Der Autist als Feindbild

AutorIn: Anna Mitgutsch
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5/2002. Thema: Achtung und Anerkennung Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (4/5/2002)
Copyright: © Anna Mitgutsch 2002

Der Autist als Feindbild

Man habe nichts gegen Autisten, versichert mir eine Expertin, man wolle nur das Übergreifen der Krankheit Autismus auf die Gesunden verhindern. Ein Krebsgeschwür der Gesellschaft, das ausgemerzt gehört? Wie sollen wir nicht vor Worten erschrecken, die die Tat schon in sich tragen?

Feindbilder haben mit Machtverhältnissen zu tun. Feinde zu suchen, von denen man sich absetzen kann, die schlecht oder böse sind, während man selber gut ist, so dass man immer neue Gründe findet sie zu hassen und kein Makel an einem selber haften bleibt, scheint eine anthropologische Kostante zu sein. Feindbilder sind der jeweils bereit stehende Rahmen, in den man alles füllt, was einem unheimlich, fremd, störend erscheint. Um sich selber sicher zu fühlen, bedarf man als Gruppe oder als Individuum scharf umrissener Konturen, das was man Identität nennt. Und die eigenen Konturen müssen sich von einem Hintergrund abheben, einen Kontrast bilden, so wie das Licht die Dunkelheit braucht. Natürlich steht man dabei selber im Licht, denn da wo man steht, ist Anwesenheit. Was anders, fremd, unverständlich und in seiner Andersartigkeit bedrohlich aber auch unkonturiert und vage ist, mutiert leicht zum Feindbild.

Unter der zahlreichen Literatur zur Entstehung von Feindbildern möchte ich hier ein Werk hervorheben, Hans Mayers "Außenseiter" (Frankfurt/Suhrkamp, 1975). Er greift unter den vorhandenen und möglichen Feindbildern, die für viele andere stehen, drei Gruppen heraus: Juden, Frauen und Homosexuelle. Was sie untereinander und mit anderen Feindbildern gemeinsam haben ist (zum Zeitpunkt der Publikation mehr als heute) ihre gesellschaftliche Position der Schwäche. Es sind demnach vor allem zwei Charakteristika, die Gruppen oder Individuen zum Feindbild prädestinieren: die soziale Stellung der Machtlosigkeit bis hin zur Rechtlosigkeit und eine relative Unwissenheit jener, die aus der Position der Macht heraus ihr Urteil über sie fällen und es in den Stand unumstößlicher Tatsachen heben. Auch Antisemitismus ist nichts anderes als das Gerücht über die Juden. Die Gesellschaft braucht eine Projektionsfläche, auf die sie alles Übel werfen kann, das sie sich nicht selber zuordnen will, und daher muss das Bild des außerhalb ihrer Grenzen Verwiesenen verschwommen und vage gehalten werden, um für immer neue Schuldzuweisungen offen zu bleiben und immer neue widersprüchliche Definitionen zu absorbieren. Das müssen keine von der Wirklichkeit erhärteten und überprüften Aussagen sein, sie entspringen ja nicht dem Bedürfnis, mehr über die reale Person hinter dem Feindbild zu erfahren, sondern dem Verlangen, das Übel, das einen plagt, irgendwo festzumachen. Daher herrscht bei seinen Definitionen die Metaphorisierung vor. Metaphern aber sind keine logischen Aussagesätze, nicht einmal Vergleiche, sie sind Gleichsetzungen, Identifikationen. Eine Gruppe von Menschen als Krebsgeschwür oder als Ungeziefer zu bezeichnen, sie als solche metaphorisch zu entmenschlichen, entspringt nicht dem Bedürfnis, mehr und genaueres über sie zu erfahren, sondern die Metaphorisierung dient ausschließlich der Emotionalisierung und dem Aufruf zu handeln, wie man angesichts von Krebsgeschwüren und Ungeziefer normalerweise handelt. Die Metapher ist in diesem Fall eine Aufforderung zur Vernichtung. Metaphern haben in der Dichtung ihren Platz und nicht in der Agitation gegen Menschen, denn es kommt ihnen kein Definitionscharakter zu, dafür eine um so stärkere Fähigkeit zu emotionalisieren. Deshalb werden sie ja auch auf Schritt und Tritt in der Politik und im Alltag als verbale Kampfmittel eingesetzt. Nachdem ein Begriff solange metaphorisch negativ aufgeladen wird, dass sich die Zuordnungen verselbständigt haben, genügt die bloße Nennung des Feindbildes und alle negativen Inhalte stellen sich von selber ein. Wer heute in der verräterisch saloppen Umgangssprache jemanden als einen "Autisten" bezeichnet, verwendet ein emotional aufgeladenes Reizwort, das eine ganze Kette von suggerierten Eigenschaften nach sich zieht, die automatisch mit ihm gekoppelt sind: Gefühlskälte, Unreife, Egozentrik, Beziehungsunfähigkeit, hohe Intelligenz (was in Wirklichkeit so gut wie nie vorkommt), einen potentiell gefährlichen Killertyp, der unschädlich gemacht werden muss, bevor er mit seiner menschenverachtenden Brutalität "gesunde" Menschen ansteckt. Autistische Menschen sind untereinander so verschieden, wie Menschen eben sind, aber es geht ja nicht um den Versuch, eine Gruppe unterschiedlicher Individuen zu verstehen, sondern darum, sie zu dämonisieren und deshalb ist der Singular, mit dem stets von "dem Autisten" gesprochen wird, gerade recht.

Manchmal, meist wenn es zu spät ist und der Volkszorn sich bis zur Erschöpfung ausgetobt hat, kommen alte Feindbilder in Verruf und zumindest gebildete Menschen sind aufgerufen sich zu zähmen. Zum Unbehagen vieler, die gern "die Sau raus lassen", haben sich Konventionen ausgebildet, die als political correctness beklagt wird, weil sie jene hemmt, die ihre Vorurteile ungern für sich behalten. Ehemals entrechtete Opfer setzen sich zur Wehr und setzen manchmal in zähem, jahrzehntelangen Kampf eine respektvollere Wahrung ihrer Menschenwürde durch, so auch die von Hans Mayer als archetypische Außenseiter erwähnten Bevölkerungsgruppen. Das mag ein Feindbild zwar nicht abschaffen, aber es wird in den Untergrund gedrängt, an die Biertische und in Aschermittwochreden. Offener Antisemitismus, flagrante Frauenfeindlichkeit, schamlose Diffamierung von Homosexuellen, von Farbigen, von Zuwanderern sind in der guten Gesellschaft zumindest verpönt. Der relative Machtzuwachs einer Gruppe, sei es durch eigene Anstrengung, durch Lobbying bei jenen, die auf die öffentliche Meinung Einfluss haben, verhindert offenbar die ungehinderte Freigabe einer Bevölkerungsgruppe zum Feindbild. Sprache und Bewusstsein sind zu eng gekoppelt, als dass eine Sprachregelung ganz ohne Einfluss auf Bewusstsein und Verhalten bliebe, denn auch im Benennen fällt man bereits ein Urteil. Die Tatsache, dass in den USA seit etwa zwei Jahrzehnten die öffentliche Meinung unbeugsam darüber wacht, Afroamerikaner weder als Neger noch als Schwarze zu bezeichnen, weil sie selber diese Bezeichnungen als Schmähungen empfinden, hat bei der jüngeren Generation eine Veränderung des Verhaltens bewirkt.

