Medizin - Behinderung - Integration

Gibt es einen Paradigmenwechsel?

AutorIn: Ernst Berger
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Schulheft 94, 1999 (S 19 - 28). Überarbeitete Fassung des Vortrags "Was hat die Medizin mit Behinderung zu tun" beim 9. Österr. Symposium f. d. Integration behinderter Menschen; 1993, Feldkirch.
Copyright: © Ernst Berger 1999

1 Einleitung

Die gesellschaftliche Situation behinderter Menschen wird - so zeigt die sozialhistorische Analyse (z.B. JANTZEN 1982) - in erster Linie durch die sozioökonomische Entwicklung einer Gesellschaft bestimmt. In zweiter Linie sind Meinungen und Einstellungen (vgl. CLOERKES 1998) und in dritter Linie sind wissenschaftliche Konzepte maßgebende Bestimmungsfaktoren. So war die Entwicklung kritischer sozialwissenschaftlicher Theorien in den 60-er und 70-er Jahren ein entscheidender Beitrag zur Wegbereitung der gesellschaftlichen Integration behinderter Menschen in Deutschland und Österreich. Insofern ist die Frage nach einem Paradigmenwechsel in der Medizin für das Thema der Integration bedeutsam.

Meine Thesen lauten:

  • Gesellschaftliche Situationen, die in den Wissenschaften zur einseitigen Akzentuierung der biologischen Anteile menschlichen Lebens führen, tendieren zur biologistischen Verkürzung der Wissenschaften vom Menschen.

  • Die gesellschaftliche Dominanz eines biologistischen Menschenbildes gefährdet die Integration behinderter Menschen und führt tendenziell zur Behindertenfeindlichkeit.

  • In den Wissenschaften vom Menschen - und somit auch in der Medizin - wurde in den vergangenen Jahrzehnten kein Paradigmenwechsel vollzogen und die Chancen dazu sind heute wieder geringer geworden als es noch vor 5 Jahren schien.

  • Die wachsende Bedeutung molekularbiologischer Forschung als Wirtschaftsfaktor und als Wissenschaftskonzept vergrößert die Gefahr der biologistischen Verzerrung unseres Menschenbildes.

2 Paradigmen-Wechsel

Der wissenschaftstheoretische Begriff "Paradigma" bezeichnet ein Leitmodell des Denkens in einem Wissenschaftsbereich.

Das Paradigma, von dem hier die Rede sein soll, umfaßt:

  1. Das innere Theoriekonstrukt; für unseren Themenbereich heißt das konkret: Die Annahmen über den Stellenwert biologischer Fakten für das menschliche Leben.

  1. Die Wechselbeziehung zu anderen Disziplinen und Gesellschaftsbereichen; konkret: Die Position der Medizin gegenüber Pädagogik, Sozialarbeit etc.

Beide Aspekte des Paradigmas haben einen gemeinsamen Rahmen: Das Menschenbild, von dem sie ausgehen, bestimmt die Antworten auf die gestellten Fragen. Es ist also auch die Frage nach dem Menschenbild zu stellen.

Mein Anliegen ist es, den historischen Prozeß der Entstehung und des Wandels eines Paradigmas und seiner Auswirkungen zu skizzieren. Diesem Anliegen stelle ich folgende Behauptung voran:

Wir stehen in einem Prozeß, der einen Wandel der Leitmodelle des Denkens in der Medizin zum Thema "Behinderung" - vielleicht auch darüberhinaus - möglich macht. Die Chancen dieses Wandels schienen allerdings am Anfang der 90-er Jahre größer als an ihrem Ende

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte nicht, daß dieser Prozeß sich "von selbst" vollzieht; er bedarf vielmehr der aktiven und bewußten Beteiligung, diesen Möglichkeitsraum zu nutzen; vielfach müssen wir dabei gegen den Strom schwimmen.

3 Zur Geschichte des Verhältnisses von Medizin / Behinderung

Bis ins 16. Jhdt. war "Behinderung" - insbesondere die geistige Behinderung (wie übrigens auch die psychischen Krankheiten) - kein Thema der damaligen Medizin. Ein grundlegender Wandel in diesem Verhältnis ist etwa in den Zeitraum von der Mitte des 16. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zu datieren.

In dieser Epoche dauerte es etwa 100 Jahre, bis die Verankerung naturwissenschaftlicher Konzepte im medizinischen Denken und in der medizinischen Praxis vollzogen war (TUTZKE 1983): Die ursprünglich dominierenden humoralpathologischen Konzepte (die Lehre von den Mischungen der Körpersäfte) wurden Schritt für Schritt von mathematisch-mechanischen Konzepten, die sich auf naturwissenschaftliche Experimente stützen, abgelöst. Auf diese Weise entstand das Modell der "Krankheitsbilder" auf physikalisch-chemischer Basis, die Grundlage der Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens in der Medizin.

Die konkrete Gestalt, die dieser Prozeß für das Verhältnis von Medizin und Behinderung hatte, illustriert ein Beispiel - die "Entdeckung" d. Kretinismus / Schwachsinns durch die Medizin - am Ende des 18. Jahrhunderts (AUS DER SCHMITTEN 1985): Zwei Ärzte, die Brüder Wenzel, reisen durch Salzburg und beschreiben ihre Beobachtungen. Aus diesen Aufzeichnungen ist das Paradigma, das ihren Beobachtungen zugrundeliegt, deutlich zu erkennen: Um das Phänomen, das sie beobachten, zu erforschen, verbinden sie naturwissenschaftliche Genauigkeit mit einer Analyse der Lebensbedingungen der Menschen ("ökologischer Ansatz") und einer humanistischen Grundposition.

Etwa 50 Jahr später - in der Periode nach der bürgerlichen Revolution des Jahres 1848 in Österreich - beschäftigte sich Dr. Franz Valentin Zillner (1860, zit. n. aus der SCHMITTEN 1985) mit demselben Thema. ZILLNER war ein sozialpolitisch engagierter Arzt, selbst Aktivist der 48-er Revolution, kurz ein Repräsentant des Vertreter d. liberalen Bürgertums. Er wandte sich gegen biologistische Konzepte, die in Begriffen wie "kretinischer Habitus" oder "entartete Menschenrasse in den Alpen" in der damaligen Literatur ihren Niederschlag fanden; er sprach sich gegen die ungeprüfte Annahme von Erblichkeit bei familiärer Häufung von Idiotie aus.

Sein Verständnis des Problems wird in folgenden Aussagen deutlich: Er beschreibt "Idiotie" als

  • "Beeinträchtigung, Mangelhaftigkeit, Hemmung, Unterbrechung, Rückgang oder gänzliche Verhinderung d. Entwicklung d. kindlichen Geistes"

  • "krankhaften Zustand des Cereprospinalsystems"

  • "Volkskrankheit", abhängig von Lebensform und Struktur der Bevölkerung

Wiederum werden die Kernpunkte des Paradigmas, das für die Beziehung von Medizin und Behinderung maßgebend ist, deutlich: Geistige Behinderung wird verstanden als

  • Produkt eines Entwicklungsprozesses!

  • verankert in der biolog. Struktur

  • von Lebensbedingungen abhängig

Dieses Paradigma basiert auf dem Wissenschaftsverständnis des liberalen Bürgertums als revolutionärer Klasse.

Der bald darauf vollzogene Paradigmenwechsel wird in folgendem Zitat (aus der SCHMITTEN 1985, S 99) besonders deutlich herausgearbeitet:

"Die Auffassung Zillners vom Schwachsinn als krankhaftem Zustand d. Cerebrospinalsystems war eine befreiende - nämlich den Schwachsinn von der moralischen Verurteilung befreiende Auffassung; dieselbe naturwissenschaftlich-medizinische Konzeption hatte später, verbunden mit Vererbungstheorien und Ausdehnung des Geltungsbereichs eine hemmende und diskriminierende Wirkung".

Aus der Schmitten beschreibt hier die wesentlichen Punkte des Biologismus: Die Verabsolutierung, Überdehnung und Fehldeutung biologischer Erklärungen.

Versuchen wir, dem Weg des Biologismus, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum dominierenden Paradigma wird, zu folgen: Der Mensch wird als Objekt des Messens und Zählens, des Vergleichens mit allgemeingültigen, ewigen Normen zum Gegenstand der Wissenschaft. Eine in Ranke's Buch "Der Mensch" (RANKE 1923) publizierte Tabelle zur "ästhetisch-künstlerischen und wissenschaftlichen Betrachtung der Menschengestalt" macht gemeinsam mit dem nachfolgenden Text deutlich, worum es geht: Hier werden die Körpermaße von "weissen Soldaten, Studenten, Vollblutnegern, Mulatten" penibel aufgeführt und verglichen und mit folgendem Text kommentiert:

"Diese Tab. wird uns für die eingehendere ... Untersuchung der Unterschiede und Ähnlichkeiten ... innerhalb des Menschengeschlechts von allergrößter Bedeutung werden. Es wird sich ergeben, daß die an sich verhältnismäßig gering erscheinenden Abweichungen sowohl zwischen den Proportionen der verschiedenen Beschäftigungskreise der Weißen als zwischen diesen im Ganzen und den Farbigen doch eine sehr deutliche Sprache und nicht mißzuverstehende Sprache reden. Der Fortschritt der naturwissenschaftlichen Erkenntnis beruht nicht auf einer Methode der Ausgleichung der bestehenden Abweichungen ... sondern auf einer möglichst scharfen und genauen Hervorhebung der Unterschiede..." (RANKE 1923, S 18)

Schon in dieser Textpassage wird die Kontur der Rassenbiologie sichtbar. Die Frage, wozu dieser Ansatz nützlich ist, gibt Ranke in seinem Vorwort zur 3. Auflage im Jahre 1911:

"Die Rassenkunde wird durch die deutschen Kolonien für uns von immer steigender aktueller Bedeutung." (RANKE 1923, S VI).

Hier wird es nun deutlich: Kolonialismus und Rassenkunde treten als Zwillinge auf. Die Rassenkunde wird weiter"entwickelt" zu einer menschenverachtende Extremform, in der der Mensch zum Objekt einer Pseudo- Wissenschaft degradiert wird; sie liefert wenig später die Legitimation für die systematische Menschenvernichtung.

Vor und gleichzeitig mit der Tötung von Millionen von Menschen, denen bestimmte Rasseneigenschaften zugeschrieben wurden - Juden, Zigeunern... - wird ein Vernichtungsfeldzug gegen "Erbkranke" geführt: etwa 300.000 Zwangsterilisationen werden durchgeführt (BERGER, MICHEL 1997) und etwa 250.000 psychisch kranke und behinderte Menschen werden in den Jahren 1939-45 getötet. Die Rolle der Medizin in diesem Kontext wird in einer wachsenden Zahl von Publikationen (DÖRNER et al. 1980, SEIDEL et al. 1987, BERGER 1988, KLEE 1993, SUEßE u. MEYER 1993 etc.) immer detailreicher erkennbar:

Eine zur biologistischen Pseudowissenschaft pervertierte Medizin war Lieferant der Begründungen und Ausführungsorgan bei der mit industrieller Perfektion organiserten Tötung behinderter Menschen!

Aber dieser Vorwurf kann nicht auf die Medizin beschränkt werden! Auch in der Geschichte der Nachbardisziplinen - Jugendfürsorge, Sonderpädagogik - werden parallele Konturen sichtbar (z.B. KLEE 1993). In Wien umfaßte die Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" (die gleichnamige heilpädagogische Klinik wurde erst zwei Jahre später gegründet) etwa die Hälfte der Anstalt "Steinhof" und erhielt Zugänge aus ganz Deutschland - vorwiegend behinderte Kinder unter dem 14.Lebensjahr, die zur Tötung weitergeleitet wurden (BERGER 1988).

4 Der Weg in die Gegenwart

Nach 1945 fand der Vernichtungsfeldzug sein Ende. Es kam aber zu keinem Paradigmenwechsel!

Führen wir uns nochmals den Kern des Paradigmas vor Augen, um Beispiele für seinen Fortbestand erkennen zu können:

Es geht um die Verabsolutierung biologischer Fakten einschließlich ihrer Überdehnung und Verfälschung; besonders häufig trifft man auf die Erklärung psychischer und sozialer Aspekte aus biologischen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man der Annahme folgt, aus dem Faktum einer Veränderung der Genstruktur (z.B. bei Trisomie 21) oder einer Schädigung des Gehirns das Verhalten eines Menschen erklären zu können.

Ziehen wir auf diesem Hintergrund einige Stichproben aus der Fachliteratur (wobei festzuhalten ist, daß keiner der Wissenschafter in irgendeiner Nähe zum Nazi-Regime stand):

a) Im allgemein anerkannten "Lehrbuch d. Kinder- u. Jugendpsychiatrie" (HARBAUER et al. 1971) werden im Kapitel "Oligophrenie" auf 35 Seiten 85 biologisch definierte Syndrome beschrieben; diese Beschreibung bleibt meist rein phänomänologisch ohne therapeutische Konsequenz. Die psycho-sozialen Aspekte werden auf 2 Seiten abgehandelt.

b) Auf dem Deutschen Jugendpsychiatrie-Kongreß wird 1977 auf dem Hintergrund einer ähnlichen "Diagnostischen Einteilung nach Leitsymptomen" (z.B.: "Oligophrenie + Cerebralparese" oder "Oligophrenie bei besonderen Syndromen") die Forderung nach Sterilisation geistig Behinderter ("Verminderung der Intelligenz unter das Niveau 80 nach HAWIE") erhoben - gegebenenfalls auch gegen den Willen der Eltern. Mit keinem einzigen Wort werden die 300.000 Zwangsterilisationen der Nazizeit erwähnt! (RETT 1979)

c) 10 Jahre später wird unter Betonung der Wichtigkeit der biologischen Fakten eine dringliche Warnung vor umfassenden Integrationsbestrebungen ausgesprochen und eine Beschränkung der schulischen Integration auf Einzelfälle gefordert. Dieser Text beginnt mit folgender Passage: "Die Stellung des Arztes in der Behinderten-Szene verliert immer mehr an Bedeutung und zwar in jenem Maße, in dem sich eine nicht mehr kontrollierbare `Behinderten-Romantik`, getragen von fanatisierten Pädagogen und Psychologen in unserem Schulsystem mit dem Schlagwort der `vollen Integration` aller Behinderten in die Regelschule durchsetzt" (RETT 1987).

5 Möglichkeiten des Paradigmenwechsels

Die eingangs aufgestellte Behauptung, daß heute Möglichkeiten für einen Paradigmenwechsel vorhanden sind, muß nun durch den Nachweis entsprechender Anhaltspunkte eingelöst werden.

5.1 Voraussetzungen

In der Psychiatrie wurden Kenntnisse gewonnen, die biologistischen Kausalitätsannahmen widersprechen; so stellt z.B. RESCH (1988) in einer kenntnisreichen, kritischen Sichtung der aktuellen Literatur fest, daß es keinerlei verläßliche Anhaltspunkte dafür gibt, daß biologische Befunde (hormonelle, morpholog. etc.) psychische Störungen erklären könnten.

Diese Feststellung ist insofern von betächtlicher praktischer Relevanz, als wir feststellen müssen, daß ein Hinweis auf ein XY - Syndrom keine Erklärung für irgendeine psychische Krise oder Verhaltensauffälligkeit eines Menschen ist!

Eine weitere wesentliche Voraussetzung für die Überwindung des biologistischen Paradigma stammt aus dem Bereich der Neurosciences: Wir wissen heute, daß sich biologische Systeme - insbesondere das Nervensystem - nach dem Prinzip der Selbstorganisation in Abhängigkeit von ihrer Tätigkeit strukturieren. Daraus resultiert ihre Veränderbarkeit.

Die Relevanz dieser Erkenntnis für die Praxis lautet: Ein biologisches Defizit ist keine absolute Konstante, sondern eine unter anderen Bedingungen für das Leben, die relative Plastizität aufweisen.

5.2 Ziele

Die wissenschaftliche Basis des neuen Paradigmas ist im Sinne einer Rehabilitationswissenschaft zu formulieren (BERGER 1993), die von einem bio-psycho-sozialen Menschenbild ausgeht

Es bedarf der Kooperation multidisziplinärer Teams in der Wissenschaft und in der Praxis der Betreuung behinderter Menschen; der Kompetenztransfer (vgl. FEUSER, MEYER 1987) hat hierbei einen zentralen Stellenwert.

Schließlich ist eine Neudefinition der Rolle der Medizin erforderlich:

  • Die Medizin muß in Diagnostik u. Therapie ihren Gesichtskreis um die psychische und soziale Dimension erweitern und biologische Bedingungen als veränderbar erkennen. Eine Rückbesinnung auf die Traditionen der Sozialmedizin des 19. Jahrhunderts kann dafür durchaus nützlich sein.

  • Die Medizin muß auf die Dominanzposition im Kreise sozialer Institutionen verzichten.

  • Die Medizin muß ihre Erkenntnisse (biolog. u. psychosoziale) den betroffenen Menschen verfügbar machen anstatt sie als "Herrschaftswissen" zu verwalten. Die Gangbarkeit dieses Weges erweist sich in der Praxis:

In der Begegnung mit chronischen psychischen Problemen und akuten Krisen behinderter Menschen stellen wir fest, daß ihnen und ihren Angehörigen jahrelang vermittelt wurde, daß es sich hierbei um untrennbare Bestandteile des organischen Defekts handelt. Es zeigt sich jedoch, daß eine gemeinsame Entschlüsselung der psychosozialen Entstehungsbedingungen in der psychotherapeutischen Arbeit auch nach vielen Jahren noch möglich und fruchtbar ist und die dabei gemeinsam gewonnen Erkenntnisse von den Betroffenen verwertet werden können. (Dieser Weg wurde vor mehr als 10 Jahren von Renate Schernus begonnen - DÖRNER et al. 1980)

  • Schließlich muß sich die Medizin dem Problem stellen, eine kritisch und sensible Bestimmung der Position zwischen subjektiver Solidarität mit ihren Klienten und objektiver Distanz tagtäglich neu vorzunehmen: Die schwierige Aufgabe des Arztes besteht darin, zuerst die Krankheit von der Person zu trennen, sie zu studieren, sie dann wieder mit dem Kind und seiner Familie zu einem Ganzen zusammenzufügen und dann erst die Entscheidung über eine etwaige Therapie zu treffen; es geht um eine "Dialektik von Krankheits- und Gesundheitsmedizin" (vgl. MILANI-COMPARETTI 1987).

5.3 Schwierigkeiten

Daß dieser Prozeß der Konstituierung eines neuen Paradigmas nicht als Automatismus verläuft, sondern der aktiven Gestaltung bedarf, habe ich bereits festgestellt. Die dabei auftretenden wesentlichsten Schwierigkeiten sind zu benennen.

  • Die Hartnäckigkeit des biologistischen Paradigmas ist beträchtlich und gewinnt eine neue (scheinbare) Stützung durch Fortschritte der Genforschung.

  • Die Molekularbiologie hat sich neben den Computerwissenschaften und neben der Kommunikationstechnologie zu einer tragenden Säule wissenschaftlicher Forschung und zu einer potenten Wirtschaftskraft entwickelt. Sie verdrängt sozialwissenschaftliche Ansätze aus dem Spektrum der Wissenschaften vom Menschen.

  • Wir sind mit verstärkten Tendenzen zu einer neuen "Euthanasie" - Ideologie konfrontiert.

  • Unter den Bedingungen wirtschaftlichen Rezession besteht die akute Gefahr der Verschlechterung der sozialen Position behinderter Menschen - behinderte Menschen werden Opfer der als "Sparpolitik" ausgegebenen Umverteilungspolitik.

  • Statusinteressen und Standesinteressen verschiedener Berufsgruppen im medizinischen und psychosozialen Feld werden als Widerstand gegen interdisziplinäre Kooperation und Kopetenztransfer wirksam.

6 Schluß

Das Anliegen meines Beitrags war es, die spezifisch Rolle der Medizin und ihres Kerns, des biologist. Paradigmas darzustellen. Die Konsequenz lautet: Die Medizin hat Schuld auf sich geladen, da sie die Protagonistin des biologistischen Paradigmas ist; sie ist aber nicht seine einzige Akteurin! Es ist notwendig, die Chancen zur Überwindung des Paradigmas zu nutzen und gleichzeitig auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, weil auch hier keine historische Automatik wirksam ist, sondern ein politischer Kampf geführt werden muß!

Literatur:

BERGER E.: Neurophysiological and psychological aspects of rehabilitation, Activity Theorie 13/14, 45-47, 1993

BERGER E.: Psychiatrie im Faschismus. Behinderte 11, 59-62, 1988

BERGER E., MICHEL Barbara: Zwangssterilisation bei geistiger Behinderung. Wr. Klin. Wochenschr. 109 / 23, 925-31, 1997

CLOERKES: Soziologie der Behinderung, 1998

FEUSER, G., MEYER H.: Integrativer Unterricht in der Grundschule; Jarick, Oberbiel 1987

DÖRNER K., HAERLIN Ch., RAU V., SCHERNUS R., SCHWENDY A. (Hrsg.): Der Krieg gegen die psychisch Kranken. Rehburg-Loccum 1980

HARBAUER H., LEMPP R., NISSEN G., STRUNK P,: Lehrbuch der speziellen Kinder- u. Jugendpsychiatrie. Springer, Berlin 1971

JANTZEN W.: Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens. Deutsches Jugendinstitut; München 1982

JANTZEN W.: Eklektisch-empirische Mehrdimensionalität und der "Fall" Stutte. Zschr. Heilpädagogik Heft 7, 454-72, 1993

KLEE E.: Irrsinn Ost, Irrsinn West; Psychiatrie in Deutschland. Fischer, F/M 1993

MILANI-COMPARETTI A.: Grundlagen der Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in Italien. Behindertenpädagogik 26, 227-34, 1987

PETERS H.: Der Arzt und die Heilkunst in alten Zeiten. Diederichs-Verlag, Düsseldorf 1976 (5. Aufl.)

RANKE J.: Der Mensch. Bibliograph. Inst., Leipzig 1923

RESCH F.: Das Dilemma der psychobiologischen Forschung vom Standpunkt der Vulnerabilitätshypothese. Acta Paedopsychiat. 51, 51-55, 1988

RETT A.: Klinische, genetische, soziale und juridische Aspekte bei der Sterilisation geistig behinderter Jugendlicher. In: MÜLLER-KÜPPERS M., SPECHT F. (Hrsg.): Recht - Behörde - Kind. Probleme und Konflikte der Kinder- u. Jugendpsychiatrie. Huber, Bern 1979

RETT A.: Die schulische Integration geistig behinderter Kinder; ein ärztliches - schulärztliches Problem. Mitt.Österr. Sanitätsverw. 88, 177-80, 1987

aus der SCHMITTEN I.: Schwachsinnig in Salzburg. Umbruch-Verlag, Salzburg 1985

SEIDEL, MEYER H., SUEßE Th.: "Hilfreiche Anpassung - hilflose Fügung". Psychiat. Praxis 14, 1987

SUEßE Th., MEYER H.: Die "Kinderfachabteilung" in Lüneburg: Tötung behinderter Kinder 1941-45. Praxis Kinderpsychol., -psychiat. 42, 234-40, 1993

TUTZKE D.(Hrsg.): Geschichte der Medizin. VEB Verlag Volk u. Gesundheit. Berlin 1983

Quelle:

Ernst Berger: Medizin - Behinderung - Integration. Gibt es einen Paradigmenwechsel?

Schulheft 94, 1999 (S 19 - 28). Überarbeitete Fassung des Vortrags "Was hat die Medizin mit Behinderung zu tun" beim 9. Österr. Symposium f. d. Integration behinderter Menschen; 1993, Feldkirch.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.06.2009

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