Von der Privatheit einer Behinderung zum öffentlichen Diskurs

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2007, Thema: Neue Formen der Solidarität, S.18-26. Vortrag 30 Jahre Zeitschrift Behinderte Menschen am 9. November 2007 in Graz. Behinderte Menschen (6/2007)
Copyright: © Behinderte Menschen 2007

Information

BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von der Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: http://www.behindertemenschen.at/bm/ (Link korrigiert durch bidok)

Von der Privatheit einer Behinderung zum öffentlichen Diskurs

Die Gründung der Zeitschrift "Behinderte Menschen" war ein mutiger Akt. Vereine gründen zwar oft Zeitschriften, die meist ein einheitliches Bild abgeben. Auf Seite 2 lacht einem der Vorsitzende an, dann werden die Leistungen des jeweiligen Vereins penibel aufgelistet, die Ausflugfotos sind zwar klein aber zahlreich, die Ehrungen - falls ein Verein schon in die Jahre gekommen ist - dürfen nicht fehlen und manchmal wird auch um die toten Vereinsmitglieder getrauert. Damit kann man die Welt kaum verändern, noch anerkennende Geschichten von Behinderung erzählen. Wir wollten aber diese Geschichten erzählen.

Wir wollten mit der Zeitschrift die traditionellen Geschichten von Behinderung erweitern, verschieben, eventuell umdrehen und verändern. Dabei hofften wir, dass dieser Diskurs nicht in einem engen Zirkel stecken bleibt. Die traditionellen Geschichten von Behinderung handeln von Behinderung als Schicksal, als Katastrophe oder von der glorreichen Überwindung von Behinderung. In diesen Geschichten bemitleidet, verachtet oder bewundert man abwechselnd einen behinderten Menschen. Selbst will man jedoch nicht so sein, noch stellt man sich vor, dass man so werden wird. All diese Geschichten erzählten uns, dass Behinderung nichts mit uns zu tun hat, sondern mit jemandem anderen, der wir nicht sein wollen und niemals sein werden. Es sind private Geschichten, also Geschichten, die im Wesen der Person angesiedelt sind.

Menschen mit Behinderung sind dabei jene Personen, die nicht dadurch definiert werden, was sie tatsächlich sind oder tun, sondern durch das, wofür sie stehen. Eher als alles andere werden behinderte Menschen als Kategorie wahrgenommen. Die Kategorie bringt etwas zum Stillstand, was eine Geschichte hat, was in Bewegung war. Die Macht solcher Diskurse ist groß. Ihre Wirkung besteht in der Einführung einer Wirklichkeit, von der wir glauben, dass sie naturgegeben ist, die für den einzelnen Menschen katastrophal sein kann. So katastrophal, dass sie dem anderen das Leben kosten kann. Zygmunt Bauman hat diese Prozesse der Kategorisierung wohl am schärfsten analysiert.

Vor einem kategorialen Ausschluss steht die Macht der Definition. Die Adressaten des Ausschlusses werden dabei einseitig definiert, unabhängig wie sie ihr Leben führen, sie können nicht widersprechen, es genügt schon allein die Tatsache, dass sie zu dieser Kategorie zählen.

Diese Kategorisierung macht aus dem Menschen ein Ding, sie verdinglicht den einzelnen Menschen. Damit wird unser moralisches Empfinden ausgeschaltet, da wir gegenüber Dingen keine moralischen Empfindungen haben. Die einzelnen Menschen werden hinter den Kategorien unsichtbar gemacht. Gefährlich wird es dann, wenn meine persönliche Verantwortung durch bürokratisch - formale Verantwortung ersetzt wird. Viele Prozesse, die heute im new speak von smarten Managern auch im Sozialbereich installiert werden, müssten diesbezüglich analysiert werden. In meinem Handeln aus Disziplin bin ich mit meinen Gefühlen nicht mehr beim Du, sondern bei meiner Pflicht, in wessen Namen diese immer auch ausgeübt wird. Hinzu kommen oft Utopien von Reinheit, von Ganzheit oder von einer besseren Welt.

Gemeinschaften müssen heute ebenso wie Gesellschaften künstlich hergestellt werden. Der kategoriale Ausschluss ist eine Begleiterscheinung, eine Nebenfolge oder ein Abfallprodukt dieser Anstrengungen. Die gesellschaftliche Logik hinter dem kategorialen Ausschluss ist die der Schaffung von Ordnung. Durch die Eliminierung all dessen, was fehl am Platz ist oder sich nicht einpassen lässt, wird eine neue Ordnung geschaffen. Teilung, Separation und Exklusion sind die wichtigsten Instrumente des kategorialen Ausschlusses.

Dann begann eine andere Erzählung mit dem Titel: Man kann mit behinderten Menschen gemeinsam leben und lernen! Das war die Geschichte der Integrationsbewegung. Der Kern dieser Geschichte lautete: "Behindert" ist eine vorstellbare und annehmbare Identität des Menschen. Zunächst erzählten die Eltern von einer anderen Wirklichkeit, als sie in den Büchern stand oder in den Köpfen der Experten existierte. Die Eltern entrissen Behinderung der "natürlichen" Ordnung der Dinge und bestätigten durch ihre Erfahrungen Tag für Tag, dass Behinderung durch sie, also sozial beeinflusst werden kann.

Im direkten Kontakt mit behinderten Menschen konnte die Einzigartigkeit jedes einzelnen zum Vorschein gebracht werden. Die Hoffnung der Integrationsbewegung bestand darin, die Einzigartigkeit, die im direkten Kontakt im Kindergarten, in der Schule den kategorialen Ausschluss durchbrach, in die Gesellschaft herüberzuretten.

Gegen die Instrumente des kategorialen Ausschlusses setzte die Integrationsbewegung also die Anerkennung des konkreten Anderen im direkten Kontakt. Die Anerkennung der anderen hält uns am Leben. Weil andere uns respektieren und achten, schließen wir daraus, dass es eine "Bedeutung" hat, was wir tun, was wir denken, dass es also auf uns ankommt. Ich bin also anderen wichtig und ebenso wichtig ist es, was ich denke, sage und tue.

Emmanuel Levinas, den einige für den größten Moralphilosophen des letzten Jahrhunderts halten, begab sich auf die Suche von Merkmalen jenes Urzustandes, der am Anfang moralischen Verhaltens steht und in jeder moralischen Handlung zum Ausdruck kommt.

Die kompromisslose Einzigartigkeit des Anderen, sein Antlitz ist der moralische Geburtsort.

Die Zweierbeziehungen, in die uns die direkte Begegnung mit behinderten Menschen hineinlockt, sind der natürliche Lebensraum der "unbedingten Verantwortung". Diese kann kaum woanders entstehen oder Wurzel schlagen. Sich für jemanden verantwortlich fühlen heißt, fähig und bereit sein, zu "antworten".

Der Schlüssel zu einem so großen Problem wie der sozialen Gerechtigkeit liegt nach Levinas in einem (scheinbar) so kleinen Problem wie dem moralischen Urakt, Verantwortung für den Nächsten, für den Anderen in Reichweite zu übernehmen. Doch schon Hans Jonas beklagt, dass im Zeitalter der Globalisierung unser Handeln räumlich wie zeitlich nahezu unbeschränkte Auswirkungen hat, während unsere Moralvorstellungen seit Adam und Eva kaum an Reichweite gewonnen haben.

Die Sache ist nämlich ambivalent. Der Andere kann Respekt, aber auch Verachtung, Ehrfurcht oder Furcht hervorrufen. Die Übernahme der Verantwortung kann jederzeit in Manipulation oder gar Gewalt umschlagen. Die meisten Ressentiments haben wir gegenüber Fremden. Sie stellen lebendige und greifbare Verkörperungen der verhassten und gefürchteten Flüchtigkeit der Welt dar. Sie bieten sich geradezu als Sündenböcke an, in denen man das Schreckgespenst einer aus den Fugen geratenen Welt symbolisch vernichten kann.

Behinderte Menschen stehen zwar nicht mehr an erster Stelle der Kategorie "Fremde", heute sind es Flüchtlinge, Asylanten und mittellose Migranten. Aber alle erinnern uns daran, dass unsere Sicherheiten - unsere Gesundheit, unser luxuriöser Lebensstil, unser Komfort fragil und bedroht sind.

Die humane Qualität in der direkten Begegnung wird von zwei Säulen getragen, die miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite die Verantwortung für den anderen, auf der anderen Seite die Bewahrung und Förderung von Integrität der einzelnen Person. Ein zentrales Bindeglied zwischen diesen Säulen ist die Achtung. Die Wurzel der Achtung liegt nicht in einem abstrakten moralischen Gebot, wie es Kant formulierte, sondern in der Begegnung mit dem anderen von Angesicht zu Angesicht.

Aber auch in solchen Zweierbeziehungen kommt es zu Verschiebungen. Begriffe wie Verantwortung, früher mit ethischen Pflichten und der Fürsorge für den Anderen verbunden, sind heute im Bereich der Selbstverwirklichung und der Risikoabschätzung angesiedelt bzw. dort umgesiedelt worden. Verantwortung bedeutet heute vor allem Verantwortung für sich selbst: "Das bist du dir schuldig". Dadurch verliert der Andere seinen Status als Adressat ethischer Verantwortung und moralischer Sorge. "Hüte dich vor emotionalen Investitionen" empfehlen uns viele coole Ratgeber und sie erzählen uns von neuen Heldinnen und Helden, die sich aus allen Bindungen lösen und die unsere Fürsorge nicht nötig haben und die sich auch nicht um uns kümmern würden oder könnten. Die Freiheit der postmodernen Menschen besteht in Freiräumen, die frei von anderen sind. Diese Freiräume lassen sich nur durch die Evakuierung der anderen schaffen, besonders diejenigen, die fürsorglich sind oder der Fürsorge bedürfen. Die Verantwortung für andere wird ausgeblendet, die aus der Präsenz des Antlitzes des Anderen erwächst.

Zurzeit wird das Wort "Selbstbestimmung" als Zauberformel verwendet. Selbstbestimmung scheint die Losung der Wahl zu sein, wo kaum vorhersehbare Veränderungen zur Normalität werden und die Fragmentierung des eigenen Lebens immer spürbarer wird. Die Illusion der sozialen Unabhängigkeit wird umso deutlicher, je mehr Abhängigkeit als Bedrohung und als Ausgeliefertsein an anonyme Mächte empfunden wird. Selbstbestimmung kann und soll sehr wohl Wege aufzeigen, den einzelnen Menschen aus falschen oder schädlichen Abhängigkeiten zu befreien, sie darf jedoch das Bewusstsein dafür nicht auslöschen, dass Abhängigkeit ein menschliches Grundfaktum ist. Wir sollten mehr über Anerkennung als über Selbstbestimmung nachdenken.

Aber was passiert, sobald ein Dritter in die moralische Partei der Zwei eindringt? Kann der moralische Impuls, so souverän und autark er innerhalb der moralischen Partei der Zwei sein mag, jenseits davon eine Orientierung bieten? Bereitet die moralische Erziehung, die wir in der Beziehung zu einem unmittelbaren Gegenüber erfahren, uns auf die wirkliche Welt vor?

Die Einzigartigkeit des Anderen müssen wir ergänzen durch das Nachdenken über Gerechtigkeit. Der moralische Appell "Wir alle sind behindert" oder "Wir alle sind schon drinnen" ist eine Idealisierung. Exklusion ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die faktische Ausschließung aus der Mitte der Gesellschaft - keine Arbeit, kein Geld, kein Einfluss etc. - ist eine Realtiät für viele Menschen, nicht nur für behinderte Menschen.

Wir müssen deshalb Behinderung als Provokation sehen, die die tief liegende Gewaltspirale einer Kulturordnung aufdeckt. Das, was ausgrenzt, verletzt und unterdrückt, muss analysiert und die als natürlich empfundene Ordnung als gewordenes Machtverhältnis demaskiert werden, so die immer lauter werdenden Forderung von behinderten Menschen. Behinderung ist keine Privatangelegenheit, sondern eine eminent soziale, genauer eine eminent politische Erfahrung. "Nichts über uns ohne uns!" Wie Unterscheidungen vorgenommen werden, wie Grenzen festgelegt und dadurch Differenzen hergestellt werden, nicht nur am Rand der Gesellschaft sondern mitten drin, das ist die zentrale Frage.

Eine der entscheidenden Fragen, wenn ein Mensch in eine Krise gerät, ist: Zieht er sich zurück, hadert er mit "seinem" Schicksal, empfindet er es als persönliches Versagen, oder beschließt er, den öffentlichen, den politischen Raum zu betreten, Freunde zu finden, seine Rechte einzufordern, den Anteil der gesellschaftlichen Verantwortung einklagend.

Die Brücken zwischen privatem und öffentlichem Leben sind zwar eingestürzt oder sind erst gar nicht gebaut worden. Es gibt keinen leichten und klar ersichtlichen Weg, um private Sorgen in öffentliche Probleme zu übersetzen. Die privaten Nöte und Ängste wandeln sich nicht schon deshalb auch zu öffentlichen Anliegen, weil sie öffentlich zur Schau gestellt werden, was zur Zeit ungebrochen die Quoten hochhält, doch das öffentliche Interesse zerplatzt wie ein Luftballon, sobald die Sensation aus dem Bilde ist.

Aber erst mit der erfolgreichen Übersetzung privater Sorgen in öffentliche Probleme wird der Tatsache Rechnung getragen, dass individuelle Freiheit nur das Ergebnis kollektiver Anstrengung sein kann. Deshalb müssen behinderte Menschen und deren Vertreter wieder vermehrt Formen der Kooperation zurückgewinnen. Sie dürfen nicht in ihrer persönlichen Betroffenheit verharren, sondern müssen immer wieder den öffentlichen Raum, den politischen Diskurs einfordern, um ihrer Anliegen auch durchzusetzen. Dabei dürfen sie sich nicht in ihrer gemeinsamen Solidarität auseinanderdividieren lassen.

Was macht eigentlich das Spezifische der Politik aus? Die "normale" Ordnung der Dinge ist, dass es Politik nicht gibt. Menschliche Gemeinschaften versammeln sich unter der Führung derer, die Führungstitel benutzen, wobei sich vorwiegend zwei Titel unterscheiden lassen: die kraft Geburt und jene kraft der Macht des Reichtums, also diejenigen, die das vitale Prinzip der Handlungen durchsetzen können.

Politik ist entgegen der "normalen" Ordnung der Dinge der Streit um die Konfiguration der sinnlichen Welt, in der die Akteure und Objekte dieser Konflikte auftauchen können. Politik ist folglich die Praxis der Ausnahme, die sichtbar macht, was man nicht sieht, hörbar, was man nicht hört, und zählbar, was nicht gezählt wird. Wen auch immer man von der Politik ausschließen wollte, man hat stets damit begonnen, diese Subjekte einem "häuslichen" Raum zuzuordnen, der vom öffentlichen Leben getrennt war. Die politische Demonstration macht im Dissens sichtbar, was zu sehen es keinen Grund gab. Das Eigentümliche des politischen Diskurses ist es, dass die Partner ebenso wenig konstituiert sind wie das Objekt und selbst die Bühne der Diskussion.

Wenn man Politik durch Problemmanagement und Konsens ersetzen will, sieht man den Konflikt in radikalerer Form wieder aufbrechen. Wo die Formen der politischen Behandlung von Streitigkeiten verschwinden, tauchen an ihrer Stelle Figuren der unversöhnlichen Identität auf. Wenn man diese Konflikte nicht öffentlich austrägt, so verschwinden sie nicht, sondern es besteht die Gefahr, dass sie in radikalerer Form wieder aufbrechen, als Unmöglichkeit des Zusammenlebens, ja als purer Hass dem Anderen gegenüber. Und am Ende diese Prozesses steht eine neue Figur, die radikale Gestalt des Alles oder Nichts

Die Gefahr der politischen Subjekte ist, sich wieder zu vermischen mit den organischen Teilen des sozialen Korpus oder mit diesem Körper selbst. Heute verbindet sich immer mehr Politik und Leben, der Begriff Biopolitik scheint für eine signifikante Veränderung des Politischen zu stehen. Das Leben ist nicht mehr naturgegeben, das wissen wir spätestens seit den biotechnologischen Innovationen, die fast sämtliche Lebensprozesse gestaltbar machen. Die Politik zielt auf die Verwaltung und Regulation von Lebensprozessen, sie ist also ein riskanter Großversuch mit dem Leben.

Macht wird, wie Foucault ausführlich gezeigt hat, heute nicht sosehr direkt ausgeübt, sondern es werden durch Verhältnisse und Regeln unser Denken und unsere Identität so beeinflusst, in deren Folge wir uns selbst regieren. Mittels indirekter Interventionen werden Individuen geführt und/oder motiviert, um ehemals gesellschaftliche Risiken wie Krankheit, Armut, Arbeitslosigkeit in die Zuständigkeit von Subjekten und in das Problem der verantwortlichen Selbstsorge zu übertragen.

Der französische Philosoph Michel Foucault analysiert jenen historischen Prozess, im dem "Leben" als Einsatz politischer Strategien auftaucht. In seiner Analyse der Biopolitik wird "das" Leben von den konkreten einzelnen Menschen abgelöst. Die biologischen Eigenschaften werden auf der Ebene der Bevölkerung erhoben. Erst durch diese Abstraktionsleistung lassen sich Normen definieren, Standards festlegen und Durchschnittswerte ermitteln. Der moderne Staat übernimmt die Steuerung und Lenkung der biologischen Gesamtheit, überwacht ihre "Reinheit" und verteidigt die Gesellschaft gegen ihre biologischen Gefährdungen. Biopolitik wird als Machtinstrument des Staates entlarvt.

Die Schriften von Giorgio Agamben und die Arbeiten von Michael Hardt und Antonio Negri sind zweifellos die prominentesten Beiträge zur Aktualisierung des foucaultschen Begriffs der Biopolitik. Beide Theorien weisen Prozessen der Grenzziehung bzw. der Entgrenzung eine strategische Rolle zu. Nach Agamben bestimmt die prinzipielle Trennung zwischen »nacktem Leben« - dem auf seine biologischen Funktionen reduzierten Dasein - und der rechtlichen Existenz die politische Geschichte des Abendlandes seit der Antike.

Die Biopolitik bildet nach Agamben den Kern souveräner Machtausübung. Die Konstitution souveräner Macht setzt die Produktion eines biopolitischen Körpers voraus, wobei der Einschluss in die politische Gemeinschaft nur möglich ist durch den gleichzeitigen Ausschluss von Menschen, denen der Rechtsstatus verweigert wird. Am Anfang des Politischen steht die Markierung einer Grenzlinie, aber nicht die Grenze zwischen Freund und Feind, sondern die Trennung zwischen dem nackten Leben (zoe) und der politischen Existenz (bios), also die Grenze zwischen dem natürlichen Sein und dem rechtlichen Sein eines Menschen. Als nacktes Leben bezeichnet Agamben das Leben von Staatenlosen, Flüchtlingen und Hirntoten. Sie sind, obgleich es sich um menschliches Leben handelt, vom Schutz des Gesetzes ausgeschlossen und bleiben auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das "Lager" - einst Inbegriff und Ausdruck der Differenz von Freund und Feind - wird bei Agamben zur "Materialisierung des Ausnahmezustandes", wo sich Recht und Faktum, Regel und Ausnahme ununterscheidbar vermischen. Diesen Ausnahmezustand spüren wir überall dort, wo bürgerliches Leben auf nacktes Leben reduziert wird. Die Moderne unterscheidet sich von den vorangegangenen Epochen dadurch, dass sie das "nackte Leben", das vormals an den Rändern der politischen Existenz angesiedelt war, nun zunehmend in den politischen Raum hinein schiebt. Und die Grenze, die einmal zwischen Individuen oder sozialen Gruppen verlief, wird nun in die individuellen Körper hinein genommen und "verinnerlicht".

Bei aller Kritik an Agamben zeigt er dennoch in seiner politischen Theorie Themen auf, die in der Regel außerhalb des legitimen Bereichs des Politischen angesiedelt sind: Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Körper und Medizin. Nach ihm bilden diese Themen das Zentrum des Politischen und die Sphäre des Politischen bildet sich gerade über den Ausschluss des scheinbar unpolitischen "nackten Lebens". Mit der einfachen Ausdehnung der Rechte auf die bisher Recht- und Schutzlosen ist es nach Agamben nicht getan. Notwendig sind "Mittel und Wege einer neuen Politik", die die Differenz von Mensch und (Staats)Bürger insgesamt aufhebt und ein Rechtskonzept überwindet, das die Trennung zwischen politischer Existenz und natürlichem Dasein voraussetzt und festschreibt.

Hardt und Negri analysieren eine neue Etappe kapitalistischer Vergesellschaftung, die sie durch die Auflösung der Grenzen zwischen Ökonomie und Politik, Reproduktion und Produktion gekennzeichnet sehen. In ihrem Buch "Empire" analysieren sie nicht nur die Entstehung einer neuen Weltordnung, sondern auch die Tiefenstruktur kapitalistischer Vergesellschaftung. Diese erfasse heute nicht nur alle gesellschaftliche Verhältnisse, sondern durchdringe auch das Bewusstsein und die Körper der Individuen.

