Bewusstsein ist der Schlüssel zum Leben (Damasio)

AutorIn: Dietmar Zöller
Themenbereiche: Kultur, Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/2003. Thema: Autismus von innen Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/2003)
Copyright: © Dietmar Zöller 3/2003

Bewusstsein ist der Schlüssel zum Leben (Damasio)

"Bewusstsein ist in der Tat der Schlüssel zum Leben - ob wir es wollen oder nicht -, unsere Lizenz, alles in Erfahrung zu bringen, was in uns vorgeht - den Hunger und den Durst, die Sexualität, die Tränen, das Lachen, die Hochs und Tiefs, den Strom der Vorstellung, den wir Denken nennen, die Gefühle, die Wörter, die Geschichten, die Überzeugungen, die Musik und die Poesie, das Glück und den Überschwang. Auf seiner einfachsten und grundlegendsten Ebene vermittelt uns das Bewusstsein den unwiderstehlichen Drang, am Leben zu bleiben und ein Interesse am Selbst zu entwickeln. Auf einer sehr hohen und komplexen Ebene hilft uns das Bewusstsein, Interesse am Selbst anderer zu entwickeln und die Kunst des Lebens zu verfeinern."[1]

Als ich das Buch von Damasio "Ich fühle, also bin ich" gelesen hatte, habe ich zum ersten Mal begriffen, wie ich zum Bewusstsein meiner selbst gekommen bin. Meine persönlichen Erfahrungen will ich auswerten, um anderen Menschen raten zu können, die einen hirngeschädigten oder autistischen Menschen fördern wollen.

Was ist wichtig, wenn man mit der Förderung eines Kindes mit einer Behinderung beginnt?

Es geht von Anfang an um den Aufbau des Bewusstseins. Das schließt ein Wahrnehmen des eigenen und fremden Körpers mit seinen einzelnen Gliedern und Merkmalen ein und geht weiter mit der bewussten Wahrnehmung von Gegenständen und Personen der häuslichen Umgebung. Alle Gegenstände müssen im Gehirn ein Bild erzeugen und der Erinnerung zugänglich sein.

Wenn ich meine eigene Lerngeschichte betrachte, so weit sie meiner Erinnerung zugänglich ist, dann wird mir klar, welche Bedeutung es gehabt hat, dass ich lernte, was zu meinem Körper gehörte und was außer mir war. Schwache Erinnerungen habe ich daran, dass ich zusammen mit meinem zwei Jahre älteren Bruder in der Badewanne saß. Es war ein Gewirr von Beinen und ich konnte vermutlich nicht unterscheiden, was meine Beine und was die Beine meines Bruders waren.

Ich lernte zu differenzieren, was zu meinem Körper, also zu mir und was zum Körper meines Bruders gehörte. Auch lernte ich die Namen für meine Körperteile, konnte sie aber nicht aussprechen. Dann wurde ich angehalten, meine Körperteile zu berühren. Das fiel mir schwer. Ich musste aber auch Körperteile bei meiner Puppe anfassen oder lernte zu unterscheiden zwischen meiner und meiner Mutter Nase. Das kommt mir alles im Nachhinein sehr vernünftig vor. Ich weiß aus Berichten meiner Mutter, wie schwer es für mich war, auf Aufforderungen angemessen zu reagieren. Wenn meine Hand oder mein Arm nicht berührt wurde, hatte ich keine Vorstellung, was ich tun sollte, auch dann nicht, als ich wusste, wo sich der Körperteil befand. Mein Arm setzte sich einfach nicht in Bewegung.

Wenn das Kind ein Bewusstsein seiner selbst entwickeln soll, muss es aber auch lernen, in welcher Beziehung es zu Personen und Objekten in seinem Umfeld steht. Und mit Umfeld meine ich nicht nur die häusliche Umgebung, sondern auch die nachbarschaftlichen Beziehungen, wenn sie für die Familie des Kindes eine Rolle spielen. Ich lief, nachdem ich mit mehr als drei Jahren das Laufen gelernt hatte, mit meiner Mutter stundenlang in der Nachbarschaft herum, drang in fremde Gärten ein, was glücklicherweise erlaubt war, kletterte auf fremden Treppen herum und lernte, was für Menschen dort wohnten. Die Namen der Personen, die ich häufig sah, prägten sich ein, vor allem die Namen der Kinder, die umherliefen und spielten. Ich kannte mich mit der Zeit nicht nur in unserem Haus aus, sondern auch in der näheren und weiteren Nachbarschaft. So wurde mein Gesichtskreis ständig erweitert und ich bekam ein Gefühl dafür, wer ich war und wo ich hingehörte und wer die anderen waren, die ich beobachtete, ohne mit ihnen in einen aktiven Kontakt zu treten. Ich meine, dass das alles für meine weitere Entwicklung von großer Bedeutung war.

Eigentlich kann ich erst jetzt richtig ermessen, was mir als Kind alles angeboten wurde, um meinen gravierenden Entwicklungsrückstand auszugleichen. Es fasziniert mich nachzulesen, was meine Mutter angestellt hat, damit ich mich zu einem Menschen entwickeln konnte, der sich seiner selbst bewusst ist. Denn das ist gelungen. Ich habe ein Selbstbewusstsein im Laufe der Jahre entwickelt. Ich erlebe mich selbst als eine eigenständige Person mit einem eigenen Willen, eigenen Gefühlen und der Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer wahrzunehmen. Das theory of mind-Problem [2], das bei vielen autistischen Menschen bestehen soll, habe ich nicht. Mein Mangel besteht darin, dass ich meine Wünsche und Vorstellungen nur unvollkommen handelnd umsetzen kann. Mit dieser Behinderung musste ich mich abfinden und bin unsicher, ob man diese Entwicklung hätte verhindern können. Vermutlich gab es keine Möglichkeit. Warum hätte ich in vielen Bereichen motiviert sein sollen und im Bereich des Handelns nicht? Mit Sicherheit kann ich ausschließen, dass ich das Tun verweigert habe. Manches konnte ich lernen, anderes nicht. Ich habe nie die Erfahrung machen können, wie das ist, wenn man genau das tut, was andere auch machen. Ich konnte auch nie ausprobieren, mich auf andere handelnd einzustellen. Ich konnte lediglich mit einer anderen Person etwas tun, zum Beispiel einen Ball zuwerfen. In einer Mannschaft wäre das niemals möglich gewesen. Die sich bewegenden Menschen und der sich bewegende Ball hätten mich verunsichert und handlungsunfähig gemacht.

Mein Selbstbewusstsein hat darum doch Beschränkungen. Ich erlebe mich als Einzelwesen, selten als Teil eines Gefüges.

Ich überlege, was und wie autistische Menschen lernen können und ob man das Ziel verfolgen sollte, jemanden so in eine Gemeinschaft zu integrieren, dass er handelnd an allen Aktivitäten der Gruppe teilnimmt. Ich meine, dass man Zugeständnisse machen muss und nicht anders kann als zu akzeptieren, dass eine autistische Person neben der Gruppe ein Eigendasein führt.

Eine erzwungene Integration stellt eine Scheinlösung dar, denn in seinem Innern bleibt der autistische Mensch ein Einzelgänger und ist dabei nicht unbedingt unglücklich.

Ich war immer zufrieden, wenn ich das Geschehen aus einiger Entfernung beobachten durfte, statt gezwungenermaßen mitzumachen.

Fazit aus dieser Betrachtung meiner eigenen Entwicklung hin zu einer selbstbewussten Person:

  • So früh wie möglich muss dem Kind der eigene Körper und die nächste Umgebung vertraut gemacht werden.

  • Dann muss man versuchen, den Gesichtskreis allmählich zu erweitern,

  • was das Kennenlernen weiterer Personen aus dem persönlichen Umfeld einschließt.

  • Schließlich sollte man Wege finden, dem Kind verständlich zu machen, was es fühlt.

  • Später kann es vielleicht auch verstehen lernen, was in anderen Personen vor sich geht.

Das kann ein langwieriger Lernprozess werden, der bis in das Erwachsenenalter reicht. Man sollte eine solche Erweiterung des Bewusstseins nicht zu früh abwürgen mit dem Wissen, dass autistische Menschen sich nicht in andere einfühlen können. Es mag sein, dass bei einigen Personen die Grenzen eng gesteckt sind. Wer aber kann genau sagen, ob man so etwas nicht doch ein Stück weit lernen kann, wenn die Lernangebote entsprechend sind.



[1] Antonio R. Damasio "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewußtseins", München, 2. Aufl. 2000, S. 15-16.

[2] "Als Theory-of-Mind bezeichnet man [...] die Fähigkeit, mentale Funktionen bei anderen Menschen wahrnehmen zu können. Zu den mentalen Funktionen zählen sowohl Ansichten, Meinungen und Überzeugungen als auch Bedürfnisse, Wünsche und Intentionen." Rüdiger Kißgen, Untersuchung der Theory-of-Mind bei verschiedenen Formen der Tiefgreifenden Entwicklungsstörung. In: autismus, Nr. 53, Mai 2002, S. 26.

Jede Förderung muss beim Körper ansetzen

Mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute könnte ich meine eigene Lerngeschichte neu schreiben. Aber leider gibt es für einen Menschen nur eine Lerngeschichte, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Ich weiß auch nicht wirklich, ob mein Leben hätte anders verlaufen können, wenn bei meiner Förderung andere Schwerpunkte gesetzt worden wären.

Ich möchte den Grundsatz aufstellen:

Jede sinnvolle Förderung muss beim Körper ansetzen.

Das bedeutet auch, dass jede Lerngeschichte damit beginnt, dass der eigene Körper erfahren wird. Wenn nun elementare Körpererfahrungen gar nicht spontan möglich sind, dann muss man sie mit entsprechenden Maßnahmen forcieren.

Wenn ich an meine frühe Kindheit zurückdenke, dann wird mir bewusst, dass ich meinen Körper sehr schlecht gespürt habe und große Mühe hatte, zum Beispiel vorn und hinten zu unterscheiden. Darum war es nötig, mir immer wieder meine Körperteile ins Bewusstsein zu rufen.

Ich saß zum Beispiel meiner Mutter gegenüber und sie forderte mich auf: "Fass an die Nase!" "Leg die rechte Hand auf den Kopf!" "Fass deine Ohren an!" "Stampf mit den Füßen!" Ich konnte das alles lange Zeit nicht. Zuerst musste man meine Hand führen, dann meinen Arm anschieben. So lernte ich es allmählich. Es war nie ausreichend, mir das, was ich tun sollte, vorzumachen. Ich konnte nicht imitieren.

Ich lernte die Bezeichnungen für meine Körperregionen. Schließlich konnte ich die Körperteile benennen, aber ich spürte sie nicht. Das ist mir erst viel später bewusst geworden.

Aus meinen Erfahrungen lässt sich der Schluss ziehen, dass man sorgfältig prüfen muss, ob das Kind bzw. wie weit es den eigenen Körper spüren kann. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Ausüben von Tätigkeiten. Wenn ich meinen Arm nicht spüre, kann ich ihn gar nicht in Gang setzen.

Was also sollte man üben:

  • Das Körperschema immer wieder bewusst machen, indem man massiert, Druck ausübt, den Körper mit einem Igelball bearbeitet.

  • Ein Vibrationsmassagegerät einsetzen, nachdem man geprüft hat, ob dem Kind die Vibration angenehm ist.

  • Den Körper in der Badewanne abbürsten oder mit einem rauen Tuch abreiben.

  • Die Bezeichnungen für die verschiedenen Körperregionen üben.

  • Den Körper einer Puppe untersuchen und Körperteile identifizieren und benennen.

  • Die Gelenke abklopfen.

  • Fingerübungen: In einem Finger Spannung aufbauen, indem man den Finger gegen den Finger einer anderen Person drückt.

  • Mit Knetmasse arbeiten. Dabei immer wieder darauf achten, dass Druck ausgeübt wird.

  • Mit den Füßen stampfen und springen. Dabei spürt man die Füße.

  • Füße massieren, auch wenn am Anfang die Zehen überempfindlich reagieren.

  • Barfuß im Sand laufen.

  • Sich mit den Füßen von der Wand abstoßen.

  • Kampfspiele, bei denen der Körper ruhig fest angepackt werden darf.

  • Sich mit dem Körper gegenseitig wegdrängen.

Das Gefühl ansprechen

Stanley I. Greenspan zeigt in seinem Buch "Die bedrohte Intelligenz. Die Bedeutung der Emotionen für unsere geistige Entwicklung"[3] auf, wie Kognition und Emotion zusammenhängen und welche Bedeutung die Emotionen für die kognitive Entwicklung des Kindes haben. Anschaulich beschreibt er, wie das kleine Kind bei allem, was es lernt, emotional beteiligt ist. Ein Gegenstand, der keine Emotion hervorruft, weckt kein Interesse. Es war nach seiner Meinung ein Sündenfall, dass in der Philosophie, angefangen bei den alten Griechen, ratio und Gefühl als getrennte Bereiche angesehen wurden (S. I. Greenspan, a.a.O., S. 14) und dass im Laufe der Geschichte das, was mit Gefühlen zu tun hatte, abgewertet wurde.

Auch Damasio widerlegt in seinem Buch den alten Dualismus von Gefühl und Verstand. Für ihn sind die Emotionen die Grundvoraussetzung für die Entwicklung des Bewusstseins. Emotionen sind bei ihm die Reaktionen, die man beobachten kann. Die privaten Erfahrungen von Emotionen bezeichnet er als Gefühle. Unter Bewusstsein versteht er "die Kenntnis, die ein Organismus von sich und seiner Umgebung hat." (Damasio, a.a.O., S. 57) Wenn aber auch die körperlichen Empfindungen für das Bewusstsein eine so große Bedeutung haben, wie Damasio annimmt, dann muss man mit Recht annehmen, dass Menschen, deren körperliche Empfindungen gestört oder gar nicht vorhanden sind, wesentliche Beeinträchtigungen zu verkraften haben. (Damasio, a.a.O., S. 17)

Ich selbst kann nur bestätigen, dass Emotion und Kognition bei mir zusammen wirken mussten, wenn ich etwas lernen wollte oder sollte.

Wenn ich zurückdenke und genau überlege, wie und unter welchen Umständen ich Lernerfolge hatte, dann wird mir klar, dass immer dann, wenn mein Gefühl angesprochen wurde, ich für Vieles offen wurde. Das war z. B. so mit allen Übungen, bei denen meine Aufmerksamkeit über die Musik oder Poesie erreicht werden sollte. Es waren aber auch die Spiele mit Handpuppen und das Spielen mit einer großen Puppe, die als Freundin eingesetzt wurde, was Lernprozesse in Gang setzte. Es ist schwer abzuschätzen, was mich weiterbrachte, die Entwicklungstherapie nach Lovaas[4] oder die kreativen Spiele mit Puppen, die sich meine Mutter ausdachte. Vielleicht war beides nötig. Ich meine, dass man unterschiedliche Therapieansätze durchaus nebeneinander anwenden kann. Meine Mutter hat es getan und war erfolgreich, obwohl sie keine therapeutische Ausbildung gemacht hatte.

Ich komme immer wieder dazu anzunehmen, dass ich viel über das Gefühl gelernt habe. Weil ich die Bildergeschichten von Rettich lustig fand, konnte ich sie gut verstehen und verbalisieren. Wenn ich etwas lustig fand, dann war ich aufgeschlossen und konnte mir auch etwas gut merken. Ähnlich erging es mir, wenn ich gerührt war, wenn ich etwas traurig fand. Das zeigt doch deutlich, dass ich dann lernen konnte, wenn meine Gefühle beteiligt waren. Wenn z. B. die Handpuppen so lustige Sachen gesagt haben, dann war ich hellwach. Wenn ich heute raten sollte, was man mit einem autistischen Kind machen soll, dann empfehle ich dringend solche Puppenspiele, wie wir sie gemacht haben. Das mag methodisch nicht so gut begründet werden können, aber da die Gefühle angesprochen werden, bewegt sich etwas. Die Feinheiten der Sprache habe ich bei diesen Spielen gelernt. Ich weiß nicht, wie man das anders lernen kann, wenn man sich nicht mit Menschen unterhält.



[3] Stanley I. Greenspan / Beryl Lieff Benderly, Die bedrohte Intelligenz. Die Bedeutung der Emotionen für unsere geistige Entwicklung, München, 2001.

[4] Angela Krautter, Was ist Lovaastherapie? In: autismus, Nr. 52, Oktober 2001, S. 29-33.

Wie ich dazu gebracht wurde, Gefühle zu äußern

Eine Puppe als Freundin

Zu meinem fünften Geburtstag bekam ich eine große Stoffpuppe, der ich den Namen Annika gab. Diese Puppe gibt es immer noch. Sie sieht inzwischen etwas mitgenommen aus, aber niemand wagt es sie wegzuwerfen. Ich möchte die Puppe behalten, weil ich im Umgang mit dieser Puppe viel gelernt habe. Sie hat mir Spielgefährten ersetzt, denn sie konnte sprechen, d. h. meine Mutter lieh ihr ihre Stimme. Vielleicht habe ich manchmal vergessen, dass Annika eine Puppe war. Es lief alles so ab wie im wirklichen Leben, nur dass ich mehr Zeit hatte zu reagieren. Ich reagierte sehr langsam, und wenn ich sprach, klang meine Stimme äußerst dünn. Ich stockte nach jedem Wort, das ich mühsam herauspresste. Als ich jetzt las, was meine Mutter protokolliert hatte, war ich sehr erstaunt. Habe ich damals am Ende besser sprechen können, als es mir jetzt möglich ist? Es könnte sein. Ich hatte die Hoffnung richtig sprechen zu lernen noch nicht aufgegeben. Ich glaube nicht, dass meine Mutter nicht richtig protokolliert hat, was ich sagte. So weit geht meine Erinnerung durchaus zurück, dass ich einschätzen kann, wozu ich in der Lage war. Ich habe in jener Zeit außerordentlich viel gelernt. Das wird mir klar, wenn ich die von meiner Mutter aufgezeichneten Gespräche lese; aber ich erkenne auch, wie ich aus der Reserve gelockt wurde. Ich konnte gar nicht anders, als mich locken zu lassen. Es waren Situationen, in denen meine Gefühle stark beteiligt waren.

Immer mehr wird mir bewusst, wie wichtig es für das Lernen ist, dass Gefühle angesprochen werden.

Wenn man die Gespräche, die meine Mutter aufgezeichnet hat, genau unter die Lupe nimmt, dann spürt man deutlich Mutters Absicht. Sie wollte herausbekommen, was in mir vorging, was ich fühlte, was mich bedrückte. Sie wollte verstehen, warum ich reagierte, wie ich reagierte oder warum ich zuweilen gar keine Reaktion zeigte. Ich vermute, dass sie sich gar nicht bewusst war, was alles gefördert wurde. Es waren ja spontane Aktionen und keineswegs eine Therapie, die einem bestimmten Konzept folgte. Solche spontanen Einfälle kamen, wenn ich es recht bedenke, bei mir am besten an. Sie brachten mehr als die strukturierten Übungen nach Lovaas, auch wenn die natürlich sinnvoll und notwendig waren. Ich konnte am besten lernen, wenn meine Gefühle angesprochen wurden. Meines Wissens habe ich mich gegen die Puppenspiele auch nur selten gewehrt.

Kognition und Emotion

Ich habe intensiv darüber nachgedacht, in welcher Weise bei mir Kognition und Emotionen zusammenwirken bzw. einander ausschließen. Ich kann das nur sehr vereinfacht darstellen, denn ich weiß nicht genau, was im Gehirn wie abläuft, wenn Emotionen mich bestimmen bzw. wenn Emotionen ausgeschaltet werden und nur noch der Intellekt arbeitet.

Ich habe beobachtet, dass ich grundsätzlich zuerst die Emotionen meines Gegenübers wahrnehme und verarbeite. Als zweiten Schritt erst nehme ich auf und verarbeite ich eine sachliche Mitteilung oder eine Aufgabenstellung.

In der Schule hat mich zuerst interessiert, was ein Lehrer durch seine Körperhaltung und Mimik ausdrückte. Wenn ich darüber Klarheit hatte, konnte ich zuhören, was er sagte, und mitdenken, wenn Aufgaben gestellt wurden. Das hatte Konsequenzen für meine Art zu lernen. Ich lernte am besten, wenn ich allein war, also ohne Lehrer. Das Fernstudium kam meinen Eigenheiten sehr entgegen. Ich wurde nicht durch eine Person abgelenkt, deren Stimmung ich hätte zuerst entschlüsseln müssen. Jeder Mensch sendet ja viele Botschaften. Viele Menschen werden diese Botschaften teilweise ignorieren, vielleicht gar kein Gespür dafür haben.

Ich kann die Botschaften, die Menschen nonverbal vermitteln, nicht übersehen. Ich habe keine Ruhe, bevor ich nicht die Sicherheit habe zu durchschauen, was mit der Person in dieser Situation los ist.

Schon seit langer Zeit habe ich mir das bewusst gemacht und vermutet, dass das bei anderen Menschen nicht so ist.

Wie ist das aber, wenn ich nur meinen Verstand gebrauche? Wie war das, wenn ich eine Mathematikaufgabe lösen musste? Ich nehme an, dass dann meine Gefühle weitgehend ausgeschaltet waren. Auf jeden Fall spielten sie keine Rolle. Ich empfinde, während ich solche Aufgaben löse, weder Unwohlsein noch Trauer, noch sonst etwas dergleichen. Es ist gerade so, als ob ich ausschließlich denke. Ich bin nur noch Verstand.

Gefühle bei sich und anderen wahrnehmen

In meiner Erinnerung an meine frühe Kindheit kommt es mir so vor, als hätte es so etwas wie einen "Gefühlsbrei" gegeben, d. h. dass ich vermute, dass ich die Gefühle nicht unterscheiden konnte. Ich wurde von ihnen überwältigt, musste dann schreien, und keiner konnte mein Schreien einordnen. Es ist immer wieder berichtet worden, wie oft und ausdauernd ich schrie und nicht zur Ruhe kommen konnte. Auch wenn ich vermute, dass ich oft geschrien habe, weil ich zu vielen Reizen ausgesetzt war, die ich nicht gleichzeitig verarbeiten konnte, muss ich annehmen, dass auch unbestimmte Gefühle mich aus dem Gleichgewicht brachten. Ich lernte allmählich, was Angst war, wie es sein musste, wenn jemand Trauer empfindet oder Enttäuschung. Es waren Bilder, auf denen Gefühle dargestellt wurden, die mir halfen zu verstehen, was gemeint war, wenn von jemandem gesagt wurde, er sei traurig.

Gefühle verarbeiten

Gefühle zu verarbeiten setzt voraus, sie unterscheiden und benennen zu können. Aber dennoch bedarf es besonderer Strategien, um z. B. mit Ängsten fertig zu werden. Als ich einmal zwei Wochen auch über Nacht in einer heilpädagogischen Gruppe bleiben musste, die ich sonst nur einen halben Tag besuchte, hatte ich entsetzliche Angst, meine Mutter zu verlieren. Sie war nämlich im Krankenhaus und sollte operiert werden, worunter ich mir nicht viel vorstellen konnte. Ich half mir schließlich, indem ich mir das Bild von meiner Mutter pausenlos ins Gedächtnis holte. So war sie immer präsent. Ich war dann allerdings für nichts Anderes offen, und die betreuenden Personen konnten mich mit nichts ablenken. Ich habe aber gelernt, dass ich große Angst überwinden kann, wenn ich mein Gehirn mit einem bestimmten Bild blockiere. Das muss gar nicht immer das Bild meiner Mutter sein. Vor einer Operation hatte ich immer das Bild eines Freundes, der damals bei mir als Zivi war, vor Augen und verlor allmählich die quälenden Angstgefühle.

Ob man so etwas einem Menschen beibringen kann, weiß ich nicht genau. Man könnte in Angstsituationen jemanden dazu auffordern, sich etwas Bestimmtes vorzustellen. Vielleicht muss es gar nicht immer eine Person sein. Wenn ich mir eine Sommerwiese mit bunten Blumen und Schmetterlingen vorstelle, kann ich damit auch andere düstere und angstmachende Bilder überdecken.

Ich hatte die Möglichkeit viele Erfahrungen zu machen, so dass ich trotz vieler Einschränkungen durch meine Behinderung ein Bewusstsein meiner selbst und ein Bewusstsein von den anderen, die mit mir in Beziehung treten, entwickeln konnte. Mich interessiert auch das Selbst anderer Menschen.

Und damit komme ich auf das Zitat von Damasio zurück, der sagt: "Auf einer sehr hohen und komplexen Ebene hilft uns das Bewusstsein, Interesse am Selbst anderer zu entwickeln."

Der Autor

Dietmar Zöller, geboren 1969, selbst behindert, veröffentlichte folgende Bücher: Wenn ich mit euch reden könnte, Bern, 1989 (vergr.); Ich gebe nicht auf, Bern, 1992 (vergr.); Autismus und Körpersprache. Störungen der Signalverarbeitung zwischen Kopf und Körper. Zeichen - Körper - Kultur Bd. 6, Berlin, 2001; Gestützte Kommunikation (FC): Pro und Contra, Autismus Bd. 4, Berlin, 2002.

Haldenstr. 10/5

D-70771 Leinfelden-Echterdingen

MKD.Zoeller@t-online.de

Quelle

Dietmar Zöller: Bewusstsein ist der Schlüssel zum Leben (Damasio).

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Nr. 3/2003; Reha Druck Graz, S.12 - 19

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.05.2006

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