Autismus und Resonanz

Inklusion heißt gemeinsam Kultur entwickeln

AutorIn: Wolfgang Jantzen
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2013, Thema: Eltern ∞ Kinder stärken S. 55-67. Behinderte Menschen (6/2013)
Copyright: © Wolfgang Jantzen 2012

Abbildungsverzeichnis

    Abstract:

    Autismus ist ein ungeheuer großes Themengebiet mit Bergen an Literatur zu höchst unterschiedlichen Aspekten. Die Mehrzahl dieser Literatur beschreibt eher von außen, als dass sie das Innenleben autistischer Menschen unter Wahrnehmung deren eigener Erfahrungen rekonstruiert oder Instrumente dazu anbietet. Ich möchte einerseits die Literatur darstellen und erläutern, was dort unter Autismus verstanden wird und andererseits zeigen, welche Bewegungen es gibt, die die Problematik des autistischen Formenkreises anders verstehen.

    Information

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    Autismus und Resonanz

    [1]Zugänglich machen möchte ich das Thema mit einigen Zitaten aus einem der Bücher von Donna Williams, die autistische Lehrerin in England ist. Sie hat zwei sehr bemerkenswerte Bücher geschrieben und vor Jahren für Spiegel-TV ein sehr ausführliches Interview gegeben.

    Autismus (von griech. autós, selbst) ist ein Begriff, der ursprünglich aus der Psychiatrie kam und ein absolut in sich zurückgezogenes Verhalten beschreibt. Er ist in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts von dem Kinderpsychiater Leo Kanner aufgegriffen worden, um eine bestimmte Kindergruppe zu beschreiben. Es ist zunächst daran gedacht worden, dass es eine schwere Verhaltensstörung ist. Sie ist im Wesentlichen mit drei Eigenschaften beschrieben worden:

    1. Störungen im sozialen Kontakt

    Eine Zeit lang hieß es auch im Blickkontakt – das ist nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Autistische Menschen haben größere Schwierigkeiten, emotionale Gesichtsausdrücke zu entschlüsseln als andere. In den 60er-Jahren ist festgestellt worden, dass es auch möglich ist, mit autistischen Kindern Blickkontakt aufzubauen, wenn man sich sehr viel Zeit lässt.[2]

    2. Eine damit einhergehende Kommunikationsstörung wird oft bei Kindern mit dem Kanner-Syndrom (was als die schwerste Form des Autismus betrachtet wird) beschrieben. Sie geht mit einem völligen oder teilweisen Sprachverlust ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr einher.

    3. Eine seltsame Bindung an, eine seltsame Orientierung auf Gegenstände.

    Der Asperger-Autismus – die zweite Form – ist eigentlich schon früher entdeckt worden. Hierzu Henning Böke, der selbst mit dem Asperger-Syndrom lebt. Ich sage ausdrücklich, damit lebt und nicht darunter leidet. Unter einem Syndrom leidet man nicht, man leidet unter den sozialen Umständen, wie Menschen mit diesem Syndrom begegnet wird.

    „Die von der Medizin als Pathologie erfassten autistischen Merkmale im Kindesalter hat Asperger bereits vollständig beschrieben: Eigenwilliger Lernstil, starke und unflexible Fixierung auf Spezialinteressen, körperliche Ungeschicklichkeit, motorische Stereotypien und nicht funktionale Routinen, sensorische Überempfindlichkeit, Mangel an sozialem Einfühlungsvermögen, Unvermögen zur Einordnung in Gemeinschaften, kein Verständnis für die Emotionen Anderer, Respektlosigkeit, Einschränkungen der mimischen und gestischen Kommunikation, eigentümlich erwachsene Sprache. Ein erhebliches Problem stellte die Neigung zu starker Aggressivität, ja auch bisweilen zu einer raffinierten Bösartigkeit dar. Asperger bemerkte den Zusammenhang dieser Aggressivität mit den Hänseleien, denen diese Kinder auf Grund ihrer Andersartigkeit seitens der Altersgenossen ausgesetzt waren.“ (Böke 2008, 265)

    Aber Asperger hat das Syndrom nicht entdeckt. Erstmals beschrieben wurde es 1926 von der russischen Psychiaterin Grunja Suchareva (Wolff 1996), die dafür den Ausdruck „schizoide Psychopathie“ verwendete (Asperger verwendete den Begriff „autistische Psychopathie“)[3]. Sie beschrieb das Syndrom mit einigen Grundproblemen: psychomotorische Störung, emotionale Probleme, Probleme, sich auszudrücken zu können, und unübliches soziales Verhalten.

    Grunja Suchareva beobachtete Kinder mit diesem Syndrom über eine Reihe von Jahren und versuchte zu fragen, was der Kern dieses Syndroms ist und was durch die soziale Situation entstanden ist. Wie Asperger stieß sie darauf, dass vieles durch die Hänseleien anderer entstand und eine Umformung der Persönlichkeit Stück für Stück in der Entwicklung stattfand; sie sprach von Prozessen der Traumatisierung.[4] Hier haben wir also eine erste psychodynamische Sicht, wie sie auch bei Asperger ansatzweise zu finden ist, was Henning Böke zu Recht herausgestellt hat.

    Wenn wir das aktualisieren, so spricht der an der Harvard University lehrende Entwicklungspsychologe Kurt Fischer davon, dass Autismus ein anderer Entwicklungspfad sei, auf dem aber auch alle Niveaus der Entwicklung durchlaufen werden. Die Entwicklung ist jedoch eher funktional als optimal, weil der soziale Verkehr mit autistischen Menschen ein Stück abreißt und diese damit in die Situation sozialer Isolation bringt, in der sie sich befinden.

    Als Beispiel ein erstes Zitat aus dem Buch von Donna Williams, in dem sie eine Reihe von Begegnungen mit Menschen schildert, die auch dieses Syndrom haben:

    „Bryn blickte mit Tränen und Wut voller Bedauern und Scham zurück. Er blickte zurück auf jahrelange Schikanen in der Schule, weil er ‚tagträumte‘; er blickte zurück auf die Isolation, die darin bestand, nie Freunde gehabt zu haben und auf das Gefühl, dass seine Eltern aufdringlich waren, und er versuchte, zu verzeihen. Er blickte auf sein Gefühl der Unzulänglichkeit zurück, weil er nicht die sozialen Fertigkeiten entwickelt hatte um über das Wie und Warum von Beziehungen und Berührungen Bescheid zu wissen, und er versuchte, das zu akzeptieren. Bryn blickte auf sechs Monate in einer psychiatrischen Klinik zurück, weil er ein verschlossener Heranwachsender gewesen war und sich für geselliges Zusammensein nicht interessiert hatte, und er versuchte, Verständnis dafür zu haben. Er blickte auf die gut gemeinten vierzig Behandlungen mit Elektroschocktherapie zurück, die man ihm dort in dem Bemühen verabreicht hatte, seinen ‚Verstand klar zu kriegen‘ und versuchte zu lachen. Er blickte darauf zurück, wie er anstelle des Ich, dem Ausdruck zu geben er noch nicht gelernt hatte, eine Figur entwickelt hatte; eine mechanische, automatische, endlos plappernde, allem Anschein nach perfekte; die ‚Welt- Version‘ von sich selbst, um von da aus einen Weg zu finden. Er hat diese Figur für sich als den ‚perfekten Bryn‘ bezeichnet, aber immer gewusst, dass sie eine Fassade war. Er blickte auf zehn Jahre zurück, die er im Alkoholismus begraben verbracht hatte, unfähig, das Geheimnis preiszugeben, dass sein Ich schon lange tot und begraben gewesen war, und er versuchte nicht zu weinen. Er sah auf fast dreieinhalb Jahrzehnte der Folgen von Unwissenheit zurück.“ (Williams,1996, 278)

    Soweit Bryn mit der Diagnose Asperger-Autismus. Männer und Frauen mit Kannerschem Autismus können das in der Regel nicht in dieser Weise ausdrücken. Dass sie vergleichbar erleben, merkt man jedoch, wenn man vergleichbar versucht, ihnen in einer anderen Weise zu begegnen. Das Gleiche gilt für andere Diagnosen des autistischen Formenkreises, beispielsweise für das Rett-Syndrom, eines der schwersten Syndrome geistiger Behinderung, wo vor dem Alter von zwei Jahren die Sprachfähigkeit völlig verloren geht, das mit Parkinson-ähnlichen motorischen Einschränkungen verbunden ist, wo die Kinder tagelang schreien (ersichtlich, weil sie den Kontakt zur Welt verlieren; vgl. Jantzen 2006). Ein anderes Syndrom ist das Fragile X-Syndrom, das aus dem autistischen Formenkreis ausgegliedert wurde. Und wir dürfen annehmen, dass noch eine Reihe anderer Syndrome ausgegliedert werden. Die Genetik steht vor einem unendlich komplizierten Puzzlespiel und kann es auch nicht mehr in der klassischen deterministischen Weise ordnen, weil die gesamte Genetik im Moment in einem tiefgehenden Umbruch ist. Man kann nicht mehr von einer direkten genetischen Determination ausgehen. Das Cricksche Dogma, das besagt, dass nichts auf das Gen zurückwirkt, steht nicht mehr. Die Zelle wirkt auf das Gen zurück und beeinflusst die Expression des Gens, der Organismus wiederum wirkt auf die Zelle zurück und die soziale Umwelt wirkt auf den Organismus zurück. Es existiert also ein vielfältiger Rückkoppelungsprozess. Dadurch ist das Genom nicht verändert, aber es drückt sich in höchst verschiedenen Weisen wiederum umweltabhängig aus.

    Wir kommen also in eine ungeheure Komplexität, und das Vernünftigste ist es vielleicht, Autismus als die gemeinsame Endstrecke sehr vieler unterschiedlicher Geschichten und Syndrome zu betrachten. Dies aber immer mit spezifischen Erlebensformen, für die der kurze Einblick aus dem Erleben von Bryn schon sehr bedeutsam war.

    Wenn wir uns der Sache jetzt nicht nur von der Beschreibungsebene, sondern von der Erklärungsebene nähern, dann möchte ich ein Stück ebenfalls sehr alte Literatur aufgreifen (Anfang der 30er-Jahre): Lev Vygotskij, der die Arbeiten von Suchareva aufgriff und sich fragte, was eigentlich geistige Behinderung und psychische Behinderung sei, und wie man diese als Entwicklung verstehen könne. In einem seiner Aufsätze findet man eine sehr interessante Bemerkung über das Verhältnis von Natur und Kultur:

    The whole apparatus of culture […] conforms to the normal psychophysiological organization of man. All of our culture is meant for a person who has certain organs, the hand, the eye, the ear, and certain functions of the brain. All of our tools, all our technology, all signs and symbols – all are meant for he normal person. From this arises the illusion of convergence of a natural transition from natural to cultural forms which cannot actually exist in the nature of things.[5] (Vygotskij 1997, 227)

    Diese Illusion wird jäh gebrochen, wenn etwas mit der Natur ein bisschen anders ist. Das diskutiert Vygotskij am Beispiel gehörloser Kinder, am Beispiel blinder Kinder und am Beispiel hysterischer Kinder (in der Sprache der Zeit – also Kinder mit bestimmten psychosomatischen Problemen und vermutlich Konversionsneurosen). Das Interessante ist, dass er – nachdem er das alles dargestellt hatte – darauf aufmerksam machte, dass bei den Kindern selbst ersichtlich Umwege gefunden werden, um mit dem Problem in einer anderen Weise umzugehen, dass über Umwege der Anschluss an die Kultur möglich ist. Bei Blindheit ist dies über die Braille-Schrift möglich, bei Gehörlosigkeit ist es über Techniken wie das Lippenlesen, aber auch über die Gebärden möglich. Es ist darüber hinaus generell möglich, wie er in seinem Aufsatz über geistige Behinderung betonte (Vygotskij 1993b, 255f.). Deswegen gibt es einen Unterschied zwischen geistiger Behinderung und geistiger Unterentwickelung. Das Kernproblem ist nicht die Schädigung für sich. Diese schafft einen „Kern der Retardation“, welcher am schwersten zu überwinden ist. Je dichter man am Kern der Retardation etwas zu ändern versucht, desto mehr wird man Misserfolg haben. Aber die höheren Prozesse kann man beeinflussen und man kann sehr wohl auch die Umwege sehen, die Kinder gehen und mit beeinflussen.

    Und mehrfach diskutierte Vygotskij die sehr interessante Tatsache, dass gehörlose Kinder wie durch „Selbstzündung“ (Vygotskij 1993a, 169) unter sich Gebärdensysteme entwickeln, also von sich aus Kultur entwickeln.[6] Im Kontext seines Spätwerks schreibt er, dass Kinder prinzipiell vom Moment ihrer Geburt an sozial, gesellschaftlich sind und darauf ausgerichtet, in Kultur zu leben und sich Kultur anzueignen (Vygotskij 1987).

    Ein irgendwie gearteter Defekt – ein Kern der Retardation – beeinflusst am meisten die unmittelbar darüber liegenden Prozesse. Die daraus resultierenden Einschränkungen/primären Kompensationen können aber mit sozialer Hilfe und auf Umwegen umgangen werden. Dieses Prinzip gilt – nach Vygotskij Untersuchungen – genauso für geistige Behinderung wie für psychische Erkrankungen oder den Aspergerschen Autismus, den er von Suchareva ausgehend in Form der schizoiden Psychopathie referiert (Vygotskij 1993b).

    Bevor wir nun auf die Entwicklungspsychologie eingehen, müssen wir uns fragen, wie wir denn Kultur verstehen können. Was ist Kultur? Ich möchte dazu mit einem Zitat des berühmten Ethnologen Clifford Geertz eine Idee geben:

    Wenn wir uns z.B. einem Beethoven Quartett zuwenden, ein […] für diesen Zweck recht illustratives Beispiel für Kultur, so würde es meiner Ansicht nach niemand mit seiner Partitur gleichsetzen, ebenso wenig mit den Fähigkeiten und dem Wissen, die nötig sind, um es zu spielen, oder mit dem Verständnis, das Aufführende und Hörer von ihm haben […], noch auch mit einer bestimmten Aufführung, noch mit irgendeiner mysteriösen Entität, die materiell nicht existiert. […] Dass jedoch ein Beethoven Quartett ein zeitlich verlaufendes tonales Gebilde, eine kohärente Abfolge geformter Laute, mit einem Wort, Musik ist, und nicht irgendjemandes Wissen oder Glauben an irgendetwas (einschließlich der Frage wie es zu spielen sei), ist eine Aussage, der die meisten Leute nach einigem Nachdenken wahrscheinlich zustimmen werden. (Geertz 2002, 17f.)

    Was Geertz nicht aufgreift, ist die Tatsache, dass sich dieses Beethoven-Quartett als tonales Gebilde in die Geschichte nahezu unendlich vieler tonaler Gebilde in der Geschichte der Menschheit einreiht; also in dieser Hinsicht im je gegebenen Augenblick Ausdruck dieser Geschichte und ihrer Fortsetzung unter höchst verschiedenen Alternativen ist, die alle aus der jeweiligen geschichtlichen Situation resultieren, sich zudem laufend ändern – so wie es niemals derselbe Fluss ist, in den wir steigen.

    Wir können also Kultur als unendlich viele miteinander verflochtene und ineinander eingebettete Raum-Zeit-Gebilde in Bewegung sehen, wie einzelne kleine Strömungen in einem Fluss, Strömungen in Strömungen in Strömungen – und alles zur gleichen Zeit. Wir sind mittendrin, das Ganze ist in uns und unser Psychisches ist genauso organisiert (im Augenblick für Sie konzentriert auf das Lesen dieser Niederschrift, konzentriert auf den vorliegenden Text als eine Strömung zwischen Ihnen und dem Autor im Moment des Lesens). Wenn Sie diesen Text gelesen haben, ist dieses Stück Strömung beendet. Er ist aber in Ihre Lebensgeschichte eingegangen, er beeinflusst vielleicht den einen oder anderen Gedanken. Es sind also Motive in Motiven in Motiven, mit denen wir uns beschäftigen – alle zugleich und im Austausch in den sozialen Systemen, die zwischen uns in einem Raum der Kultur existieren, den wir selbst mit hervorbringen und in dem wir uns austauschen.

    Der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin (2008) hat solche Systeme Chronotope genannt, also Raum-Zeit-Gebilde. Entsprechend ist das Psychische selbst in Raumzeit und in Raum-Zeit-Gebilden organisiert.

    Wo existiert denn nun die Kultur, nochmals am Beispiel des Beethoven-Quartetts? Existiert sie in unserem Kopf, oder existiert sie zwischen uns? Weder noch! Sie existiert in beidem zugleich und in einem gewissen Austausch von (musikalischen) Schwingungen, die Resonanzen hervorbringen. Am Beispiel des Beethoven- Quartetts: Die Musik berührt etwas in uns, wenn wir sie hören können; wir werden abgelenkt; wir sind in einem kleinen Chronotop innerhalb der Musik; wir gehen zurück. Aber wo ist die Kultur, wo ist der Geist?

    Um es mit dem chilenischen Biologen Francisco Varela zu sagen: „The mind is not in the head“. Der Geist ist nicht im Kopf. Er ist nicht draußen und er ist nicht drinnen – er ist eine Relation, ein „Zyklus von Operationen“ (zit. nach Rudrauf 2003, 33ff.). Hier scheint zum ersten Mal das Thema der Resonanz auf.

    In der Entwicklungspsychologie spricht sehr vieles dafür, Entwicklungsprozesse als Chronotope zu betrachten, die in Resonanz mit der Kultur existieren. Schon vorgeburtlich – zwischen der fünften und achten Schwangerschaftswoche – bilden sich die Stammhirnstrukturen, und mit ihnen ein System, das wir nach Meinung des englischen Neurowissenschaftlers Colwyn Trevarthen (2003) und seiner Arbeitsgruppe als Intrinsisches Motivsystem („intrinsic motive formation“ = IMF) betrachten können. Ein System, das nachgeburtlich auf einen freundlichen Begleiter oder eine freundliche Begleiterin („friendly companion“) zielt. Damit dies möglich ist, muss es eine Ausdrucksmöglichkeit für dieses chronotopische System geben, welches sich über die Verbindung der Hirnprozesse mit der emotionalen Ausdrucksmotorik realisiert. Für seine Funktionsfähigkeit ist zusätzlich eine Differenz zwischen einem virtuellen Selbst und einem virtuellen Anderen vorauszusetzen. Denn um sich gegenüber einem Anderen auszudrücken, den man noch nicht kennt, muss man eine Idee vom Anderen haben, um dessen Handlungen – bezogen auf sich selbst – identifizieren zu können. Das Neugeborene hat diese Idee vom Anderen, es ist sozial vom ersten Augenblick an.

    Dieses Intrinsische Motivsystem ist also ein Raum-Zeit-System, das schon embryonal entwickelt und fetal bereits mit ersten Erfahrungen gesättigt ist, wie wir über vorgeburtlich psychische Prozesse wissen. Und es kann schon teilweise anders reguliert sein, was seine Resonanzfähigkeit betrifft, wenn eine vorgeburtliche Entwicklung etwa durch Gifte, durch Alkoholismus, Rauchen, Stress der Mutter negativ oder aber durch Stressfreiheit der Mutter, Musik u.a. m. positiv beeinflusst wird. Die pränatale Psychologie belegt dies relativ eindeutig.[7]

    Wir haben also ein hochsensibles Kind zum Zeitpunkt der Geburt, das auf sofortigen Austausch mit der Mutter angewiesen ist, um sich zu organisieren und seine Hirnprozesse zu organisieren. Denn die sichere Organisation der frühkindlichen Bindungsprozesse schreibt eine Reihe von genetischen Expressionsprozessen um. Wenn eine sichere Bindung besteht, sind Kinder später positiver und haben ein wesentlich höheres Maß an Resilienz als andere Kinder.