Anna Mitgutsch hat zuletzt im Standard (7./8. Oktober 2007. S. 38) unter dem Titel "Gnadenloses Wohlbefinden" darüber geschrieben, wie unsere Gesellschaft Abweichungen von der Norm für krank erklärt. Die Emotionen werden im öffentlichen Raum zur Schau gestellt, gleichzeitig erfolgt eine emotionale Verarmung des Privaten. Die Psychologisierung verkehrt soziale Ungerechtigkeit ins Private. "Damit ist jeder, der zu den Verlierern zählt, jeder, der von den Normen abweicht, nicht nur krank, sondern auch selber schuld daran und verdient daher weder Mitgefühl noch Hilfe, es sei denn in Form von Psychotherapie

Auch Nikolas Rose beschäftigt sich mit Biopolitik. Nach ihm wird die Krankheitsvermeidung unter den Stichworten Eigenverantwortung und Selbstbestimmung in die Eigenregie der Individuen verlagert. Das persönliche Streben nach Gesundheit und Wohlbefinden verbinde sich dabei mit den Interessen politischer, wissenschaftlicher, medizinischer und ökonomischer Akteure.

Wir sehen auch hier eine Verschiebung. Die traditionelle Sorge des Staates um den individuellen Körper und die Bevölkerungsgesundheit wird heute zunehmend von Formen der Selbstsorge abgelöst. Dies bedeutet aber nicht eine Zunahme individueller Autonomie, sondern eher eine neue Form der Kontrolle. Jenes Handeln in Bezug auf den eigenen Körper wird als vernünftig und verantwortlich angesehen, das in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Erwartungen und Normen steht. Das gesamte Leben schrumpft auf den Pol der Ökonomie.

Der beste praktische Schutz vor den Risiken der Biopolitik liegt in starken politischen Institutionen, deren Ausgangspunkt die unveräußerlichen Rechte des Einzelnen sind.

Da die Biopolitik in besonderem Maß unseren Selbstbegriff als Menschen berührt, haben wir entschieden auf die Bindung an die Grund- und Menschenrechte zu bestehen.

In modernen Gesellschaften müssen wir den Zusammenhalt selber organisieren. In diesen Gesellschaften sind die Prozesse der wechselseitigen Anerkennung konstitutiv für die Entstehung und Aufrechterhaltung von sozialem Sinn. In einer solchen zivilen Gesellschaft existiert Gleichheit in der wechselseitigen Anerkennung und nicht als Gleichheit vor einem Gesetz. Dabei muss das "Feld der Macht" - um mit Bourdieu zu sprechen - auf allen Ebenen - auf der individuellen, auf der institutionellen und auf der gesellschaftlichen Ebene reflektiert und kommuniziert werden.

Veränderungen und Fortschritte werden heute durch Erzählungen vermittelt. Unsere Gesellschaft benötigt eine neue große Erzählung, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, an sozialen - nicht nur an individuellen - Hoffnungen festzuhalten. Die Zeitschrift "Behinderte Menschen" versucht seit 30 Jahren Gemeinsamkeiten von behinderten und nicht behinderten Menschen aufzuzeigen. Dabei geht es immer wieder, die Gewaltförmigkeit der traditionellen Geschichten von Behinderung und der Bilder über Behinderung darzustellen, zu erkennen und ihre Grenze zu verschieben, sie zu erweitern und zu durchlöchern. Dafür gibt es genügend konkrete Bilder und Geschichten, die im gemeinsamen Zusammenleben entstehen. Es sind oft nur kleine Geschichten, aber alle handeln von ziviler Kreativität. Und alle haben bisherige kulturelle Gepflogenheiten in Frage gestellt und mehr Raum geschaffen für Respekt und gegenseitige Achtung. Im Lauf der letzten 30 Jahre hat die Zeitschrift "Behinderte Menschen" viele Unmöglichkeiten aufgezeigt, die heute Realität sind.

Behinderte Menschen zwingen uns, über die Wege zu einem gemeinsamen und solidarischen Leben nachzudenken. Diese Wege sind nicht im Abseits zu suchen, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Ich verspreche Ihnen, wir von der Zeitschrift "Behinderte Menschen" werden nicht müde, für diese gemeinsamen Wege öffentlich einzutreten.

Der Autor

Dir. Dr. Josef Fragner

Päd. Akademie des Bundes

A-4020 Linz, Kaplanhofstraße 40

Tel. 0043 (70) 74 70-0

Fax 0043 (732) 77 11 70

josef.fragner@behindertemenschen.at

Quelle:

Josef Fragner: Von der Privatheit einer Behinderung zum öffentlichen Diskurs. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 6/2007, Thema: Neue Formen der Solidarität, S.18-26.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.10.2012

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