden; das Ministerium gibt einen orientierenden Gesamtrahmen vor - auch nach den Erfahrungen mit einer weitgehend wildwüchsigen Entwicklung der sonderpädagogischen Beratungsstellen an Sonderschulen. Durch diese Reorganisation erhofft man sich im Kultusministerium eine größere Wohnortnähe sonderpädagogischer Förderung durch deren Bündelung und gleichzeitig auch Rückenwind für den Gemeinsamen Unterricht. Diese Veränderung wird unter großem Zeitdruck angegangen, da sie zumindest zwei Jahre vor der nächsten Landtagswahl praxiswirksam geworden sein soll - was absehbar nicht funktioniert. Zudem grenzt man sich sehr deutlich gegen jegliche Umetikettierungen ohne reale Veränderungen ab. Es bleibt abzuwarten, wie die Beteiligten auf den verschiedenen Ebenen mit ihren jeweiligen spezifischen Interessen diesen Prozess gestalten und in welchem Maß es tatsächlich zu Entwicklungsschritten in der geplanten Richtung kommt. Die Universität ist angefragt, diesen Prozess wissenschaftlich zu begleiten und zu evaluieren.

  • Seit dem Oktober 2002 bietet die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg neben den viersemestrigen Studiengängen in allen vorhandenen sonderpädagogischen Fachrichtungen einen berufsbegleitenden Studiengang Integrationspädagogik (drei Semester mit insgesamt 30 SWS) im Auftrag des Kultusministeriums an. Dafür stellt das Ministerium eine halbe Stelle für Lehr-, Planungs- und Koordinationstätigkeit zur Verfügung, die von Ines Boban wahrgenommen wird. 24 LehrerInnen aus allen allgemeinbildenden Schulformen Sachsen-Anhalts (Schule für Geistigbehinderte bis Gymnasium sowie Tätigkeit in sonderpädagogischen Beratungsstellen) kommen wöchentlich zum Studium nach Halle und werden dafür stundenmäßig entlastet. Diverse KollegInnen sind bereits im Gemeinsamen Unterricht tätig, so dass diese vorhandene Heterogenität äußerst produktiv wird. Formal handelt es sich um ein - nicht laufbahnrelevantes - Ergänzungsstudium, das mit einer Ergänzungsprüfung zur Ersten Staatsprüfung abgeschlossen wird (mündliche und schriftliche Prüfung).

  • Nach wie vor müssen alle Studierenden für die Lehrämter an Gymnasien und Sekundarschulen laut Lehrerprüfungsordnung eine Veranstaltung zur Sonderpädagogik / Integrationspädagogik mit 2 SWS besuchen und dort einen Studiennachweis erwerben. Dies ist - bei anfänglich häufig geringer Begeisterung - dann eine lohnende und sinnvolle Angelegenheit, wenn die Veranstaltung bei der schultheoretischen und didaktisch-methodischen Frage von Homogenität und Heterogenität ansetzt und der Studiennachweis reflexiv konzipiert ist.

5. Zusammenfassende Beurteilung aus integrationspädagogischer Sicht

  • Es gibt massive Schwierigkeiten durch die alltäglich spürbare Finanznot, Schulschließungen und Abbau von Leistungen dominieren alle weiterführenden Überlegungen.

  • Nachdem alle vier Jahre ein neuer bildungspolitischer Kurs verkündet wird, sind massive Frustrationen bei PädagogInnen vorhanden.

  • Innovative integrative Impulse gehen im Schulbereich eher von Schulen in freier Trägerschaft aus; zu ihnen geben auch engagierte Eltern in der Regel ihre Kinder, da sie offenbar staatlichen Grundschulen nicht zutrauen, ihre Kinder wirklich willkommen zu heißen.

Ines Boban & Andreas Hinz

Quelle:

Ines Boban, Andreas Hinz: Länderbericht Sachsen-Anhalt 2003 anlässlich der Tagung der IntegrationsforscherInnen in deutschsprachigen Ländern in Saarbrücken.

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 02.11.2005

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