"Wishful Thinking" - Zum Verhältnis zwischen Zeit und Wunsch

AutorIn: Peter Rödler
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 2/98. Thema: Begegnungs-Raum und Eigen-Zeit Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (2/1998)
Copyright: © Peter Rödler 1998

"Wishful Thinking"

Im Hier-und-Jetzt gibt es kein Ziel.

Im Hier-und-Jetzt gibt es keinen Wunsch.

Im Hier-und-Jetzt gibt es kein Denken.

Denken ohne Ziel ist nicht möglich.

Denken ist damit ohne Wunsch nicht denkbar.

Der Weg zum Ziel wird als Zeit erlebbar.

Ohne Wunsch wird Zeit nicht erlebbar.

Offene Wünsche gefährden!

Offene Wünsche machen unsicher!

Das Hier-und-Jetzt gibt Sicherheit!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als letzter Vortragender des Symposiums "Zeitlose Fragen der Pädagogik" hatte ich am letzten Tag dieser außerordentlich fruchtbaren Unternehmung die Chance, auf die Beiträge und Vorträge des Vortages reagieren zu können. Heraus kam so, orientiert am vorbereiteten Vortrag, aber im wesentlichen aus dem Zusammenhang der Diskussionen und Überlegungen des Vortages heraus freigehalten (vgl. v. Kleist 1994), ein mir sehr authentisch erscheinender Text, dem ich diesen Charakter auch erhalten möchte. Meine Überarbeitungen der Verschriftlichung des Vortragsmitschnitts beschränken sich deshalb vor allem darauf, unverständliche Stellen zu verdeutlichen.

Kritische Punkte und Differenzen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der bisherige Gang der Überlegungen auf unserem Symposium zeigt ein hohes Maß an Konvergenz, an Sicherheit in der Übereinstimmung der Beteiligten. Dies ist ein Effekt der Gestaltung dieses Symposiums durch die Auswahl der eingeladenen Referenten durch die Veranstalter einerseits, wie auch der Auswahl der TeilnehmerInnen, die sich durch den Veranstaltungstitel angesprochen fühlten, andererseits. Nun ist diese Synchronisation von Sichtweisen und Grundpositionen in einer Zeit der Zersplitterung in Einzelinteressen zwar grundsätzlich mehr als zu begrüßen, diese Konvergenz birgt aber auch die Gefahr, in dieser Übereinstimmung stehen zu bleiben.

Denken ist aber, wie Peirce (vgl. Peirce 1985) verdeutlicht, prinzipiell an den Zweifel gebunden, und so sehe ich meine folgenden Überlegungen, entlang der mir noch offen erscheinenden Fragen und Differenzen, als einen Beitrag zu der gestern sehr deutlich werdenden gemeinsamen Sache; ja meine Überlegungen setzen diese geradezu voraus. Ich werde also versuchen, diese Übereinstimmung etwas zu verunsichern, wobei ich mit meinem Vortrag hoffe, deutlich zu machen, daß ich "Unsicher-machen" nicht als etwas fürchterlich Gefährliches ansehe. "Unsicher-machen" ist eine Form von Zumutung. Aber man kann ja Zumutung auch so lesen, daß man jemandem mehr Mut gibt, ihm etwas zu- mutet, also "mehr Mut macht".

Ich denke, daß wir im Moment in einer Zeit leben, die Mut braucht, die aber vergessen macht, daß Mut immer Momente von Unsicherheit voraussetzt. In einer völlig sicheren Situation brauche ich eigentlich keinen Mut und da kann ich Mut auch nicht lernen. So denke ich auch, daß man Mut nicht lernen kann, wenn man z.B. am Gummiseil von irgend einem Kran hüpft. Hier lernt man, daß der Körper Endorphine ausschütten kann, auch wenn ihm kein Marathonlauf aufgenötigt wird. Aber Mut im hier behandelten existenziellen Sinne ist es ja nicht, da man sich wohl furchtbar beschweren würde, wenn das Seil zu lang wäre und dies sicher massive juristischen Folgen incl. großer VerSICHERUNGSansprüche (sic!) für den Betreiber dieses Unterhaltungsgerätes nach sich zöge - wie ja die selbe Zeit, die das beschriebene Freizeitgerät hervorbringt, sich gleichzeitig durch ein Boomen der Umsätze von Versicherungen jeglicher Art auszeichnet.

Insofern sind diese Pseudounsicherheiten, die wir uns heute als scheinbares Leben organisieren, doch wirklich nur sehr scheinbar und es geht doch wirklich um ganz andere Unsicherheiten, um überhaupt wieder für Neues fähig zu werden. Um diese Unsicherheiten, die Verunsicherung durch Fremdes im Verhalten, der Kultur, im Schicksal anderer Menschen wie innerhalb der eigenen Persönlichkeit, geht es aber gerade in unserer Arbeit. Mir geht es darum zu zeigen, was es hierbei heißt, für Neues offen zu bleiben, ohne die Orientierung zu verlieren, und das ist, wie uns "Autisten" täglich vor Augen führen, nicht immer ganz einfach.

Meine Damen und Herren, ich möchte hier deshalb am Beginn meines Vortrags - und das ist natürlich eine Chance, die ich heute hier habe, nach dem gestrigen Tag - meine Eindrücke kurz Revue passieren lassen. Ich möchte dabei, wie gesagt, nicht die vielen übereinstimmenden Momente - die ich mit den Kolleginnen und Kollegen, die ich aus den verschiedensten Zusammenhängen kenne und die ja nicht zufällig deshalb hier zusammen gekommen sind - nennen, sondern ich möchte die kritischen Punkte, eben die Differenzen herausstellen, da es, wie gesagt, gerade diese offenen Fragen und nicht die Übereinstimmungen sind, die das Denken vorantreiben, für die Zukunft öffnen.

Ich möchte dabei mit einem Beispiel aus dem Vortrag von Dieter Fischer vom gestrigen Abend beginnen und ich bedauere, daß er heute nicht hier anwesend sein kann. Dieter Fischer entwickelte dort außerordentlich sensible Überlegungen zum Dialog, die, um die Aussage "nicht den Dialog führen, sondern den Dialog suchen" herum zentriert, sicher in maximale Nähe zu meinem Konzept des Sprachraumes (vgl. Rödler 1993) wie auch dem Inhalt des heutigen Vortrags geraten. Dann kam aber ein kleiner Satz, der - nach meiner Auffassung - das gesamte System seiner Überlegungen, insbesondere aber das angeführte Zitat, auf den Kopf gestellt hat. Diese, mir sehr bedeutende Nuance möchte ich nun etwas deutlicher machen.

Dieter Fischer wies gestern auf den singulären Punkt im Dialog zwischen zwei Menschen hin, den Buber "Umfassung" nennt; wo also in einem Moment die Welt aus Sicht des Anderen wahrnehmbar wird. Buber sagt hierzu: "Nicht als ob nichts andres wäre als er: aber alles andre lebt in seinem Licht" (Buber (1923) 1984, S. 38). Ich schaue hierbei also sozusagen von der anderen Seite her. Der für unseren Zusammenhang wesentliche Punkt ist dabei, daß Buber für den nächsten Moment sagt, und dagegen verwehrte sich Fischer gestern: Es sei die "erhabene Schwermut unseres Loses, daß jedes Du in unserer Welt zum Es werden muß" (ebd. S. 20). Daß also der singuläre Eindruck von der anderen Seite sofort wieder zum "Bild vom anderen" wird, ich sofort wieder mit meiner Weltkonstruktion bei mir bin und diese Kontaktnahme, diese Synchronisation mit der anderen Seite eben nach Buber nicht auf Dauer halten kann. Dieter Fischer regte gestern aber an, daß man bei Behinderten eben doch in diesem Kontakt verbleiben können sollte, auch wenn er dies immerhin als Drahtseilakt bezeichnet hat. Ich denke dagegen - mit Buber -, daß dies prinzipiell nicht möglich ist. Dies kommt, nach meiner Auffassung, auch in einem Beispiel Fischers zum Ausdruck:

Er beschrieb, wie bei einer Geburtstagsfeier das Mädchen Jolanda, die kein Geschenk hatte, sich für alle Beteiligten völlig unerwartet spontan in die Mitte der Gesellschaft stellte und ein wunderschönes Lied als Geschenk darbrachte. In der Verzauberung der gesamten Gesellschaft wurde eine Synchronisation der Beteiligten ähnlich der von Buber beschriebenen Umfassung spürbar. Anschließend beschrieb Dieter Fischer, wie Jolanda nach diesem Vortrag während der gesamten Feier recht traurig gewesen sei. Diese Traurigkeit wurde dabei so gedeutet, daß ihr Geschenk nach dem Vortrag vergangen und auf dem Geburtstagstisch deshalb nicht sichtbar vorhanden war. Deshalb wurde dann auch eine Karte mit der Aufschrift "Lied" auf den Geburtstagstisch gestellt.

Von meinen Überlegungen her ist dies aber möglicherweise doch nicht der Punkt gewesen: Von Jolanda lernen? Folgte das Erleben von Jolanda hier, im Unterschied zu Fischer, Buber? Hatte sie gemerkt: "eben ist die Verwandlung, die Identität mit den Anderen und im nächsten Moment bin ich wieder allein"? Man hätte, so gesehen, die ganze - zeitgemäß produktorientierte - Interpretation nicht gebraucht. Jolanda brauchte in diesem Moment nicht Buber lesen und sie konnte das Erlebte natürlich nicht wie er sagen oder schreiben, aber sie hat die Einsamkeit nach dieser identischen Situation erlebt und dabei tief in die Gründe menschlicher Existenz geschaut.

Ich denke, daß jede Pädagogik, die diesen Stachel in der menschlichen Existenz wegdenkt, letztlich schon von ihren Prämissen her scheitern muß. Natürlich ist es gut zu verstehen, daß wir eine Tendenz haben solche Verwerfungen aus unserer Existenz herauszudenken. Allerdings, wenn wir dieser Tendenz nachgeben, diesen Negativanteil menschlicher Existenz harmonistisch verkleistern, dann schaffen wir uns systematisch zwei Sackgassen: Entweder wir fordern von uns eine "Dauernähe" zum Anderen und dann geraten wir, dieses Programm konsequent durchgehalten, systematisch in ein klassisches Burn-out-Syndrom hinein und dies nicht nur mit Behinderten, sondern z.B. auch mit unseren Partnern, wobei die Scheidung dabei wohl in der Regel ein regelrechtes Burn-Out verhindert, d.h. wir werden auf der Basis dieser Annahme praktisch beziehungsunfähig.

Die zweite Sackgasse - und das ist die weiter verbreitete, psychisch gesündere - ist die, die eigenen Annahmen von der Welt des Anderen mit dessen Realität zu verwechseln. Die Annahme von der Möglichkeit einer systematisch herstellbaren Nähe führt hier zu einer halluzinativen Verwechslung zwischen Eigenem und Fremdem. Übersehen wird, daß auch der Akt, die "eigene Brille abzusetzen" und der Blickrichtung des Anderen in den eigenen Überlegungen einen Ort zu geben, unausweichlich eine eigene Konstruktion, eine neue Brille darstellt. Diese Ausgangssituation, mich in Nähe bzw. in Beziehung zu wähnen, verhindert aber dann, daß sich meine Wahrnehmung dem wirklich Fremden öffnet, diesem die Möglichkeit gibt - und sei es nur für einen Moment - in meine Existenz einzubrechen. D.h. die Arbeit am und die Konzentration auf den Drahtseilakt dauerhafter Nähe verhindert, daß ich den Blick so offen gestalte, daß dann hie und da einmal eine wirkliche Annäherung stattfindet, da ich ständig mit der Imagination schon realisierter Nähe herumlaufe.

Alles was ich im Folgenden sagen werde, und auch die weiteren Überlegungspunkte zum gestrigen Tag, gehen deshalb immer wieder gegen diesen Punkt einer imaginierten möglichen Einheit, möglichen Nähe, möglichen Ganzheit auf Dauer an.

Zurück zum gestrigen Tag: In den meisten Beiträgen wurde mehr oder weniger explizit gefordert: Raum und Zeit geben für Behinderte, ...mehr Raum und Zeit geben für Behinderte! Ja warum eigentlich? Warum denn nicht weniger Raum und Zeit für Behinderte? Ich kenne jede Menge "Autisten", die mit "Raum" - im Sinne von einfacher Freizeit - überhaupt nichts anfangen können. Die brauchen Orientierungen, d.h. äußere Ordnungen. Dies ist dann aber ein strukturierter und damit "engerer" Raum, d.h. das genaue Gegenteil dessen was hier gefordert ist! Und steckt in dem "Zeit-geben" nicht auch ein recht klarer Behindertenbegriff? "Wir" sind schnell, "die" sind langsam. Warum nicht: "Wir" sind schnell, "die" sind noch schneller (wie etwa bei einigen Menschen mit autistischen oder hyperkinetischen Verhaltensweisen)? Auch dies könnte uns ein großes Problem in der Begegnung darstellen! Es zeigt sich: auch in diesen Vorstellungen ist ein ganz traditionelles "Helfen wollen" - "die" sind bedürftig, "ihnen" muß Raum gegeben werden - ein Stück weit mit drin.

Ähnliches gilt auch, wenn, bezogen auf die allgemeine Frage von Raum und Zeit, wie bei Peter Radtke, ein exemplarischer Zusammenhang zur speziellen funktionellen Einschränkung der Körperbehinderung hergestellt wird. Radtke wies hier auf die Erschwerung hin, die die Körperbehinderung bei der Erfahrung neuer Räume bedeutet. Dies ist so einfach auf die Funktion bezogen sicher einsichtig: das Reisen, die Erfahrung von kultureller Differenz in anderen Ländern gar, ist durch diese funktionelle Störung sicher erschwert. Auch die von Peter Radtke beschriebene depressive Verstimmung angesichts der erlebten unterschiedlichen Möglichkeiten ist nachzuvollziehen. Allein, wieviele Menschen sind in ihren Räumen ohne funktionelle Defizite ebenso beschränkt; aus Geldmangel - mit der Folge von Traurigkeit im Moment des Erlebens der damit verbundenen Einschränkungen - oder aber auch, da in ihrer Geschichte nie eine Anregung, den eigenen Ort zu verlassen, statt gefunden hat - mit der entsprechenden Zufriedenheit des Lebens im begrenzten Raum.

Zudem: brauche ich immer einen räumlichen Wechsel um eine Ortsveränderung zu haben? Ist nicht dieser Ort hier heute durch seine Nutzung für ein Symposium im Unterschied zur gewohnten Vorlesung erheblich verwandeltet? Ist nicht auch dieser uns allen hier jetzt gewohnte Raum schlagartig und grundlegend zu verändern? Kann ich nicht auch Orte verändern? Wie sähe dieser Ort hier aus, wenn ich einfach auf den Tisch steigen und meinen Vortrag von dort weiter halten würde. Die Vorstellungen von möglichen wissenschaftlichen Vorträgen bei den Zuhörern, wie auch deren Einschätzungen meiner Person wären dann schlagartig verändert. Es gäbe also eine völlige Verwandlung der Situation, eine Ortsveränderung ohne Raumwechsel. Dies geht allerdings immer nur im Kontakt mit anderen (!), da ich mir selbst eine solche Neuigkeit gar nicht zumuten kann, da ich ja sozusagen mit mir auf Dauer identisch bin.

Wird von dieser kulturellen Seite der Zusammenhänge abgesehen zeigt sich auch hier: die Orientierung allein auf die funktionelle Seite von Behinderung führt auch hier unversehens zu einem recht traditionellen Begriff von Behinderung (sinngemäß): "Behinderten muß auf der Basis bereitgestellter Hilfen eine ebenso große Mobilität wie Nicht-Behinderten ermöglicht werden und für die Gruppe, für die diese nicht möglich ist, müssen alternative Angebote im Sinne der ‚Basalen Stimulation' bereit gestellt werden."

Ganz ähnlich hier auch die Überlegungen von Hans von Lüpke, der das Leben als einen Bogen beschreibt. Am Anfang ist das augenblickliche Sein, dann führt das Leben zu einem Höhepunkt von Produktivität, Abstraktion und Differenz und wenn wir alt werden ist es auch wieder das augenblickliche Sein, das Zurückgehen ins Körperliche. Ich denke, auch diese Beschreibung schließt letztlich Schwerbehinderte aus, die eben diesen Bogen in ihrer Lebenszeit so nicht leisten können. Ich denke, wir sind in jedem Moment in die ganze Bandbreite menschlicher Beziehung und damit menschlicher Abstraktion eingebunden:

Der körperliche Schrei des Kindes wird von der Mutter oder von der Bezugsperson als "der Schrei nach ihr" interpretiert, und in dem Moment ist er schon mehr, als nur das Indiz eines schreienden Körpers. Dies gilt in gleicher Weise aber auch für den Sterbenden! Auch der Sterbende, der im Arm gehalten wird, der besucht wird, an dessen Sterbebett geweint wird, der vermißt werden wird ist in einen kulturellen Zusammenhang eingesponnen. Ja, dieser Zusammenhang verweist, wie am letzten Beispiel sichtbar, sogar über den Tod hinaus! D.h. mit dem Tod gewinnt das Leben Form: Da ist dieser Mensch an diesem Punkt. Das war sein Leben und auf dieses Leben bauen andere weiter, das heißt damit erfüllt sich dann dessen wie deren Schicksal. Insofern ist die von Hans von Lüpke beschriebene körperliche Nähe am Anfang und am Ende des Lebens eben nicht alleine ein körperlich-emotionaler Zustand im Unterschied zum sprachlich-kognitiven Leben dazwischen, sondern ist in höchstem Maße kulturell durchwirkt. Gerade am Beispiel mit dem Sterbenden sollte deutlich geworden sein, daß hier geradezu die Möglichkeit besteht, das körperliche Leben wie das alltägliche Sprechen in der gemeinsamen Sprache geradezu zu transzendieren, ohne auch nur ein Wort sprechen zu müssen.

Sprachlich-kultureller Zusammenhang von Begegnung

Stellen wir dies in den Zusammenhang mit unserer Fragestellung, so wird, so hoffe ich, wiederum etwas klarer, um was es mir hier geht: Es geht mir darum, die Zeit in ihrem Rückwärts- und Vorwärtsbezug im sprachlich-kulturellen Zusammenhang der Begegnung von Menschen zu verstehen.

Dieser "sprachlich-kulturelle Zusammenhang" in den Blick genommen beinhaltet nun aber noch einen allgemeineren spannungsvollen Aspekt, auf den vor allem der Konstruktivismus, Orientierungsgrundlage im gestrigen Vortrag von Reinhard Voß, verweist. Es ist dies die Erkenntnis, daß unsere Wahrnehmungen von der Welt und damit auch die Gegenstände, über die wir im "Sprachraum" verhandeln, letztlich eigene Konstruktionen, selbst erzeugte "Brillen" darstellen, durch die wir die Welt betrachten. Diese als Ursprung von Streit und Mißverständnissen zu erkennen und damit von der Evidenz unseres "Wahrheitsgefühls" Abstand zu gewinnen, ist das Ziel und die große Leistung dieser theoretischen Richtung.

Wichtig ist dabei aber, nicht dem Mißverständnis zu verfallen, man könne die Brille absetzen. Was geschieht, wenn ich die Brille absetze? Ich schaue durch eine neue eigene Brille! Es geht also nicht darum, zu denken, man könne völlig vorurteilslos wahrnehmen. Im Gegenteil, eine Annahme ist als Orientierungsgrundlage des eigentlichen Wahrnehmungsprozesses eine bis auf die neuronale Ebene gültige notwendige Voraussetzung für die Wahrnehmung. Was wichtig ist, ist, Perspektivenwechsel zu üben, das jeweilige Vorurteil, das ich, wie gesagt, zum Wahrnehmen brauche, als Grundlage zu reflektieren, und nicht einfach unbewußt hinzunehmen; zu spüren, daß man immer eine Brille auf hat. - Das ist auch ein Teil dieses schweren Loses, daß wir die Brille nie ganz los werden! Ich kann nie ganz natürlich werden, ganz in die Beziehung gehen oder ganz in die Realität eintreten. Ich muß mit diesem Manko leben lernen, darf aber dieses Manko nicht verkleistern, ich muß es mitdenken.

Sprache - im beschriebenen umfassenden Sinn, nicht konkretes Sprechen, sei es verbal, nonverbal-gestisch oder mit Hilfe alternativer Medien realisiert - stellt sich hier als eine unhintergehbare gelebte Relation dar, in der wir uns gegenseitig unsere Blickwinkel als Material anbieten: "meine Brille dir als Material, deine Brille in der selben Situation mir als Material". Dieser Austausch, diese Form von Sprache führt denn auch nicht zu niedriger Spontaneität, wie in einem Vortrag gestern, in Verbindung mit Sprache verbunden, vermutet, sondern zu einer weitergehenden Spontaneität, zu einer Ausdifferenzierung der Welt: "Was, man kann das auch so sehen? Ist ja interessant!" "Ich sehe es so, Du siehst es so." "Dein Sehen der Situation gibt mir eine Alternative und gibt mir auch die Möglichkeit, neue Brillen zu haben" und damit werde ich wirklich flexibler handlungsfähig.

Wichtig hierbei ist allerdings, zu bedenken, daß die in diesem Prozeß erzeugten Perspektiven der Welt nicht beliebig vielfältig sind. Um an ein Beispiel von Reinhard Voß anzuknüpfen: In der folgenden Grafik ist eben nur eine junge oder eine alte Frau zu sehen, nicht aber eine Kuh! Dies ist für den von mir gedachten Vorgang sehr wichtig: die Konstruktionen, die wir erzeugen, beziehen sich immer auf etwas außerhalb! Wir können zwar nichts ohne unsere Brillen wahrnehmen, aber auch nichts ohne eine äußere permanente Realität (vgl. Peirce 1985)! Natürlich können wir uns aus unserer Erinnerung innere Bilder erzeugen und damit zur momentan erfahrenen Realität halluzinativ Abstand nehmen; aber diese Bilder haben - wenn auch in der Vergangenheit - immer einen im Realen, außerhalb des Wahrnehmungsprozesses, liegenden Ausgangspunkt!

Abb 1: Ceci n'est pas une vache - das ist keine Kuh!

Das heißt, wir müssen mit unseren (!) Realitätskonstruktionen für andere in der Realität vorhanden sein. Dabei kann es im Zusammenhang unserer Überlegungen natürlich nicht darum gehen, die Anderen auf dieses unser "Für-wahr-halten" (vgl. Peirce 1985) festzulegen. Dies ist, wie die Erkenntnisse des Konstruktivismus zeigen, letztendlich auch gar nicht möglich (vgl. Maturana/Varela 1987). Der Austausch um die verschiedenen Aspekte von Realität im gemeinsamen Begegnen und die dabei entstehende Schau der Realität im Anderen verhält sich dabei eher wie das Pendel in diesem kleinen Modell hier (s. Abb.2). Der Magnet im Pendel bewegt sich dabei auf letztlich nicht ausrechenbaren Bahnen zwischen den drei Magneten der Grundplatte. Beim Spielen mit diesem Modell, wie beim systematischen Erforschen seines Verhaltens wird schnell deutlich: es ist zwar nicht vorhersagbar, wo das Pendel letztendlich ankommen wird (es sei denn, ich würde nach einem ersten Versuch dessen Anfangsbedingungen völlig exakt wieder herstellen können), da das Ergebnis der Bewegung von kleinsten Nuancen der Anfangsbedingung nicht linear bestimmt wird. Aber eins kann ich sicher sagen: der Zustand, in dem es letztlich ankommt, ist nicht möglich, wenn ich den entsprechenden Magneten wegnehme!

Abb. 2: Verhalten komplexer (chaotischer) Systeme - eine sichere (!) Aussage über ein "chaotisches" System

Auf unseren Zusammenhang bezogen: wir können nicht sagen, ob wir unser Gegenüber letztlich in unserem Sinne - das gilt, wie gesagt auch für den Versuch, die Brille abzusetzen und in seinem Sinne zu handeln!!! - beeinflussen werden. Aber wenn wir in dessen Welt mit unseren (!) Vorstellungen nicht gegenwärtig, nicht attraktiv wirksam werden, dann wird es eben nicht zu dem geforderten gegenseitigen "Verlebendigen" kommen und der Einzelne bleibt, auf sein eigenes "Für-wahr-halten" zurückverwiesen, in die Starre dieses Selbstbezuges gefangen, allein.

Was heißt dies nun in Bezug auf Sprache? Beginnen wir hier mit einigen Überlegungen zu der Behauptung, die ebenfalls immer wieder gemacht wird: Unsere Zeit sei beschleunigt und wir müßten dieser Beschleunigung der Zeit das Verharren, das Stehenbleiben, das Innehalten entgegen halten. Mir ist sehr fraglich, was in diesem Zusammenhang "beschleunigt" heißt. Ist es das immer schnellere Vorwärtskommen oder die reine Bewegung an sich?

Das Rad stand in der Romantik für die Vergeblichkeit reiner Motorik. So heißt es im letzten Lied der Winterreise von Franz Schubert vom Leierkastenmann: "drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann und mit klammen Fingern dreht er was er kann; barfuß auf dem Eise wankt er hin und her und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer!" Er dreht und dreht und dreht, aber er kommt nicht vom Eis, er gewinnt auch nichts und er spielt auch nicht für einen Zuhörer und offensichtlich auch nicht für sich. Das ist ein Ewigkeitssymbol, das Rad, das sich dreht und zwar beliebig schnell dreht. Es ist kein Rad, das voran führt. Dieses Symbol ist reine zirkuläre Beschleunigung, die nichts bringt.

Gestatten Sie mir die These, daß die heutige Zeit, wie wohl keine vor ihr, diesem Rad entspricht, indem sie in dem immer schnellerem Wechsel von Verpackungen - das gilt auch für Behinderungsbegriffe und immer neue "Movements" - ständig eine Bewegung, eine Zukunft, ein Leben vorgaukelt, das auf der Ebene der Inhalte schon längst einem ängstlichen Hängenbleiben in dem Status quo der Wendezeit gewichen ist.

Mein heutiger Vortrag ist denn auch ein Versuch, ein wenig gegen diese Tendenz wirksam zu werden. Ich denke, daß die heute häufig anzutreffende Betonung des Innehaltens im Grunde eine Reaktion, ein Produkt der Zukunftsangst in dieser unsicheren Zeit ist, wobei in dieser kulturellen sublimierten Form diese Angst nicht mehr spürbar ist. Allerdings setze ich gegen dieses "Hängenbleiben" nicht eine beliebige Motorik in die Zukunft, nicht ein Prinzip Hoffnung, daß den geschichtlichen Zufallsentscheidungen Vernunftscharakter verleiht; hier halte ich es mit dem Prinzip Verantwortung von Hans Jonas. Wenn sich in dem Innehalten aber keine Sehnsucht, keine Vision zu entwickeln vermag und das Innehalten allein aus Angst vor dem nächsten Schritt geschieht, dann entsteht eben nichts, was verantwortet werden kann, und dann ist dieses Innehalten zerstörerisch. Es gilt also gegen die beschriebenen Tendenzen diese Zeit reflexiv zu beschleunigen, nicht in ihren Stereotypien zu beschleunigen, sondern in ihrer Flexibilität und in ihrer Entwicklungsfähigkeit. Einklang, Ganzheit, Dauer, Ruhen, diese Schlagworte stehen diesem Vorhaben, zumindest so, wie sie häufig verwendet werden, entgegen. Ich möchte "Reflexion" dagegenhalten, wobei diese sich allerdings, indem sie Sinn und Bedeutung integriert, nicht in einem reinen Mechanismus verliert.

Was hier gemeint ist, wurde von Theodor W. Adorno, wie ich meine, unvergleichlich zusammengefaßt: "Wishful Thinking - Intelligenz ist eine moralische Kategorie" (Th.W. Adorno: Minima moralia. Frankfurt a.M. 1983, S.262) Dies ist keine leere Kognition. Es ist keine abstrakte Kognition, sondern eine, die das Moralische, das Sinnliche in die Kognition, in das Rationale reintegriert, wo es beim ursprünglichen Begreifen ja auch einmal war.

Um von diesem Ausgangspunkt aus jetzt eine Annäherung an das Phänomen Zeit zu versuchen, im Folgenden ein Zitat von Rosenstock-Huessy auf das mich Andreas Möckel aufmerksam gemacht hat: Eugen Rosenstock-Huessy schreibt: "Die Vergangenheit werde erzählt, die Zukunft werde verheißen, die Gegenwart erkämpft und das Tote mag man wissen." (Soziologie II, S. 21. In: Rosenstock-Huessy 1992, S.80). Gleichzeitig weist er aber an anderer Stelle darauf hin, daß alle diese vier Aspekte des Lebens immer zusammengehören. Das heißt, auch das Tote, über das man weiß, ist als Material für die erzählte Geschichte wie die verheißene Zukunft und natürlich auch im Kampf um diese in der Gegenwart in gleicher Weise wichtig.

An anderer Stelle führt Rosenstock-Huessy zu dieser Dreifaltigkeit von Zeit in ihrem Bezug zur Sprache weiter aus: "Für mich ergibt jedes gesprochene Wort nur dann Sinn, wenn es das geistige Zusammenwirken (coexistenc) von drei oder mehr Generationen des Menschen bezeugt. Sprechen, heißt nach rückwärts vor die eigene Geburt leben und vorwärts über den eigenen Tod hinaus.

Benannt werden, setzt in eine Zeitfolge von mindesten zwei epochalen und endgültigen Brüchen ein: der Tod der Person, die mich benannt hat und mein eigener Tod, die Lebensbahn (career) eines Namens, der dazu bestimmt ist, jede physische Zerstörung zu überstehen." (Rosenstock-Huessy/Buber 1996, S. 125); wenn also der Name "sich gemacht hat" und in diesen Fluß des Weitergebens von Weltinterpretation eingeht, seine Rolle behält, für die nächsten Generationen - auch wenn evtl. der Name selbst nicht mehr erinnert wird (vgl. Rödler 1993, S. 1 ff))!

Sie sehen, daß in dieser Sicht das Historische wieder eine große Bedeutung erhält. Dies gilt für die individuelle Historie, die familiäre Geschichte wie auch die geschichtliche Historie in gleicher Weise. Historie wird dabei nicht als festgeschrieben - antiquarisch - sondern eben als erzählt - Maturana/Varela (1987) würden sagen "von jemandem erzählt" - verstanden, d.h. mit dessen Sinn und Bedeutung belegt, so daß eben um die Bedeutung dieser Erzählung für die Zukunft in der Gegenwart gerungen werden kann.

Ich denke, wenn wir diese Zusammenhänge nicht bedenken, können wir die Probleme in dieser Zeit - allein aus der Gegenwart heraus - nicht verstehen und können auch keine zeitgemäßen Zukunftsentwürfe mehr bauen. Was bleibt, ist dann nur noch das rein konservierende Bewahren des Status Quo als Maximum von Anspruch an die Zukunft. Das hat aber sicher noch nie funktioniert! Wir sind "in die Zukunft geworfen" und es gilt deshalb, in diesen Prozessen, in diesem Ringen um Zukunft vorhanden zu sein, um daran mitzuwirken, daß diese sich so humanitär wie nur möglich entwickelt. Dies gilt, obwohl wir natürlich keine Sicherheit über den Erfolg dieser Unternehmung haben; auch dieses Verhältnis wird von dem Pendelmodell gut repräsentiert (s.o.).

Dieser Wert, den hier die Historie gewinnt, ist also nicht der eines platten materialistischen Realismus, in dem die Vergangeheit erkennbar auf eine bestimmte Zukunft verweist. Daß diese Möglichkeit nicht besteht, haben die Ergebnisse der Theorie komplexer Systeme (Chaostheorie) sehr deutlich werden lassen. Geschichte stellt sich so eher als ein auf und ab von Entwicklungsprozeßen und eben nicht als lineare Hochentwicklung dar. Dieser Zusammenhang berechtigt die Kritik von Jonas an dem Prinzip Hoffnung von Bloch (vgl. Jonas 1979). Andererseits ist aber das Zögern als einzig mögliche Form der Zukunftsgewinnung im Hier und Jetzt und die Fortsetzung des Hier und Jetzt hinüber in die Zukunft, wie gezeigt, auch keine Lösung. Es geht in diesem Zusammenhang also um eine Synthese der beiden Positionen von Jonas und Bloch, d.h. es geht weder um das Prinzip Verantwortung noch um das Prinzip Hoffnung, sondern es geht um die "Verantwortung von Hoffnung".

Formale Seite von Zeit

Noch ein weiterer Blickwinkel. Unser Thema ist ja hier die Zeit, und ich möchte deshalb im Folgenden diesen Zusammenhang, den ich bis jetzt politisch und pädagogisch entfaltet habe, nun noch von einer mehr formalen Seite her beleuchten.

Physikalisch gesehen können wir feststellen, daß in der Zeit Prozesse stattfinden. Diese Prozesse können wir grob in zyklische Prozesse und lineare Prozesse einteilen. Zyklische Prozesse laufen so ab, daß ein bestimmter Zustand immer wieder auftritt, etwa so, wie die Stufen einer Rolltreppe immer wiederkommen. Bei linearen Prozessen finden dagegen grundsätzliche Umgestaltungen statt, d.h. sie haben eine Anfangssituation und eine Endsituation und damit ein Ergebnis. Allerdings können auch zyklische Prozesse durch ein Geschehnis in einen linearen Prozess umgeformt werden. Beim Beispiel mit der Rolltreppe hieße dies, der Motor geht kaputt und die Treppe bleibt stehen. Dies ist ein linearer Prozess: Die Rolltreppe läuft, der Motor brennt durch, die Rolltreppe steht. - In der Theorie wird ein solches Geschehen als Symmetriebruch bezeichnet. - Man könnte die Rolltreppe natürlich reparieren und damit wieder zum Laufen bringen, aber aus sich selbst heraus geschieht dies nicht. Das heißt, wir haben es grundsätzlich mit zwei "Sorten" von Phänomenen zu tun: den zyklischen Prozessen einerseits und den linearen Prozessen andererseits, wobei die Möglichkeit für einen Übergang in beiden Richtungen besteht.

Was heißt das nun für das Handeln von Menschen gegenüber einer Welt, die sich so darstellt? Wie sollte man mit diesen Zeitphänomenen umgehen? Auch hier gibt es, entsprechend meinen Ausführungen vorhin, die Tendenz, dem Langsamen den Vorrang zu geben. So wurde in letzter Zeit von Sonderpädagogen immer wieder der Roman von Nadolny, "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1995) zitiert. Es wird dort die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der eine Wahrnehmungsproblematik in der Weise hat, daß er zeitliche Abläufe nur sehr viel langsamer wahrnehmen kann. So wird berichtet, daß er einen fliegenden Ball nicht verfolgen kann, dieser beim Fangen in seiner Hand ist, bevor er ihn hat kommen sehen. So bleibt ihm als Möglichkeit, sich sozial in das Ballspielen der Jungen zu integrieren nur, die Leine, die diese für ihr Spiel benötigen, zu halten. Dieser Aufgabe kommt er dann aber in großer Ruhe und Zufriedenheit nach. Diesem Jungen gelingt es später dennoch, kompensatorische Kompetenzen für seine Problematik zu entwickeln, und er führt letztlich sogar verantwortlich mehrere Polarexpeditionen durch. Auf diesen gelingt es ihm zudem durch sein extrem bedächtiges Wesen in einer gefährlichen Situation nicht den Kopf zu verlieren, den einzigen Ausweg zu finden und so das Überleben der ganzen Mannschaft zu sichern. Er hatte in dieser Situation gar keine Gelegenheit, in Angst oder Hektik zu verfallen, da er einfach so lange brauchte, die Situation überhaupt zu verstehen. Langsamkeit als Überlebensprinzip? Wir können unsere Einteilung in zyklische und lineare Prozesse benutzen, um gegenüber dieser Frage handlungsfähig zu werden.

Es gibt mehrere Möglichkeiten: Haben wir es mit zyklischen Geschehnissen zu tun, so können wir testen, lernen, üben. Die Situation kommt ja immer wieder: wenn es jetzt noch nicht geklappt hat, klappt es später. Das heißt gegenüber zyklischen Geschehnissen stehen wir nicht unter großem Druck. Dagegen gibt es lineare Prozesse, in denen es nur ein einziges erfolgreiches Handeln gibt. Läuft ein solcher Prozeß langsam genug ab, kann dieser, wie auch alle ihn bestimmenden Bedingungsvariablen in Ruhe studiert werden und so mit einer großen Erfolgsaussicht das "richtige" Handeln bestimmt werden. Hier hilft die These von Nadolny: Moment, langsam jetzt nicht hektisch werden, sondern ersteinmal in Ruhe nachdenken - "Eile langsam!".

Dies gilt aber nur für Prozesse, die langsam sind! Es gibt aber Prozesse, wo ich mich einfach entscheiden muß, und wenn ich es jetzt nicht entscheide, ist es vorbei. Hier braucht es die schnelle Variante, die dann intuitiv, auf der Ebene zuweniger Daten, einen "Schnellschuß" wagt und eventuell eben gerade so die Expedition rettet.

Es zeigt sich, daß in verschiedenen Situationen verschiedene Denk- und Handlungsmodelle nötig sind. Eine Präferenz für eine der Lösungen - schnell, langsam - macht uns auf dem jeweiligen anderen Auge blind.

Wie werden diese grundlegenden Aspekte menschlichen Handelns nun innerhalb der Kultur als Grundlage dieses Handelns reflektiert?

Hier gibt es zum einen die Orientierung an zyklischen Prozessen, wie dies in Naturreligionen und natürlich auch in asiatischen Religionen der Fall ist. Das Jahr, die Jahreszeiten, die Symbole der Jahreszeiten, das Rad bei den Indianern, wie die Wiedergeburt im Buddhismus zeigen diesen Fokus auf die ewige Wiederholung des Werdens und Vergehens. Es zeigt sich, für diese Form gesellschaftlicher Aneignung zeitlicher Prozesse steht praktisch die Wiedergeburt als Metapher.

Es gibt aber auch andere Religionen und Gesellschaften, die an linearen Verläufen orientiert sind. Dies findet sich z.B. in messianischen Vorstellungen. Hier findet sich ein Bild der Welt der Menschen, das um irreversible, lineare Prozesse herum gestaltet ist. Hier gibt es Ziele, auf die hin gelebt wird oder auch ein Ziel, das einem - Kismet im Islam - vorherbestimmt ist. Diese Zielorientierung zeigt sich, obwohl die Ziele hier noch im Jenseits verortet werden, dem abendländischen Denken natürlich als ungleich verwandter, als der Fokus auf die zyklischen Aspekte des Lebens in den erstgenannten Kulturen.

In der Aufklärung vollzog sich nun noch ein weiterer Schritt, der für unseren Zusammenhang der Arbeit mit Behinderten sehr bedeutsam ist. Solange die Ziele der Menschen als "Ebenbilder Gottes" im Jenseits lagen, war ein Maßstab vorhanden, der unterschiedslos auf alle Menschen, behindert oder nicht-behindert zutraf. Mit der Aufklärung rückte dieses Ziel aber nun in die Welt, ins Diesseits, ins "Hier-und-heute". Wie aber bestimmen sich jetzt die Ziele des Handelns der Menschen, wenn kein übergeordnetes jenseitiges Prinzip als Richtschnur vorhanden ist?

Diese bestimmen sich nun letztlich alleine noch durch den Wunsch des einzelnen Menschen oder einer Gruppe: "Ich will etwas. Hab ich es bekommen, ist es gut oder ich möchte etwas anderes; hab ich etwas nicht bekommen: was kann ich tun, daß ich es doch noch bekomme oder wie muß ich meine Wünsche ändern? Was möchtest Du von mir, was will ich von Dir, was wollen wir?" usw. Es zeigt sich, in dem die gegenseitige Bestimmung als Gottes Kinder obsolet wird und in die diesseitige Welt herüber rückt, wird sie zur Selbstbestimmung: "Wenn mich nichts anderes bestimmt, bestimme ich mich eben selbst".

Spätestens an dieser Stelle meiner in der Kürze der Zeit hier sicher sehr groben und stark schematischen Darstellungen müssen wir der Position von Rosenstock-Huessy wieder zu ihrem Recht verhelfen. Seine Position, auf diese Zusammenhänge angewandt, käme zu dem Schluß: Natürlich bestimmen sich die Menschen nicht selbst, sondern sie bekommen einen Namen! Ich werde gleich noch zeigen, wie bedeutsam dieser Einwand gegen die Selbstbestimmung, auch von einer anderen Seite her gedacht, ist. Wie sehr der Zusammenhang von Verheißung, Namen geben, Hoffnung von Eltern, sich selbst einen Namen machen und darüber hinauswachsen das bestimmt, das heute als Selbstbestimmung in aller Munde ist, wird dabei sehr deutlich werden. So ging es mir an dieser Stelle auch noch nicht darum, der Komplexität der Zusammenhänge gerecht zu werden, sondern ich wollte Ihnen entlang dieser Ausführungen den Zusammenhang von Zeit und Wunsch noch einmal deutlicher werden lassen.

Angeeignetes zeitliches Verhältnis

Im letzten Teil meines Vortrages möchte ich nun versuchen, zu klären, wie das beschriebene zeitliche Verhältnis individuell aus dem Mitleben in diesem Verhältnis heraus angeeignet werden kann. Ich hoffe hierbei deutlich machen zu können, daß diese Form über den Zusammenhang von Zeit und Wunsch nachzudenken, es uns wieder ermöglicht, auch auf der Basis der Erkenntnisse und der Bedingungen der heutigen Zeit, pädagogisch und politisch offensiv zu handeln.

Ich möchte diese letzte Nachforschung mit einem Begriff beginnen, der gestern in dem Vortrag von Hans von Lüpke große Bedeutung erhalten hat, dem Rhythmus. Dieser stellt sich mir als ein eigenartiges Gemisch dar. Auf der einen Seite haben wir hier ein zyklisches Geschehen. Auf der anderen Seite realisiert sich auf der Basis von Rhythmen Wachstum (biologisch) und Entwicklung (psychologisch), also ein lineares Geschehen. Allerdings ist diese lineare Seite des Rhythmus nicht unbedingt und immer gegeben. Nimmt der Rhythmus die Form des Stereotyps an, so stagniert dieser Prozeß trotz oder gerade wegen seiner hohen Stabilität.

Was bedeutet nun Rhythmus in der Welt der Menschen und nutzt uns dieses Konstrukt für den von uns bearbeiteten Zusammenhang von Zeit und Wunsch? Beginnen wir hier mit dem Beispiel des Wachstums des Kindes im Bauch der Mutter. Dies ist sicher ein rhythmisches Geschehen. Natürlich passieren hier viele irreversible (lineare) Entwicklungen. Selbst kulturelles Lernen findet auch hier schon statt: Das Bild von Schwangerschaft ist kulturell und individuell verschieden und führt zu verschiedenen Verhaltensweisen der Mutter in dieser Zeit. Diese bilden damit aber auch einen Teil der Lebensumwelt des Fötus und damit eine wichtige Mitbedingung für seine Wachstums- und Entwicklungsprozesse.

Dennoch ist diese Welt von der nachgeburtlichen Welt im Hinblick auf die von uns behandelten Zusammenhänge grundsätzlich unterschieden. In der vorgeburtlichen Welt ist der Fötus mit seinem Wachsen identisch. Er lebt sein Wachstum, er ist sein Rhythmus in einer dauernden Gegenwart. So wies ja auch Hans v. Lüpke darauf hin, daß der Fötus in dieser Zeit nicht in der Lage ist, strategisch etwas an einer Situation zu verändern. Es ist, wie es ist und er ist Teil dieses Prozesses. Um nun in diesem Sinne nicht nur "Zeit zu sein", "Rhythmus zu sein", sondern Zeit zu haben oder sich Zeit zu nehmen oder schnell mit der Zeit umzugehen usw. muß der Mensch aus dieser Identität mit dem Zeitprozeß heraustreten. Etwas, womit ich identisch bin, davon kann ich nichts sagen. - Dies gilt in jedem Fall nicht nur für die Menschen, die sprechen können. - Selbstreferenz braucht eine Unterscheidung. Ich kann nur etwas feststellen, zu dem es auch eine Alternative gibt.

Wie beginnt also dieses Unterscheiden? Wie kommt es zu der Art Selbstreferenz in diesem Wachstumsprozeß, die dann irgendwann sagt: Ich möchte jetzt dies und nachher habe ich es dann usw.? Und nicht nur diese Unterscheidung zu meinem eigenen Lebensprozeß. Es stellt sich auch die Frage, wie es dazu kommt, daß sich das Kind von anderen Menschen zu unterscheiden beginnt.

Beginnen wir mit dem ersten Bereich. Den Beginn dieses Prozesses zu terminieren, ist relativ einfach, es ist dies die Geburt eines Menschen. Inwiefern hat diese nun Einfluß auf den angesprochenen Differenzierungsprozeß? Bedenken wir die Voraussetzung der vorgeburtlichen Identität des Fötus mit seinem eigenen Wachstumsprozeß, so finden wir hier eine Versorgung des Fötus vor, die in der Regel völlig vorhanden ist und die in den Fällen, wo dies nicht der Fall ist (Mangelschwangerschaft), durch Aktivitäten des Fötus auch nicht wesentlich verändert werden kann. Erst mit der Beendigung dieses Zustandes, mit der Geburt, wird der biologische Bedarf des Körpers im Mangel ebenso erlebbar wie die soziale Begegnung beim Stillen des Bedarfs. Das Bild dieses Zusammenhangs schlägt sich im erlebten Bedürfnis nieder.

In dieser kurzen Beschreibung wird deutlich, das die zyklisch-rhythmische vorgeburtliche Situation einer wechselseitigen Begegnungsstruktur gewichen ist, die ein Vorher (Mangel) und ein Nachher (Stillen) kennt und damit die jeweilige Gegenwart in einem Bezug zu erfahrener Vergangenheit und gewünschter/erhoffter Zukunft erlebbar werden läßt. So tritt das Kind mit der Geburt aus der Identität seines - vorgeburtlichen - Wachstums heraus und in das Spannungsfeld von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein, das gerade in seiner unaufhebbaren Aufspaltung die geforderte Differenz bietet, um das eigene Leben überhaupt wahrnehmbar werden zu lassen.

Wie kommt es aber nun zur Unterscheidung im sozialen Raum, d.h. dazu, daß sich das Kind nicht nur, wie gezeigt, individuell in der Zeit, sondern auch kulturell gegenüber anderen Menschen unterscheiden vermag?

Unterscheiden wir uns im angeborenen Bedarf? Wenn das so wäre, wenn diese Unterscheidung ein angeborenes Naturphänomen wäre, wäre sie als eigene Leistung ebenso wenig erlebbar, wie wenn alle angeboren den gleichen Bedarf hätten. In beiden Fällen bliebe nur noch die Qualität der Mittel, wie wir diesem angeborenen Bedarf entsprechen, als eigene Leistung erlebbar: Der eine schafft es besser, seinen Bedarf zu sichern, der andere weniger gut, der ist fit, der ist weniger fit. Für uns als Behindertenpädagogen stellt sich damit sofort die Frage: Was ist dann aber mit den Menschen, die ihren Bedarf vorderhand überhaupt nicht sichern können. Diese unterscheiden sich auf der Basis dieser Annahme nur noch mit einem Negativmerkmal, eben den eigenen Bedarf nicht stillen zu können.

Zu dem wird diese Sichtweise von Menschen ad absurdum geführt, die die gesamte Zeit ihres Lebens nicht schlucken können und deshalb mit einer Sonde ernährt werden und darüberhinaus beatmet werden, die aber schreiben können und sich so im Hinblick auf ihre Wünsche und Bedürfnisse - Radio hören, Spiele spielen ... - äußern. Es geht also weder um einen - scheinbar - naturhaften Bedarf, noch um die Qualität der Mittel, derer sich ein Mensch bedient, sondern um die Eigen-Art der jeweiligen Bedürfnisse. Diese entstehen, wie ich gezeigt habe, im Laufe unserer Geschichte auf der Grundlage des biologischen Bedarfes einerseits und der sozialen Antworten auf diesen Bedarf andererseits. Mit einer anderen Geschichte hätten wir andere Bedürfnisse. Mit einer anderen Geschichte hätten wir andere Emotionen. Mit einer anderen Geschichte hätten wir ein anderes Gefühl von unserem Körper, ein anderes "Fleisch und Blut". Unsere Geschichte verändert unser "Fleisch und Blut". Es gibt viele Dinge, die uns "Fleisch und Blut" werden. Und je nachdem, wie wir gesehen werden und wie wir dieses Sehen von anderen in uns aufnehmen, entwickeln wir einen anderen Habitus, ein anderes Bild von uns, eben andere Vorlieben. Und diese Vorlieben sind es, die uns, auch im Auge der anderen, von diesen unterscheiden. Diese machen das "Selbst" aus.

Angenommen wir würden alle vom gleichen Ort aus diesen Frühjahrsstrauß ansehen, so würden wir dennoch ganz verschiedene Sträuße sehen; auf Grund unserer ganz verschiedenen Interpretation des Wahrgenommenen. Der eine würde erzählen, daß er im Frühjahr immer Heuschnupfen bekommt. Der nächste würde sagen: "Oh, ich erinnere mich, ich hab mit meinem Vater doch einmal Weidenpfeifchen gebastelt usw.. Da kommen dann plötzlich ganze Geschichten heraus, da der selbe Weidenstock völlig andere Historien, Bedürfnisse usw. abruft.

Es zeigt sich: Hierin unterscheiden wir uns wirklich. Wir unterscheiden uns durch unser individuelles Schicksal, das sich ausdrückt in unseren individuellen Wünschen und dieses individuelle Wünschen beherrscht unsere ganze Wahrnehmung, jeden Blick. Das sind nämlich genau die Brillen von denen Reinhard Voß gestern geredet hat. Es ist unsere Geschichte, unsere Vorerfahrung und da passiert jetzt allerdings etwas, das für Pädagogik hochbedeutsam ist: Wenn ein Kind seinen eigenen Wunsch erst noch kennen lernen muß - und das gilt für alle Menschen! - dann muß es Wünsche in seiner Umgebung wahrnehmen können.

Auf diesem Hintergrund können wir jetzt nicht mehr sagen: "Werde, der du bist!", sondern ich muß jetzt sagen: "werde dies oder sag mir, was du statt dessen werden willst!". Der zweite Teil ist dabei wesentlich, weil ich ansonsten eventuell diktatorisch jemandem überhaupt keine Möglichkeiten lasse, etwas anderes zu werden, als das, was ich will, aber ohne das "also an deiner Stelle würde ich so", ist kein Material da, das es demjenigen erlauben würde zu sagen: "so will ich nicht, aber so ähnlich", oder "so will ich nicht, aber ganz anders" oder ... "genau so will ich". Das wäre ja besonders überraschend, wenn der andere plötzlich ganz genau so will, wie man selber. Erst wenn diese Ansprache des Anderen mit den eigenen Wünschen für ihn in dieser Form wirklich stattfindet, kann es diesem gelingen, aus dem Material unserer Wünsche, wie auch dem anderer Menschen seine ihm eigen-artige "Wunschform" zu entwickeln und mit dieser uns entgegenzutreten. Sie sehen eine sehr klare Legitimation von pädagogischen Ideen, Zielen und Utopien, wenn diese - wie gezeigt - in einem verANTWORTlichen Verhältnis geteilt, umgeformt und verändert werden. So bestimmt sich die Qualität dieses Verhältnis im wesentlichen durch das Warten auf und das Ermöglichen von einer Antwort.

Damit kommen wir aber auch hier an einen Punkt, wo Zukunft und Vergangenheit wieder eine wichtige Rolle spielen. Wir können uns dem anderen im beschriebenen Sinne fruchtbar nämlich nur annähern, wenn wir uns seine Geschichte, sein Schicksal anschauen und aus diesen Informationen eine Hypothese bilden, was für diesen Menschen in dieser Gegenwart erlebbar zukunftsbedeutsam sein könnte, d.h. wir basteln gewissermaßen das Angebot einer Zukunft für diesen Menschen. Das Angebot dieser unserer pädagogischen Utopie muß nun so gestaltet sein, daß es dem anderen unabhängig von der Schwere seiner Beeinträchtigungen möglich wird, zu diesem Angebot "Nein" zu sagen. Denn erst im "Nein" unterscheidet er sich, wird er für mich wie für sich selbst überhaupt erkennbar! Dieses "Nein", dieser Unterschied zu mir, wird dann möglicherweise zu eben diesem Prozeß, zu der Gewohnheit der Einzigartigkeit, die dann im Moment ihrer Selbsterkenntnis ermöglicht, "ich" zu sagen.

Es zeigt sich: dieser Selbstprozeß läuft in jedem Moment. Es ist also für diesen Prozeß nicht notwendig, daß jemand "ich" sagen oder denken kann, d.h. daß er diesen Ichprozeß schon leistet. Dieses Erkennen einer gewissen Konsistenz in der Reihe der eigenen Entscheidungen und deren Benennung als "ICH", ist ein späterer Prozeß. Dieser Prozeß kann aber erheblich erschwert werden dadurch, daß im Umfeld eines Menschen keinerlei Wünsche an diesen vorhanden sind oder aber die vorhandenen Wünsche mit Machtmitteln starr durchgesetzt werden, sodaß kein Raum für die Antwort des anderen verbleibt.

Bei allen diesen Beispielen darf aber nicht vergessen werden, was schon gesagt wurde, daß es im pädagogischen wie gesellschaftlichen Verhalten fatal ist, zu glauben, man könne direkt etwas bewirken. Dies führt, wie schon gezeigt, im pädagogischen Feld zum Burn-out, zu halluzinativer Verkennung der Situation oder wie auch im gesellschaftlichen Feld zu der Tendenz, das - evtl. durchaus "gut gemeinte" - Angebot mit Machtmitteln durchzusetzen.

Aus dieser Erkenntnis aber den völligen Pluralismus, die völlige Unverbindlichkeit abzuleiten ist allerdings, wie gezeigt, ebenso falsch! Zu sagen: "ich kümmere mich gar nicht mehr darum, ich kann ja eh nichts erreichen", führt ja gerade dazu, daß unsere humane Vorstellung von der Zukunft überhaupt als Möglichkeit ausfällt. Das heißt, wenn wir uns rausziehen aus dem Prozeß, sind es andere Bestimmer, die die Geschichte unter ihre Fittiche nehmen werden! Ich erinnere an mein Beispiel mit dem Pendel (s.o.)!

Wir müssen also vorhanden sein! ... In aller Bescheidenheit, die aus dem Wissen um diese Zusammenhänge erwächst. Und dann, so denke ich, haben wir letztlich doch eine gute Chance, in dieser doch etwas chaotischen Umbruchszeit, vielleicht dahin zu kommen, daß das System zumindest Teile unserer Aktivitäten und Bemühungen aufnimmt und so gegenüber den vielen inhumanen Tendenzen auch Humanisierungstendenzen entstehen.

Diese äußern sich aber nicht einfach durch das Stagnieren der Inhumanisierungsprozeße, sondern dies sind immer auch neue Prozesse, d.h. wir müssen - mutig s.o. - auch uns ungewohnte neue Zusammenhänge denken. Ich betone: das Humane von Morgen ist nicht das Humane von Gestern!

Natürlich gibt es anthropologische Grundstrukturen, wie ich sie auch hier in meinem Vortrag versucht habe, aufzuweisen, und diese sind - als allgemeine Orientierungen - durchgängig human. Um diese geht es hier aber nicht. Es geht hier um die Form, die diese Strukturen in einer bestimmten Zeit erhalten und hier dürfen wir nicht an der Vorstellung von gestern kleben, nur weil wir eine wahnsinnige Angst vor der Zukunft haben.

So schaffen wir diese Erneuerung dieser Strukturen nur, indem wir in unseren Weltbezug - und dies ist immer auch ein (Mit-)Menschenbezug - das Moment der Leidenschaft wieder mit hineingeben. Leidenschaft in dem Sinne, daß wir etwas tun, obwohl es vergeblich scheint. Diese Haltung ist sicher eine der Bedingungen von Leben überhaupt. Wenn dieses Moment verloren geht, wenn wir nur noch die Dinge tun, die wir mit Sicherheit erfolgreich abschließen können, werden wir sicher politisch an unserer geschichtlichen Aufgabe und pädagogisch an unserer jeweiligen Aufgabe mit den uns begegnenden Menschen scheitern, da wir uns in beiden Fällen aus unserer Verantwortung für die - erhoffte - Zukunft stehlen.

Mit Rosenstock-Huessy: Wir sind geworfen in die Zukunft! "Unser Geschichtsweg muß neu gebahnt werden. Dabei darf die Trennung in gedachte Objekte, und denkende Subjekte, dieser Höllensturz der Idealisten und Materialisten nicht wiederholt werden. In ihr zerfleischen wir uns sinnlos. Du weißt schon, daß ich dem subjektiven und objektiven Denken den Laufpaß gegeben habe. Gereinigte Seelen leben zwischen Morgen und Gestern und das heißt präjektiv, vorwärtsgeworfen und trajektiv, von alters her verheißen" (Rosenstock-Huessy 1992, S. 100).

In diese Relationen müssen wir in irgendeiner Form individuell wie gesellschaftlich wieder eintreten! Mit dem Bewußtsein, daß hier kaum Sicherheit in technologischer Hinsicht zu gewinnen ist; aber auch mit der Sicherheit, daß eine Geringschätzung der Vergangenheit wie auch eine Weigerung "die Zukunft zu wagen" letztlich der Humanität gegenwärtiger Begegnung ihre Grundlage entzieht.

Literatur

Adorno, Theodor W.: Minima moralia. Frankfurt a.M. 1983.

Buber, Martin: Ich und Du (1923). In: Das dialogische Prinzip. Heidelberg 1984.

Jonas, H.: "Das Prinzip Verantwortung". Frankfurt a.M., 1979.

Kleist, Heinrich v.: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. München 1994.

Maturana, U. R.; Varela, F. J.: Der Baum der Erkenntnis. Bern, München 1987.

Nadolny, St.: Die Entdeckung der Langsamkeit. München 1995.

Peirce, Charles Sanders: Über die Klarheit unserer Gedanken. Frankfurt a.M. 1985.

Rödler, Peter: Menschen lebenslang auf Hilfe anderer angewiesen - Grundlage einer allgemeinen basalen Pädagogik. Frankfurt 1993.

Rosenstock-Huessy, Eugen: Hitler und Israel oder vom Gebet. Talheimer 1992.

Rosenstock-Huessy, E.; Buber, M. (Übers. Möckel, A.): Zeit und Geschichtlichkeit der Menschen. In: Lanwer-Koppelin, W.; Vierheilig, J.: Martin Buber - Anachronismus oder Neue Chance für die Pädagogik? Butzbach-Griedel 1996.

Der Autor

Prof. Dr. Peter Rödler, Lehramt Sonderschule für Praktisch Bildbare und Verhaltensgestörte; Diplompädagoge. Promotion über "Diagnose: Autismus - ein Problem der Sonderpädagogik". Habilitation über "Menschen, lebenslang auf Hilfe anderer angewiesen - Grundlagen einer allgemeinen basalen Pädagogik". Arbeitete an der Schule für Praktisch Bildbare, Lehrtätigkeit an verschiedenen deutschen Hochschulen sowie der Universität Wien, vielfältige Beratungstätigkeit im Zusammenhang mit den Fragen "schwerster Behinderung" und "Autismus". Schriftleiter der Zeitschrift "Behindertenpädagogik"; Herausgeber der Buchreihe "Reflexe Pädagogischer Studien"; vielfältige Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden.

Universität Koblenz

Fachbereich Erziehungswissenschaften, Allgemeine Sonderpädagogik

Rheinau 1, D-6075 Koblenz

E-mail: proedler@uni-koblenz.de

Quelle:

Peter Rödler: "Wishful Thinking" - Zum Verhältnis zwischen Zeit und Wunsch

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 2/98; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 06.11.2006

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