Aus Grolls Skizzenbuch

London, Nähe Euston Station

AutorIn: Erwin Riess
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr.1/2001; Thema: Geschlecht: behindert Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1/2001)
Copyright: © Erwin Riess 2001

Inhaltsverzeichnis

Aus Grolls Skizzenbuch

Wenn man von Camden Town kommend die Eversholt Road entlangfährt, erstreckt sich zur linken Hand ein alter Ziegelbau, dessen Geschäftszeile von trostlosen Cafés, einem Wettbüro und mehreren Sexshops gebildet wird. Die Sexshops strahlen Hoffnungslosigkeit und Tristesse aus, nur ein Laden ragt aus dem allgemeinen Verfall heraus, seine Fassade glänzt in frisch aufgetragenem Dunkelgrün und über der Eingangstür hängen zwei Scheinwerfer, die ein schmächtiges Schild beleuchten: TRANSFORMATION SHOP.

Groll fuhr in das Geschäft und glaubte sich anfangs in einem betulich eingerichteten Sexshop für liberale Hausbesitzer, doch als er sich ein wenig umgesehen hatte, fiel ihm auf, dass das übliche Sortiment an Pornoheften, Videos und Vibratoren fehlte, statt dessen fand er ein großes Sortiment an Damenunterwäsche und spezielle Einlagen zur Vergrößerung von Hüften und Brüsten in allen Größen vor. Ob er einen Kaffee trinken wolle, fragte eine Frau, die im Hintergrund des Lokals auf einem Sofa saß. Dankend nahm Groll die Einladung an. Bald erfuhr er von der Frau, die nicht mehr ganz jung war und angenehm roch, dass es sich bei dem Laden um eine Filiale der "Transformation-Shops" von Stephanie Anne Lloyd handelte, einer Frau, die einst als Keith Hull in eine Familie strenggläubiger Zeugen Jehovas geboren worden war und die im Alter von vierzig Jahren eine Geschlechtsumwandlung an sich hatte vornehmen lassen. Auf dem Weg zu ihrem neuen Geschlecht seien ihr die Angetraute, drei Kinder, die Eltern und schließlich ein gutbezahlter Bankjob abhanden gekommen, fuhr die Verkäuferin fort, während sie Kaffee einschenkte, einige Jahre lang habe Stephanie auch als Prostituierte arbeiten müssen, um die Kosten der Operationen zu bestreiten, aber jetzt sei sie wieder verheiratet, diesmal mit einem Mann, und betreibe "Transformation-Shops" in England, Dänemark, Deutschland und den USA und eine Klinik für Geschlechtsumwandlungen in London. Ob Groll auch sein Geschlecht ändern wolle? Nein, sagte der, er trinke nur gern Kaffee. Das sei in Ordnung, sagte die Frau, sie wolle keinen Druck auf ihn ausüben, aber wenn er es sich einmal anders überlegen sollte, wisse er jetzt, wo er sich hinwenden könne. Mit diesen Worten reichte sie Groll ein schwarzes klobiges Ding. Er habe noch nie eine Yams-Wurzel in Händen gehalten, sagte Groll. Ob er sich bei Yams-Wurzeln auskenne, wollte die Verkäuferin daraufhin wissen. Ja und nein, antwortete Groll, zwar habe er noch nie eine gesehen, aber dieses Ding in seinen Händen, das, wie er jetzt bemerkte, eine Röhre aufwies und obendrein auch noch zu vibrieren begann, erinnere ihn nun einmal an eine Yams-Wurzel. Vielleicht sei er in einem früheren Leben einmal einer Yams-Wurzel begegnet, setzte die Verkäuferin nach. Vielleicht, sagte Groll. Ob er sich wirklich seines Geschlechts sicher sei, begann sie von neuem. Ohne Bart und mit ein bisschen Makeup könne er eine passable Lady abgeben, die nicht lang allein sein werde. Nicht wenige Männer hätten eine spezielle Vorliebe für Frauen im Rollstuhl. Sein Brustansatz gebe da zu schönen Hoffnungen Anlass. Das seien Muskeln, erwiderte Groll im Bewusstsein der Lüge. Wir werden dementsprechend weniger Hormone brauchen, sagte die Verkäuferin und goss Kaffee nach. Dabei beugte sie sich vor und wieder fand Groll, dass sie sehr gut roch. Dann saßen sie lange nebeneinander auf dem Sofa und blätterten einen Katalog durch, der die einzelnen Schritte einer Geschlechtsumwandlung beschrieb. Ihre würde sich in diesen Tagen zum fünften Mal jähren, sagte die Verkäuferin, und sie habe keinen Tag bereut. Ich gratulierte von Herzen, sagte Groll. Er fand ihren Geruch wirklich außerordentlich.

Quelle:

Erwin Riess: Aus Grolls Skizzenbuch - London, Nähe Euston Station

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 1/2001, Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 27.04.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation