Bin ich schön?

Über Körper, Körpererfahrung und Sexualität

AutorIn: Jutta vom Hofe
Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 1/2001; Thema: Geschlecht: behindert Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1/2001)
Copyright: © Jutta vom Hofe 2001

Inhaltsverzeichnis

Bin ich schön?

"Man kann ja Behinderte als vollwertige Menschen in dieser Gesellschaft akzeptieren. Man kann ihnen das Recht auf Arbeit und Wohnen zugestehen und auch auf finanzielle Sicherheit. Man kann sogar versuchen, sie wirklich als vollwertige Menschen zu behandeln. Aber genau bei der Sexualität zeigt sich, wie tief diese Akzeptanz geht."

Ursula Eggli, Schriftstellerin, Bern

Dieser Beitrag ist dem Ausstellungskatalog zur Ausstellung "Der imperfekte Mensch" - Vom Recht auf Unvollkommenheit, erschienen im Hatje-Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2000, entnommen.

Die Ausstellung läuft z.Z. im Deutschen-Hygiene-Museum, Dresden noch bis 12. August 2001.

Information: info@dhmd.de oder Tel. 0049 351 4846-304.

Die Medien sind ständig auf der Suche nach ihnen. Vor allem im Bereich der Sexualität vermuten sie die letzten ihrer Art. Vielleicht können sie noch einmal Betroffenheit auslösen, oder einfach Neugier entfachen, ganz wenige gar taugen als Sensation. Doch sie sind vom Aussterben bedroht. Je mehr wir darüber reden, desto weniger gibt es sie: die letzten Tabus. Zu Recht können diese Medien sich mit auf die Fahnen schreiben, das 20. Jahrhundert zu einer Zeit des Tabubruchs gemacht zu haben - verbunden mit der Chance der Befreiung von Zwängen, Ängsten und Unterdrückung. Der nackte Körper ist schon lange kein Tabu mehr, auch Homosexualität nicht, Behinderung nicht, Sexualität nicht. Wenn da das Wörtchen "und" nicht wäre. Denn wenn es um das Thema "Sexualität und Behinderung" geht, stoßen wir immer noch auf viele innere wie äußere Schranken. Die Sexualität behinderter Menschen weckt bei vielen Menschen - behinderten wie nicht behinderten - Gefühle der Scheu, Unsicherheit und Angst. Unsere Träume und Phantasien sind zunehmend geprägt von der Vorstellung des "perfekten" Menschen. Fitnesswelle, immer neue Diätvorschriften, die rasante Zunahme kosmetisch-chirurgischer Eingriffe spiegeln dieses Streben. Es gilt, die Körper durch Zurichtung und Disziplinierung in eine ideale Kontur einzupassen. Ich kann für Aussehen und Gesundheit persönlich haftbar gemacht werden. "Körperoptimierung" ist das neue Schlagwort.

Der Zwang, ein attraktives Erscheinungsbild abzugeben, mag vielen Menschen ohne Behinderung zur Last werden; für Menschen mit Handicap führt er darüber hinaus zu einer weiteren Entfremdung von ihrem Körper. "Ich erlebte meinen Körper durch die gesamte Baby-, Kinder- und Jugendzeit als ein Objekt medizinischer Behandlung", sagt eine junge Frau mit Spina Bifida. "Mein Körper wurde von einer großen Zahl unterschiedlicher Fachleute - meistens Männer - betastet, abgehört, gemessen, massiert, geknetet, gedehnt, gestreckt, geformt und beurteilt." Erfahrungen, die auf alle Lebensbereiche und weit ins Erwachsenenalter ausstrahlen.

"Sexualität gestaltet und formt sich komplexer durch die Körper- und Beziehungsgeschichte, die ein Mensch von klein an mit seinen nächsten Mitmenschen erlebt, also durch das, was ein Kind körperlich und physisch erfährt", schreibt die Diplom-Pädagogin Ingrid Löbner. Der diagnostische Blick sucht immer nach den Defiziten. So haben Betroffene ihren Körper immer als unzureichend erlebt. Ein solcher Körper kann nicht anziehend sein. Die Pflege durch andere Menschen steigert diese Entfremdung. "Körperkontakte, Berührungen, auch im intimen Bereich, haben normalerweise mit Sexualität zu tun", schreibt Ursula Eggli. "Es ist ein tragisches Paradox, daß man Pflegeabhängigen, Alten und Behinderten, die besonders oft berührt werden, diese Sexualität aber abspricht."

Das Unverständnis, mit dem manche auf die neue Diskussion um die Sexualität behinderter Menschen reagieren, ist für die Betroffenen demütigend und fordert das immer gleiche Bekenntnis: "Ich bin doch ein Mensch wie Ihr auch!" Oder wie es ein 45-jähriger Mann, der aufgrund seiner Behinderung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ausdrückt: "Ich habe genauso normale Gefühle, wie jeder andere auch; Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Geborgenheit, Liebe, Vertrauen und ich sehe nicht ein, warum ich das immer unterdrücken soll. Aber leider habe ich den Eindruck, dass die sogenannten Nicht-Behinderten glauben, dass ein spastisch Gelähmter wegen seiner Motorik keine Zärtlichkeit empfinden kann."

Viele Vorurteile über die Sexualität behinderter Menschen schwirren noch in unseren Köpfen herum. Wer fühlt sich nicht ertappt, wenn er die Liste der üblichen Vorbehalte, wie sie der Psychologe Lothar Sandfort aufgestellt hat, liest? "Behinderte haben entweder gar keine Sexualität oder eine triebhaft überspannte. Behinderte würden nie auf die Idee kommen, sich in mich zu verlieben. Wer Beziehungen mit Behinderten eingeht, muss dies für immer tun, denn Behinderte darf Mensch nicht mehr verlassen, ihnen darf Mensch kein Leid zufügen. Behinderte können nicht Mutter oder Vater werden bzw. sein. Behinderte machen auch beim Sex nur Probleme und bleiben immer Sorgenkinder".

Besonders schwerstmehrfachbehinderte Menschen und Menschen mit geistiger Behinderung haben mit diesen Barrieren in unseren Köpfen zu kämpfen. In vielen Heimen und Einrichtungen manifestieren sich diese Barrieren in einer lust- und körperfeindlichen Umgebung. Wie sollen sie ein positives Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln, wenn sie in der Regel "Nacktheit nicht als Lust", wie Ernst Klee schreibt, sondern "als Entblößung" erleben. Wenn ihre Körper immer noch öffentlich sind. Wenn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den Bedürfnissen und Forderungen der Bewohner hadern und sich überfordert fühlen.

Wie gehen sie mit Formen unbefriedigter Sexualität um, in denen sich nicht nur ein normales menschliches Bedürfnis zeigt, sondern vielleicht sogar eine dramatische Notlage. Eine Mutter berichtet über ihren 17-jährigen Sohn mit Down-Syndrom: "Tim geht, wenn er aus der Werkstatt nach Hause kommt, stets zunächst in sein Zimmer, legt sich bäuchlings auf den Teppich und fängt an zu rütteln, zu stoßen, er macht beischlafähnliche Bewegungen. Mir ist klar, dass Tim sexuell erregt ist und sich befriedigen will, aber offensichtlich weiß er nicht, wie das geht. Schließlich bleibt er mit knallrotem Gesicht, atemlos, völlig verschwitzt erschöpft liegen. Noch eine ganze Weile danach ist er schlecht gelaunt." Ohne Hilfestellung ist Tim aufgrund seiner geistigen Behinderung nicht in der Lage, seine Sexualität auszuleben. Seine Versuche, sich selbst zu befriedigen, werden zur Quälerei.

All diese Grenzen und Einschränkungen, Vorurteile und Vorgaben wollen viele Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Einschränkungen nicht länger hinnehmen. Sie lehnen das Leben als Neutrum ab. Sie wollen lernen, ihren Körper neu zu erfahren und zu empfinden. Und sagen: "Ich bin schön". Und: "Ich habe ein Recht auf Sexualität".

"Unsere Normalität ist eine andere als die der Nichtbehinderten", sagt Dinah Radtke, "für mich ist es zum Beispiel nichts Besonderes, dass ich mich rollend fortbewege". Und: "Für mich hat die Art, wie wir sind, wie wir uns bewegen, eine eigene Schönheit, eine eigene Grazie." "Aber es dauert lange", so eine andere behinderte Frau, "ein gespaltenes Körperbewußtsein zu überwinden und den Körper als Ganzheit zu begreifen und anzunehmen." Dazu gehört, den Normen und der Ästhetik, die aus der Welt der Nichtbehinderten kommen und in unser aller Köpfen stecken, etwas entgegenzusetzen. Viele behinderte Menschen wollen ein anderes, positives Bild von sich selbst schaffen, das nicht immer gleich mit Makel und Leid gleichgesetzt wird. Sie wollen nicht mehr die Flucht antreten und sich selbst als geschlechtsneutrale Wesen definieren. Eine "Lösung", wie sie vor allem für behinderte Frauen seit jeher vorgesehen war. Früher, weil sie den Anforderungen an Reproduktion und Arbeitsleistung nicht gewachsen schienen, heute, weil sie den üblichen Vorstellungen von sexueller Attraktivität nicht entsprechen. Denn gerade der weibliche Körper muss "ganz" und "schön" sein, um als sexuell attraktiv zu gelten. Wie unausweichlich sich diese Erkenntnis in unserer Lebenswirklichkeit widerspiegelt, sei nur am Rande vermerkt: Etwa 75 Prozent der behinderten Männer sind verheiratet, aber nur 38 Prozent der Frauen.

"Als ich mit zwölf Jahren meine Stützen entfernt bekam", so eine junge behinderte Frau, "tat ich alles, was in meiner Macht stand, um meine knochigen, vernarbten Beine zu verbergen: Ich trug noch in der größten Hitze Kniestrümpfe oder lange Hosen. Langsam wuchs mein Ärger über diese Einschränkung, die ich mir auch noch selbst auferlegte. Zum Teil mit der Hilfe anderer behinderter Frauen lernte ich zu erkennen, dass ich im Grunde das Gefühl hatte, die Menschen würden, wenn sie meine Beine sahen, mich nicht nur wegen meiner Hässlichkeit ablehnen, sondern sie könnten mir irgendwie die Jahre ansehen, die ich im Krankenhaus verbracht habe, und wie abhängig und ängstlich ich gewesen war. Mit der Zeit lernte ich, diese Erfahrungen anders zu bewerten, als etwas, das geschehen war, aber nicht meine Persönlichkeit ausmacht. Heute trage ich kurze Hosen, wenn es mir Spaß macht, und ich mag meine Beine so, wie sie sind."

Der Blick auf die lahmen Beine, den gekrümmten Rücken, das entstellte Gesicht hat ihren Leib zerlegt, in akzeptable und inakzeptable Teile, in vorzeigbare und zu versteckende Partien. Die (Im-)perfekten wollen ihren Körper wieder zu einem Ganzen zusammenfügen und auch in bezug auf ihre Sexualität als "Ganzen" erleben. Das ist um so schwerer, als unser sexuelles Erleben heute sehr stark auf unsere Genitalien beschränkt ist. Ein junger Mann sagt: "Unten empfinde ich gar nichts - aber wenn jemand meinen Hals streichelt, fahr ich so ab, dass ich denke, so muss der Orgasmus sein". Helmut Kentler, Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover, spricht von der verloren gegangenen "Ganzkörpersexualität". Mit der Ausbreitung der Industrialisierung und der großstädtischen Lebensformen mussten die Menschen ihren Körper für Berührungen unempfindsam machen und zum Arbeitsinstrument umformen, so dass "die rasche genitale Befriedigung vorrangig wurde."

