Wer hätte gedacht, dass ich so eine Karriere mache!

Aus dem Leben des Tagungsreferenten Alfonso Roman-Barbas

AutorIn: Ulrike Jocham
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen 3/2011, S. 90-92 Behinderte Menschen (3/2011)
Copyright: © Ulrike Jocham 2011

Abbildungsverzeichnis

    Information

    BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift vom Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

    „Wer hätte gedacht, dass ich so eine Karriere mache!“

    Alfonso Roman-Barbas entwickelte sich vom Betreuten in einer Werkstätte für behinderte Menschen zum gefragten Referenten für selbstbestimmtes Leben.

    Abbildung 1. Alfonso Roman-Barbas

    Foto von Alfons-Roman-Barbas

    Foto: Ulrike Jocham

    Nach einer 20-jährigen Tätigkeit in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung ist Alfonso Roman- Barbas mittlerweile in ganz Deutschland ein gefragter Referent und Berater. Zusätzlich ist er seit zwei Jahren im Vorstand bei „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V.“ aktiv. Als Experte in eigener Sache ließ er beim Fachtag der Evangelischen Akademie das Publikum an seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Persönlichen Budget (PB) teilhaben. Seit zwei Jahren bekommt der engagierte Mann genau jenen Betrag selbst überwiesen, welcher vorher für Sachleistungen an den beauftragten Pflegedienst ausgezahlt wurde. Damit kann Alfonso Roman-Barbas nun selbstbestimmt seine Assistentinnen und Assistenten einstellen und ist dadurch selbst zum Arbeitgeber geworden.

    „Seit ich mein Persönliches Budget erhalte, bin ich in meinem Leben frei. Ich bin mein eigener Chef“, erzählt Alfonso Roman-Barbas. Als mittlerweile glücklicher EU-Rentner bringt er sich in vielfältiger Weise ins gesellschaftliche Leben ein. Ganz besonders setzt er sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung und für die Umsetzung der UN-Konvention ein. Der Experte wird unter anderem als Redner für Fachveranstaltungen eingeladen. Weiterhin führt er in Werkstätten für Menschen mit Behinderung Workshops mit dem Thema „Wege aus der Werkstatt“ durch und erarbeitet darin unterschiedliche Möglichkeiten mit den einzelnen Teilnehmern. In ganz Deutschland unterstützt er Menschen mit unterschiedlicher Behinderung beim Erhalt des Persönlichen Budgets als Peer Counselor (Peer Counseling: Beratung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung). Es können sich alle Menschen, egal mit welcher Behinderung an ihn wenden. Auch Menschen mit Behinderung, die sich beispielsweise in Altenheimen fehl untergebracht fühlen. Oder Menschen mit Lernschwierigkeiten (bisheriger Begriff: geistige Behinderungen). Bei der Beratungstätigkeit kooperiert er eng mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater Ralf Monreal, der als Inhaber der Beratungsfirma proroba Menschen mit Behinderung bei deren Antragstellungen für das Persönliche Budget unterstützt und Budgetverwaltungen für Menschen mit Behinderung bundesweit anbietet (z.B. Lohn- und Gehaltsabrechnungen, Koordination der Träger, Begleitung bei Gutachten, Personalsuche, Erstellung der Verträge nach den Vorgaben bzw. Wünschen der Arbeitgeber, Unterstützung bei der Erstellung des Dienstplans). Seine Dienstleistung kann individuell passend ausgewählt werden und wird über das Persönliche Budget finanziert, sodass Menschen mit Behinderung bei Anspruch auf Sozialhilfe keine Kosten selbst tragen müssen. Alfonso Roman-Barbas hat seit drei Jahren sehr viele Beratungsgespräche geführt. Die Hemmschwelle, das Persönliche Budget zu beantragen, ist bei den meisten Menschen mit Behinderung sehr hoch und erfordert meist zahlreiche Informationen und Unterstützung. Seither hat Alfonso Roman-Barbas bundesweit bereits zehn genehmigte Persönliche Budgets und die Beantragung von zehn weiteren begleitet. Ralf Monreal unterstützte bis jetzt in ganz Deutschland die Bewilligung von 30 Anträgen auf Persönliches Budget und weitere 40 laufende Anträge, wovon die meisten in den letzten zwei Monaten gestellt wurden.

    Die Budgetverwaltung

    Wenn Menschen mit Behinderung bei der Umsetzung bestimmte Hilfen benötigen, können sie mit einer überzeugenden Begründung und entsprechenden Kostenplänen auch die Verwaltungskosten innerhalb ihres Persönlichen Budget-Antrages mit beantragen. Alfonso Roman-Barbas benötigt z. B. Assistenz beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Eine Mitarbeiterin, die er für die anfallenden Verwaltungstätigkeiten angestellt hat, bereitet die Unterlagen für die Lohnabrechnungen vor und führt die benötigten Auflistungen und Abrechnungen mit der Stadt. Für die Lohnabrechnungen, die An- und Abmeldung der Beschäftigten, die Erstellung des Journals für die Stadt Düsseldorf, das monatliche Journal an ihn und alle Aufgaben bezüglich der Sozialversicherungen hat Alfonso Roman-Barbas den Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter e.V. in Kassel beauftragt.

    Das Assistenzteam

    Insgesamt beschäftigt Alfonso Roman-Barbas neun Mitarbeiter, zwei als 400-Euro-Kräfte und den Rest als fest angestellte Teilzeitkräfte, allerdings mit einer Sachbefristung auf das Persönliche Budget bezogen. Durch die Teilzeitbeschäftigung ist er flexibler in der Dienstplangestaltung und bei Krankheitsausfällen. Die verschiedenen Assistenten und Assistentinnen für die Alltagsbegleitung bringen vielfältige Qualifikationen mit: Es gibt einen Sozialpädagogen, zwei Gesundheits- und Krankheitspfleger, eine Sekretärin, die auch an einer Schule tätig ist sowie zwei Mütter, die neben den Familienaufgaben erwerbstätig sind. Die Budgetverwalterin hat eine Fortbildung als Budgetberaterin absolviert. „Qualifikationen sind für mich nicht wichtig, die Menschen sind für mich wichtig und die Chemie zwischen mir und den Assistenten muss stimmen!“, berichtet Alfonso Roman-Barbas. Jeder ist als Assistentin oder Assistent angestellt und bekommt 10,71 Euro pro Stunde. Dabei sind auch der Sozialpädagoge und die Gesundheits- und Krankheitspfleger Assistenten und laufen nicht unter dem üblichen Begriff der Fachkraft. Alfonso Roman-Barbas hat bis jetzt keine Probleme, geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, häufig muss er bei Neubesetzungen gar nicht suchen, sondern die Anfragen kommen automatisch durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Den Assistenten muss es gut gehen, dann geht es auch mir gut!“ sagt Alfonso Roman-Barbas und berichtet von einer sehr geringen Fluktuation in seinem kleinen Unternehmen.

    Die 24-stündige Assistenz

    Alfonso Roman-Barbas bekommt aufgrund seiner Tetraspastik Rund-um- die-Uhr Begleitung von jeweils einer Assistentin oder einem Assistenten. Auch in der Nacht achten diese auf ihn. Die Planung der Dienste übernimmt Alfonso Roman-Barbas selbstständig. Für eventuelle Krankheitsausfälle erstellt er einen Notfallplan. Die Assistentinnen und Assistenten unterstützen z.B. bei der Pflege, im Haushalt, beim Einkaufen, bei der Organisation von Fahrten, als Begleitung bei Arztbesuchen oder Freizeitaktivitäten sowie bei unterschiedlichen Lese-, Schreib- und Rechenaufgaben.

    Abbildung 2.

    Zeichnung eines Mannes der Schrauben in eine Schachtel
einordnet.

    Alfonso Roman-Barbas führt auch Workshops mit dem Thema „Wege aus der Werkstatt“ durch. Er selbst hat lange Schrauben sortiert und Schachteln gefaltet./ Zeichnung: Ulrike Jocham

    Die Vorgeschichte von Roman-Barbas

    Alfonso Roman-Barbas fühlte sich in seiner 20-jährigen Werkstatttätigkeit bei den monotonen Aufgabenstellungen, wie Schrauben sortieren und Schachteln falten, extrem unterfordert. Während dieser Zeit nahm er an einer einjährigen in Blöcken aufgeteilten Weiterbildung zum Peer Counselor teil. Dort lernte er Stefan Göthling, den heutigen Geschäftsführer von „Mensch zuerst“ kennen. Dieser ermunterte Alfonso Roman-Barbas, neue Wege zu gehen. Daraufhin bewarb er sich bei „Mensch zuerst“ und bekam einen sogenannten ausgelagerten Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung. Seit seiner Erwerbsunfähigkeitsrente ist er im Vorstand von „Mensch zuerst“ tätig. Aufgrund eines guten Netzwerkes und seines behindertenpolitischen Engagements brachte er hervorragende Voraussetzungen für die Beantragung des Persönlichen Budgets mit. Trotzdem spürte er eine beachtliche Barriere davor, die der heutige Arbeitgeber ohne starke Unterstützer im Hintergrund vielleicht nie überwunden hätte: „Ganz besonders Uwe Frevert, Berater vom Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter e.V. aus Kassel war mir eine große Hilfe. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.“ Seinen Antrag für das Persönliche Budget stellte Roman-Barbas formlos an die Stadt Düsseldorf. Nach zwei Monaten kam ein positiver Bescheid, der die Grundlage für seine beachtlichen Entwicklungsschritte darstellte. „Wer hätte damals gedacht, dass ich so eine Karriere mache?“, warf Alfonso Roman-Barbas bei seinem Vortrag auf dem Fachtag „Persönliches Budget – Stolpersteine und Visionen“ in Bad Boll humorvoll ein.

    Quelle

    Ulrike Jocham: „Wer hätte gedacht, dass ich so eine Karriere mache!“ Aus dem Leben des Tagungsreferenten Alfonso Roman-Barbas. Erschienen in: Behinderte Menschen 3/2011, S. 90-92.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 27.09.2016

    zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation