Schwul/lesbisch und behindert

Eine doppelte Diskriminierung

AutorIn: Dieter Schmutzer
Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2008, Thema: Enthinderte Sexualität, S.47-50. Behinderte Menschen (6/2008)
Copyright: © Behinderte Menschen 2008

Information

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Schwul/lesbisch und behindert

Sexualität ist heute offenbar normal und allgegenwärtig. In den Medien, in der Werbung, an den Stammtischen, in der öffentlichen Diskussion. Sex ist also kein Tabuthema mehr, da hat sich deutlich etwas verändert in den letzten zwei, drei Jahrzehnten. Manche beklagen ja, unsere Gesellschaft sei übersexualisiert. Nein, nein, beteuern die Verfechter - wir sind nur freier, offener, Sex ist eben ganz normal.

Solange er von bzw. zwischen Mann und Frau stattfindet und die AkteurInnen jung, gesund, attraktiv sind.

Andere Bereiche sind, und ich erlaube mir diese Bewertung, nicht nur als politischer Privatmensch, sondern auch aus der professionellberaterischen Arbeit mit "Betroffenen" auch heute noch stark tabuisiert. Sex alter, kranker, behinderter Menschen zum Beispiel.

Lesben und Schwule werden heute nicht mehr verfolgt, aber doch noch in manchen Bereichen deutlich diskriminiert. Gewiss, es hat sich etwas geändert in den letzten Jahren und Jahrzehnten, Homosexualität wird sogar schon akzeptiert - solang sich die Menschen in "Reservaten" bewegen (Life Ball, Love Parade etc.) und ansonsten unauffällig verhalten. Spätestens bei gleichen Rechten hört sich das Verständnis und das Wohlwollen meistens auf. Und Bisexuelle? Die kommen in der öffentlichen Diskussion so gut wie nicht vor. Ja doch - ein Slogan wie "ein bisschen bi schadet nie" klingt gut, cool, sexy. Aber was dahinter steckt, interessiert niemanden.

Wenn VertreterInnen politischer Parteien oder anderer gesellschaftlich relevanter Einrichtungen und Organisationen zwar lautstark gegen jede Form von Diskriminierung protestieren, gleichzeitig aber die rechtliche Gleichstellung schwuler und lesbischer Beziehungen ablehnen, zeigt dies deutlich die Unsicherheit, die Ambivalenz des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema Homosexualität. Wobei die Ablehnung männlicher Homosexualität noch deutlicher zu sein scheint. Homosexuell und schwul wird oft gleichgesetzt, Lesben kommen - zumindest in der öffentlichen Diskussion - häufig gar nicht vor.

Ein Beispiel - eines von vielen - aus der Praxis. Da besucht eine Mutter aus einem westlichen Bundesland ihren Sohn regelmäßig im Spital in Wien; er hat AIDS. Lange hält sie das geheim, auch vor ihrem Mann, vor der Familie. Irgendwann - angesichts des nahenden Endes des Burschen - lässt sich's nicht mehr verheimlichen, es muss heraus. Also erzählt sie dem Vater und den Verwandten davon. Von AIDS. Was sie weiterhin verschweigt, ist dass der Sohn schwul ist, das erfährt, auch nach seinem Tod, niemand. DIESE Schande, so erzählt sie mir in der Beratungsstunde, hätte der Vater nie verwinden können, und sie selbst hätte mit den heftigsten Vorwürfen und Ausgrenzungen rechnen müssen. Als Eltern, die ihr Kind begraben mussten, konnten sie mit Mitleid rechnen ... als Eltern eines Perversen? Also hat sie geschwiegen.

Gewiss, ein Einzelfall, aber doch bezeichnend.

Tabu ist nach wie vor die Sexualität behinderter Menschen.

Zurückblickend auf rund zwei Jahrzehnte der Beschäftigung mit Fragen von Behinderung und Sexualität stelle ich fest: es hat sich wohl etwas geändert. Nicht die öffentliche Meinung behinderte Menschen hätten selbstverständlich ein Recht auf gelebte Sexualität. Hier herrschen nach wie vor Ahnungslosigkeit, Ignoranz, Berührungsängste vor; eigentlich wird nicht darüber gesprochen. Manches ist aber doch besser geworden. Vor rund 15 Jahren etablierte sich eine Arbeitsgruppe "Sexualität und Behinderung" und wollte Angebote für betroffene Menschen, aber auch für Einrichtungen und Institutionen erstellten. Die Reaktionen waren ablehnend, manchmal leicht verschämt, bestenfalls interessiert ("so was gibt's auch? Aber wir brauchen das nicht). Später begannen Einrichtungen und Institutionen nachzufragen, meist, wenn etwas "vorgefallen" war.

Nicht zuletzt als Folge der auch bei uns stärker werdenden Selbstbestimmt-Leben-Bewegung wird Sexualität heute anders betrachtet.

Zumindest in der Diskussion unter behinderten Menschen, unter Betreuungs- und Begleitpersonen, unter "Fachleuten" wird die Frage nach dem Recht auf Sexualität nicht mehr gestellt. Sexualität als integraler Bestandteil menschlichen Lebens wird als Tatsache angesehen; gefragt wird, wie Sexualität erlebbar gemacht werden kann; diskutiert wird nicht mehr ob überhaupt, sondern unter welchen Rahmenbedingungen etwas stattfinden soll.

Soweit so gut. Solange es um die Sexualität zwischen Mann und Frau geht.

Aber selbst, wenn wir alle sexuellen Orientierungen einfach an- und hinnehmen. Spätestens, wenn diese Menschen nicht dem allgemeinen gesellschaftlichen Bild von Gesundheit/ Wellness, Fitness/Ästhetik entsprechen, ist es mit der positiven Haltung vorbei. Nicht unbedingt aus Bösartigkeit, oft nur, weil wir uns "so etwas" nicht vorstellen können oder wollen.

Wenn der "Verdacht" besteht, ein Klient/ein Bewohner einer Einrichtung könnte schwul sein, kommt die große Verunsicherung: Ist das okay? Ist er das wirklich? Sollen/müssen wir den Eltern (dem Sachwalter etc.) etwas sagen? Müssen wir die anderen Klienten schützen? Was, wenn das ruchbar wird? Aber auch: Wie können wir ihm das Er- bzw. Ausleben dieser Neigung ermöglichen? Im Hetero-Bereich kann man schon einmal ins Puff fahren oder eine Hostess ordern, aber da?

Diese Verunsicherung zeigt mir, dass des Thema Homosexualität eben noch lang nicht "gegessen" ist.

Auch dazu ein Beispiel aus der Praxis. Eltern und Sohn kommen, der Sohn im Rollstuhl. Es gibt zwei Probleme. Zum einen der Berufswunsch (irgendetwas mit Theater): das gehört ernsthaft diskutiert, meinen die Eltern, das sei unrealistisch, Träumerei. Zum anderen: der Bub schwärmt für Männer. Das Wort "schwul" wird dabei ohnehin nicht gebraucht, von "Schwärmerei" ist die Rede; er ist ja noch jung, das kommt in der Pubertät vor (der Knabe ist 20), er wird schon ein Mädl finden. Das bitte, soll ich ihm in der Therapie klarmachen; und auch, dass er als behinderter junger Mann, wäre er denn homosexuell, natürlich doppelt diskriminiert würde - und das möchten ihm die Eltern ersparen. Was ich ihnen zwar glaube und auch verstehe - aber leugnen erspart halt keine Diskriminierung. ich arbeite mit dem jungen Mann anschließend an seinem Selbstwert - und letztlich ist für ihn völlig klar: ich bin schwul, dazu stehe ich, mit den Schwierigkeiten muß ich umgehen lernen, es wird für mich vermutlich noch schwerer werden als wäre ich "nur" schwul oder "nur" behindert.

Die doppelte Tabuisierung bzw. auch Diskriminierung erfolgt aber nicht nur durch das "Außen". Auch im Behindertenbereich, bei politisch durchaus engagierten betroffenen VertreterInnen gibt es Vorurteile und Vorbehalte gegen Lesben (wobei diese Frage auch hier kaum thematisiert wird) und Schwule.

Und in der "schwulen Szene" - lässt sich's als behinderter Mensch auch nicht unbedingt reüssieren. Abgesehen davon, dass - etwa für Rollis - viele der Lokale nicht zugänglich, weil nicht barrierefrei sind. Es ist, ob das jetzt gefällt oder nicht, in Discos, Bars etc. der Jugend- und Ästhetikwahn mindestens ebenso ausgeprägt wie sonst in der "Szene". Behinderte Klienten, die doch den Schritt wagen, berichten von den vielen Enttäuschungen, einfach ignoriert zu werden. Weil sie sichtbar behindert sind, also nicht ästhetischen Normen oder Idealen entsprechen. Weil sie geistig behindert sich nicht in dem Trubel zurecht finden, keine Gesprächspartner finden, abgewiesen werden. Weil sie blind oder ohne Sprache oder ohne Gehör von der allgemeinen Kommunikation auch hier ausgeschlossen sind.

Und mir berichten Menschen aus der "Szene", dass das alles nicht aus Bösartigkeit passiert, aber dass man halt ein Refugium braucht, um als Schwuler den Alltag, die Sorgen, auch die Ablehnung, die man im Alltag erfährt, oder die Unsicherheit zu vergessen, hinter sich zu lassen; da will man sich nicht mit neuen, anderen Problemen konfrontieren. Oder sie berichten von der Unsicherheit im Umgang mit Behinderung - wie sollten sie es aber auch anders gelernt haben?

Tabuisierungen und auch Diskriminierung passiert oft aus Unsicherheit. oder aus Unwissenheit. Tabuthemen anzusprechen, öffentlich u machen, ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Aufgabe für unsere Berufe. Vielleicht gelingt es ja, nach und nach das doppelte Tabu zu einem einfachen zu machen und irgendwann in ferner Zukunft ...

Der Autor

Dr. Dieter Schmutzer

Lebens- und Sozialberater, Sexualpädagoge, Kommunikationstrainer

www.dieter-schmutzer.at

Quelle:

Dieter Schmutzer: Schwul/lesbisch und behindert. Eine doppelte Diskriminierung.

Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2008, Thema: Enthinderte Sexualität, S.47-50.

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Stand: 08.01.2014

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