    Es entsteht etwas, was der französische Psychologe Henri Wallon bereits in den 30er-Jahren »emotionale Kommunikation« genannt hat: emotionale Kommunikation zwischen Mutter und Kind (vgl. Wallon 1984a). Dies war eine sehr weitsichtige Annahme, denn Wallon ging davon aus, dass die Emotionen in dem Kind und zugleich sozial vorhanden sind. Die sozialen Emotionen in ihren sozial-historisch entwickelten Formen – Wallon nennt z.B. Tanz, Musik, Rhythmik u.ä. – sind Formen der Kultur, die seiner Meinung nach die Grundlage unseres Bewusstseins bilden (Wallon 1984b).[8]

    Das Ganze wird unterstützt durch die moderne Neurobiologie. Man findet bei Bindungsprozessen eine Mitnahme bio-rhythmischer Prozesse, wenn die Bindung stabil ist. So haben z.B. aneinander gebundene Affenjunge in Tierexperimenten diese Rhythmik verloren, aber sie wird wieder hergestellt, wenn sie erneut mit den vertrauten anderen zusammen sind, nicht aber mit unbekannten anderen Affenjungen.[9] Noch eindrucksvoller ist, was Andreas Zieger aus seiner Arbeit mit komatösen Patienten berichtet. Bei einem Patienten, bei dem im Zustand des Wachkomas verschiedene zeitlich oszillierende Prozesse nicht gekoppelt waren, zeigte sich, dass die Werte sich koppelten, als seine Verwandten den Raum betraten und ihn ansprachen.

    Bindung hat demnach etwas mit Resonanz zu tun und mit Koppelung unterschiedlicher oszillatorischer Prozesse im Organismus (attunement; vgl. Field 1996). Genau so beschreibt der amerikanische Neuropsychologe Alan Schore frühe Bindungsprozesse zwischen Mutter und Kind in einer Zeit, wo es noch nicht um Inhalte geht, sondern um einen Raum von Sicherheit, der erst aufgebaut werden muss. Dort geht es um den Aufbau von Resonanzprozessen (Schore 2001). Julia Kristeva, eine französische Philosophin, Feministin und Sprachwissenschaftlerin, spricht von einem Raum der Chora (Kristeva 1984). Dies ist ein Begriff von Platon und bezeichnet die Umgebung einer Stadt; die Ländereien, von denen die Stadt lebt. Eine solche Chora entsteht zwischen Mutter und Kind, indem die Mutter die Ruhe- und die Aktivitätszustände des Kindes reguliert und das Kind regulierend auf die Ruhe- und Aktivitätszustände der Mutter zurück wirkt. Hier sehen wir die hohe Bedeutung früher Resonanzen. Es entsteht etwas, was wir einen Sinn-Raum nennen, den wir unser ganzes Leben brauchen. Wenn diese Resonanzen an irgendeiner Stelle zusammenbrechen, dann bricht unser Sinn zusammen.

    Mein Sinn hat auf dem Gelände des ZKH Bremen-Ost erheblichen Schaden genommen, als meine Frau hier vor drei Jahren eine Reihe von Wochen mit diagnostiziertem Lungenkrebs behandelt wurde. Sie ist vier Monate nach der Diagnose gestorben. Sie hat hier einen sozialen Umgang in der Behandlung erfahren, den ich nach wie vor als skandalös empfinde. Dies – und ihr Tod – haben erheblich an meinem Sinn genagt.

    Wir merken Sinn meistens nur, wenn er verloren geht. Sinn ist sozusagen die emotionale Umhüllung unseres Lebens oder unserer Räume, in denen wir jeweils sind. Und damit dieser Sinn aufrecht erhalten bleibt, brauchen wir eine Resonanz. Er ist nicht in uns und er ist nicht außerhalb von uns. Wir können die innere Seite zwar als persönlichen Sinn und die äußere Seite als sozialen Sinn benennen, aber beides muss Abstimmungen erfahren. Und wenn die Abstimmungen nicht möglich sind, dann müssen wir uns diese Abstimmungen selbst schaffen.

    Das wird nochmals sehr stark durch die Spiegelneuronentheorie unterstrichen (vgl. Bauer 2008, Gallese 2004, Rizzolatti et al. 2008). Eine Forschergruppe an der Universität Parma hat Mitte der 90er-Jahre sogenannte Spiegelneuronen, zunächst bei Affen, später auch bei Menschen, gefunden. Diese Neuronen feuern dann, wenn wir eine sinnvolle Handlung sehen, aber auch, wenn wir eine ausführen. Sie bilden also sozusagen ein Imitationsmodell für andere Handlungen im Kopf. Dies hat man als erstes entdeckt und darüber hinaus, dass auch Affen Intentionen entziffern können. Wenn sie nur Teile von sinnvollen Handlungen von anderen Affen sehen, die z.T. verdeckt verlaufen, können sie ein sinnvolles Ende vorwegnehmen. Etwas später hat man eine zweite, tiefer liegende Gruppe von Spiegelneuronen entdeckt, die es uns ermöglichen, unmittelbar – als ob wir es selbst erleben – Schmerz und Gefühle anderer wahrzunehmen. Wenn ich mich mit einem Messer in die Hand schneide, würden Sie zusammenzucken und auch Schmerz spüren. Dieses System sichert emotionales Embodyment, d.h. Hereinnahme der Emotionen in körperlich-emotionale Vergewisserung des eigenen Selbst. Und dieses System – so hat sich gezeigt – ist bei autistischen Menschen in Mitleidenschaft gezogen.[10] Entsprechend den Überlegungen von Trevarthen wären es Teile des Intrinsischen Motivsystems, die sich in der Relation von Selbst und Anderem nicht so realisieren wie bei nicht autistischen Menschen, weil an irgendeiner Stelle die Dechiffrierung der emotionalen Grundlage unseres Lebens gestört ist.

    Wir sehen uns diesen Tatbestand erneut mit einem Zitat aus dem Buch von Donna Williams an. Ihr Buch ist eine der wichtigsten Quellen[11] für ein Neuverständnis von Autismus, wenn wir es im schon erörterten Kontext lesen.[12] Es hat große Erklärungsstärke – bezogen auf das Problem des Embodyments bei Autismus:

    „‚Ich habe dieses schreckliche Gefühl im Magen‘, sagte ich zu meiner Mentorin in der Lehrerausbildung, ‚Es fühlt sich an wie Steine‘. Sie war großartig. Meine Seele war ihr wichtiger als meine Ausbildung. Es war die einzige von meinen Mentorinnen an den verschiedenen Schulen, der ich vom Autismus und meiner bevorstehenden Auslandsreise erzählt hatte. ‚Ich glaube, Sie werden die Menschen vermissen, die Sie bald verlassen‘, sagte sie. ‚Heißt das Gefühl vermissen?‘ fragte ich, ‚Bedeutet das, dass ich die Leute gern habe?‘ ‚Ich glaube ja‘, sagte sie. Ich grinste bis über beide Backen. Unglaublich. Es war unglaublich, wie schlimm ein gutes Gefühl sein kann, wenn man nicht weiß, wie es heißt, oder warum es da ist. Ich war außer mir vor Freude über mein Menschsein. Ich hatte jahrelang so versucht zu werden, als hätte ich jemanden gern. Ich hatte so viel dafür getan, mich dabei so sehr verletzt und trotzdem hartnäckig weiter gemacht. Ich wollte aussehen, als hätte ich Gefühle und als wäre ich wie alle anderen. Ich konnte es nicht ertragen, gesagt zu bekommen, dass mir nur an mir selbst etwas lag. Ich hatte eine große Fähigkeit zu geistigen Emotionen entwickelt, aber sie waren fast nie mit diesen schrecklichen Gefühlen verbunden, die sich auf mein Herz, meinen Magen, meine Kehle und meine zitternden Hände auswirkten.“ (Williams 1996, 222)

    Das bedeutet natürlich, ständig Fassaden aufbauen zu müssen, um normal zu sein. An einer anderen Stelle, wo selbst die Fassaden nicht mehr genügen und es zu Selbstverletzungen, Manierismen u.ä. kommt, gibt Donna Williams in ihrem ersten Buch (Williams 1994) Übersetzungen hierfür. Und in einem Fernsehinterview (Williams 1997) verweist sie darauf, dass das, was andere Menschen für Autismus halten, „unsere Selbstverteidigungsmechanismen“ sind.

    Ergänzen wir dies durch einige Zitate zum Thema „Fassaden“, welche die Theorien besonders illustrieren. Diese Zitate zeigen außerdem, welche fundamentalen wissenschaftlichen Ergebnisse wir haben, um dem vorherrschenden mechanistischen Verständnis von Autismus entgegenzutreten:

    „Als ich Malcolm sah, fielen mir sofort seine Nachahmungen auf. Wie ich besaß er ein endloses Repertoire an Werbespots, die er in seine Sprache einfloss, und als Methode benutzte, unterhaltsam zu sein und akzeptiert zu werden […]. Ich sah bald, dass das, was Malcolm zu sein schien, größtenteils seine Fassade aus abgerufenen Reaktionen war. Ständiges, fast manisch den Erwartungen zuvorkommen, und der umfangreichste Speicher von gruppierten Gesten, Akzenten, Gesichtern und Standardwissen, den ich außer bei mir selbst je gesehen hatte.“ (Williams a.a.O. 296)

    Aus einer späteren Begegnung mit Ian berichtet Donna Williams:

    „Das Essen wurde von einer exakten, ziemlich professionellen Version Ians bestellt und wir setzten uns. Dieses ‚Gesicht‘ war in der Defensive, aber es war eine ‚Defensive‘, die selbst Ian weder zugeben noch kontrollieren konnte. Es war, als würde ich mich selbst beobachten, denn meine eigene Version der ‚Defensive‘ bedeutete in Carol oder Willie zu verfallen [das waren ihre früheren Figuren – Anm. d. Verf.). Im Grunde hatte Ian keine ‚Defensive‘, die Figuren waren seine Verteidigung, so wie sie meine gewesen waren. Da er sich nicht selbst behaupten konnte, griffen sie ein und übernahmen die Leitung, wenn ihm die Dinge zu viel wurden.“ (Williams a.a.O. 329)

    Ein Stück später, außerhalb des Lokals:

    „Draußen im Regen, Ian bleibt plötzlich stehen, kauert sich auf die Straße, die langen Arme um die Knie geschlungen. ‚Es tut weh‘, sagte er, ‚Es tut so weh!‘ ‚Das sind Gefühle‘, sagte ich, und nach einer Pause ‚Sie können dich nicht verletzen‘. ‚Ich würde alles tun, um das hier loszuwerden‘, sagte er. Er zitterte heftig und unkontrollierbar, das Bild eines Junkies im Entzug. ‚Möchtest du dich wieder tot fühlen wie vorhin‘, fragte ich. ‚Nein‘ sagte Ian, und weinte wieder unkontrollierbar. ‚Es tut weh, ein Ich zu haben‘, sagte ich, streckte die Hand aus und schaukelte ihn sanft, während er dort hockte, ein zusammengekauerter Riese mitten auf der Straße.“ (Williams a.a.O., 332)

    Wir müssen uns noch etwas mit dem Verhältnis Körper-Geist beschäftigen, weil Autismus ja meist auf einer organischen Basis interpretiert wird (einschließlich unendlich vieler Untersuchungen, die Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns aufzeigen; vgl. z.B. Bauman und Kemper 1997). Man kann aber schwer sagen, was Ursache und was Wirkung ist. Das möchte ich mit einem Forscher aus einem ganz anderen Bereich, dem Neuropsychiater Tebartz van Elst, der über Persönlichkeitsstörungen psychischer und organischer Herkunft geschrieben hat, kurz dokumentieren. Auf neuropsychologischer Grundlage vergleicht er eine psychische Störung – das Borderline-Syndrom – mit bestimmten, bei Epilepsie (sehr selten) auftretenden, organischen Persönlichkeitsstörungen und stellt fest, dass es – neuropsychologisch betrachtet – um Schleifensysteme zwischen dem limbischen System, das unsere Gefühle und Gedanken koordiniert, und dem frontalen Cortex geht, mit dem wir planen. Diese Schleifensysteme[13] sind bei dem einen wie bei dem anderen Syndrom in gleicher Weise gestört (Tebartz van Elst 2005). Es wäre demnach unsinnig, die alte Unterscheidung zwischen organischen Störungen und psychischen Störungen aufrechtzuerhalten. Wie man dann weiter auf eine einheitliche Sichtweise – auf einen Monismus von Körper und Geist kommt – kann ich hier nicht ausführen. Es sei nur gesagt, dass dies möglich ist – und vieles in der modernen Wissenschaft geht in diese Richtung (vgl. Jantzen 2010).

    Wir haben dies alles sehr ernst zu nehmen, zumal wir ja auch wissen, dass das Gehirn von Anfang an sozial umgeschrieben wird.

    Zurück zur modernen Entwicklungspsychologie. Sie zeigt, wie Vygotskij dies zu seiner Zeit schon vermutet hatte, dass es bestimmte Umschreibprozesse des Gehirns in verschiedenen Übergangsphasen – kritischen Phasen der Entwicklung – gibt, die für alle Menschen absolut stabil abgesichert sind (vgl. Thatcher 1994, Jantzen 2013). Selbst bei schwersten Hirnschädigungen sind sie in der Regel noch intakt. Ich habe bisher nur bei Menschen mit Anencephalie erlebt, und zwar in der Form der Hydrancephalie, wo die Schädelkalotte erhalten ist und Liquor – also Hirnflüssigkeit – das Großhirn größtenteils ersetzt, dass hier nicht alle Ebenen dieser konservierten Kernprozesse der Hirnentwicklung ausgedrückt werden.[14]

    In der Organisation des Gehirns im Verlauf der kindlichen Entwicklung entsteht folglich im Regelfall spätestens in der Pubertät eine reflektierte Distanz zu sich selbst – mit den jeweiligen kulturellen Mitteln, so schwach sie auch immer sind. Entsprechende Umbrüche zeigen sich nach außen hin in Entwicklungskrisen; etwa in der Krise der Einjährigen, wo der entscheidende Umbruch von einer subkortikalen Regulation zur Regulation durch den Neokortex erfolgt.

    Ein entsprechender Umbruch zeigt sich im Alter zwischen zwei und drei Jahren, wo sich sensomotorische Intelligenz und sprachliche Intelligenz verbinden, Denken und Sprechen einer neuen Ebene der Selbstregulation zusammenkommen. In diesem Alter beginnen Kinder Rollen zu spielen. Sie lösen also Situationen aus dem Kontext und reproduzieren sie. Das ist die Basis für selbstständiges Denken und im Schnittpunkt dieser, durch unterschiedliche Rollen gekennzeichneten Räume, geschieht es dann etwa im Alter von drei Jahren das erste Mal, dass Kinder sich mit „Ich“ bezeichnen, sich als Rollenträger in verschiedenen Rollen sehen, so wie sie andere Rollenträger in verschiedenen Rollen auch als Einheit der Person sehen.

    Einen ähnlichen Umbruch haben wir dann im beginnenden Schulalter zu ersten Formen des abstrakten Denkens, und in der Pubertät nochmals zum multiplen abstrakten Denken.

    Dies sind allgemeine Umformungsprozesse des Gehirns, die bei allen Menschen stattfinden, wobei im Gehirn jeweils am Ende eines Zyklus eine Umschreibung erfolgt, überzählige Nervenverbindungen teilweise wieder abgeschnitten und auf die nötigen reduziert werden. Diese Prozesse findet man selbstverständlich auch beim Autismussyndrom; sie sind bei Fragilem X-Syndrom sehr deutlich vorhanden, beim Aspergerschen Autismus ebenfalls und ich bin sicher, dass sie genauso bei Kannerschem Autismus existieren. Ich habe in meiner Beratungstätigkeit bei der Diakonischen Behindertenhilfe Lilienthal[15] Kinder mit sehr schweren Hirnschäden erlebt, die trotzdem in der Pubertät mit minimalen Ausdrucksmitteln einen gewissen Grad der Selbstreflexion erreicht haben – auch ohne Sprache. Und ich bin daher theoretisch wie praktisch überzeugt davon, dass diese Mechanismen, die von der Neurowissenschaft als universell angenommen werden, tatsächlich universell sind.

    Hier haben wir also jene Mechanismen, auf deren Basis „wie durch Selbstzündung“, so Vygotskij, Ebene für Ebene Kultur neu geschrieben wird, auch wenn Kultur vorenthalten wird. Das ist wichtig zu verstehen, denn wir kommen jetzt in einen Bereich, der uns sonst schwer zugänglich wäre. In dem Buch von Donna Williams findet man mehrfach Situationen mit Spiegeln beschrieben. Immer wieder kommt die Autorin auf Spiegel zurück. Und erst am Ende wird deutlich, was es bedeutet, dass die Spiegelwelt fast zu einer Sucht für sie wird. Ich möchte noch ein paar Passagen darlegen, die ausdrücken, was passiert, wenn die Welt nicht mehr gegeben ist: Dann muss ich mir nämlich eine Welt schaffen, mit der ich in Resonanz stehe.

    „Ich schlafe hier drinnen!“, verkündete ich, während ich von einem Spiegel zum nächsten schlitterte. „Donna, das ist nur eine Spiegelung“, sagte Ian, während ich ihn aus den Augen verlor, zusammen mit allem anderen was „wichtig“ war. Ian war auf der anderen Seite meiner gläsernen Mauer. […] „Es ist eine Spiegelung“, sagte Ian. „Ich weiß“, sagte ich und wehrte sein Eindringen bissig achselzuckend ab. „Du bist da nicht drin“, sagte er. Er machte mir angst. Ich sah ihn wütend an. „Doch“, fuhr ich ihn an. „Guck mal, du bist auch da drin“, sagte ich in der Hoffnung, er würde es in seiner ganzen Schönheit sehen, sich davon ebenso süchtig machen und fesseln lassen wie ich. „Ich bin nicht im Spiegel“, sagte Ian und sah besorgt aus, „ich bin hier, ich bin wirklich. Das ist nicht wirklich, ein Spiegelbild kann man nicht anfassen“. […] Wut überkam mich. Ich war wütend, weil die Spiegelwelt meine letzte Fluchtburg war. Sie war meine beruhigende Versicherung, dass ich Beziehungen zu Menschen herstellen konnte, weil sie, wie bei den Figuren, immer Dritte bleiben werden. Undurchdringlichkeit ist die absolute Sicherheit. […] Mir wurde klar, dass der Spiegel zwar zu Anfang eine ausgezeichnete Strategie gewesen war, um die Verschlossenheit zu durchbrechen und zu lernen, wie man mit anderen zusammen war, um gegen die Isolation anzukämpfen und Sprache aufzubauen, ein Bewusstsein für den Körper zu bekommen, dass ich aber nach seiner Sicherheit süchtig geworden war. (Williams 1996, 335 ff.)

    Der Sprach- und Kulturwissenschaftler Juri Lotman spricht davon, dass Spiegelsymmetrie die Grundlage aller Sprache, aller Dialogizität ist (Lotman 1990). Um dies zu verdeutlichen, ziehe ich zwei Beispiele von schwerst-mehrfach-behinderten Menschen in einer Großeinrichtung heran. Ich besuche eine Gruppe zum ersten Mal, rede mit den Mitarbeitern zur Bestandsaufnahme, ein Mann sitzt vor der Heizung und schlägt rhythmisch mit dem Kopf dagegen. Ich setze mich vor ihn und bewege meinen Kopf im gleichen Rhythmus. Er knirscht mit den Zähnen, ich versuche das, so gut ich es kann, zu erwidern. Er hat ein unendliches Register, ich kann kaum etwas. Nach einer Zeit sagte ich dann „Gut. Schön, dass wir miteinander geredet haben“, habe mich wieder hingesetzt und er war 15 Minuten absolut ruhig.

    Ein anderes Beispiel: Im Flur einer Gruppe steht ein Mann, der ständig hin und her schaukelt. Ich stelle mich vor ihn und schaukle auch hin und her. Und dann grinst er und stößt mich an. Ich grinse und stoße ihn zurück.

    Hier haben wir Spiegelsymmetrie und ersten Sprachaufbau. Das Anstoßen kann eine konventionelle Geste werden („Ey Alter, wie geht’s?“, „Guten Tag“, „Ich mag dich“, es kann alles Mögliche bedeuten). Es erreicht seine Bedeutung im Zusammenhang mit anderen konventionalisierten Gesten. Die Spiegelsymmetrie ist also die elementare Grundlage des Dialogs. Und wenn ich die Gesichter der anderen nicht entziffern kann, also auf der Ebene des ersten Spiegelneuronensystems nicht hinreichend handlungsfähig bin, muss ich mir künstlich eine Außenwelt schaffen, in der ich mich spiegeln kann, damit ich weiß, dass ich existiere.

    Und exakt diese Überlegung wird durch Donna Williams bestätigt, was ich nochmals mit Zitaten verdeutlichen möchte.

    „Seine Antworten bestätigten alles, was ich vermutet hatte. Er hatte Probleme damit, Gesichter, Emotionen, Verhalten und Körpersprache zu interpretieren und in gesprochenen und geschriebenen Worten durchgängig Bedeutung zu erkennen. Doch nachahmen, spiegeln und verschmelzen konnte er mit der Gewandtheit eines großen Illusionisten. Er konnte sich selbst etwas beibringen, hatte aber große Probleme, wenn ihm etwas beigebracht wurde, war in bestimmten Dingen gut und in anderen sehr schlecht, hatte Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen und war während seiner ganzen Schulzeit schikaniert worden, weil er anders war. Ich fragte ihn nach Hunger, Schmerzen, Müdigkeit und Kälte. Alle diese Empfindungen entgingen ihm entweder, oder mussten ins Extrem getrieben werden, damit er sie wahrnahm. Die Botschaften seines Körpers waren unzusammenhängend und schwach. Ich war begeistert.“ (Williams a.a.O. 310)

    Was autistischen Menschen demnach fehlt, ist der oder die Andere. Wenn ich es mit Emmanuel Lévinas beschreibe: Die Grundlage unserer Existenz ist die Alterität des Anderen, „der Andere ist“. Und hier sind der oder die Andere nicht bzw. nicht hinreichend zugänglich, also muss ich mir selbst den Anderen oder die Andere als Bedingungen meiner Existenz konstruieren, damit ich leben kann.[16] Und dies drückt die folgende Bemerkung aus, die zeigt, dass sie den Anderen gefunden hat:

    „Ich war so glücklich, dass er so war wie ich. Seine suchenden Augen klopften klirrend an meine unsichtbare Glasmauer. Ich klopfte auch, von meiner Seite her.“ (Williams a.a.O. 311)

    Die Spiegelsymmetrien sind die Basis jeglichen Dialogs. Die Spiegelsymmetrien sind die Basis der Kultur. Wenn keine Spiegelsymmetrie in einem Beethoven-Quartett besteht, wenn es mich nicht anspricht, in mir keine Resonanz erzeugt, kann ich nichts wahrnehmen. Dann gehe ich. Leider habe ich es nie gelernt, richtig klassische Musik hören zu können, sie zu verstehen. Sie überrollt mich, sie ist mir zu komplex. Ich kann es aushalten, aber ein schöner Blues spricht mich mehr an.

    Zurück zu Donna Williams Bericht: Die basale Störung des Embodyments, der Möglichkeit, im anderen Resonanz zu finden, bedeutet natürlich auch, dass wenn die Anderen verloren gehen, auch die Gefühle für den eigenen Körper verloren sind. Die Gefühle, die nicht benannt werden können; es ist ein Irgendetwas, wenn es da ist. Das Andere existiert, aber ich existiere in meinem Körper als Anderen mehr oder weniger als ein Gegenstand im anderen Gegenstand.

    „‚Etwas ganz Schlimmes passiert gerade‘, sagte ich zu ihm, ‚ich habe ein Gefühl, das ich nicht verstehe. Ich möchte spazieren gehen.‘ Ian ging und holte seinen Mantel. ‚Hast du was Falsches gegessen? Bist du aufgeregt? Musst du etwas essen?‘ fragte er. ‚Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe dieses Gefühl noch nie gehabt. Es macht mir angst.‘ antwortete ich. Es war überwältigend. Mein Gehörsinn wurde sehr sensibel. Meine Hand wurde irgendwo auf mein Bein gelegt. Plötzlich spürte ich ein inneres Gefühl in meiner Hand und meinem Bein gleichzeitig. ‚Ich kann mein Bein fühlen!‘ rief ich voller Angst, ‚Ich kann meine Hand und mein Bein fühlen!‘ Ich hatte Angst und zitterte. Ian lächelte. Seine Augen füllten sich mit Tränen, er war ‚glücklich traurig‘. Ich legte meine Hand auf meinen Arm und flüsterte angstvoll: ‚Ich habe einen Arm.‘ Ich spürte ihn nicht von außen an meiner Hand, wie sonst, sondern von innen. Mein Arm hatte es von innen gespürt. ‚Arm‘ war mehr als eine Konsistenz, es war eine innere Empfindung. Er war fremd und die Fremdheit machte angst. Ich fühlte mich wie ein fremdartiges Wesen, das plötzlich zum Menschen wird. Ich war eine Fremde in dem Vehikel, das mich immer befördert hatte, das mir aber erst jetzt sagte, dass es hier war, dass es wirklich war, dass es mir gehörte und dass es Teil von mir war.“ (Williams a.a.O.)

    Zwangsläufig geht demnach mit dieser Geschichte einher: Wenn ich nicht die Gefühle der anderen Menschen entziffern kann, sie bei mir spüre, wenn mir auch nicht geholfen wird, sie über Sprache benennen zu können, bleibt mir mein Körper fremd. Ich bleibe in eine geistige Welt eingeschlossen, ohne meinen Körper zu fühlen.[17] Was also ist Autismus? Hierzu ein letztes Mal Donna Williams:

    „Der Autismus ist etwas, das ich nicht sehen kann. Er hält mich davon ab, meine eigenen Wörter zu finden und zu benutzen, wenn ich es möchte. Oder er lässt mich all die Wörter benutzen und die albernen Dinge sagen, die ich nicht sagen will.

    Der Autismus lässt mich alles gleichzeitig fühlen, ohne dass ich weiß, was ich fühle. Oder er schneidet mich davon ab überhaupt etwas zu fühlen.

    Der Autismus lässt mich die Wörter anderer Menschen hören, macht mich aber unfähig zu wissen, was die Wörter bedeuten. Oder er lässt mich meine eigenen Wörter sprechen, ohne dass ich weiß, was ich sage oder auch nur denke.

    Der Autismus schneidet mich von meinen Gedanken und meiner Neugier ab und daher glaube ich, dass ich nichts denke und mich für nichts interessiere. Oder er lässt meinen Verstand fast explodieren vor lauter Bedürfnis, aus mir heraus zu gehen und zu sagen, was ich denke und zu zeigen, wofür ich mich interessiere … Aber nichts kommt heraus … Nicht einmal auf meinem Gesicht, meinen Augen oder an meinen Worten.

    Der Autismus schneidet mich von meinem Körper ab und dabei spüre ich nichts.

    Autismus kann mich auch so empfindsam machen, für das, was ich spüre, dass es schmerzt.

    Der Autismus gibt mir manchmal das Gefühl, dass ich überhaupt kein Ich habe, und ich bin dann so überwältigt von der Gegenwart anderer Menschen, dass ich mich selbst nicht finden kann. Der Autismus kann mir auch ein totales Bewusstsein von mir selbst geben, dass es ist, als würde die ganze Welt um mich herum belanglos werden und verschwinden.

    Der Autismus ist wie eine Wippe. Wenn ich oben oder unten bin, kann ich kein ganzes Leben sehen. Wenn ich beim Wippen durch die Mitte komme, bekomme ich einen flüchtigen Eindruck von dem Leben, dass ich führen würde, wenn ich nicht autistisch wäre. Das Wichtige, was ich gelernt habe, ist: DER AUTISMUS IST NICHT ICH.“ (Williams a.a.O. 348f.)

    Was also tun, um gemeinsam Kultur zu entwickeln? Es bedeutet, das autistische Feld der so genannten normalen Kultur aufzusprengen, jenes Feld, das Autismus biologisiert und autistische Menschen zu einer behandelbaren Sache macht.[18]

    Dazu wäre eine Haltung erforderlich, die am besten in Enrique Dussels „Philosophie der Befreiung“ ausgedrückt ist: „Eine Person ist nicht etwas, sondern jemand“ (55).

    „Der Andere ist das einzig heilige Seiende, das grenzenlosen Respekt verdient. Respekt ist Schweigen, aber kein Schweigen, weil es nichts zu sagen gibt, sondern das Schweigen derer, die etwas hören wollen, weil sie etwas über den Anderen wissen wollen.“ (ebd. 75) „Glauben bedeutet, das Wort des Anderen anzunehmen, weil sich der Andere offenbart – aus keinem anderen Grund“ […] Offenbaren heißt, sich selbst der Verletzungsgefahr auszusetzen.“ (ebd. 61)



    [1] Vortrag am 21.08.2011 im Klinikum Bremen-Ost im Kontext der Ausstellung „Durchgang zum Vielleicht. Aktuelle Positionen autistischer Künstlerinnen und Künstler“. Überarbeiteter und mit Literaturangaben versehener Tonbandmitschnitt. Christoph Bresch hat die mühevolle Arbeit der Abschrift auf sich genommen. Ich danke ihm herzlich dafür.

    [2] Allerdings hat Niko Tinbergen, der zusammen mit seiner Frau diese Feststellung machte (Tinbergen & Tinbergen 1972), sich auf dieser Grundlage zum Befürworter der mehr als umstrittenen Haltetherapie (forced holding) gemacht, die u.a. den Blickkontakt mit Gewalt zu erzwingen versucht. Vgl. zur Kritik dieses Verfahrens Jantzen und v. Salzen (1988), die zu dem Schluss gelangen „Haltetherapie ist Folter“, sowie neuerdings Benz (2013).

    [3] Wolff (1996, 119) bemerkt: “An unanswerable question remains: how was it that Hans Asperger […] did not apparently know of this paper?

    [4] Vgl. auch Suchareva 1930, deutsch 2009

    [5] Soweit ich aus der vom russischen ins Englische übersetzten Ausgabe der Werke von Vygotskij wörtlich zitiere, geschieht dies nicht wie im Vortrag in freier Übersetzung ins Deutsche, sondern in der auf Englisch vorliegenden schriftlichen Form.

    [6] Vygotskij bespricht nicht nur das Lippenlesen, sondern auch die Gebärden, die zwischen gehörlosen Kindern in Form einer eigenständig entwickelten Kultur entstehen (Vygotsky 1997, 227f.).

    [7] Vgl. Klatt 2007, Partanen et al. 2013

    [8] Ähnlich argumentiert auch Trevarthen; vgl. auch Trevarthen 1999, eine Arbeit, die mir erst nach diesem Vortrag in die Hände fiel.

    [9] The heart rates of two attached pigtail infants who had been reared together were highly correlated. This relationship decreased during separation. Following reunion the correlations of their heart rates and body temperatures returned to baseline. In contrast, heart rate and body temperature were not correlated in two mother-reared monkeys who were not attached to each other.” (Field 1996, 558)

    [10] Vgl. zur Bedeutung dieser Forschungen für die Theorie des Autismus Jantzen (2007)

    [11] Diese Bedeutung der Bücher von Williams wird von Fischer et al. (1997) in gleicher Weise hervorgehoben.

    [12] Dies wären sowohl die Theorie von Trevarthen, der ein ausführliches Buch über Autismus geschrieben hat, als auch die Arbeiten der Spiegelneuronengruppe, insb. Gallese (2006).

    [13] „Zwei dieser Schleifensysteme werden primär mit motorischen und okulomotorischen Funktionen in Zusammenhang gebracht, drei weitere mit höheren emotionalen, kognitiven und motivationalen Funktionen, die bei vielen neuropsychiatrischen Störungen eine wichtige Rolle spielen.“ (Tebartz van Elst 2005, 225)

    [14] Vgl. zu Hydrancephalie Shewmon 1999, Merker 2007

    [15] Vgl. Jantzen 2003

    [16] Vgl. Lévinas 1996, aber auch die unmittelbar auf ihm aufbauenden Ethikdiskussionen bei Bauman 1955 und Dussel 1989. Aus entsprechenden Einschränkungen der Spiegelung im Anderen lassen sich auch die Übereinstimmung des autistischen Formenkreises mit schweren Bindungsstörungen oder mit dem allgemeinen Isolationssyndrom bei Säugetieren begreifen (vgl. Bronfenbrenner 1971).

    [17] Dass eine fehlende „theory of mind“ keineswegs nur in der individuellen Organisation des Gehirns autistischer Menschen zu finden ist, in einem „theory of mind“-Modul wie etliche Forscher annehmen, wird konterkariert durch einen Forschungsbericht von Pyers und Senghas (2009), die eine deutliche Reduktion von „false belief“-Antworten (eine wesentlicher testpsychologischer Indikator für das Fehlern einer „theory of mind“) bei der zweiten Generation gebärdensprachlich kommunizierender Menschen in Nicaragua im Vergleich zur ersten festgestellt haben.

    [18] Vgl. hierzu Frank 2003

    Literatur

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    Der Autor

    Abbildung 1. Prof. Dr. Wolfgang Jantzen

    Portrait Wolfgang Jantzen

    Geb. 1941, Studium ab 1963 an den Universitäten Gießen und Marburg. (Lehramt Grund-, Haupt- und Realschulen, Diplom in Psychologie; Lehramt Sonderschulen Fachrichtungen Lernbehinderte und Sprachbehinderte). 1972 Promotion in Erziehungswissenschaft. 1966 – 1971 Lehrer an einer Schule für Lernbehinderte; 1971 – 1974 Studienrat i.H. am Institut für Sonderpädagogik der Universität Marburg. Ab Mai 1974 Prof. für Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Bremen. Oktober 1987 – März 1988: Wilhelm-Wundt- Professor für Psychologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Zahlreiche Lehraufträge an verschiedenen Universitäten in Deutschland und im Ausland. Seit August 2006 emeritiert. Wichtigste Buchpublikation: Allgemeine Behindertenpädagogik Bd. I und II. Weinheim: 1987, 1990; Neuauflage in einem Band: Berlin: Lehmans media 2007

    Gesamtherausgeber des Enzyklopädischen Handbuchs der Behindertenpädagogik „Behinderung, Bildung, Partizipation“ in zehn Bänden (Kohlhammer-Verlag, Stuttgart)

    Freiligrathstraße 32

    28211 Bremen

    basaglia@t-online.de

    www.basaglia.de

    Quelle

    Wolfgang Jantzen: Autismus und Resonanz. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2013, Thema: Eltern ∞ Kinder stärken S. 55-67.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 15.10.2019

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