Ohne Feindbilder kommt die Gesellschaft aber offenbar nicht aus, und wenn die alten politisch nicht mehr korrekt sind, findet man eben neue, die den Grundanforderungen des Feindbildes entsprechen: die Diffamierten müssen machtlos sein und je weniger man über sie weiß, desto besser, denn um so leichter ist es, Gerüchte über sie in Umlauf zu bringen. Alles was man verabscheut, alles, was einem als Missstand an der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Situation aufstößt, kann so auf sie gehäuft werden. Wir leiden alle unter der Kälte, der gnadenlosen Brutalisierung und rücksichtslosen Gier im öffentlichen Leben, unter dem Diktat des Konsums und der Profitmaximierung, wir fürchten, unter die Räder eines Wirtschaftsdenkens zu geraten, das jedes menschliche Antlitz verloren hat und an das wir so wenig appellieren können wie an einen Roboter, wir spüren die Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid auf Schritt und Tritt und auch die Oberflächlichkeit und Unreife derer, die statt ihres Verstandes ihre Ellbogen einsetzen und so an die Macht kommen, ohne ihr dann menschlich gewachsen zu sein. Und das alles wollen wir benennen, auf einen Nenner bringen, weil es uns leichter fällt, einen greifbaren Gegner zu hassen, als uns vor einem diffusen Zeitgeist zu fürchten. Warum aber wirft man das ganze Unbehagen über die Entwicklungen, die wir selbst verschuldet oder mitverschuldet haben, auf eine Gruppe von Menschen, die von allen die unschuldigsten sind?

Behinderte und psychisch Kranke haben von jeher brauchbare Feindbilder abgegeben, auch dazu gibt es reichlich Literatur, von Michel Foucault bis Thomas Szasz. Aber auch hier hat in den letzten Jahrzehnten eine minimale Sprachregelung einen gewissen Anstand eingefordert - außer gegenüber einer Untergruppe geistig und psychisch Beeinträchtigter: den Autisten.

Kaum hat die Psychiatrie das von Bruno Bettelheim verbreitete Vorurteil aufgegeben (das in den meisten medizinisch fortschrittlicheren Ländern schon seit zwanzig Jahren abgeschafft ist), dass es die Mütter sind, die ihre Kinder psychisch zu Autisten verkrüppeln, ist das Krankheitsbild Autismus, das aus einer umfassenden Wahrnehmungsbehinderung resultiert, schon zum Sammelbegriff für das allgemeine Unbehagen an unserer Zeit mutiert. Als betroffene Mutter wünscht man sich angesichts dieser unseligen Entwicklung manchmal, die Hexenjagd möge wieder in die alten Bahnen und von den ohnehin schon reichlich ausgegrenzten und chancenlosen Kindern abgelenkt werden. Ob autistische Kinder zu den Opfern ihrer Mütter oder wie neuerdings die Gesellschaft zum Opfer der Autisten erklärt wird, konstant bleibt die Irrationalität der Schuldzuweisung und die Empörung über die Behelligung durch Abweichung und Behinderung. Vereinfachung bis zur Verdummung ist jedoch seit jeher ein Kennzeichen des Feindbildes, und wenn einmal ein noch so abenteuerliches Gebäude aus Vorurteilen errichtet ist, bedarf seine Wartung nur mehr des geringen Aufwands, es steht felsenfest, vom Volksmund bis zu denen, die es besser wissen müßten.

Während des Balkankrieges der neunziger Jahren kam es in Mode, jeden Massenmörder und manchmal pauschal das ganze serbische Volk als Autisten zu bezeichnen. Jeder, der Zugang zu einem Mikrophon oder einer Zeitungsredaktion hatte, vom Politiker bis zum Verleger, war plötzlich Autismus-Experte und verpasste jedem, den seine Empörung traf, die Ferndiagnose "Autist". Seither vergeht kein Monat, in dem ich nicht in Zeitschriften, Büchern, Zeitungen oder im Radio lese und höre, wie jeder Neonazi, Amokläufer, Bankräuber und Geiselnehmer als Autist bezeichnet wird. Autist ist ein Schimpfwort geworden, die schlimmste Schmähung, die für alles und alle verwendet wird, was uns mit Recht Angst einjagt und was unsere Zeit durch unser Zutun hervorgebracht hat, ja was wir selber im unterschiedlichen Maß verkörpern, und zwar jeder von uns in weit größerem Maß als Menschen mit autistischer Behinderung.

Was an autistischen Menschen am unmittelbarsten auffällt, ist gerade ihre soziale Schutzlosigkeit, ihre aus sozialer Inkompetenz entsprungene Gutgläubigkeit und Unschuld. Sie sind geradezu der Archetyp des tumben Toren. Für die kriminellen Energien, die man ihnen unterstellt, fehlt ihnen die Phantasie und die Durchtriebenheit. Sie sind fremder in dieser Welt als alle übrigen von Behinderungen und Defiziten Beeinträchtigten und die Vereisung des politischen und sozialen Klimas trifft sie härter als alle anderen.

Vielleicht sind jene, die nicht aus purem Zufall stets das Sagen haben, deshalb gerade auf diese Gruppe als Feindbild und Ablenkungsmanöver von ihren eigenen Soziopathien gekommen: Weil Autisten nicht nur machtlos sind, sie wissen sich nicht zu wehren, denn ein Autist kann sich nicht einmal vorstellen, dass ein freundlicher Mensch auch lügen und betrügen kann.

Gibt es denn keine bessere Metapher für Kälte und soziale Unreife, Gefühllosigkeit aus Egoismus und Brutalität? Wie wäre es mit diesem oder jenem Politiker, wie wäre es mit den Bossen international mächtiger Konzerne, wie wäre es mit einem Vertreter der neuen internationalen Mafia? Aber wer würde diese Metaphorisierung der Mächtigen als Ursache unserer Misere wagen? "Die Autisten sind unser Unglück" - wird da nicht ein Echo in unseren Köpfen wach? Man habe nichts gegen Autisten, versichert mir eine Expertin, man wolle nur das Übergreifen der Krankheit Autismus auf die Gesunden verhindern. Ein Krebsgeschwür der Gesellschaft, das ausgemerzt gehört? Wie sollen wir nicht vor Worten erschrecken, die die Tat schon in sich tragen?

Die Autorin

Dr. Anna Mitgutsch; geboren am 2. Oktober 1948 in Linz / Oberösterreich.

Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Salzburg.

1974 Promotion, bis 1978 Assistentin am Amerikanistik-Institut der Universität Innsbruck. Lehraufträge an germanistischen Instituten in Großbritannien, Seoul und 1979-85 in den USA. Seit 1985 freiberufliche Schriftstellerin und Publizistin. Neben literarischen Arbeiten auch wissenschaftliche Publikationen über englische und deutsche Lyrik, Film und Gegenwartsliteratur.

1998/99 Poetik-Vorlesung in Graz. Zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen. Lebt in Linz / Oberösterreich.

Werke:

Bücher (Auswahl):

Die Züchtigung. Roman. Düsseldorf: Claassen, 1985

Das andere Gesicht. Roman. Düsseldorf: Claassen, 1986.

Ausgrenzung. Roman. Frankfurt/M.: Luchterhand, 1989.

In fremden Städten. Roman. Hamburg: Luchterhand, 1992.

Abschied von Jerusalem. Roman. Reinbek: Rowohlt, 1995.

Erinnern und Erfinden. Grazer Poetik-Vorlesungen. Graz, Wien: Droschl, 1999.

Haus der Kindheit. Roman. München: Luchterhand, 2000.

Übersetzung:

Philip Larkin: Gedichte. Übers. a. d. Engl., Ausw.: Waltraud Anna Mitgutsch. Stuttgart: Klett-Cotta, 1988.

Quelle

Anna Mitgutsch: Der Autist als Feindbild.

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Nr. 4/5/2002; Reha Druck Graz, S.33-36. Thema: Achtung und Anerkennung

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.06.2006

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