Schweben und frei sein

Tauchen mit Behinderung

AutorIn: Peter Rudlof
Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr.5/2001. Thema: Bewegung statt Fitness Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (5/2001)
Copyright: © Peter Rudlof 2001

Schweben und frei sein

"Tut's es recht fest zuziehen", ruft der Tauchlehrer und meint die Gurte an Gordis Taucherausrüstung. Gordi ist ein 33-jähriger Rollstuhlfahrer und macht heute seinen ersten Freiwassertauchgang. Vorbereitet darauf hat er sich im Schnupperkurs und in der Grundausbildung im Schwimmbad. Jetzt liegt er auf einer Gummimatte am Seeufer und müht sich mit seinem Neopremanzug ab. Seine Füße sind halb im Wasser, der wärmende Gummianzug lässt sich nur schwer über den Körper ziehen. Mit Unterstützung gelingt es. Dann fehlen nur noch der Bleigurt, die Tarierjacke und die Atemluft. Los gehts!

Gordi klemmt das Mundstück zwischen die Zähne und rutscht in seiner rund 20 kg schweren Taucherausrüstung langsam ins Wasser. Mit den Füßen voraus stößt er sich mit den Armen rücklings vom seichten Ufer weg und schwebt wie ein Raumfahrer, getragen von der Luft in seiner Tarierjacke, an der Wasseroberfläche. Sein Tauchlehrer kontrolliert noch einmal die verschiedenen Geräte und gibt Anweisungen, wie er sich in Bauchlage bringen kann.

Internationales Tauch-Zertifikat aus den USA

Mit fast jeder Art von Behinderung ist Tauchen möglich. Die HSA (Handicapped Scuba Association)-Multilevel-Zertifizierung erlaubt ein genaues Eingehen auf die jeweilige Person. Die einzelnen Levels richten sich nach dem Leistungszustand, nach dem Grad der Abhängigkeit des behinderten Tauchers vom Tauchpartner und nach der Fähigkeit, sich oder dem Tauchpartner in Notsituationen helfen zu können (siehe Kasten "Multi-Level-Zertifikation" auf Seite 6). So können Menschen mit Para- und Tetraplegie, zerebraler Lähmung, eingeschränktem Seh- und Hörvermögen, Blindheit, Taubheit, mit Multipler Sklerose, Amputationen, Spina bifida, Contergan-Schädigungen, Folgen von Kinderlähmung, muskulärer Dystrophie aber auch mit Diabetes mellitus und ev. Asthma bronchiale ausgebildet werden. In den USA gehören HSA-Kurse zum festen Bestandteil der Rehabilitationsprogramme. Die Handicapped Scuba Association (HSA)wurde 1981 von Jim Gatacre in Kalifornien gegründet. In Zusammenarbeit mit den beiden größten Tauchausbildungsorganisationen, PADI und NAUI, entwickelte sie international anerkannte Ausbildungs- und Zertifizierungsprogramme für Taucher unterschiedlichster Behinderungsgrade. HSA-Europe setzt sich dafür ein, dass auch in Europa mehr Menschen mit Behinderungen zum faszinierendem Eintauchen in eine Welt der Stille und Schwerelosigkeit finden.

Nach kurzer Abstimmung mit dem Tauchlehrer drückt Gordi die Tarierungsventile und lässt etwas Luft aus der Tarierjacke. Langsam sinkt er unter die Wasseroberfläche, es blubbert und zu sehen sind nur mehr die weiterziehende Kreise der ausgeatmeten Luft. In fünf Meter Tiefe wollen Gordi und sein Tauchlehrer einige Übungen machen.

Der positive Einfluss des Wassers auf Herz und Kreislauf, Sauerstoffversorgung und Muskeltraining ist unbestritten. Trotzdem versteht die Handicapped Scuba Association (HSA) Tauchen nicht als Leistungssport. Im Vordergrund stehen vielmehr Spaß an der Bewegung, geistige und körperliche Entspannung und die Chance auf neue, anregende Erfahrungen. Unabhängig von seiner Behinderung soll jeder alles das erreichen können, wozu er in der Lage ist.

Ein weiterer Rollstuhlfahrer rollt den Steg von der Tauchschule "Pazifik" im Kalsdorfer Freizeitpark Cobacabana Beach südlich von Graz hinunter in Richtung Wasser. Er hievt sich vom Rollstuhl und schlüpft fast mühelos in Taucheranzug und weitere Tauchausrüstung. Der 30jährige Nik hat schon etwas mehr Tauchpraxis als Gordi und steht kurz vor seiner Prüfung zum HSA-Zertifikat. Er hat vor seinem Unfall schon Tauchen probiert. "Es ist etwas Einzigartiges, im Wasser ist man einfach frei, es ist ein Supergfühl", sagt er und freut sich schon auf das Tauchen im Herbst am Meer, das von der Tauchschule organisiert wird.

Voraussetzungen und Kosten

Die Voraussetzungen für einen Tauchkurs mit Behinderung sind eigentlich nahezu identisch mit denen von nicht behinderten Tauchern. Es dürfen keine Beeinträchtigung von Herz und Kreislauf, der Atemwege, Nasennebenhöhlen und der Ohren vorliegen. Ein ärztliches Attest, aus dem hervorgeht, dass keine gesundheitlichen Gründe gegen die Teilnahme an Tauchaktivitäten vorliegen, muss am Beginn des Kurses vorliegen. Dieses Attest sollte gemeinsam vom Spezialisten für die jeweilige Funktionsstörung und einem für den Tauchsport spezialisierten Arzt (Tauchmediziner) erstellt werden. Eventuell zusammen mit dem spezialisierten Tauchlehrer, um sowohl behinderungsspezifische als auch tauchmedizinische Aspekte zu berücksichtigen. Die Tauchmediziner sollten sich an den Richtlinien zur Tauglichkeit der deutschen Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin e. V. (GTÜM) anlehnen. Ein HSA-Grundkurs kostet inklusive Leihgebühr für die Taucherausrüstung zwischen 6500.- und 8000.- Schilling . (bzw. 470 und 580 Euro), je nachdem wieviel Zusatzaufwand notwendig ist. Neben den 5 eineinhalbstündigen Theorieeinheiten sind in der Regel 6 Tauchgänge zu 45 Minuten vorgesehen, wobei die Tauchtermine individuell vereinbart werden. Der Ausbildungsablauf richtet sich nach den Bedürfnissen des Menschen mit Behinderung, notwendige Spezialausrüstung wird besorgt. Oft ist es erforderlich, körperliche Defizite durch angepasste Technik auszugleichen: Zum Beispiel Handpaddel statt Fußflossen, verschiedene Tarier- und Gewichtssysteme in passenden Größen, Schnorchel und Masken mit Ausblasventil, Inflatoren mit großen Bedienteilen, Anzüge mit langen Reißverschlüssen - Jacke und Hose in unterschiedlichen Größen.

Tauchen und Partnerschaft

Tauchen ist kein Wettkampfsport. Es geht nicht darum, schneller, höher oder weiter zu sein. Großgeschrieben wird die Partnerschaftshilfe. Auch ohne Behinderung. Deshalb ist soziale Integration behinderter Menschen im Tauchsport viel leichter als bei anderen Sportarten.

"Sport ist sehr gut geeignet, nach einem Unfall wieder ins Leben zu finden," schildert Nik seine Erfahrungen, "Tauchen sowieso, weil hier kein allzu großer Unterschied zu den Gehern besteht." In einem Eck der Tauchbasis begutachten der Tauchbasisleiter, zwei Rollstuhlfahrer und ein Rehabilitationssportlehrer das Anbot einer REHA-Firma für einen behindertengerechten Umziehsessel. "Die notwendigen Anpassungen der WC- Dusch-, und Umkleideräumlichkeiten besprechen wir gemeinsam und sie werden dann auch umgesetzt", stellt Tauchbasisleiter Michael Amtmann fest. Auch zukünftige Tauchpartner scheint es hier genug zu geben, denn: "Alle unsere Taucher wollen mitmachen!"

Grundsätzlich kann jeder Taucher über ein HSA Dive-Buddy Training zum Tauchpartner für behinderte Menschen werden. Voraussetzung für die Teilnahme an einem solchen Training ist die Brevetierung als Open Water Diver und die Erfahrung aus mindestens 36 gelogten Freiwassertauchgängen innerhalb der letzten beiden Jahre. Ein solches Tauchpartnertraining dürfen alle Tauchlehrer mit HSA-Zusatzausbildung anbieten.

Tauchlehrerinnen und Tauchlehrer

Die Tauchlehrer und Tauchlehrerinnen, die nach den HSA Richtlinien behinderte Menschen in die Welt des Tauchens begleiten, brauchen eine Zusatzausbildung. Sie müssen über Kenntnisse unterschiedlichster Behinderungsarten verfügen, besonders verantwortungsbewusst sein und sich möglicher Risikofaktoren bewusst sein. Mit verschiedensten Tauchtechniken und Lehrmethoden müssen sie auf die unterschiedlichsten Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler eingehen. Geeignete Kommunikationsformen mit sehbehinderten und hörbehinderten Menschen und der Umgang mit Gehhilfen, Rollstühlen aber auch Kathetern müssen selbstverständlich sein. Die HSA-Zusatzausbildung steht Tauchlehrerinnen und Tauchlehrern aller international anerkannten Verbände offen.

"Beim Tauchen gibt es das Handicap eigentlich net", meint Nik. Durch anfängliche Schwierigkeiten und Überlegungen wie zum Beispiel "wie zieh ich mich an, und wie komm ich ins Wasser?" darf man sich nicht bremsen lassen. "Dem Körper tut es einfach gut, von der Lunge her ist es super, man fühlt sich entspannt, man fühlt sich wohl, die Krämpfe sind reduziert," fasst Nik das Tauchvergnügen zusammen und Gordi bestätigt: "Auch wenn es Anfangsschwierigkeiten geben kann: Es zahlt sich aus!"

Multi-Level-Zertifikation

1. Level A

Der Taucher hat alle geforderten Leistungsstandards erfüllt und demonstriert, dass er in der Lage ist, den Tauchpartner in einer Notsituation adäquat zu unterstützen. Er ist befähigt, selbständig mit einem anderen zertifizierten Partner - dies kann auch ein behinderter Level A-Taucher sein - zu tauchen.

2. Level B

Der Taucher hat seine Fähigkeiten zur Selbstrettung in einer Notsituation demonstriert. Es fehlen ihm jedoch grundlegende Fertigkeiten, um einem Tauchpartner in einer Notsituation effektiv zu helfen. Es wird brevetiert mit der Auflag, mit 2 brevetierten Partnern (Level A oder höher) zu tauchen. So ist sichergestellt, dass jeder Taucher in einer Notsituation die erforderliche Hilfe erhält.

3. Level C

Der Taucher hat seine Fähigkeiten demonstriert, das Tauchgerät unter Wasser sicher zu benutzen, ist jedoch nicht in der Lage, Notsituationen für sich und seinen Partner zu bewältigen. Er muss daher von 2 zertifizierten Partnern begleitet werden, von denen der eine von einem internationalen Verband als Rettungstaucher und im Umgang mit Menschen unter Wasser ausgebildet sein muss (in der Regel ein Tauchlehrer).

Information - Kontakt - Anmeldung

"Octopus - Tauchen mit Behinderung"

Verein zur Förderung des Tauchens von Behinderten zur Rehabilitation und als Freizeitsport gesponsert von:

AMIS Asset Management Investment Services AG.

www.octopus.or.at

Mag. Manfred Kaiser

Tauchlehrer und Psychologe

Tel. (0664) 25 22 227

Dr. Andrä Wasler

FA für Herzchirurgie

Notarzt und ermächtigter Arzt für Druckluft und

Taucherarbeiten

Tel. (0676) 62 48 091

Tauchschule Pazifik

Kalsdorf bei Graz

HSA-Tauchbasis

Tel. (0664) 101 44 01 oder (0664) 40 60 400

www.pazifik.at

Kosten

Der HSA-Grundkurs kostet inklusive Leihgebühr für die Taucherausrüstung rund 8.000,- (fünfmal eineinhalb Stunden Theorie, sechs Tauchgänge zu je 45 Minuten)

Voraussetzung

Ärztliches Attest

Handicapped Scuba Association (HSA) Deutschland

Fürstenwall 228, D-40215 Düsseldorf

Tel. +49 (211) 93 83 931, Fax +49 (211) 93 83 938

henrike@hsa-germany.de

www.hsa-germany.de

Quelle:

Peter Rudlof: Schweben und frei sein. Tauchen mit Behinderung

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 5/01, Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 27.07.2009

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation