Über Bildung und Kinderrechte und die Verantwortung der LehrerInnen

AutorIn: Ernst Berger
Themenbereiche: Schule
Schlagwörter: Kinder, Bildung, Recht, Lehrer_in
Textsorte: Rede
Releaseinfo: Festrede bei der Abschlussfeier an der PH NÖ 30.06.16
Copyright: © Ernst Berger 2016

Über Bildung und Kinderrechte und über die Verantwortung der LehrerInnen

Sie werden heute zu Bachelors of Education graduiert und meine Aufgabe ist es, zu diesem würdevollen Ereignis eine würdige Ansprache zu halten. Ich werde mich bemühen, diesem Anspruch würdevoll gerecht zu werden.

Max Horkheimer hat in seiner berühmten Rede über Bildung, die er an die Pädagogik-Studenten am Beginn des Wintersemesters 1952/53 gehalten hat, auf die Verantwortung des Einzelnen und der Pädagogik für das gesellschaftliche Ganze hingewiesen. Das war 5 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus. Er hat gegen Ende seiner Rede fast beschwörend ausgeführt:

„Mehr als je ist die Zukunft einer freien Welt darauf gestellt, dass unter deutschen Studenten genügend Männer und Frauen mit Zivilcourage und Widerstandskraft, mit innerer Unabhängigkeit erstehen, die nicht wie die manipulierten Massen überall auf brausende Worte und Führerrufe reagieren, sondern – in der Welt des Gegengeistes – geistige Menschen sind.“

Diese Worte gelten auch für sie, die sie jetzt ihre Ausbildung als künftige Lehrer und Lehrerinnen an Grundschulen abschließen.

Die Bildung zu gesellschaftlich verantwortlichen Menschen beginnt früh – jedenfalls in der Grundschule, eigentlich aber schon im Kindergarten. Deshalb verweile ich noch kurz bei Horkheimer. Unter dem Schock der Katastrophe des Nationalsozialismus haben in diesen Jahren alle Pädagogen – oder zumindest die verantwortungsvollen und kritischen unter ihnen – die Frage gestellt: wie konnte das geschehen, was hat die Pädagogik falsch gemacht, dass Millionen Menschen und unter ihnen besonders die jungen Menschen, begeistert einem autoritären System gefolgt sind. Auf diese Fragen hat Horkheimer versucht in seiner Immatrikulationsrede eine Antwort zu geben: Der Mangel an Zivilcourage, Widerstandskraft und innerer Unabhängigkeit war der Grund. Diese Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften zu vermitteln ist ein Teil des Bildungsauftrages und wird auch ihre Aufgabe als Grundschullehrer und -lehrerinnen sein.

Und wenn Horkheimer 1952 die Wendung verwendet „mehr als je“, so gilt das – leider - auch 2016. In jenem Jahr also, in dem in Europa und in Österreich nationalistische Politik wieder modern und salonfähig wird. Eine Politik, die im 19. Jahrhundert entstanden ist und in der Folge zu zahleichen Kriegen mit Millionen Toten geführt hat. Es wird in den nächsten Jahren zu ihren Aufgaben gehören, ihren Schülerinnen und Schülern zu erklären, was am 23. Juni 2016 geschehen ist. Was es bedeutet, dass UK aus der EU ausgetreten ist. Ich will ihnen, gestützt auf den großen englischen Historiker Eric Hobsbawm einige Bausteine für diese Erklärung mitgeben.

Wir müssen verstehen, dass Nationalismus kein Naturgesetz ist, sondern das Produkt einer bestimmten historischen Epoche:

  • ein großer Teil der heute existierenden Staaten Europas ist zwischen 1830 und 1870 entstanden (Deutschland, Italien, Belgien, Griechenland, Serbien, Rumänien)

  • aus dieser Zeit stammt die Idee, Nationen über die Zugehörigkeit zu einer Volks- und Sprachgruppe zu definieren

  • und die Überzeugung, dass nationale Selbstbestimmung nur über staatliche Unabhängigkeit erreicht werden kann und dieses Recht jeder Gruppe zusteht, die behauptet, eine Nation zu sein.

  • Diese Ideen wurden überwiegend von der politischen Rechten vertreten.

Sie werden also ihren Schülerinnen und Schülern erklären, dass ein historisches Phänomen, eine Idee, die im 19. Jhdt. erfunden und am Ende des 20. Jhdts. überwunden wurde, im 21. Jhdt. plötzlich wieder auferstanden ist – mit all ihren Problemen und Gefahren.

Neben diesen großen Themen der europäischen Politik gibt es noch andere – ebenso große – Themen, für die ich ihre Verantwortlichkeit einmahnen will. Eines davon sind die Kinderrechte.

Kinderrechte sind seit 2011 Teil der österreichischen Verfassung. Eine Arbeitsgruppe des Kinderrechte-Boards im Familienministerium hat untersucht, welchen Stellenwert Kinderrechte im Lehrplan der Grundschule und im schulischen Alltag haben. Die Ergebnisse sind ernüchternd:

  • Im Lehrplan gibt es keinen expliziten Bezug auf Kinderrechte, wenngleich manche Inhalte implizit an inhaltlichen Zielen von Kinderrechten orientiert sind

  • Der Mangel an Partizipationsmöglichkeit – der aktiven Mitgestaltung der Schulsituation durch die Schülerinnen und Schüler – ist weit verbreitet

  • im Schulalltag finden sich zahlreiche „pädagogische Kunstfehler“: verletzendes Kritisieren, Bloßstellen vor der Klasse, am Arm schütteln, das Ignorieren kindlicher Interessen etc. Diese Interaktionsformen machen ca. ¼ der schulischen Interaktionen aus.

Was steht im BVG?

  • Art 4: Jedes Kind hat das Recht auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in allen das Kind betreffenden Angelegenheiten [s. „Schulklima!]

  • Art 5: Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides … sind verboten.

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung verpflichtet sie, auch auf Gewalt unter den SchülerInnen zu achten. Können sie als LehrerInnen diese Gewalt verhindern oder können sie nur darüber klagen? Der Nationale Bildungsbericht 2009 stellt fest, dass die Kompetenzen der LehrerInnen, Vorformen von Gewalt – Bullying und Mobbing – zu erkennen und darauf fachlich korrekt zu reagieren, unzureichend sind.

Der Bericht der Arbeitsgruppe kommt zu folgendem Schluss: Vielmehr erhärtet sich der Verdacht, dass Kinder- bzw. Menschenrechte nicht in ihrem Unbedingtheitsanspruch ernst genommen werden und in der Praxis deshalb keinen Niederschlag finden.(S 100)

Es ist höchste Zeit, die verfassungsmäßig gesicherten Rechte auch in den Schulalltag einkehren zu lassen. Es wird eine der großen Aufgaben ihrer Generation sein, dieses Ziel umzusetzen.

Wie groß der Einfluss der Schule auf das Verhalten der SchülerInnen ist zeigt eine englische Studie (Rutter 1979) zum Problem der Schulverweigerung: Auch bei identischer sozialer Schichtstruktur und identischen sonstigen Eintrittsbedingungen sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Schule eklatant: „häufige Abwesenheit“ (60 % Fehlzeiten) streut zwischen 6 – 26 %. Offenbar gibt es also bestimmte Schulen, die Schulverweigerer produzieren! Die Merkmale, in denen sich die Schulen unterscheiden, kann man mit dem Begriff „Schulklima“ zusammenfassen, zu dem u.a. folgende Faktoren zählen:

  • Demokratische Strukturen und kollektive Curriculumplanung innerhalb des LehrerInnenteams

  • Hohes Maß an Selbstverantwortung der Schüler [vgl. BVG Art 4 „Partizipation“]

  • Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern, das auch die Besprechung persönlicher Probleme ermöglicht

Wie ist das mit dem Vertrauensverhältnis? Ich erinnere mich an meinen Unterricht an der Pädagogischen Akademie in Wien in den 1980-er Jahren. Damals wurde es den Studenten untersagt, als Lehrer irgendeine Form persönlicher Beziehung zu den Schülern herzustellen. Die didaktisch-methodisch Vermittlung des Stephansdomes ist mindestens 2 x in ihrem Curriculum vorgekommen. Beziehungsarbeit aber nicht. Ich bin überzeugt, heute – 30 Jahre später ist das ganz anders. Heute müssen sie vermutlich – als Reaktion auf die Ergebnisse der PISA-Tests - naturwissenschaftliche Didaktik lernen, die für Beziehungsarbeit und für die Beschäftigung mit der Psyche der Schüler wiederum wenig Zeit lässt.

Vermutlich können sie – wie auch ich – die Diskussion zur österreichischen Schulreform schon nicht mehr hören. Ich will deshalb nur eine Aussage des früheren Wr. Stadtschulratspräsidenten Kurt Scholz wiederholen, der voriges Jahr die Festrede gehalten hat. Er hat vor etwa 20 Jahren festgestellt, dass Österreich eine weltweit einmalige Besonderheit aufzuweisen hat, die vermutlich bald zu zahlreichen Studienbesuchen führen wird: in Österreich kann man ein Schulsystem aus dem vergangenen Jahrhundert noch weitgehend unverändert in seiner Alltagsfunktion beobachten. In den seither vergangenen 20 Jahren hat sich nur wenig geändert.

Eines der Elemente dieser Veränderungsresistenz ist das Thema der schulischen Integration von Kindern mit Beeinträchtigung. Damit sie wissen, wovon ich rede: es geht um das, was heute „Inklusion“ genannt wird. Ich werde ihnen aber die Erklärung des Unterschiedes dieser Begriffe an dieser Stelle ersparen. Nicht ersparen kann ich ihnen den Hinweis auf die quälend langsame Umsetzung – und mittlerweile in auch die Umkehrung – eines Prinzips, das in der von Österreich unterzeichneten UN-BRK festgeschrieben ist.

NÖ ist (Daten 2015) nach Tirol jenes Bundesland mit dem höchsten relativen Anteil von SonderschülerInnen an der Gesamtzahl der Kinder mit SPF. Der von Petra Flieger berechnete Segregationsquotient (Messzahl des Anteils der Sonderschülerinnen an der Gesamtschülerzahl) ist in NÖ zwischen 1990 und 2000 deutlich gesunken, danach aber bis 2011 wieder massiv angestiegen. Der Beschluss des NÖ Landtages, der kürzlich auf Antrag der FPÖ gefasst wurde, ist die logische Fortschreibung dieser Geschichte. Der Landtag hat im März 2016 beschlossen das Schulmodell Sonderschule über das Jahr 2020 hinaus bestehen zu lassen. Betrachten wir diese Entscheidung auf dem Hintergrund internationaler Forschungsergebnisse, dann sehen wir, welchen Bärendienst den Kindern mit Beeinträchtigungen erwiesen wird: Das Schweizer Forscherteam um Urs Haeberlin hat in einer Langzeitstudie über 2 Jahrzehnte nachgewiesen, dass die Lebenschancen lernbehinderter SchülerInnen nach dem Besuch von Integrationsklassen deutlich besser sind als nach dem Besuch von Sonderklassen. Als Konsequenz dieses Wissens wurden in Wien schon vor 20 Jahren Integrationsklassen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung eingerichtet. Die LehrerInnenteams dieser Klassen erhalten eine spezifische Zusatzausbildung und zusätzliche pädagogische Unterstützung. Auf dieser Grundlage ist aus einem Projekt ein regulärer Bestandteil des Regelschulsystems geworden.

Ich habe an dieser Stelle auch ein Lob an ihre Hochschule auszusprechen:

  • die PH NÖ hat seit dem zu Ende gehenden Studienjahr die Trennung der Ausbildungsgänge zwischen Volksschule und Sonderschule aufgehoben und das Bachelorstudium Primarstufe eingeführt. Ich halte das für einen wichtigen Schritt in Richtung Integration.

  • Ein zweites Lob betrifft das jahrelange Engagement für die Integration von Kindern unterschiedlicher ethnischer Herkunft.

Nehmen sie all diese Bemühungen ihrer Hochschule als bewussten Auftrag für ihre künftige Tätigkeit mit.

Und eine letzte Aufforderung: hören sie selbst nie auf, zu lernen, gesellschaftliche Entwicklungen mit wachem Auge zu verfolgen und sich im Sinne von Horkheimer zu engagieren.

Quelle

Ernst Berger: Über Bildung und Kinderrechte und die Verantwortung der LehrerInnen. Festrede bei der Abschlussfeier an der PH NÖ 30.06.16. Nachzulesen unter: https://www.bizeps.or.at/festrede-ueber-bildung-und-kinderrechte-und-ueber-die-verantwortung-der-lehrerinnen/

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 08.09.2016

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