Viele Menschen mit Handicap formulieren heute nicht nur ausdrücklich ihren Anspruch auf Sexualität - wie es vor ihnen die Frauen-, die Schwulen- und Lesbenbewegung getan haben. Sie begreifen ihren Wunsch nach Sexualität als Menschenrecht, für das sie sich laut und vehement einsetzen wollen. Und fordern auch andere Formen von Sexualität, die Möglichkeiten der Hilfestellung und Selbstbefriedigung mit einschließen. In einigen Städten gibt es Körperkontakt-Dienste, die behinderte Menschen ohne Partner besuchen bzw. solche, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu befriedigen.

"Sexualdienst ist wohl so ein Wort", schreibt die Schweizer Schriftstellerin Ursula Eggli, "dem viele Stachel anhaften, unter dem sich auch niemand so recht etwas vorstellen kann. Sie ist aber logische Konsequenz, wenn wir das Thema "Behinderte und Sexualität" bis zum Ende durchdenken." Ein 45-jähriger Mann aus Wiesbaden beschreibt seine ambivalenten Gefühle gegenüber dem professionellen Kontakt-Service "Sensis": "Einfacher und schöner wäre es, wenn man einen Partner hat. Dann hätte man mehr Vertrauen, nicht nur in Sexualsachen, sondern auch in anderen Sachen. Bei einer Partnerschaft kommt es nicht nur auf Sex an. Aber wer will schon mit einem Spastiker eine Partnerschaft? Also müssen wir bezahlen. Sensis ist nicht die Optimallösung, aber ein guter Ersatz." Auch wenn Kritiker in den Liebesdienst-Agenturen nur einen weiteren Beleg für die mangelnde Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft sehen, die einer Normalisierung der Lebensbedingungen behinderter Menschen entgegenstehen, sehen viele Menschen mit Behinderung darin einen Schritt zu mehr Selbstbestimmung und Partizipation.

"Es scheint nicht mehr länger einen großen Kontinent der Normalität zu geben, der umgeben ist von kleinen Inseln der Unordnung", schreibt Jeffrey Weeks in Bezug auf Sexualität. "Statt dessen werden wir nun Zeugen von Ansammlungen vieler Inseln, großer und kleiner. (...) Neue Kategorien und erotische Minderheiten sind aufgetaucht. Ältere Kategorien haben einen Prozess der Ausdifferenzierung durchlaufen, so dass besondere Vorlieben, besondere Neigungen und Bedürfnisse zur Basis für das Hervorbringen der sexuellen Identitäten werden." Ein schöner Ausblick. Die Wirklichkeit scheint Jeffrey Weeks bereits Recht zu geben: Längst hat sich eine Bewegung behinderter Schwule bzw. Lesben formiert, das Recht von Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung auf ihre jeweils gewollte Sexualität, auf Partnerschaft und Ehe, auf Elternschaft wird von immer mehr Menschen diskutiert und akzeptiert. Manchmal auch aktiv unterstützt. Mag sein, dass die Inseln rund um den Kontinent der Normalität noch recht klein sind. Aber es sieht so aus, als würden sie jeden Tag größer.

Die Autorin

Jutta vom Hofe, Studium der Volkswirtschaftslehre und Abschluss der "Kölner Schule - Institut für Publizistik", arbeitet als Fachjournalistin für Print, Hörfunk und Fernsehen in Köln. Hat sich neben Wirtschafts- und Wissenschaftsthemen auf den Bereich der Behindertenpolitik spezialisiert.

Quelle:

Jutta vom Hofe: Bin ich schön? Über Körper, Körpererfahrung und Sexualität

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Nr. 1/2001; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.05.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation