Schon gewusst, dass …?

Helen Adams Keller (1880–1968) Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas und eine bekannte Schriftstellerin gewesen ist?

Themenbereiche: Arbeitswelt
Schlagwörter: Biografie
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen 3/2011, S. 102-104 Behinderte Menschen (3/2011)
Copyright: © Manfred W. K. Fischer 2011

Abbildungsverzeichnis

    Information

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    Helen Adams Keller (1880–1968)

    Abbildung 1. Graduation am Radcliffe College, 1904

    Foto von Helen Adams Keller

    Copyright: United States Library of Congress’s / public domain http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helen_Keller21.jpg

    „Die besten und schönsten Dinge auf der Welt kann man weder sehen noch hören. Man muss sie mit dem Herzen fühlen“, so lautet ein Ausspruch der US-amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller. Die Bücher der Autorin beschäftigen sich mit ihrem Leben. Sie reflektieren u.a. die Bedeutung der Ausbildung für blinde Menschen. Helen Keller war die erste gehörlose blinde Person, die an einer US-Universität einen Bachelor of Arts Abschluss machte – im Jahre 1904.

    Helen Keller wurde am 27. Juni 1880 in eine wohlsituierte Familie in Tuscumbia (Alabama) hineingeboren. Ihr Vater hatte Schweizer Vorfahren und war Offizier der Konföderierten Armee gewesen. Er gab später die Wochenzeitung „The North Alabamian“ heraus. Ihre Mutter war Hausfrau. Mit 19 Monaten erkrankte Helen an Scharlach oder Gehirnhautentzündung. Danach war sie gehörlos und blind. In der Folge gab sie keine Laute mehr von sich. Sie entwickelte aber Zeichen, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren – mit sechs Jahren waren dies 60 verschiedene.

    Anne Sullivan – Verbindung fürs Leben

    Angeregt von einem Bericht von Charles Dickens in den „American Notes“ über die Ausbildung eines gehörlosen, blinden Mädchens in den USA nahm Helens Mutter Kontakt zu einem Arzt in Baltimore auf. Dieser verwies sie an Alexander Graham Bell, den wir heute als Erfinder des Telefons kennen. Der Sohn einer gehörlosen Mutter war gleichzeitig Großunternehmer und Sprechtherapeut. Auch seine Ehefrau war gehörlos gewesen.

    Über Empfehlung Bells kam Helens Familie 1886 mit Anne Sullivan (1866- 1936) in Kontakt, die gerade ihre Ausbildung zur Lehrerin für blinde Menschen abgeschlossen hatte und selbst stark sehbehindert war. Der 3. März 1887 veränderte dann das Leben von Helen Keller nachhaltig. Sie selbst schrieb darüber: „The most important day I remember in all my life is the one on which my teacher, Anne Mansfield Sullivan, came to me.” Für die nächsten 49 Jahre – bis zum Tod Sullivans – blieben die Leben der beiden Frauen eng miteinander verknüpft.

    Bildung als Grundlage

    Anne Sullivan gab Helen Gegenstände und „buchstabierte“ deren Namen in die Handfläche der damals Sechsjährigen. Das verwendete Fingeralphabet hatten spanische Mönche benutzt. Helen lernte immer neue Wörter, denn sie hatte einen „Schlüssel“ für die Sprache. Im Mai 1888 startete die formale Ausbildung an verschiedenen Schulen für blinde und/oder gehörlose Menschen – Anne Sullivan immer an Helens Seite. 1904 schloss sie ihre Ausbildung am Radcliffe College mit dem Bachelor Grad ab – als erster gehörloser, blinder Mensch überhaupt. Am College lernte sie mehrere Fremdsprachen, wie Französisch und Deutsch. In dieser Zeit tauschte sie sich auch mit dem österreichischen Philosophen, Soziologen und Pädagogen Wilhelm Jerusalem (1854-1923) aus. Dieser entdeckte als erster ihr literarisches Talent.

    Bereits während der Studienzeit war Kellers Autobiographie „The Story of My Life“ erschienen. Anne Sullivan und deren späterer Mann, John Macy, hatten sie dabei unterstützt. Macy unterrichtete an der Harvard University und arbeitete als Literaturkritiker. Insgesamt schrieb Keller zwischen 12 und 14 Bücher – je nach Quelle.

    Politisches Engagement

    1909 trat sie der Sozialistischen Partei Amerikas bei. Sie engagierte sich gegen die Todesstrafe, trat für das Verbot der Kinderarbeit ein, unterstützte streikende Arbeiter und forderte volle Rechte für alle farbigen Mitbürger. Gerade die letzten beiden Punkte bestürzten Freunde und Verwandte in ihrer Heimat – im Südstaat Alabama. Weiters unterstütze sie die Frauenbewegung und trat als Pazifistin gegen den Ersten Weltkrieg auf.

    In der Folge kam sie aber zur Ansicht, dass ihr Engagement in allgemeinen politischen Fragen ihren Einsatz für die bessere Behandlung und das selbstbestimmte Leben behinderter Menschen – besonders gehörloser und blinder Menschen – behindere.

    Umbruch 1936

    Seit 1914 lebte neben Anne Sullivan Polly Thompson mit Helen Keller zusammen. Thompson führte den Haushalt. Sie übernahm aber mit der Zeit die Aufgaben Sullivans, da sich deren Gesundheit langsam verschlechterte. Nach 49 Jahren des Zusammenseins starb Anne Sullivan schließlich 1936. Keller und Thompson zogen danach nach Connecticut. Bekannte und Freunde trauten Polly Thompson nicht zu, die Rolle von Anne Sullivan zu übernehmen. Bereits wenige Tage nach der Trauerfeier für Anne Sullivan reisten Keller und Thompson daher ab – nach Schottland. Später ging es nach Japan. Zwischen 1939 und 1957 besuchten sie 35 Länder auf fünf Kontinenten. Helen Keller sah sich selbst als „Weltbürgerin“. Sie lernte viele interessante Persönlichkeiten kennen, wie Charlie Chaplin, Mark Twain und alle US-Präsidenten von Grover Cleveland bis Lyndon B. Johnson. Der britische Premierminister Winston Churchill nannte sie damals sogar “the greatest woman of our age”.

    Abbildung 2. Helen Keller und Anne Sullivan

    Foto von Helen Adams Keller und Anne Sullivan

    Helen Keller (rechts) mit ihrer Lehrerin Anne Sullivan./ Copyright: United States Library of Congress’s / public domain http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helen_Keller36.jpg

    Arbeit für blinde und gehörlose Menschen

    Bei ihrer Arbeit für blinde und gehörlose Menschen ging es ihr vornehmlich darum, das selbstbestimmte Leben und die Bildung dieser zu fördern. 1915 trat Keller dem Vorstand des Permanent Relief War Fund bei, der später als American Braille Press bekannt wurde. 1924 gründete sie den Helen Keller Endowment Fund. Im selben Jahr trat Keller der American Foundation for the Blind bei. Ab 1946 wurde sie zur Beraterin für internationale Beziehungen für die American Foundation for Overseas Blind – eine Partnerorganisation der American Foundation for the Blind. 1925 hielt Helen Keller bei einer internationalen Zusammenkunft der Lions Clubs eine Rede, in der sie diese aufforderte „Ritter der Blinden in diesem Kreuzzug gegen die Dunkelheit“ zu werden. Seit dem gehört die Bekämpfung der Blindheit zu den wichtigen Zielen der Lions. Durch deren Programme wurden der Bau von 250 Augenkliniken unterstützt und mehr als 60.000 medizinische Fachkräfte ausgebildet.

    Abbildung 3. Viertel-Doller Münze aus Alabama

    Foto einer Münze auf der eine Frau abgebildet ist

    Viertel-Dollar-Münze aus Alabama, die Helen Keller gewidmet ist./ Copyright: Wikipedia / public domain http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alabama_quarter,_reverse_side,_2003.jpg

    Nach einem Schlaganfall 1961 zog sich Helen Keller aus der Öffentlichkeit zurück. Sie starb am 1. Juni 1968 in Easton, Connecticut. Ihre Urne wurde in der Washington National Cathedral beigesetzt – neben denen von Anne Sullivan und Polly Thompson.

    Zum Abschluss ebenfalls ein Zitat von Helen Miller:

    „Ein Mensch, der schwer behindert ist, lernt seine verborgenen Kraftquellen erst kennen, wenn er wie ein normaler Mensch behandelt wird.“

    Zum Weiterlesen:

    • Keller, Helen: Mein Weg aus dem Dunkel. Blind und gehörlos – das Leben einer mutigen Frau, die ihre Behinderung besiegte. Wien 1997 (Scherz Verlag).

    • Keller, Helen: The Story of my Life. New York 1990 (Bantams Classic).

    Website der „Helen Keller Foundation for Research and Education” www.helenkellerfoundation.org

    Ab der nächsten Folge der Serie „Schon gewusst, dass …“ werden auch behinderte Menschen aus dem „Jetzt und Heute“ portraitiert werden – nicht nur historische Personen. Die Portraits werden abwechselnd einmal mit dem Leben einer historischen und einer „aktuellen“ behinderten Persönlichkeit gewidmet sein.

    Quelle

    Manfred W. K. Fischer: Schon gewusst, dass …? Helen Adams Keller (1880–1968) Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas und eine bekannte Schriftstellerin gewesen ist? Erschienen in: Behinderte Menschen 3/2011, S. 102-104.

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    Stand: 27.09.2016

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