Evaluation und Dokumentation in der konduktiven Förderung

AutorIn: Ernst Berger
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Schlagwörter: Therapie, Förderung, Evaluation
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Vortrag beim 5. Treffen der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für konduktiv-mehrfach-therapeutische Förderung, 5.3.1993, Wien
Copyright: © Ernst Berger 1993

1. Allgemeine Thesen:

These 1:

Die Zielsetzung der Dokumentation bestimmt Form und Inhalt. Eine "ziellose Dokumentation" birgt Fehlläufe und Gefahren in sich.

These 2:

Es gibt keine wertfreie bzw. rein deskriptive Dokumentation; jede Dokumentation beruht auf einen - zumindestens impliziten - inhaltlichen Konzept.

These 3:

Gefahren der Dokumentation bestehen in der Erfassung von Pseudoinformationen oder Fehlinformationen aufgrund mangelnder Kooperationsmöglichkeiten der datenerhebenden MitarbeiterInnen sowie in einer Stigmatisierung und Siplifizierung der Klienten.

Aus den genannten Gründen stellt ein valides Dokumentationssystem hohe inhaltliche Anforderungen und ist deshalb für den Bereich der konduktiven Förderung in Österreich derzeit noch nicht vorhanden. Die folgenden Aussagen beschränken sich daher auf die Skizzierung von Grundzügen.

2. Forderungen an eine Dokumentation im Rahmen der konduktiven Förderung:

2.1. Ein Dokumentationssystem muß geeignet sein, den Entwicklungsprozeß auf mehreren Dimensionen abzubilden. Das Modell "der Mensch als biopsychosoziale Einheit" bietet eine geeignete Grundlage. Dabei ist zu berücksichtigen, daß auf den verschiedenen Ebenen Ungleichzeitigkeiten der Entwicklung bestehen.

2.2. Dokumentation muß sich am Prinzip der Prozeßdiagnostik orientieren. An die Stelle des in den meisten diagnostischen Verfahren üblichen Vorganges der Querschnittserhebungen mit Orientierung an statistischen Durchschnitten sollte das von WYGOTSKI formulierte Konzept der "Zone der nächsten Entwicklung" treten.

2.3. Inhalt der Dokumentation müssen intraindividuelle Fortschritte sein und nicht die Zuordnung zu Gruppen und Klassen.

2.4. Die Dokumentation muß der praktischen Arbeit in der Förderung der Bewegungsentwicklung dienen.

2.5. Das Problem der Bestimmung des Zieles der Entwicklungsförderung (angestrebtes Optimum) ist lösungsbedürftig: geht es um die Ausführung bestimmter Bewegungen, oder um die Möglichkeit, ein bestimmtes Motiv durch individuell gestaltete Bewegungsabläufe zu realisieren?

3. Methodische Aspekte:

3.1. Entwicklungsbereiche: In verschiedenen, bisher vorliegenden, Ansätzen zur Dokumentation im Rahmen der konduktiven Förderung wurde der Weg gewählt, die verschiedenen Entwicklungsbereiche parallel darzustellen:

  • In einem Dokumentationsbogen des Petö-Institutes in Budapest werden folgende Bereiche beschrieben: Grobmotorik, Verhalten bei der Pflege, kognitive Entwicklung (Visuomotorik, Manipulation, Spieltätigkeit), Lautbildung und Sprache.

  • Im Projekt zur konduktiven Förderung der Universität Siegen gemeinsam mit Taunus-Klinik werden folgende Bereiche beschrieben: Entwicklungsneurologischer Befund, Perzeptionsbefund, Kommunikation, Spielverhalten, sowie Anwendung zusätzlicher Entwicklungsskalen. Laut diesem Hintergrund schlagen wir folgendes Modell vor:

Persönlichkeitsentwicklung

Aufmerksamkeitssteuerung

Spieltätigkeit

Lerntätigkeit

Alltag/versorgung

Kommunikationsstruktur

Bewegungsentwicklung

Statomotorische funktionen

Lokomotorische funktionen

Visuomotorische funktionen

Kinetische module

3.2. Verfahren der Abbildung: Innerhalb der verschiedenen Entwicklungsbereiche kann die Abbildung von Entwicklungsfortschritten anhand standardisierter und quantifizierender Testverfahren, semiquantitativer Beurteilungen oder narrativer Beschreibungen erfolgen.

Wir schlagen vor, innerhalb der einzelnen Entwicklungsbereiche Grobschemata von Entwicklungsschritten als Leitlinien vorzugeben und die Entwicklungsprozesse entlang dieser Leitlinien narrativ darzustellen.

Quelle:

Ernst Berger: Evaluation und Dokumentation in der konduktiven Förderung

Vortrag beim 5. Treffen der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für konduktiv-mehrfach-therapeutische Förderung, 5.3.1993, Wien

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.07.2005

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