Erkundungen in einem weiten Land, das Erinnerung heißt

AutorIn: Peter Gstettner
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/99. Thema: Sich erinnern Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (6/1999)
Copyright: © Peter Gstettner 1999

Erkundungen in einem weiten Land, das Erinnerung heißt

Was macht Erinnerungsarbeit zur Schwerarbeit? Ich glaube, es ist der Umstand, dass das Wechselspiel von Erinnern und Vergessen nicht so natürlich ist, wie der Übergang von Tag und Nacht. Erinnerungsarbeit kämpft gegen die Verdunkelung des Tages und will die Erhellung der Nacht, denn es ist nicht "die Natur", die hier am Werke ist, sondern es ist die Gesellschaft, die ein Problem mit ihrer dunklen Vergangenheit hat und deshalb die öffentliche Erinnerung scheut.

"Aber wie können wir uns denn erinnern,

da wir doch gar nicht gelebt haben,

als das geschah, nicht zu reden von dem, was davor war?"

(Schindel 1995, S. 30)[1]

Im Rückblick auf den Beginn meiner Erinnerungsarbeit steht als auffälligstes Merkmal nicht die Selbstbetroffenheit sondern ein damals noch unklarer pädagogischer Auftrag. Niemand hatte ihn für mich formuliert und doch war er da. Es war die Empfindung, vor der Aufgabe zu stehen, für mich und andere einen Weg zu finden, um in den "längsten Schatten der Geschichte" (Geoffrey Hartman) zu gelangen, um eine Vergangenheit aufzusuchen, die mir selbst bestenfalls vom Hörensagen bekannt war, eine Geschichte, die nicht abgeschlossen, dafür aber fest verschlossen war. 1945 zu Kriegsende geboren und aus einer Familie kommend, die diese Vergangenheit wie ein Geheimnis gehütet hat, war ich zunächst schlicht neugierig, auf diesem Weg vielleicht den Schlüssel zu finden, der mir den Zugang zum Geheimnis eröffnet. Vielleicht stand hinter dieser naiven Neugierde auch Begierde, Wunsch und Verlangen, etwas Licht in die Schatten der eigenen Geschichte zu bringen, um meinen Ursprung, meinen Platz in der Geschichte, besser bestimmen zu können (vgl. Affinati 1999)[2]. Heute glaube ich zu wissen, daß der Schlüssel "Erinnerung" heißt und daß das Geheimnis darin besteht, daß wir selbst dieses Land sind, das es zu entdecken gilt.

Die Zeit, die seit der Katastrophe[3] ohne Erinnerung und Bearbeitung verstrichen ist, läßt den Schatten, den die Katastrophe in die Gegenwart hinein wirft, immer kürzer werden. "Die Zeit", schreibt Geoffrey Hartman, "ist nicht auf der Seite der Erinnerung. Dem Wunsch nach einem Schlußstrich (und seinem Zwillingsbruder, dem Vergessen) zu widerstehen, heißt, daß wir genauer über das Wirken der Zeit nachdenken müssen." (Hartman 1999, S.16) Wie wirkt die Zeit in einer Gesellschaft, die auf Tempo und Gewinn ausgerichtet ist ("Zeit ist Geld"), die Leistung erbarmungslos über den Konkurrenzkampf einfordert, die "Identität" als Egoismus der Aus- und Abgrenzung definiert und die Mitleid und Mitgefühl ganz unten auf ihrer Werteskala angesetzt hat?

"Globalisierung", meint der prominente Vertreter der Befreiungstheologie Leonardo Boff, kann auch in Zeiten wie diesen einen Fortschritt in der Entwicklung der Menschengattung bedeuten, "freilich nur wenn sie begleitet wird von einer Ethik des Mitgefühls und der Sorge für alles, was existiert und lebt. (...) Eine Ethik, die sich durch Spiritualität artikuliert, kann für die Welt ein glücklicher Neuanfang und ein neues Paradigma der Zivilisation werden: sensibler, mitfühlender, herzlicher und spiritueller - und geeignet, eine aussichtsreiche Zukunft zu garantieren: für die Erde und für die Söhne und Töchter der Erde, die Menschen" (Boff 1999, S. 29).

Speziell die Nachkriegszeit, die verrinnt, ohne daß der Opfer gedacht wird, kennt keine "Ethik des Mitgefühls". Sie zerfließt, ohne sich um moralische Prinzipien zu kümmern. Für die Opfer wirkt sie "mitleidslos", weil sie auf der Seite der Täter zu stehen scheint. Die erinnerungslose Zeit begünstigt das Vergessen der Taten und befördert die Entschuldung der Täter, in dem die gesellschaftliche Amnesie, das heißt, der kollektive Gedächtnisverlust, ein schwarzes Loch der diffusen Unzuständigkeit und Verantwortungslosigkeit hinterläßt. So können die ehemaligen Täter sagen, sie wären nicht haftbar zu machen für das, was geschehen ist; sie hätten nur getreu dem Fahneneid "ihre Pflicht erfüllt" und sie wären im übrigen selbst Opfer der Diktatoren ihrer Zeit gewesen. Was liegt dann näher, als zu fordern, unter die ganze Diskussion über die Vergangenheit möge ein "Schlußstrich" gezogen werden. Daß diese Forderung nicht nur von Vertretern der Kriegsgeneration kommt, sondern auch von relativ jungen Politikern der Generation der "Nachgeborenen", beweist nur die nachhaltige Wirkung der erinnerungslos verflossenen Zeit. Diese Wirkung ist intergenerativ, das heißt, sie pflanzt sich fort; die Söhne treten in die Fußstapfen ihrer Väter, übernehmen deren Gedächtnislücken und nutzen die gesellschaftliche Amnesie, um die Väter gegen das In-Erinnerung-rufen ihrer Taten zu verteidigen. "Mein Vater war kein Mörder", so zitiert Helga Embacher (1999) eine typische Reaktion eines Besuchers der Wehrmachtsausstellung (vgl. auch Gstettner 1996).

Ist diese Reaktion noch klar bestimmbar als spontane Angstabwehr im Schock des drohenden Gefühls, eine Welt der intakten Erinnerungsverklärung und des Gehorsams gegenüber dem mächtigen Vater könne zusammenbrechen, so setzen andere Reaktionen schon voll auf die Wirkung der gesellschaftlichen Amnesie bzw. auf die daraus resultierende politische Unaufgeklärtheit. Als der in Italien verurteilte Kriegsverbrecher, der ehemalige SS-Hauptsturmführer Walter Reder, nach Österreich überstellt und hier von FPÖ-Politikern feierlich empfangen wurde, fand es Jörg Haider "erschütternd", wie Walter Reder "zur Symbolfigur für alle Greueltaten" erklärt wurde. Und dann folgte das "Bekenntnis" des Sohnes, der sich zum Fürsprecher der Vätergeneration macht, ihre "weißen Westen" verteidigt, und der kraft seiner Jugend ihnen einen "Persilschein" ausstellt. Damit hat er, im Dienste der funktionierenden gesellschaftlichen Amnesie, seine "Pflicht" erfüllt. Beziehung und Autoritätsverhältnis bleiben dadurch intakt. "Walter Reder war Soldat wie Hunderttausende auch. Er hat seine Pflicht erfüllt, wie es der Eid des Soldaten gebietet. (...) Das Schicksal Walter Reders (gemeint ist hier die Verurteilung wegen Kriegsverbrechen durch das Gericht einer "Siegermacht"; P.G.) hätte jeden unserer Väter ereilen können." [4] Welche Schicksalsmächte sind da wohl am Werk, daß, zumindest hypothetisch, alle unsere Väter brave SS-Gefolgschaftsmänner und verurteilte Kriegsverbrecher hätten sein können?!

Wir kennen die Reden dieser Politiker, die bei anderen Gelegenheiten für sich die "Gnade der späten Geburt" reklamieren und deshalb ihre "Unvoreingenommenheit" mit diesen Themen, Personen und Orten besonders betonen. Das hört sich dann so an: Sie haben überhaupt keine Berührungsängste mit der NS-Zeit; sie haben sich noch niemals antisemitisch geäußert; sie unterhalten zu Juden sehr gute Beziehungen; sie würden ihr Demokratieverständnis und ihre Friedenspolitik auch dem Staat Israel empfehlen; sie haben einen vorbildlichen Umgang mit den Minderheiten im eigenen Land; sie kennen Nationalismus und Rassismus nur von anderen Ländern usw.

Einseitige oder verkürzte Wahrnehmung der Realität, Projektion der eigenen Probleme auf andere, gezielte Desinformation, Verstärkung der Täterperspektive, Ausbau von Gedächtnislücken, Erinnerungsverleugnung usw., alle diese Strategien stellen sich in den Dienst der Angstabwehr. Auf diese Weise kommt es zur Abspaltung und Entfremdung von der eigenen Gefühlswelt. Die Angstabwehr wird aggressiv, muß sie doch auch jene Destruktivität verleugnen, "die sich unvermeidlich in jedem aufbaut und insbesondere dort, wo man von sich selbst und seinen Gefühlen getrennt ist" (Gruen 1986, S. 49). Der "Verrat am Selbst", wie Arno Gruen das Ergebnis dieses Mechanismus bezeichnet, führt zu einem Zirkel von Projektionen und Aggressionen, die ihr Sündenbock-Objekt rasch finden: Es sind die Ausländer, die Fremden, die Juden, die Journalisten, die Medien usw., von denen die Aggression ausgeht und die Schuld sind, wenn es uns schlecht geht.

Fremdenangst, Ausländerfeindlichkeit und das Schüren von Neid und Haß gehören offensichtlich zum politischen Programm aller Populisten. Dieses Programm ist daher längst nicht mehr den Geschichtsrevisionisten, Holocaustleugnern, den Überfremdungstheoretikern und Verfechtern einer "Neuordnung Europas" vorbehalten - eine andere Seite der zitierten "Globalisierung". Die Fremdenfeindlichkeit ist epidemisch geworden. Die Amnesie sorgt dafür, daß dies nicht ins Bewußtsein dringt. Angesichts der restriktiven "Ausländerpolitik" der reichen und übersättigten Industrieländer diagnostizierte Margarete Mitscherlich schon vor einigen Jahren besorgt: "Den dunkelhaarigen und dunkelhäutigen Opfern politischen und materiellen Elends in ihren Herkunftsländern, den Asylanten, aber auch den Fremdarbeitern werden häufig Kälte und Ablehnung entgegen gebracht. Kleinliche Angst vor eigenen materiellen Einschränkungen herrscht vor. Was sollen diese ‚schmutzigen' Menschen in unserem sauberen und reichen Deutschland? Hat die Erregung, die man ihnen gegenüber empfindet, vielleicht auch etwas mit unserer verdrängten Vergangenheit zu tun? Kehrt der alte ‚Untermensch', den die Nazis ermordet und vertrieben hatten, heute als Asylant zurück?" (Mitscherlich 1993, S. 86)

Der Gedächtnisschwund schlägt nur scheinbar eine Brücke des Verständnisses zwischen den Generationen. In Wirklichkeit wird nur der Blick von der Kluft abgewandt, um so die beunruhigende Nähe eines möglichen Abgrundes besser verdrängen zu können. Die zeitliche Distanz, das Es-ist-schon-so-lange her, soll darüber hinaus eine beruhigte Zone schaffen zwischen uns und dem Tatverdacht, zwischen Wissen und Gewissen. Auf diesem Ruhekissen haben mehrere Generationen nebeneinander Platz. "Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht", hat uns die Gesellschaft gelehrt. Gelernte Pflichterfüller sind auch brave Bürger und fragen nicht weiter nach, welche Gesellschaft da eigentlich den Lehrmeister spielt und wer so einen Zwang ausübt, daß wir uns diesen Vorschriften blind unterwerfen.

Die Auflösung des Individuums im gesellschaftlichen Konsens der Pflichterfüllung ist der Grund dafür, daß das kollektive Gedächtnis seine gesellschaftskritische Funktion weitgehend zurückgestellt hat. Dieses Einverständnis mit dem Konsens des Vergessens und Verdrängens zugunsten der Pflicht, Befehlen zu gehorchen (die ja auch eine bestimmte "Erinnerung" vorschreiben können), ist die eigentliche Barriere auf dem Weg zur Emanzipation, das heißt, zur Aneignung der eigenen Geschichte und des eigenen Lebens. In diesem fraglosen Einverständnis besteht die Unmoral der zweiten Pflichterfüllergeneration. Wenigstens sie müßte einen eigenen (und nicht einen fremden, entlehnten, konzessionierten) ethischen Standpunkt vertreten; wenigstens von ihr wäre zu erwarten, daß sie das sagt, was Jean Améry so formuliert hat: Dieser Konsenszwang ist ohne jede Relevanz für den sich moralisch als einzigartig begreifenden Menschen (vgl. Améry 1977, S. 115).

Die Zeit ist gnädig, wenn sie die Täter ihre Taten vergessen läßt. Für die traumatischen Erinnerungen der Opfer ist das Verrinnen der Zeit dagegen wenig hilfreich. Wenn die Opfer über ihre Situation sprechen, dann sagen sie einstimmig: "Die Gnade des Vergessenkönnens ist keinem beschieden, der im Konzentrationslager war. Das kann man nicht vergessen. Es ist nicht so, daß es, je weiter es wegrückt, einfacher und leichter würde. Es bleibt." (Jochmann 1994, S.16/17). Es bleibt. Die Zeit heilt also keine Wunden. Sie lindert auch nicht den Schmerz; sie macht keinen Schatten heller und keine Schuld kleiner. In dieser Hinsicht ist die Katastrophe nicht Vergangenheit sondern Gegenwart und zwar so lange, als wir die Wunden - verschämt oder unverschämt - negieren, verschweigen, verleugnen, verdrängen.

Jean Améry ist sogar der Meinung, daß uns die biologische Vorstellung von Wundheilung zu neuer Unmoral verführt hat. Die Zeit, die erinnerungslos verstreicht und die die Katastrophe vergessen läßt, scheint dem Täter in aller Stille seine Schuld zu vergeben. Sie schafft damit die Voraussetzung dafür, daß sich die Täter, Jahrzehnte nach den Kriegsereignissen, zu unpolitischen Rädchen in einem großen Getriebe und zu schuldlosen Opfern gewissenloser Machthaber stilisieren konnten. Als Überlebender der Katastrophe erhebt Jean Améry dagegen seine Stimme: "Die Welt, die vergibt und vergißt, hat mich verurteilt, nicht jene, die mordeten oder den Mord geschehen ließen....Die Zeit tat ihr Werk....Die Generation der Vernichter, der Gaskammerkonstrukteure, der jederzeit zu jeder Unterschrift bereiten, ihrem Führer verpflichteten Feldherrn wird in Würde alt." (Améry 1977, S. 120).

Zu ergänzen wäre: Gleichzeitig werden die Überlebenden noch einmal ermordet, weil sie vergessen werden und niemand ihnen ihre Würde zurückgibt. Im schwarzen Loch der gesellschaftlichen Amnesie erleben sie, Jahre nach der Befreiung, ihren zweiten Tod. Für einige von ihnen (Paul Celan, Jean Améry, Primo Levi u.a.) war erst dieser Tod, der Freitod, der endgültige. "Es ist", konstatiert Hartman (1999, S. 47), "als gehörten sie - die Überlebenden - am Ende doch zu den Toten." Jorge Semprun würde sagen, daß die KZ-Überlebenden eben "Wiedergänger" sind; sie haben eine Landschaft des Todes, die unmenschliche Wüste der Lager und die Menschenverachtung der Lager-SS, durchmessen und sind, gezeichnet an Körper und Seele, in die Welt der bürgerlichen Selbstgefälligkeit und gesellschaftlichen Amnesie zurückgekehrt - aber nie mehr vollständig. Dort, in der Mitte der gebildeten Gesellschaft, verbreitet ihr Auftauchen Angst und Schrecken, sind sie doch die lebendigen Zeugen dafür, daß die Inhalte der Verdrängung nach wie vor existent sind.

Seine eigene KZ-Erfahrung in Buchenwald beschreibt Jorge Semprun so: "Ich hatte den Tod nicht wirklich überlebt, ich war ihm nicht ausgewichen. Ich war ihm nicht entgangen. Vielmehr hatte ich ihn durchlaufen, von einem Ende zum anderen. Ich hatte seine Wege durchlaufen, hatte mich darin verloren und wiedergefunden, ungeheurer Landstrich, durch den die Abwesenheit rinnt. Kurz, ich war ein Wiedergänger. Und Wiedergänger jagen immer Angst ein." (Semprun 1995, S. 25). Deshalb macht es psychologisch durchaus Sinn, wenn die gesellschaftlichen Strategien der Angstabwehr sowohl nach innen als auch nach außen gerichtet sind. Sie sollen die doppelte Bedrohung abwehren, die Bedrohung, die von den überlebenden Zeitzeugen ausgeht, und die Bedrohung, die von den eigenen Schuldanteilen ausgeht.

Gegen die sich inflationär ausbreitende Amnesie ist das moralische Kapital der Erinnerungsarbeit nicht allzu hoch zu veranschlagen. Es muß ständig gegen den Zugriff der Zeit verteidigt werden. Jean Améry fordert deshalb die "Aufhebung der Zeit" und in weiterer Folge die "moralische Zeitumkehr", damit die Handlungen der Menschen in ihren ganzen sozialen und historischen Dimensionen wieder sichtbar werden, damit die Menschen sich wieder dafür verantwortlich fühlen. Denn sonst besteht folgende Gefahr: Wenn die Vergangenheit infolge der Amnesie verschwindet, dann erlischt, symbolisch gesehen, mit ihr auch der Mensch, seine Gegenwart und seine Zukunft. Seine Existenz wird zum unbegriffenen Schicksal, das irgendwie droht und irgendwann hereinbricht. "Die Gegenwart richtig einzuschätzen und die Zukunft zu antizipieren, hängt von unserem Vermögen ab, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wenn wir die Fähigkeit einbüßen, durch die Zeit zu reisen, dann verlieren wir das Bewußtsein für das, was wir sind und was wir wollen." (Schacter 1999, S. 261)

Erinnerungsarbeit ist also zunächst nicht dazu berufen, sich rasch an die Organisation von Versöhnungs- und Erlösungsversprechen zu machen. Im Gegenteil, Erinnerungsarbeit muß die tiefe Kluft zwischen den Opfern und den Tätern, die unausgetragenen Konflikte zwischen beiden, aktualisieren und die Geschichte ihrer Beziehung moralisieren. Sie muß die Verantwortlichen für die Katastrophe wieder benennen und sichtbar machen - nicht der Rache wegen, sondern der historischen Gerechtigkeit und der Ethik wegen. Nur durch das Anhalten der Zeit und durch das Aktualisieren des Konflikts kann es gelingen, daß beide, "Opfer und Schlächter", wie Jean Améry sie nennt, ihre radikale Gegensätzlichkeit, aber auch ihre gemeinsame Vergangenheit, wahrnehmen und bearbeiten. Das verursacht Schmerzen, die jeder lieber vermeiden möchte.

Die Erinnerungsarbeit bereitet den Tätern größere Schmerzen als den Opfern. Oft wäre ihnen lieber, sie würden vor einem Gericht stehen, angeklagt und verurteilt werden. So aber müssen sie Trauerarbeit leisten, weil sie mit ihren vielfältigen Verlusten umgehen lernen müssen: Sie haben ihren Glauben an den Führer verloren, sie haben Kameraden und Familienangehörige verloren, sie haben ihre beste Jugendzeit verloren, sie haben durch die Ausführung verbrecherischer Befehle ihre persönliche Integrität verloren, sie haben deshalb auch ihre moralische Autorität verloren, sie haben ihr Land und halb Europa zerstört, sie haben ganze Völker und Kulturen ausgelöscht und damit sich und die gesamte Menschheit schlagartig und unwiderruflich ärmer gemacht[5].

Diese Mithaftung für den Weg ins Verderben, auch ins eigene Verderben, anzunehmen und die Folgen zu betrauern, kann die Verwüstung zwar nicht ungeschehen machen, kann keinen einzigen Toten lebendig machen und keinen "Wiedergänger" in dieser Welt wieder heimisch werden lassen; dennoch sind die Wiedergewinnung der Fähigkeit zu trauern und der Wunsch zur Wiedergutmachung die einzigen wirklichen Anzeichen dafür, daß die seelische Verhärtung einer heilsamen Entwicklung gewichen ist. Diesen schmerzlichen Erinnerungsprozeß bewußt zu ertragen und langsam durchzuarbeiten bedeutet, Schritte in eine Zukunft zu machen, in der Mitgefühl und Einfühlung wieder lebbar sein werden.



[1] Der Frage von Robert Schindel kann hier nicht ausführlich nachgegangen werden. Wichtig erscheint mir, festzuhalten, daß es verschiedene Traditionen des Weitergebens bzw. Weitererzählens von Geschichte gibt, Traditionen, die in ihrer Summe das "kulturelle Gedächtnis" einer Gesellschaft ausmachen. Auch ist der Stellenwert, der dem Erinnern beigemessen wird, in verschiedenen Kulturen recht unterschiedlich. Übereinstimmung besteht, daß in der jüdischen Kultur das Erinnern den höchsten, weil religiös motivierten Stellenwert einnimmt. Das "Erinnere dich!" ist ein heiliges Gebot, mit dem sichergestellt werden soll, daß sich das Volk Israels seines Bündnisses mit Gott stets bewußt ist. Die Frage, wie Erinnerung geschieht, z. B. mit Hilfe welcher Gedächtnisstützen und Kommunikationswege, ist mindestens ebenso wichtig, wie die Frage, woran sich die Mitglieder einer Gesellschaft erinnern sollen, denn damit hängt die Frage zusammen, welche Ereignisse und Inhalte vergessen werden dürfen. Allerdings hält sich die Amnesie, der Gedächtnisverlust, nicht immer an die gesellschaftlichen Regeln und kulturellen Traditionen. Besonders dann, wenn es um emotional erschütternde Ereignisse geht - und ausschließlich von solchen wird hier die Rede sein -, sind Gedächtnis und Erinnerung relativ unverläßliche Kunden der gesellschaftlichen Instanzen, die die Vergangenheit normieren und die Geschichte vorinterpretieren wollen. Das "subjektive Gedächtnis" hat eine erhebliche Macht über das kollektive und persönliche Erinnerungsvermögen (vgl. Schacter 1999).

[2] Auch über die Wege zum Schlüssel ließe sich viel sagen. Nur allzu oft sind diese Wege verschlungen; ohne deutliche Markierung und ungesichert verlaufen sie entlang von Abgründen, die man nicht kennt aber fürchtet. Über unsere "Spurensuche in der Hinterlassenschaft der Vergangenheit" habe ich bereits an anderer Stelle berichtet (vgl. Gstettner 1998). Inzwischen verfügen wir über ein didaktisches Konzept, das unsere Erinnerungsarbeit mit den Studierenden anleitet. Wir haben es speziell vor dem Hintergrund der Sozialisationsbedingungen in Kärnten entwickelt. Mit den beiden Elementen "Schulung der interkulturellen Wahrnehmung" und "biographische Aufarbeitung verkommener Geschichte" (vgl. Gstettner 1999) läßt sich jedoch wahrscheinlich auch in anderen Kontexten gut arbeiten. Wichtig erscheint mir die Erwähnung, daß Erinnerungsarbeit für uns immer auch bedeutet, gemeinsam mit den Studierenden Erkundungen an relevanten Erinnerungsorten vorzunehmen. Dieses Lernen an und mit historischen Orten führte uns zum Beispiel in den letzten Jahren nach Krakau und Auschwitz, mehrmals ins jüdische Wien, nach Prag und Theresienstadt, nach Warschau und Treblinka, zu den ehemaligen jüdischen Gemeinden ins Burgenland, nach Weimar und Buchenwald, nach Triest und ins alte Ghetto vonVenedig.

[3] Mit Katastrophe ist der Massenmord gemeint, den die Nazis an jenen Menschen verübt haben, die sie mehr durch Zufall als durch Systematik den "Behinderten", den "Juden", den "Partisanen", den "Deserteuren", den "Zigeunern", den "Asozialen", den "Kriminellen", den "Homosexuellen", den "Zeugen Jehovas" usw. zugezählt haben. Diese Etikettierungen waren in der Regel ein Todesurteil, das millionenfach unter unvorstellbaren Qualen in Konzentrationslagern, Hinrichtungsstätten, Gefängnissen, Spitälern, Heimen, in Arbeits- und Vernichtungslagern exekutiert wurde. Der Holocaust, die Ausrottung des europäischen Judentums, ist dabei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den letzten Jahren noch am ehesten aus dem Schatten des gesellschaftlichen Vergessens getreten. Ob er damit auch schon die Bewußtseinsebene der einzelnen Gesellschaftsmitglieder erreicht hat, sei dahin gestellt.

[4] Jörg Haider in den "Kärntner Nachrichten" am 14.2.1985; zit. nach Bailer-Galanda 1995, S. 99)

[5] Aus der Sicht der Betroffenen war es in jedem Fall mehr als eine Verarmung. Aus jüdischer Sicht war es eine totale und einzigartige Katastrophe, ein genau kalkulierter Flächenbrand, der alles vernichtete. Geoffrey Hartman, der mit einem jüdischen Kindertransport 1939 das rettende englische Exil erreichen konnte: "Wir waren wie ein großer Baum, der Jahrhunderte überdauert hat und dann innerhalb eines Tages entwurzelt, verstümmelt und den Flammen überantwortet wird." (Hartman 1999, S. 49) Elie Wiesel, fünfzig Jahre nach seiner Erfahrung von Auschwitz und Buchenwald: "Die grundlegende Einzigartigkeit war der Plan, das Vorhaben des Feindes, ein ganzes Volk bis zum letzten Angehörigen auszulöschen. Sogar ungeborene Kinder waren bereits zum Tod verurteilt. Wenn ich an die Kinder denke...wenn ich an die Kinder denke, muß ich weinen." (Wiesel 1995, S. 35)

Literatur

Affinati, E.: Ein Weg der Erinnerung. Von Venedig nach Auschwitz. Frankfurt/M. 1999

Améry, J.: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart 1977

Bailer-Galanda, B.: Haider wörtlich. Führer in die Dritte Republik. Wien 1995

Boff, L.: Prinzip Mitgefühl. Texte für eine bessere Zukunft. Freiburg 1999

Embacher, H.: "Mein Vater war kein Mörder". In: Brunnbauer, U. (Hrsg.): Eiszeit der Erinnerung. Vom Vergessen der eigenen Schuld. Wien 1999, S. 31-37

Gruen, A.: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. München 1986

Gstettner, P.: Abwehrkampf gegen die Erinnerung. In: Zoom. Zeitschrift für Politik und Kultur Heft 6/1996, S. 24-28

Gstettner, P.: "Wir haben uns alle die Fremde geteilt". Die persönliche Auseinandersetzung mit den "dunklen Schatten der Vergangenheit" als politisches Lernprojekt. In: Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Heft 227/1998, S. 645-658

Gstettner, P.: Subjektivität im interkulturellen Lernprozeß. Wahrnehmung, Übernahme und biografische Aufarbeitung verkommener Geschichte. In: Aluffi-Pentini, A./Gstettner, P./Lorenz, W./Wakounig, V. (Hrsg.): Antirassistische Pädagogik in Europa. Theorie und Praxis. Klagenfurt/Celovec 1999, S. 183-200

Hartman, G.: Der längste Schatten. Erinnern und Vergessen nach dem Holocaust. Berlin 1999

Jochmann, R.: Epitaph. In: Neues Forum Heft 481-484/1994, S. 16-17

Mitscherlich, M.: Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. Frankfurt/M. 1993

Schacter, D. L.: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit. Reinbek 1999.

Schindel, R.: Gott schütz uns vor den guten Menschen. Jüdisches Gedächtnis - Auskunftsbüro der Angst. Frankfurt 1995

Semprun, J.: Schreiben oder Leben. Frankfurt/M. 1995

Wiesel,E.: Schweigen ist unmöglich. In: Semprun, J./Wiesel, E.: Schweigen ist unmöglich. Frankfurt/M. 1995

Der Autor

Univ.-Prof. Dr. Peter Gstettner, Jahrgang 1945; Dr. phil.: Studium der Psychologie und Erziehungswissenschaften in Innsbruck; seit 1981 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Klagenfurt, Arbeitsschwerpunkte: Integration, Antirassismus, interkulturelles Lernen, Minderheitenforschung, Bildungsreformen im Neuen Europa und der Dritten Welt.

Zahlreiche Lehr- und Forschungsaufträge zu diesen Themen; Neuerscheinung: Anna Aluffi-Pentini/Peter Gstettner/Walter Lorenz/Vladimir Wakounig (Hrsg.): Antirassistische Pädagogik in Europa. Theorie und Praxis. Drava, Klagenfurt/Celovec 1999

Universität Klagenfurt

Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung

Abteilung für interkulturelle Bildung

Universitätsstraße 65-67

A-9020 Klagenfurt

Quelle:

Peter Gstettner: Erkundungen in einem weiten Land, das Erinnerung heißt

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/99; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 11.07.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation