Der lachende und der weinende Leib

Verständigung diesseits der Vernunft.

Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Schlagwörter: Menschenbild, Anthropologie
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99. Thema: Zumutungen im pädagogischen Feld Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1999)
Copyright: © Käte Meyer-Drawe 1999

Inhaltsverzeichnis

14 Thesen

Lachen und Weinen verweisen darauf, daß das Ich und sein Leib auseinandertreiben und gleichzeitig doch eins sind. Wir "brechen in Tränen aus", "platzen vor Lachen", ja wir "lachen uns tot". Lachen antwortet auf eine Situation, auf das nur es so antworten kann, weil es der Vernunft die Sprache verschlägt. Lachen und Weinen dokumentieren dergestalt, daß unser Leib nicht bloßes Instrument der Vernunft ist, sondern unsere spezifisch menschliche Weise, in der Welt zu leben, und zwar gemeinsam mit anderen, mit denen wir uns auch ohne Worte verständigen können.

1. Unser Leib bedeutet seit jeher eine Beunruhigung. Selbst seine Verachtung bekundet dies. In unserem Zusammenhang ist es nachrangig, ob es sich dabei um Gnosis oder Manichäismus handelt, die in unserer Leiblichkeit das Prinzip des Bösen erblickten, oder ob es sich dabei um die platonische Tradition handelt, in der unsere leibliche Geburt das Vergessen der reinen Ideen bedeutete oder ob schließlich die lutherische Lehre gemeint ist, die der inneren Frömmigkeit die Schwäche des Fleisches entgegenstellte. Auch die katholische Auffassung von Transsubstantiation und Transfiguration würdigt nicht den gelebten, sondern den sublimierten, den erlösten Leib.

2. Unsere Geburtlichkeit und Sterblichkeit sind leibliche Ereignisse außerhalb unserer eigenen Erfahrung. Sie entziehen sich trotz medizintechnologischer Fortschritte unserem alleinigen Zugriff. Aber auch in der Krankheit werden wir mit uns als leiblichem Wesen konfrontiert. Wie anstößig das ist, wird deutlich darin, daß wir heute Krankheiten vor allem mit Maximalforderungen an Gesundheit begegnen, anstatt sie als zugehörig zu unserer endlichen Existenz zu betrachten.

3. Vergessen, Verlieben, Träumen, Weinen und Lachen sind Beispiele dafür, daß wir ein wie auch immer ungenaues Wissen von der Doppeldeutigkeit unserer leibseelischen Existenz haben. Wir vergessen, was uns unvergeßlich erschien. Wir verlieben uns gegen jede Vernunft. Wir träumen zu laufen, ohne im Bett von der Stelle zu kommen. Im Traum selbst wird ein Leib halluziniert: ein Dokument sowohl für die Zusammengehörigkeit wie für die Differenz von Geist und Körper. Weinen und Lachen bedeuten auf je ihre Weise den Verlust unserer Beherrschung.

4. In hermeneutischer und phänomenologischer Tradition lösen Plessner und Merleau-Ponty das Problem unserer doppeldeutigen leiblichen Existenz nicht dadurch, daß sie eine versöhnende Einheit von Geist und Körper postulieren, sondern daß sie die Beachtung unserer spannungsreichen Existenz von Leibhaben und Leibsein, von objektivem Körper und gelebtem Leib fordern. Wir bewohnen einen Leib und sind ein Leib. Als leibliche Wesen existieren wir als Verhältnis zu diesem Verhältnis[1]. Wir sind niemals ganz bei uns selbst, aber gerade deshalb zum anderen geöffnet, und zwar zum dinglichen, tierischen wie zum mitmenschlichen anderen.

5. Mit unserer Leiblichkeit ist uns eine Fremdheit für uns selbst gegeben. Denn trotz aller Disziplinierungen und Zivilisierungen haben wir unseren Leib nicht vollständig im Griff. Daß wir das gerne wollen, zeigen u.a. Medikalisierungen und die populären Körpertechniken, die in Fitnesstudios betrieben werden. Der eigene Körper soll sich einem Idealbild annähern, das er gleichwohl ständig verfehlt. Lachen, das uns überkommt, und Weinen, bei dem wir die Fassung verlieren, sind Indizien einer grundsätzlichen Unverfügbarkeit über unsere leibseelische Existenz[2].

6. Lachen ist eine Ausdrucksform einer Krise, in der Ich und sein Leib auseinandertreiben und gleichzeitig doch eins sind, in der der Leib explodiert - "vor Lachen platzen" - und dem Ich die Zügel aus der Hand nimmt - sich "totlachen". Lachen antwortet auf eine Situation, in der es der Vernunft die Sprache verschlägt und auf die nur es so antworten kann. Auch Weinen bedeutet eine Antwort auf eine Situation, bei der die Sprache versagt. Im Unterschied zum spontanen Lachen ist es allerdings gebunden an einen ausdrücklichen Verlust der Herrschaft über sich selbst. Weinen ist in unserer Gesellschaft intimer als Lachen.

7. Lachen und Weinen sind Anzeigen für eine unhintergehbare Intersubjektivität unserer Existenz. Wir lachen und weinen zwar auch alleine, aber nur über etwas - etwa eine Erinnerung. Lachen braucht einen Anlaß. Jean Paul gibt zu bedenken, daß man sich selbst nicht kitzeln kann. Weinen verweist noch als einsamer Vollzug auf den fehlenden anderen.

8. Kinder z.B. verstehen Weinen ohne Erklärung. Weinen zieht ihr Mitgefühl unweigerlich auf sich. Sie erkennen "unechtes Weinen". Lachen ist ansteckend, auch wenn wir den Anlaß nicht kennen. Im Lachen und Weinen gibt es eine Verständigung diesseits von Worten, was nicht heißt, daß es sich um außersprachliche Phänomene handelt.

9. Der phänomenologische Blick auf unseren Umgang mit Behinderten kann aufmerksam machen auf vorreflexive Einstellungen, die vor allem unkritisch fungieren. Auffällig wird dann vielleicht, daß wir Behinderte mitunter im Vergleich zu unseren Eigenheiten als bloß eingeschränkt wahrnehmen. Sie begegnen uns als defizitäre Doubletten unserer selbst, aber auch als virtuelles Schicksal, das wir fürchten. Schon diese Beschreibung drückt die Abwehr der Irritationen aus, die durch Behinderte ausgelöst werden können, weil sie eine scheinbar vertraute gemeinsame Welt brüchig werden lassen. Dabei gibt es unterschiedliche Grade und Formen der Fremdheit, unterschiedliche Möglichkeiten der Begegnung. Das macht es beinahe unmöglich, über Behinderung im Allgemeinen zu sprechen[3].

10. Eine Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Betrachtungsweisen ist vielleicht darin auszumachen, daß wir jeweils eine Begegnung von Ich und Anderem vor Augen haben, die beunruhigend ist, weil der Andere nicht nur anders, sondern auch fremd ist, weil sich die Register unserer Erfahrungen in unterschiedlichem Ausmaß und allzuoft nur sehr wenig überschneiden. Dabei scheint es so, daß die Fremdheit zunimmt in dem Maße, wie wir uns nicht mehr in einer gemeinsamen Sprache verständigen können. Lachen und Weinen sind dagegen Ausdrucksformen diesseits von Sprache. "Expressivität" - so sagt Plessner - "ist eine ursprüngliche Weise, damit fertig zu werden, daß man einen Leib bewohnt und zugleich ein Leib ist".[4] Hier gründet eine nicht zu unterschätzende Verstehensmöglichkeit.

11. Vom Standpunkt einer Phänomenologie der Leiblichkeit begegnen Menschen einander, indem sie auf einander und auf eine gemeinsame Welt, die nicht dieselbe für alle ist, antworten. Mit Antwort ist dabei nicht nur das gesprochene Wort etwa des Dialogs gemeint, sondern ganz allgemein die responsive Struktur unseres Verhaltens, das auf Situationen antwortet, in die es verstrickt ist, indem es die Herausforderungen annimmt oder übergeht, mit ihnen umgeht oder nicht[5]. Daß diese Erweiterung des Begriffs Antwort möglich ist, gründet in einer allgemeinen intentionalen Struktur unseres Leibes, der engagiert ist in konkreten Situationen, gleichsam eine "Fusion inkarniertes Ich - Welt" (Merleau-Ponty) bildet, bevor unser Denken Ordnung stiftet, und dies in unaufhebbarer Nachträglichkeit[6].

12. Mit dem Behinderten begegnet uns ein Mitmensch, der uns als Anderer auf besondere Weise fremd ist. Einen Teil dieser Fremdheit wird man der Tatsache zuschreiben müssen, daß in unserer Gesellschaft Behinderte mitunter isoliert und versteckt werden, daß wir sie kaum zu Gesicht bekommen, daß sie in gesellschaftliche Vergessenheit gerieten. Ein weiterer Grund für diese Fremdheit ist darin zu suchen, daß es in der Geschichte etwa der Isolierung von Geisteskranken eine Verbindung von Behinderung, todbringender Krankheit, Teufelswerk, von dem Luther sprach, und Verbrechen gab, die - wie Foucault gezeigt hat[7] - durch die ihnen gemeinsame gesellschaftliche Denunziation gestiftet wurde. Eine weitere Erklärung dieser Fremdheit könnte darin bestehen, daß wir Schwierigkeiten haben, die Spezifik der Antworten von Behinderten zu verstehen, die ihre Fusion von inkarniertem Ich und Welt so ganz anders gestalten als wir. Provozierend gesagt: Unser allgemeiner "horror alieni", der in der Zerbrechlichkeit unserer eigenen Normalität gründet, wird durch bestimmte Behinderte ganz besonders aktiviert.

13. Dieser "horror alieni" führt dazu, daß wir im anderen nur Spuren unserer selbst suchen, eine Suche, die umso erfolgloser wird, je schwerer die Behinderungen sind. Weil wir daran gewöhnt sind, uns als Vernunftwesen zu begreifen, sind wir hilflos, wenn die Raster unserer Rationalität ins Leere treffen. Das stillschweigende Monopol unserer Vernunft bleibt hier wirkungslos. Es begegnet uns kein kranker Geist in einem ansonsten intakten Körper. Der andere ist seine Behinderung, er hat sie nicht lediglich. Dabei ist die Behinderung eine mit unserer Leiblichkeit gegebene Möglichkeit und nicht lediglich ein von außen einfallendes Schicksal[8].

14. Vom Standpunkt einer Phänomenologie, die die Leiblichkeit in den Mittelpunkt ihrer Erfahrungsinterpretation rückt, zeigen sich andere Möglichkeiten des Verständnisses des Behinderten. Normalerweise verhält sich unser Leib unauffällig. Er bleibt sozusagen im Hintergrund als die Bedingung der Möglichkeit und Wirklichkeit aller unserer Erfahrungen. Mit Canguilhem kann man sagen, daß "Gesundheit das Leben im Schweigen der Organe" ist. Vielleicht liegt es auch an dieser Unauffälligkeit, daß es so schwierig ist, sich den Beitrag des Leibes zum Verständnis von Selbst, Welt und Anderem zu vergegenwärtigen.

Im Falle der Krankheit wird der Leib auf- und vordringlich. Er wird - wie Binswanger sagt - zum "Schlupfwinkel des Seins" und büßt seine Virtuosität im Zusammenspiel mit der Welt ein[9]. Seine Antwortmöglichkeiten sind anders, sie sind aufgrund einer "mangelnden Responsivität" (Goldstein) eingeschränkt. Im Extremfall begegnen wir einer anonymen "Scholastik der Existenz" (Merleau-Ponty), in der die erste Person beinahe zum Schweigen gebracht ist. Behinderungen stellen aus dieser Sicht kein bloßes Residuum normalen Verhaltens dar. Sie sind nicht als Kümmerformen sogenannten normalen Verhaltens zu verstehen. Antworten von Behinderten sind Stilisierungen ihrer Lebensformen, deren Verständnis uns vielleicht möglich ist, wenn wir ihr Verhalten als Antworten zu verstehen versuchen und ernstnehmen und nicht von vornherein als sinnlos verwerfen, bloß weil unser gewohntes Vokabular brüskiert wird. Auch Behinderte übernehmen Prämissen einer generellen Leiblichkeit, die das Band unserer Verständigung ausmachen können. Indem wir uns darauf besinnen, daß auch wir unseren Leib nicht nur haben, sondern auch von ihm beherrscht werden, indem wir unser Lachen und Weinen als zwar vorprädikative, aber passende Antworten ernstnehmen, gewinnen wir vielleicht eine Möglichkeit, unserem "horror alieni" die Spitze zu brechen.



[1] Vgl. Plessner, Helmuth: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin - New York (3)1975, S. 292 und Plessner, Helmuth: Die Frage nach der Conditio Humana. In: Ders.: Gesammelte Schriften VIII. Conditio Humana. Frankfurt am Main 1983, S. 136-217, hier: S. 194 ff.

[2] Vgl. Meyer-Drawe, Käte: Menschen im Spiegel ihrer Maschinen. München 1996, S. 181 ff.

[3] Vgl. Meyer-Drawe, Käte: Der Beitrag einer Phänomenologie der Intersubjektivität zu Konzeptionen integrativen Unterrichts. In: Gehrmann, Petra/Hüwe, Birgit (Hrsg.): Forschungsprofile der Integration von Behinderten. Bochumer Symposion 1992. Essen 1983, S. 28-33.

[4] Plessner, Helmuth: Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens. In: Ders.: Gesammelte Schriften VII. Ausdruck und menschliche Natur. Frankfurt am Main 1982, S. 201-387, hier: S. 249.

[5] Vgl. Meyer-Drawe, Käte: Unerwartete Antworten. Leibphänomenologische Anmerkungen zur Rationalität kindlicher Lebensformen. In: Acta Paedopsychiatrica 51 (1988), Heft 4, S. 245-251. Zu einer Philosophie der Responsivität vgl. Waldenfels, Bernhard: Antwortregister. Frankfurt am Main 1994.

[6] Vgl. Merleau-Ponty, Maurice: Die Wahrnehmung des Anderen und der Dialog. In: Ders.: Die Prosa der Welt. Hrsg. von Claude Lefort. Übersetzt von Regula Giulani. Eingeleitet von Bernhard Waldenfels. München 1984. [Paris 1969], S. 147-161.

[7] Vgl. Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Übersetzt von Ulrich Köppen. Frankfurt am Main (4)1981 [Paris 1961].

[8] Vgl. Stinkes, Ursula: Spuren eines Fremden in der Nähe. Das "geistigbehinderte" Kind aus phänomenologischer Sicht. Würzburg 1993.

[9] Vgl. Blankenburg, Wolfgang: Zum Selbst- und Weltverhältnis von Autisten. In: Acta Paedopsychiatrica 51 (1988), Heft 4, S. 273-284.

Die Autorin

Käte Meyer-Drawe, Universitätsprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum. Ausbildung zur Lehrerin an Grund- und Hauptschulen in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie. 1977 Promotion zum Dr. paed. an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe, Abteilung Bielefeld. 1983 Habilitation in der Abteilung Philosophie, Pädagogik, Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. 1987 Ernennung zur Universitätsprofessorin.

Arbeitsschwerpunkte: Allgemeine Pädagogik mit besonderer Berücksichtigung neuer Technologien und Medien. Buchpublikationen u.a.: Leiblichkeit und Sozialität. Phänomenologische Beiträge zu einer pädagogischen Theorie der Inter-Subjektivität (München 2-1987); Illusionen von Autonomie. Diesseits von Ohnmacht und Allmacht des Ich (München 1990); Menschen im Spiegel ihrer Maschinen (München 1996).

Institut für Pädagogik

Ruhr-Universität Bochum

D-44780 Bochum

Quelle:

Käte Meyer-Drawe: Der lachende und der weinende Leib - Verständigung diesseits der Vernunft. - 14 Thesen

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.08.2005

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