Sich erinnern

Vorwort 6/99

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/99. Thema: Sich erinnern Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (6/1999)
Copyright: © Josef Fragner 1999

Inhaltsverzeichnis

Sich erinnern

Bevor wir dem Milleniumstaumel verfallen, schnell verglühende Zukunftsraketen zünden, sollten wir innehalten und uns erinnern.

Ich weiss, der Zeitgeist ist nicht auf der Seite der Erinnerung. Er forciert den Zwillingsbruder der Erinnerung - das Vergessen - und fordert einen Schlussstrich. Der Zeitgeist fordert das now and the future, um nicht über das Wirken der Zeit nachdenken zu müssen.

"Die Zeit, die mit der Katastrophe" - Peter Gstettner meint damit den Massenmord in der NS-Zeit - "ohne Erinnerung und Bearbeitung verstrichen ist, lässt den Schatten, den die Katastrophe in die Gegenwart hinein wirft, immer kürzer werden". (Gstettner) Die erinnerungslose Zeit begünstigt das Vergessen der Taten und der kollektive Gedächtnisverlust fördert die Entschuldigung der Täter. Die Zeit heilt aber keine Wunden bei den Opfern.

"Wenn es keinen Akt der Anerkennung des Geschehenen gibt, behält das Geschehene seinen zerstörerischen Einfluss auf die Kinder der Opfer und Täter. Solange allein die Opfer öffentlich machen, dass ein Unrecht geschehen ist, heilen die Wunden nicht. Erst wenn die Täter öffentlich machen, dass ein Unrecht geschehen ist, dass sie das Unrecht begangen haben, und dass es ihnen leid tut, können die Dinge beginnen, wieder ins Lot zu geraten". (Walter Kohl) Dabei haben wir viele herkömmliche Annahmen zu revidieren.

Die Vollstrecker der Gräueltaten waren kein Haufen verrückter Fanatiker, denen selbst die grundlegensten moralischen Normen abhanden gekommen waren - im Gegenteil: Dieselben Menschen verhielten sich in ihrem Privatleben häufig "anständig", beteiligen sich an einem vielfältigen Kulturleben, protestierten gegen soziale Ungerechtigkeiten usw. Ernst Klee weist nach. "Die deutsche Psychiatrie wurde von den Nazis nicht missbraucht, sie brauchte die Nazis".

Zum kollektiven Erinnern kommt oft individuelles Erinnern. "Man muss durch den Schmerz hindurch gehen, um wieder frei zu sein" - wie es Frau Pumm in der Trauer um ihre geliebte Tochter Carina ausdrückt.

Hilarion G. Petzold zeigt in seinem Beitrag auf, sollten wir Lebensgeschichte verstehen lernen, so müssen wir lernen, uns selbst zu verstehen.

Wesentlich dabei ist, ob der "Ort der Kontrolle" noch bei den Menschen liegt, oder ob man der traumatischen Situation hilflos, also ohnmächtig ausgeliefert ist.

Ohnmacht plus Trauma, also Ohnmacht ohne helfende und haltende Menschen, wird besonders schlimm erfahren. Der wichtigste Schutzfaktor für Menschen ist ein bedeutsamer, sorgender Anderer. Weil Identität immer konfigurativ, also eingebunden in Vielfalt ist, daher muss subjektive Geschichte immer als "erlebte Geschichte" gemeinschaftlich erzählt, in die Gegenwart gesetzt, betrauert oder beglückt erinnert werden.

Peter Gesttner, der auch die Anregung zu diesem Heft gab, zeigt in seinen einfühlenden Gesprächen, dass ein tragendes Netz beim gemeinsamen Erinnern aus Mitgefühl und Achtung vor menschlicher Würde gestrickt sein muss.

Josef Fragner

Chefredakteur

INTERN

Frau Margarete Mader verlässt mit dieser Nummer die Redaktion. Leider!

Sie hat in den letzten Jahren wesentlich dazu beigetragen, dass die Zeitschrift BEHINDERTE so dasteht, wie sie ist - mit einem auch international beachteten Niveau und einer erstaunlichen Lebensfähigkeit. Dahinter steckt nicht nur ein unermüdlicher Fleiss, sondern auch ein wohlwollende und wertschätzende Betreuung der Autoren. Viele haben das auch in Linz persönlich erfahren können.

In Dankbarkeit wünschen wir Frau Mader für ihren zukünftigen Weg alles Gute!

Quelle:

Josef Fragner: Sich Erinnern - Vorwort 6/99

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/99; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.09.2005

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