Psychosen nach schwerer Traumatisierung - Das Ophelia-Syndrom.

AutorIn: Ernst Berger
Themenbereiche: Medizin
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Med. f. Mensch. Behind. 2, 23-25, 2005
Copyright: © Ernst Berger 2005

1. EINLEITUNG

In der klassischen pathogenetischen Systematik der Psychiatrie (2) werden die Psychosen den endogenen Störungen zugeordnet, die hysterische Symptomgruppe den erlebnisreaktiven Störungen. Reaktive Psychosen werden am Rande als Sonderformen erwähnt. Diese Sichtweise entspricht auch der Systematik der ICD-9. In der aktuellen Nosologie (ICD-10, DSM-IV) findet sich eine tendenzielle Auflockerung dieser dichotomen Struktur der klassischen Nosologie.

Auf diese Grenzzone beziehen sich folgende Zitate:

Psychosen, die in deutlichem Zusammenhang mit psychischen Erschütterungen stehen und bald abklingen sind keine Schizophrenie. Die einzige Möglichkeit, ein genetisches (sic!) Verständnis der Schizophrenie zu gewinnen, liegt in der Analyse der Lebenserfahrung; ABER: die psychodynamischen Entstehungsbedingungen sind weder einfach noch überzeugend; es gibt aber zweifellos Grenzfälle und auch beim Gesunden findet sich verborgenes Leben, das vom schizophrenen nicht unterscheidbar ist. (3).

Wir haben jedenfalls mehr und mehr gelernt, dass auch das schizophrene Primäre in einem Bereich der Psyche entsteht, der nicht durch elementare nervöse Funktionen geformt wird, sondern dort, wo sich aus ihnen die symbolisierende und lebensgeschichtliche Seite des Ichs formt.

Die Annahme einer Krankheit, die man zwar nicht von der Sozietät unabhängig postulieren, aber der erlebensmäßigen Verarbeitung gegenüberstellen kann, schränkt die Bedeutung der Psychodynamik nicht ein; sie begründet eine solche. Diese wird durch leidende Kindheitsschicksale mitgestiftet, beginnt aber erst dort, wo das Ich als Struktur durch Umweltreize verändert wird (1).

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit chronisch rezidivierenden psychotischen Zuständen, die mit langdauernden Belastungen im Zusammenhang stehen. Derartige Störungen können nach ICD-10 nur unter F 28, einer Restkategorie für "andere nichtorganische psychotische Störungen", klassifiziert werden, da die Psychogenese nur bei akuten psychotischen Störungen erwähnt wird. Anhand eines biografischen Beispiels soll hier der Zusammenhang zwischen schwerer Traumatisierung und Ausbildung einer chronisch rezidivierenden Psychose dargestellt werden. Sein Motto lautet: "Die Fäden des Lebens sind das Rohmaterial der Psychose".

2. DIE PSYCHOSE DER FRAU H.

Frau H. war zum Zeitpunkt ihrer Hospitalisierung 29 Jahre alt. Bereits im Kleinkindalter war die Diagnose einer Epilepsie mit Entwicklungsrückstand ungeklärter Genese gestellt worden. Sie besuchte den Sonderkindergarten und die Sonderschule und trat mit 19 Jahren in eine Behindertenwerkstatt ein. Mit knapp 29 Jahren war sie aus dem Haushalt ihrer Eltern in eine betreute Wohngemeinschaft für behinderte Menschen übersiedelt. Ihre kognitive Kompetenz wird global mit dem Entwicklungstand des 6. Lebensjahres verglichen. In der Anamnese findet sich ein Hinweis auf den Verdacht einer Vergewaltigung durch einen Nachbarn 3 Jahre vor der Hospitalisierung.

Kurz vor der stationären Aufnahme im März wird eine akute Verhaltensänderung beobachtet: sie wirkt abwesend, alle Vollzüge sind extrem verlangsamt, rasche Stimmungswechsel fallen auf, sie weint und schreit; ihre Umgebung hat den Eindruck, "dass sie kein Wort versteht". Zwei Tage nach dem Beginn dieser Symptomatik wird sie in einem akut psychotischen Zustand aufgenommen.

Im psychologischen Test sowie in ihrem Verhalten in Gruppensituationen finden sich Hinweise auf sexuellen Missbrauch: eine aggressive Verweigerung der Verwendung der anatomischen Puppen in der Testsituation; in der Beschäftigungsgruppe wird bei Verwendung von Kleister eine extrem ambivalente Reaktion beobachtet: Ablehnung dieses Materials verbunden mit demonstrativ sexueller Gestik und Aufforderung, den Kleister abzuschlecken.

Während des 5-wöchigen stationären Aufenthaltes kommt es unter Neuroleptikatherapie zu einer schrittweisen Stabilisierung. In dieser Zeit fällt auf, dass kurze Rückfälle (Waschzwang, psychomotorische Unruhe, verwirrtes Sprechen) häufig gekoppelt an Besuche der Eltern auftreten.

Im Oktober / November desselben Jahres wird Frau H. für die Dauer von 6 Wochen für einen Rehabilitationsturnus stationär aufgenommen. In dieser Zeit beobachten wir keinerlei psychotische Symptome und es gelingt, Schritte der Autonomieentwicklung - vor allem im Sinne einer Lösung von den Eltern einzuleiten. Nach dem Ende des Rehab-Turnus in ihre Wohngemeinschaft entlassen.

Kurz vor einem geplanten Urlaub mit den Eltern kommt es zu einem Rezidiv mit wahnhaften Symptomen (Todesphantasien "bin erschossen worden"...), Erregungszuständen und Hyperaktivität. Diese Symptomatik intensiviert sich während des Urlaubs mit den Eltern nach wenigen Tagen, sodass Anfang Dezember eine Wiederaufnahme unvermeidlich ist. Der psychopathologische Befund wird folgendermaßen beschrieben: Orientierung zeitlich und situativ beeinträchtigt, Ductus inkohärent, wahnartige Phantasien (Verfolgung, Tod), Stimmung depressiv, Antrieb reduziert; Waschzwang; oneroide Zustände wechselnder Intensität. Im Test "Die verzauberte Familie" zeichnet sie sich selbst als Frosch, die Mutter als Ziege, den Vater als Kasperl "der den Penis in die Scheide steckt und spritzt" (verbaler Kommentar). Laborbefunde zeigen einen Harnwegsinfekt. Im Rahmen der 7-wöchigen stationären Behandlung (einschließlich Neuroleptikatherapie und Psychotherapie) kommt es wiederum zu einer Stabilisierung und danach zu einer Entlassung in die Wohngemeinschaft.

Die diagnostische Hypothese lautet: reaktive psychotische Störung, Verdacht auf intrafamiliären sexuellen Missbrauch.

3. Das OPHELIA - SYNDROM

Da wir in der psychiatrischen Arbeit mit behinderten Frauen immer wieder auf Konstellationen stoßen, die der beschriebenen ähneln, haben wir uns entschlossen diese Beobachtungen als Syndrom zusammenzufassen.

3.1. Das Konzept:

Der chronische sexuelle Missbrauch behinderter Frauen in der Familie führt zu charakteristischen psychopathologischen Reaktionsbildungen.

Die dynamischen Elemente der Reaktionsbildung sind:

  • Isolation: Das Fehlen von Gleichaltrigen - Sexualität und entwicklungsadäquaten sexuellen Erfahrungen und somit von Wissen um normale Sexualität

  • Abhängigkeit: Ein erhöhtes Ausmaß von wirtschaftlicher und emotionaler Abhängigkeit von den primären Bezugspersonen als Folge von Isolation

  • Ambivalenz: Erleben von Sexualität als Form der Zuwendung von emotional positiv besetzten Bezugspersonen bei gleichzeitiger Ablehnung der damit verbundenen Instrumentalisierung

  • Tabuisierung: Mangelndes explizites Wissen und Verstehen über sexuelle Vorgänge und Beziehungen

  • Die eingeschränkte lautsprachliche Kommunikation als Ursache der Schwierigkeit der Vermittlung von Erlebnissen

  • Die Zuschreibung von mangelnder Glaubwürdigkeit als Grundlage der Verleugnung durch die Umwelt

  • Der adoleszente Ablösungsprozess verschiebt das (oben beschriebene) ambivalente Gleichgewicht

Der Prozess der Reaktionsbildung ist folgendermaßen vorzustellen: Die Ausbildung des charakteristischen psychopathologischen Bildes erfolgt parallel zur Ablösungsdynamik im Rahmen der Autonomieentwicklung der Adoleszenz, die in der chronologischen Relation häufig um 5 -10 Jahre später als Durchschnittsentwicklung auftritt. Die verbleibende Ausdrucksebene ist das demonstrative Agieren mit (mehr oder weniger) symbolischen Inhalten. Die "Flucht aus unerträglicher Realität" führt zu Veränderungen des Realitätsbezugs und zu Bewusstseinsstörungen.

3.2. Das Erscheinungsbild:

  • Bewusstseinsveränderungen - schwankend

  • Bewußtseinsweite: relativ rasche Schwankungen: Einengung auf Teilaspekte äußerer Realität und auf inneres Erleben; häufige traumartige Zustände, versunken in intrapsychisches Geschehen; Wechsel mit Zuständen von Bewusstseinsklarheit und geordnetem Realitätsbezug

  • Ich - Bewusstsein: Identitätsverschiebungen, Depersonalisation

  • Objekt - Bewusstsein: Verkennungen

  • Denkstörungen

  • Ductus sprunghaft, inkohärent

  • beschleunigter Assoziationsfluss

  • Sprachstörungen

  • Floskelhafte, perseverative Ausdrucksweise

  • Affektstörungen

  • Neigung zu Affektlabilität, Affektdurchbrüche

  • Antriebsstörungen

  • Zeitlupenstruktur von Handlungsabläufen

  • Störungen des Verhaltens im Sozialkontakt

  • Aggressionsneigung

  • demonstrativ - theatralisches Agieren, teilweise. mit Bezug auf sexuelle Thematik

3.3. Die Bezeichnung:

Die Bezeichnung "Ophelia - Syndrom" stützt sich auf folgende Textstelle in Shakspears "Hamlet" (in der deutschen Übersetzung von Elisabeth Plessen) im 4. Akt / Szene 5 / ein Edelmann sagt über Ophelia: "Sie ist aufdringlich und ganz verwirrt. Ihr Zustand ist bedauernswert ... Sie spricht viel von ihrem Vater, sagt, sie hört, die Welt sei voller Tricks, stockt, schlägt sich ans Herz, ein Strohhalm regt sie auf, äußert Vages, was nur halbwegs Sinn macht. Was sie sagt, meint nichts, doch treibt die ungestalte Rede die Zuhörer zu Schlüssen..." Ophelia tritt auf - verwirrt, sie singt.... "Und morgen ist St. Valentin's Tag, schon sehr früh vor Sonnenschein, ich ein Mädchen am Fenster bei dir, will Valentin dir sein. Da stand er auf und zog sich an und öffnete die Kammertür; ließ ein das Mädchen, das als Mädchen nie wieder ging herfür.... Bei Jees und bei St. Caritas, weh, pfui der Schande hie, die Männer tun es jederzeit - bei Gott gemein sind die. Sagt sie: ´Eh du mich umgelegt, versprachst du, mich zu frei'n´ ".

Diese Passage beschreibt eine akute psychotische Störung, in der Ophelia offenbar über einen sexuellen Missbrauch spricht.

4. ZUSAMMENFASSUNG

Wir beschreiben eine reaktive psychische Störungen intellektuell behinderter Frauen, die phänomenologisch als rezidivierende psychotische Störungen imponieren, die in der Systematik der ICD-10 keine klare nosologische Zuordnung erfährt. Der Zusammenhang mit dem Erleben des sexuellen Missbrauchs durch eine enge Bezugsperson liegt nahe. Die therapeutische Strategie muss sich auf die Kombination von Neuroleptikatherapie, Psychotherapie (Stützung der Autonomieentwicklung) und Veränderung der Lebenssituation stützen.

LITERATUR

Benedetti G., Rauchfleisch U. (1975) Schizophrenie in unserer Gesellschaft. Thieme, Stuttgart

Berner P. (1977) Psychiatrische Systematik. Huber, Bern

Bleuler M. (1970) Klinik der schizophrenen Geistesstörungen. In: Psychiatrie der Gegenwart Bd. II/1 (2. Aufl.), Springer, Berlin

Korrespondenzadresse:

Univ.Prof.Dr. Ernst Berger (Autor)

Krankenhaus Hietzing

NZ-Rosenhügel

Neuropsychiatrische Abteilung für Kinder und Jugendliche mit Behindertenzentrum

Riedelgasse 5

A1130 Wien

Tel.: 0043 1 88000 321

Fax: 0043 1 88000 360

E-mail: ernst.berger@wienkav.at

Quelle:

Ernst Berger: Psychosen nach schwerer Traumatisierung - Das Ophelia-Syndrom.

erschienen in: Med. f. Mensch. Behind. 2, 23-25, 2005

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.12.2011

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