The Art of Inclusion

Ein Blatt Aquarellpapier wird zum Ort der Begegnung

AutorIn: Gee Vero
Themenbereiche: Kultur, Lebensraum
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 4-5/2013, Thema: Autismus-Spektrum S. 51-61. Behinderte Menschen (4-5/2013)
Copyright: © Gee Vero 2013

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

    Abstract:

    Tiefe und berührende Einblicke in ihre Welt mit Asperger-Syndrom schenkt den Leserinnen und Lesern die deutsche Künstlerin Gee Vero in ihrem Beitrag. Mit ihrer Kunst, ihren Gedichten und Seminaren sieht sie sich als eine Art Übersetzerin zwischen neurotypischen und autistischen Menschen. „Das Malen hilft mir, mich selbst zu verstehen und Dinge zu verarbeiten und Ordnung zu schaffen. Es ist existenziell für mich. Ohne einen Stift und ein Stück Papier geht es mir nicht gut. Da, wo meine Möglichkeiten aufhören, mich verbal mitzuteilen, da fangen meine Bilder an.“ Und weiter: „Ich male immer unterbewusst. Es gibt keinen Plan, keine Skizzen und keine Vorschau. Ich weiß nie, was am Ende auf dem Blatt zu sehen sein wird, welches anfangs noch weiß und unschuldig vor mir liegt. Ich weiß nur, dass ich malen muss.“Mein Name ist Gee Vero. Ich wurde 1971 in einem kleinen Ort in der Nähe von Leipzig geboren. Im Wendejahr 1990 habe ich Abitur gemacht und bin 1991, 20-jährig, nach London gegangen, wo ich die nächsten zehn Jahre verbrachte. Im Jahre 2004 begegnete mir der Autismus direkt in Form meines kleinen Sohnes Elijah, der später mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert wurde. Ich selbst lebe seit über 40 Jahren mit einer anderen Wahrnehmung. Dass man das Asperger-Syndrom nennt, das weiß ich allerdings erst seit meiner eigenen Diagnose vor vier Jahren. Damals hat sich innerhalb von sechs Stunden meine Einstellung zu mir selbst fast komplett verändert. In einem Zug endete die Welt und begann neu. Nichts war mehr so, wie ich dachte oder gedacht hatte. Oben war plötzlich unten und aus links wurde rechts, aber das konnte ich sowieso noch nie auseinanderhalten. Ich wusste nicht, ob ich heulen oder lachen sollte und tat beides gleichzeitig. Autismus. Jetzt gehörte dieses Wort plötzlich mir und es war kein Wort mehr, sondern meine Art zu sein. In dem Versuch, mich neu zu ordnen, durchlief ich verschiedene Stadien... Unglaube, Ablehnung, Wut, Angst und Selbstmitleid, aber auch Stolz auf Erreichtes, Freude über die Klarheit und Dankbarkeit für die Chance, noch einmal neu starten zu können. All das und viel mehr war da, nicht in dieser Reihenfolge, manchmal nacheinander, oftmals aber auch gleichzeitig. Ich befand mich auf einer Achterbahnfahrt, wollte immer wieder einfach aussteigen, aber wusste, dass ich bis zum Ende mitfahren musste. Geholfen hat mir in dieser Zeit besonders mein Malen. Alles, was ich brauchte und immer noch brauche, um zur Ruhe zu kommen, waren und sind ein Edding 3000 und ein Blatt Aquarellpapier – am besten im Format 25 mal 25 cm. Alle meine Bilder sind Selbstportraits. Alle erzählen meine Geschichte, sind ein Stück meiner Seele. Sie sind ehrlich und offen, ohne Maskerade, pures Selbst, weshalb ich mir vor ein paar Jahren den Künstlernamen Bareface (engl. unverhüllt) gegeben habe.

    The Art of Inclusion

    Abbildung 1. „In meinem Himmel Phase IV“, 2011, Acryl/Edding auf Papier

    Bild von Gee Vero gemalt

    Abbildung 2. „Bareface“, 1990, Edding 3000 auf Papier

    Bild von Gee Vero gemalt

    Abbildung 3. „An Elefant never forgets“, 2009, Edding 3000 auf Leinwand

    Bild von Gee Vero gemalt

    Das erste Bareface-Portrait entstand im Februar 1990, also kurz nach dem Mauerfall, im Atelier des niederbayerischen Künstlers Peter Weidl, der mir auch meinen ersten Edding 3000 in die Hand drückte. Es ist eines der wenigen Bilder aus dieser Zeit und der nachfolgenden Londoner Jahre, das überlebt hat. Ich habe nur für mich gemalt. War ich mit einem Bild fertig, dann brauchte ich es nicht mehr. Meine Bilder waren und sind an kein Publikum gerichtet, sondern sind Ausdruck von allem, was ich bin und was ich sein kann. Ich habe die meisten meiner Bilder einfach zerrissen und als Papiermüll entsorgt. Das sollte sich erst im Jahr 2010 wirklich ändern. Mittlerweile hänge ich mir besonders gelungene Werke auch an die eigenen Wände.

    Im Jahr 2010 beteiligte ich mich mit mehreren Bildern an einer Werkschau von Künstlerinnen und Künstlern mit Autismus, die vom 29. Mai bis 20. Juni in der documenta-Halle in Kassel stattfand. Es war das erste Mal, dass meine Kreativität, die aus meiner anderen Wahrnehmung der Welt resultiert, ernst genommen wurde. Es war ein Schlüsselerlebnis. Ein Bild, welches man in Kassel allerdings nicht hängen mochte, weil es so gar nicht in meine serielle Produktion von Bareface-Gesichtern passte, war der Elefant, den ich selbst von Anfang an als sehr gelungen empfand.

    Abbildung 4. Bild von Gee Vero gemalt. Gesicht

    Bild von Gee Vero gemalt. Gesicht

    Der Elefant bildete aber wirklich eine absolute Ausnahme. Auch ich bin ein Serientäter und bevorzugte immer wieder das gleiche Motiv, zu dieser Zeit hauptsächlich das Bareface-Gesicht. Immer mit dem linken Auge beginnend und anfangs mit der strikten Regel, dass sich alle Linien irgendwann zumindest einmal berühren müssen – etwas, was ich erst vor einiger Zeit aufgeben konnte und mich enorm befreit hat. Oft waren es nur die halben Gesichter, welche eine ganze Weile mein Hauptmotiv blieben. Auch bei den Arbeitsmaterialien blieb ich lange Zeit relativ unflexibel. Edding 3000 auf 25 mal 25 cm Aquarellpapier. Malte ich auf Leinwand, so war das eine riesige Umstellung, die einen enormen Kraftakt für mich bedeutete. So etwas ging nur an guten Tagen. Ich empfand eine Genugtuung ohnegleichen in meinem repetiven Malverhalten. Es konnte mich komplett beruhigen und erlaubte mir, weiter in einer Welt zu funktionieren, die sich mir immer als komplettes Chaos präsentiert. In dieser Zeit entstanden wahrlich Hunderte von Bildern. Dieses serielle Arbeiten beeinflusste mich stark in der Konzeption meines Kunstprojektes „The Art of Inclusion (AoI) – Die Kunst der Inklusion“, welches mir seit April 2010 im Kopf herumgeisterte. Am Ende habe ich mit AoI meinem halben Bareface-Gesicht ein würdiges Denkmal gesetzt und mir auf unterschiedliche Art und Weisen gleich mehrere Gefallen getan. Zu allererst einmal konnte ich für das Projekt nach Herzenslust halbe Gesichter malen, ohne auch nur einen Anflug von einem schlechten Gewissen haben zu müssen. Es war trotz alledem sozial adäquates Verhalten und diente einem guten Zweck.

    Abbildung 5. Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Abbildung 6. Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Abbildung 7. Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Bild gemalt von Gee Vero "Bareface"

    Aber beginnen wir am Anfang. Am 2.April 2010 fand der 2. Weltautismus-Tag statt – und keiner hat‘s gemerkt. Genau das wollte ich ändern. Mein Projekt sollte Inklusion zeigen, es sollte auf autistische Menschen und ihre Belange aufmerksam machen und es sollte Vermittler sein zwischen zwei Wahrnehmungen. Dafür musste es die Aufmerksamkeit der Gesellschaft erringen, etwas was in der heutigen Zeit kein einfaches Unterfangen ist. Ich allein konnte das nicht schaffen. Dafür brauchte ich definitiv Unterstützung. Aber woher nehmen?

    Meine Idee: mein halbes Bareface-Gesicht an eine prominente Persönlichkeit zu schicken und diese zu bitten, meine Zeichnung auf ihre ganz persönliche Art und Weise zu ergänzen. Zwei Bilder werden ein Gemeinsames. Alles ist erlaubt. Es darf gemalt, gezeichnet oder auch geschrieben werden. Falls die Muse fehlt, dann würde auch eine Unterschrift dem Projekt die Unterstützung geben, die es so dringend braucht.

    The Art of Inclusion wurde und ist auch weiterhin eine Einladung meinerseits an Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wirtschaft, der Inklusion einen Schritt entgegen zu gehen. Ein Blatt Aquarellpapier wird zum Ort der Begegnung und zeigt, wovon die Gesellschaft noch weit entfernt ist: Toleranz, Akzeptanz und Inklusion autistischer Menschen ist keine Illusion. In der Kunst ist oft möglich, wovon wir in Wirklichkeit noch sehr weit entfernt sind. The Art of Inclusion sollte auch eine Art Hoffnungsträger werden. Die Bilder sollen zeigen, dass Toleranz, Akzeptanz und Inklusion autistischer Menschen zu einer gelebten gesellschaftlichen Realität werden können. Nelson Mandela hat einmal gesagt: „Es scheint unmöglich, bis man es tut.“ Dieser Spruch wurde mein Mantra und motiviert mich bis heute.

    Abbildung 8. Cover von "The Art of Inclusion - Die Kunst der Inklusion. Das etwas andere Kunstprojekt mit..."

    Cover von "The Art of Inclusion -
                  Die Kunst der Inklusion. Das etwas andere Kunstprojekt mit..."

    Nach einiger Überlegung entschied ich mich für Udo Lindenberg – als die prominente Persönlichkeit, mit der ich mein Projekt verwirklichen wollte. Ich kannte dessen Adresse in Hamburg und hielt ihn durchaus für verrückt genug, sich spontan an meinem Projekt zu beteiligen. Ich sollte Recht behalten. Drei Tage nach Versenden meines Briefes erhielt ich Post aus Hamburg und machte einen Luftsprung, denn der Panikrocker hatte doch tatsächlich gemalt. Dieser schnelle Erfolg und der Fakt, dass ich mit nur einem Bild nicht wirklich Inklusion zeigen konnte, spornten mich nun an. Fast täglich verließen jetzt große weiße Umschläge das Haus und genauso regelmäßig lagen Antwortbriefe in meinem Briefkasten.

    Abbildung 9. Udo Lindenberg für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und Udo
                  Lindenberg

    Abbildung 10. Otmar Alt für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Otmar Alt

    Abbildung 11. Professor Simon Baron-Cohen für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                     Simon Baron-Cohen

    Manchmal kam ich mit dem Malen der halben Gesichter gar nicht hinterher. Nach einiger Zeit begann sich sogar die Briefträgerin zu wundern, von wem ich da alles Post bekam und vor allem, warum.

    Meine Art of Inclusion-Künstler-Liste konnte sich immer mehr sehen lassen: Angela Merkel, Sir Ben Kingsley, Manfred Krug, Roger Willemsen, Christa Wolf, Hartmut Engler, Pfarrer Christian Führer, Lorna Wing, Ursula von der Leyen, Uta Frith...

    Ich hatte mir den 2.4.2011 als Ziel gesetzt und plante eine große AoI-Ausstellung im Leipziger Tapetenwerk, welches mich bei diesem Projekt großzügig unterstützte. Pünktlich zur Ausstellungseröffnung am Weltautismus-Tag hingen 40 AoI-Bilder an der Wand und über 100 Menschen kamen allein an diesem Tag, um die Arbeiten zu bestaunen. Das vorerst letzte Bild von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung erreichte mich am Vorabend der Vernissage und brachte zunächst einmal die gesamte Hängung durcheinander. Nach kurzer Panik fand sich auch hierfür – ganz nach Mandela – eine gute Lösung.

    Die Ausstellung im Tapetenwerk war ein solcher Erfolg, dass ich mich entschloss, das Projekt länger als ursprünglich geplant aufrecht zu erhalten, um auf diese Weise weiter für mehr Bewusstsein für Autismus in der Gesellschaft zu kämpfen. Während ich weiter Prominente anschrieb, suchte ich auch ständig nach neuen Möglichkeiten, um die AoI-Bilder einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Als nächstes erhielt ich eine Einladung von Autismus Deutschland e.V., The Art of Inclusion auf deren Bundeskongress im Oktober 2012 in Hamburg zu zeigen. Unterstützt wurde AoI dabei von akku e.V. (Autismus Kunst und Kultur). Das Thema des Kongresses war passenderweise „Menschen auf dem Weg zur Inklusion“.

    Abbildung 12. Burkhard Jung für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Burkhard Jung

    Abbildung 13. Prof. Matthias Dose für AoI 2011

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Matthias Dose

    Abbildung 14. Dr. Christine Preißmann für AoI 2012

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Christine Preißmann

    Abbildung 15. Donna Williams für AoI 2012

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Donna Williams

    Abbildung 16. Silvio Neuendorf für AoI 2013

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Silvio Neuendorf

    Abbildung 17. Ulrike Hirsch für AoI 2012

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Ulrike Hirsch

    Abbildung 18. Anke Hartmann für AoI 2011

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Anke Hartmann

    Abbildung 19. Dr. Anne Häußler für AoI 2011

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Anne Häußer

    Abbildung 20. Achim Reichel für AoI 2012

    Bareface gemalt von Gee Vero und Achim Reichel

    In Hamburg änderte ich zum ersten Mal meine Vorgehensweise und sprach potenzielle AoI- Künstler persönlich an. Das war eine enorme Herausforderung, aber es hat sich gelohnt. Unter anderem gelang es mir, Professor Matthias Dose, in dessen Taufkirchener Klinik ich diagnostiziert wurde, für AoI zu verpflichten.

    Abbildung 21. „Bilder-Freundschaft“ mit Cäpt’n-Sharky-Zeichner Silvio Neuendorf

    Bilder von Gee Vero und Silvio Neuendorf

    Mit Dr. Christine Preißmann nahm zum ersten Mal auch ein autistischer Mensch an The Art of Inclusion teil. Zwei Autisten auf einem Blatt Aquarellpapier hatte es vorher noch nicht gegeben. Es sollte nicht das einzige rein autistische Bild bleiben.

    Später kamen Donna Williams und Temple Grandin hinzu, letztere konnte ich in London persönlich zu einer Unterschriften-Version motivieren.

    Dr. Anne Häußler war von meinem Projekt so begeistert, dass sie nicht nur malen wollte, sondern mich samt meiner Ausstellung gleich auf ihren Teacch-Kongress 2012 nach Mainz einlud.

    Zum Weltautismus-Tag im April 2012 stellte ich die Bilder aber zunächst unter der Schirmherrschaft von OB Burkhard Jung in dessen Amtssitz, dem Neuen Rathaus Leipzig, aus.

    Danach waren sie dann auf Anne Häußlers Teacch-Forum zu sehen, natürlich nicht ohne das Bild der Veranstalterin selbst.

    Anfang September 2012 gab es dann wieder ein Stelldichein von The Art of Inclusion im Tapetenwerk Leipzig. Nunmehr zierten über 80 Bilder die Wände von Halle C. Cornelia Funke hing neben dem FC Dynamo Dresden und Jogi Löw musste sich wohl oder übel mit dem ehemaligen England-Torwart David James vertragen. Zur Vernissage kamen auch zwei AoI- Künstler, nämlich Illustratorin Anke Hartmann und Künstlerin Ulrike Hirsch, die beide wunderschöne Beiträge zum Projekt lieferten. Ulrike Hirsch hat ihren Schaffensprozess sogar filmisch festgehalten. Diesen sehenswerten kleinen Film findet man auf meiner Webseite www.bareface.jimdo.com. Außerdem gibt es hier auch alle AoI-Bilder zu sehen und weitere interessante Informationen zu AoI, zu mir und meiner Kunst. Aber auch diesmal nützte mir die beste Planung nichts, denn drei Stunden vor der Vernissage kam ein tolles Bild von Cäpt’n-Sharky-Zeichner Silvio Neuendorf an, das natürlich noch mit an die Wand musste und sogleich auch einen Ehrenplatz bekam. Mit Illustrator Silvio Neuendorf entwickelte sich aus dieser losen AoI-Bekanntschaft eine sogenannte „Bilder-Freundschaft“. Als erster AoI-Künstler bot er mir an, eines seiner Bilder zu vervollstündigen: Art of Inclusion went full circle. Also saß ich vor so einem halben Bild und konnte plötzlich nachempfinden, wie es meinen AoI-Künstlern ergeht, wenn ich ihnen mein halbes Gesicht zuschicke. Keine einfache Sache.

    Bei diesem einen Bild ist es nicht geblieben. Im Moment male ich gerade an unserem 5. gemeinsamen Werk. Es ist eine interessante Beziehung, wenn man sich mit einem anderen Menschen nur über das Malen und Zeichnen austauscht. Alle Bareface/Neuendorf Bilder kann man auf der Webseite von Silvio Neuendorf (www.silvio-neuendorf.de) finden. Wer weiß, ob es nicht irgendwann einmal auch eine ganz persönliche Art of Inclusion Ausstellung geben wird?

    Unterdessen wuchs die AoI-Künstlerzahl stetig weiter an. Ich war mittlerweile auf Anfragen per Email umgestiegen, um Kosten zu sparen und nutzte soziale Netzwerke wie facebook zur ersten Kontaktaufnahme mit potenziellen Künstlern. So kamen zum Beispiel Sänger Achim Reichel und die EU-Parlamentsabgeordnete Constanze Krehl hinzu, die einen Teil der Bilder demnächst in ihren Büroräumen in Leipzig ausstellen möchte.

    Abbildung 22. Angela Merkel für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Angela Merkel

    Abbildung 23. Matthias Steiner für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Matthias Steiner

    Abbildung 24. Stanislaw Tillich für AoI 2011

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Stanislaw Tillich

    Abbildung 25. Roger Willemsen für AoI 2010

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Roger Willemsen

    Abbildung 26. Volker Elsen für AoI 2012

    Bareface gemalt von Gee Vero und
                  Volker Elsen

    Die Wintermonate hat The Art of Inclusion in Halle an der Saale verbracht – und zwar an der dortigen Martin-Luther-Universität. Zur Vernissage sprach Professor Georg Theunissen, der die AoI-Bilder als Werke bezeichnete, die sowohl zum Nachdenken anregen als auch unterhalten. Auch er bereicherte die AoI- Sammlung um ein weiteres gelungenes Bild.

    Als ich im März zu einem Vortrag ans Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin nach Göttingen eingeladen wurde, nahm ich kurzerhand die schwarz-weißen AoI-Bilder mit und stellte sie dort als Black&White Edition aus. Es wird immer mehr zu einer Herausforderung, Ausstellungsorte für alle AoI- Bilder zu finden. Aber ich werde immer mutiger. Für 2013 ist es mir gelungen, und so wurde am 11. September 2013 eine komplette AoI-Ausstellung in der Sächsischen Landesdirektion in Dresden eröffnet.

    Natürlich war nicht jeder Versuch auch ein Erfolg. Von den ausgesandten Bildern kam ungefähr ein Drittel vervollständigt wieder bei mir an. Es wurden auch Bilder leer zurück geschickt, manchmal mit, aber meistens ohne Kommentar.

    Bei Richard von Weizsäcker brauchte es zwei Anläufe, ehe es klappte, da ihm das erste Bild verloren gegangen war. Angela Merkel dagegen schaffte ihre Unterschriften-Version im Erstdurchlauf und gestand mir offen, dass ihr die Muse gefehlt habe. Sie signierte für AoI aber dennoch wesentlich schöner als später im Goldenen Buch der Stadt Leipzig.

    Michael Schumachers Unterschrift entstand wahrscheinlich während eines Boxenstopps und sieht auch noch fast so aus wie ein Rennauto.

    Auch Gewichtheber Matthias Steiner hat für AoI die Hanteln beiseitegelegt und zum Stift gegriffen.

    Roger Willemsen meinte, dass er nicht malen kann, was sein Bild aber deutlich widerlegt.

    So hat jedes der AoI-Bilder seine Geschichte und jedes hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich habe keinen Favoriten, aber wenn ich einen hätte, dann wäre es das Bild von Volker Elsen, dem Vorsitzenden von akku e.V. Mit nur einem Heftpflaster, zwei Pfeilen und einer ganz wichtigen Aufforderung, zum besseren Verständnis in zwei Sprachen, spricht dieses Bild Bände und mir aus dem Herzen. Mein Projekt The Art of Inclusion ist nur ein Teil meines künstlerischen Schaffens. Seit der Gemeinschaftsausstellung in Kassel hat sich viel getan bei Bareface. Ich male nicht nur mehr mit einem Edding 3000, sondern auch mit Acryl- und Aquarellfarben. Ich benutze Feder und Tinte, aber auch immer wieder den geliebten Edding. Ich habe meinen Weg zu Farben gefunden und seit einiger Zeit sind Erzählbilder meine Art, mich nonverbal mitzuteilen. So erzählt das Bild „my life on A3“ meine Lebensgeschichte, die ich so nicht in Worte fassen kann. Noch nicht.

    Abbildung 27. „My life on A3“, Edding und Filzstift auf Papier 2010

    Bild von Gee Vero

    Auch bei meinen Erzählbildern gibt es viele wiederkehrende Elemente, deren Bedeutung sich mir selbst zum Teil noch nicht erschlossen hat. Ich kann nicht jedes meiner Bilder erklären und tue es aus diesem Grund auch nur ganz selten und ungern.

    Das Malen hilft mir, mich selbst zu verstehen und Dinge zu verarbeiten und Ordnung zu schaffen. Es ist existenziell für mich. Ohne einen Stift und ein Stück Papier geht es mir nicht gut. Da, wo meine Möglichkeiten aufhören, mich verbal mitzuteilen, da fangen meine Bilder an.

    Abbildung 28. „Tree of my life I, II, III“ Edding, Filzstift und Tinte auf Aquarellpapier, 2011

    Bilder "Tree of my life I&II" von Gee Vero

    Abbildung 29. „Tree of my life I, II, III“ Edding, Filzstift und Tinte auf Aquarellpapier, 2011

    Bild "Tree of my life III" von Gee Vero

    Abbildung 30. „On my way“, Kohle und Bleistift auf Papier 2010

    Bild "on my way" von Gee Vero

    Ich male immer unterbewusst. Es gibt keinen Plan, keine Skizzen und keine Vorschau. Ich weiß nie, was am Ende auf dem Blatt zu sehen sein wird, welches anfangs noch weiß und unschuldig vor mir liegt. Ich weiß nur, dass ich malen muss.

    Abbildung 31. „What if I told you who I really was“, Acrylfarben und Edding auf Polystyrol, 2012

    verschiedenePerspektiven auf großteils bemalten Menschenkopffigur

    Seit einiger Zeit beschäftige ich mich auch mit Skulpturen. Natürlich spielen auch hier Köpfe eine vorherrschende Rolle. So entstand im Sommer 2012 diese Arbeit, die mich auf ganze neue Pfade lenkte. Demnächst möchte ich mich mit dem Werkstoff Holz beschäftigen und größere Projekte in Angriff nehmen. Mehr davon wird es auf www.bareface.jimdo.com zu lesen und zu sehen geben.

    Ich bin noch immer nicht wirklich angekommen, aber ich habe jetzt den Weg gefunden, den ich gehen kann Ich kann auch das Ziel sehen und mitunter auch schon einmal den Fahrtwind genießen – und das motiviert mich. Die meiste Motivation kommt allerdings von meinem Sohn Elijah, der sich jeden Tag aufs Neue den Herausforderungen einer Welt stellt, die nicht wirklich die seine ist und immer der Beste ist, der er sein kann. Mein Sohn ist einer der mutigsten Menschen, die ich kenne. Außerdem geht das normale Leben, wenn es denn als solches bezeichnet werden kann, weiter.

    Ich schaffe es mittlerweile besser, meinem Selbst mehr und mehr zu begegnen und freunde mich ganz allmählich mit mir an. Ich beginne mich als eine Art Übersetzerin zwischen neurotypischen und autistischen Menschen zu begreifen, über meine Kunst, meine Gedichte oder auch meine Seminare. Es gefällt mir, einen Platz zu haben, auch wenn er noch immer etwas im Abseits ist, so ist es doch ein Platz, und es ist meine Art Platz.

    Abbildung 32. „Two sides of just one“, Edding und Kohle auf Papier, 2011

    Bild von Gee Vero gemalt

    Abbildung 33. „Let me tell you my story“, Part I, II und III, Edding, Tinte und Aquarellfarben auf Aquarellpapier, 2012

    3er Bilderserie von Gee Vero gemalt

    Quelle

    Gee Vero The Art of Inclusion. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 4-5/2013, Thema: Autismus-Spektrum S. 51-61.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 28.05.2019

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