Vorwort - Zumutungen im pädagogischen Feld

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99. Thema: Zumutungen im pädagogischen Feld Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1999)
Copyright: © Josef Fragner 1999

Vorwort - Zumutungen im pädagogischen Feld

Vor zwei Jahren stand das Verhältnis von Pädagogik und Heilpädagogik im Mittelpunkt eines Symposiums in Würzburg. Das Symposium setzte die phänomenologische Begründung der Erziehung von Menschen mit Behinderung fort, wie sie Wilhelm Pfeffer 1988 vorgelegt hat. Dieses Heft vereint die Beiträge dieses Symposiums - mit einem herzlichen Dank an die Organisatoren.

Ist die Situation der Heilpädagogik zur Allgemeinen Pädagogik nicht oft mit der Situation des Fremden vergleichbar?

Niemand von uns ist imstande, die Welt - auch nicht die pädagogische - als "Sinn- und Relevanzstruktur" (Alfred Schütz) noch einmal von vorn aufzubauen. Wir kommen in eine vorfabrizierte Welt, in der unglaublich viele Aspekte so selbstverständlich sind, daß sie gar nicht mehr bewußt wahrgenommen werden. In diesem Fundus der vorgefertigten Typen steht an erster Stelle die "Reziprozität der Perspektiven". Wir nehmen ganz selbstverständlich an, daß unsere Erfahrungen typisch sind.

Die mit den Routinesituationen einhergehenden Verhaltensrezepte ergeben zusammen das, was Max Scheler die relativ natürliche Weltanschauung nannte. Diese Perspektive als Rüstzeug macht mich sicher.

Die Ankunft eines Fremden hat deshalb die Wirkung eines Erdbebens. Der Fremde läßt den Felsen zerspringen, auf dem die Sicherheit des täglichen Lebens ruht.

Wenn wir anthropologische, ethische, pädagogische und didaktische Fragen elementar stellen, erschüttert dies die pädagogischen Routinesituationen.

Aber diese Kon-Frontation, dieser Zwischenraum an der Grenze, der gleichermaßen verbindet wie trennt, ist notwendig, denn dies könnte eine gemeinsam-geteilte Welt schaffen.

Vielfältigste Anregungen bieten die einzelnen Beiträge:

Nicht menschenunmögliche Maßstäbe als Leitbilder in der Bildung zu setzen.

Nicht das (überforderte) Subjekt an den Beginn des Bildungsprozesses zu stellen, sondern Intersubjektivität als ein gemeinsam-geteilter Lebenszusammenhang.

Das Erziehungs- und Unterrichtgeschehen nicht vom Ende her "also von den postulierten Zielen aus - zu sehen, sondern vom Handeln als Sinnkonstituierungsvollzug zu verstehen.

Das Erziehungsgeschehen selber als Erzieher zu sehen, in dem sich Erzieher und zu Erziehende gegenseitig erziehen.

Eine sich kritisch prüfende Phänomenologie ist weder ein Metastandpunkt noch eine empirische Beschreibungskunst. "Sie hat überhaupt keinen festen Stand, weil sie beständig in Bewegung ist. Sie geht jeweils auf, ganz so, wie jeweils eine bestimmte Welt aufgeht" (G. Stenger).

Die Einmaligkeit jedes Menschen zu finden und eine gemeinsam-geteilte Welt zu gestalten, das ist die eigentliche Aufgabe.

Sinn geschieht aus der pädagogischen Situation auf der Basis der Differenz der Partner - dies schließt eine Selbstveränderung des Pädagogen mit ein. Aus der Differenz der Standpunkte der Pädagogik wie der Heilpädagogik sollten Auseinandersetzungen und auch gemeinsam-geteilte Zusammenhänge entstehen.

Josef Fragner, Chefredakteur

Quelle:

Josef Fragner: Vorwort - Zumutungen im pädagogischen Feld

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.04.2005

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