Drei Stufen zur akademischen Inklusion

Ein Projekt in Israel will Vorbild sein

AutorIn: Steffen Arora
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 2/2014, Thema: Leben und Lernen mit Trisomie 21, S. 4–6. Behinderte Menschen (2/2014)
Copyright: © Steffen Arora 2014

Information

BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

Ein Projekt in Israel will Vorbild sein

Der Name ist bei Hefziba Lifshitz-Vahav Programm: Ozmot, was auf Deutsch so viel wie Selbstbestimmung oder -ermächtigung bedeutet, nennt die israelische Erziehungswissenschaftlerin ihr Drei-Stufen-Modell. Damit will sie Menschen mit Lernbeeinträchtigungen den Zugang zu einem Universitätsstudium ebnen. Lifshitz-Vahav verweist angesprochen auf ihre Motivation, das zu tun, auf die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung. „Denn darin ist von der Inklusion in das gesamte Bildungssystem die Rede und vom lebenslangen Lernen“, so die Inhaberin des Machado Chairs formen Research on Cognitive Modifiability and the Developement of Intelligence an der Bar Ilan Universität nahe Tel Aviv in Israel. Ziel der engagierten Wissenschaftlerin ist es, langfristig die Einstellung der Gesellschaft, in diesem Fall der akademischen Gesellschaft, gegenüber Menschen mit Behinderung zu verändern: „Ich will, dass die Studierenden mit Behinderung genauso als normale Studierende an der Universität registriert sind.“ Um das zu erreichen, hat sie ein Drei-Stufen-Modell zur Inklusion von Menschen mit Lernbeeinträchtigungen an der Universität entwickelt. Doch Lifshitz-Vahav will keine falschen Hoffnungen wecken und betont gleich vorweg, dass ihre Methode in der finalen, dritten Stufe „nur für fünf Prozent der Betroffenen“ geeignet ist. Doch das genügt ihr als Motivation, wenn zumindest ein Teil ihrer Studentinnen und Studenten mit Behinderung am Ende einen Bachelor-Abschluss machen kann.

Mit Hilfe von Partnern

Um ihr ambitioniertes Ziel zu erreichen, musste die Wissenschaftlerin starke Partner finden. Mit dem Arbeits- und Sozialministerium des Staates Israel sowie der NGO Yated, die sich für Kinder mit Down-Syndrom in Israel einsetzt, hat sie diese Partner gefunden. Zusammen mit diesen Partnern wählt sie auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an ihrem Projekt aus. Schlichtweg deshalb, weil es noch keine wissenschaftliche Methode gibt, um für ein Studium geeignete Personen auszuwählen, wie die Professorin einräumt. „Das wird sicherlich ein Ziel unserer Forschungsarbeit sein, solche Auswahlkriterien zu definieren.“ Der Idee zum Studienprogramm liegt Lifshitz-Vahavs Compensation Age Theory zu Grunde. Derzufolge werden Menschen mit Lernbeeinträchtigungen umso lernfähiger, je mehr Lebenserfahrung sie aufweisen. Demzufolge nimmt ihre Fähigkeit zu lernen und sich neues Wissen anzueignen, im Erwachsenenalter zu.

Stufe 1 – Die Einführung in die akademische Welt

Die erste Stufe im Ozmot-Programm dient als Einstieg für die Anwärterinnen und Anwärter auf den Bachelorabschluss. Sie sollen dabei das universitäre Umfeld und die Gepflogenheiten kennenlernen. Dazu hat Lifshitz-Vahav einen besonders niederschwelligen Ansatz gewählt. Einmal pro Woche kommen die insgesamt 26 Studierenden mit Lernbeeinträchtigungen an die Universität, wo sie insgesamt sechs akademische Lehreinheiten besuchen. Die Lehrinhalte werden dabei für sie angepasst, um den Einstieg zu erleichtern. Inhaltlich stehen neben Grundzügen der Psychologie und Soziologie auch vermeintlich banale Themen wie Nutzung der Bibliothek oder der Computerarbeitsplätze am Lehrplan.Das besondere an Stufe 1 im Ozmot-Programm sind auch die Lehrenden. Denn der Unterricht erfolgt durch Masterstudentinnen und -studenten aus Lifshitz-Vahavs Erziehungswissenschafts-Studiengang. Für sie ist diese Lehr- und Mentorinnentätigkeit zugleich Teil ihres Praktikums im Masterstudienprogramm. Die Masterstudentinnen und -studenten arbeiten in Gruppen mit den Studierenden mit Lernbeeinträchtigungen. Diese Gruppenarbeit umfasst auch soziales Lernen, wie den gemeinsamen Gang in die Cafeteria oder auch zu Partys. Dadurch werden die Studierenden mit Behinderung als gleichberechtig in den akademischen Kreis aufgenommen und die Barrieren fallen auch in den Köpfen. „Das ist sehr wichtig, denn wir müssen auch die Einstellung der Menschen an der Universität verändern“, betont die Professorin.

Stufe 2 – Gemeinsames Forschen

Nach der eher niederschwelligen ersten Stufe, steigen die Anforderungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Stufe 2 bereits deutlich. Nun werden die Studierenden mit Lernbeeinträchtigung zusammen mit nichtbehinderten Studentinnen und Studenten in Lifshitz-Vahavs reguläres Bachelor-Forschungsseminar integriert. Dabei erhält sie Unterstützung von ihrer Doktoratsstudentin Shoshana Nissim, die mit den Studierenden die Vorbereitungsstunden gestaltet. Die Aufgabenstellung für die Studentinnen und Studenten mit Behinderung lautet, für das Seminar drei Freunde zu interviewen, die ebenfalls eine Lernbeeinträchtigung aufweisen. Im Zuge der Erledigung dieser Aufgabe eignen sich die Studierenden grundlegende wissenschaftliche Methoden an. Es geht darum, Fragebögen zu entwickeln, Daten zu sammeln und Listen zu erstellen. Die statistische Auswertung der Ergebnisse obliegt zwar den regulären Studierenden, doch die Analyse der Ergebnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen werden wieder von beiden Gruppen gemeinsam erarbeitet. Am Ende dient Stufe 2 vor allem der Methodenlehre, um grundlegende wissenschaftliche Arbeitsweisen zu erlernen.

Stufe 3 – Der Abschluss

Während die ersten beiden Stufen sich noch an eine möglichst große Zahl potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtet, bleibt die finale Stufe 3 nur den besten vorbehalten. Jene fünf Studierenden, denen Lifshitz-Vahav und ihr Team nach Absolvieren der ersten beiden Stufen am meisten Potenzial zuschreiben, werden zugelassen. „Wir beurteilen hier nach der Gesamtperformance, die die Studentinnen und Studenten in den vorangegangen Kursen an den Tag legten“, erklärt die Professorin.Aktuell befinden sich die ersten fünf Studentinnen und Studenten des Ozmot-Programms in Stufe 3. Von den fünf, die derzeit auf den Bachelorabschluss hinarbeiten, haben zwei das Down-Syndrom, einer das Williams-Beuren-Syndrom und zwei weisen eine andere Diagnose auf. Ziel ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu einem Abschluss zu verhelfen. Dazu hat Lifshitz-Vahav Anleihen in Kanada genommen. Dort werden Studierende mit Behinderung bereits an fünf Universitäten zugelassen, allerdings können sie keinen Abschluss machen. „Wir gehen da weiter, wir wollen, dass unsere Studentinnen und Studenten ihr Studium auch abschließen“, so die Wissenschaftlerin. An der Bar Ilan Universität werden die fünf ausgewählten Frauen und Männer mit Behinderung in zwei Grundstudienkursen zugelassen. Zur „Einführung in die Sonderpädagogik“ von Lehrgangsleiterin Sigal Eden und zum Kurs „Intellectual Disability“ von Dalia Tal. Lifshitz-Vahav konnte beide Kolleginnen für ihr Ozmot-Programm gewinnen. Denn es bedurfte einiger Vorbereitungsarbeiten, um Stufe 3 zu realisieren. So mussten während der Sommerferien eigene Kurse organisiert werden, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitere Grundfertigkeiten, wie das Erstellen und Verstehen von PowerPoint-Präsentationen, den Umgang mit Hausarbeiten und ähnliches erlernten. Denn schon im ersten Kurs müssen die Studierenden eigenständig Präsentationen erstellen und in ihren eigenen Worten vortragen. Am Ende des Studienjahres steht der erste Test am Programm. Dafür wurden eigene Multiple Choice Fragebögen für die Studentinnen und Studenten mit Behinderung entwickelt. Im ersten Jahr in Stufe 3 stehen zwei Kurse am Lehrplan, im zweiten Jahr sollen es bereits bis zu vier Kurse sein, plant die Projektleiterin. „Doch dabei müssen wir sehr vorsichtig sein. Es wird viele Jahre dauern, bis die Studentinnen und Studenten ihren Abschluss erreichen. Das Prinzip lautet Schritt für Schritt, Kurs für Kurs, damit sie immer ein Ziel vor Augen haben, das auch erreichbar ist“, skizziert sie den Plan. Der schmale Grat zwischen Unter- und Überforderung ist dabei essentiell und darf in keine Richtung übertreten werden. „Die Studentinnen und Studenten sind erwachsene Menschen, die man durchaus fordern und auch belasten kann“, so Lifshitz-Vahav. Aber eine Überforderung würde sie wiederum desillusionieren und der Absicht hinter Ozmot zuwiderlaufen.

Wissenschaftlicher Background

Als wissenschaftliche Grundlage für ihre Arbeit dient Lifshitz-Vahav einerseits die von ihr selbst entwickelte, bereits eingangs erwähnte Compensation Age Theory. Der zufolge spielt das Alter von Menschen mit Lernbeeinträchtigung eine große Rolle. Zudem beruft sie sich auf die Structural Cognitive Modifiability (SCM) Theorie sowie den Active Modifying (AM) Ansatz von Feuerstein und Rand. Demnach ist der Mensch ein seiner Umwelt gegenüber offenes System, das sich auch dann verändern kann und wird, wenn vermeintliche Hindernisse für eine solche Veränderung, wie etwa das Alter, dagegensprechen. Und schließlich führt sie noch die Kognitive Reservetheorie von Stern an, die besagt, dass die Reservekapazität des Gehirns diesem die Fähigkeit verleiht, neuropathologische Veränderungen so zu tolerieren, dass ihre klinische Manifestation hinausgezögert wird. Langfristig will die israelische Erziehungswissenschaftlerin diese Grundlagen im Zuge ihres Ozmot-Projektes auch als solche beweisen.

Vorbild für Veränderung

Dass ihr Drei-Stufen-Plan für die Inklusion von Menschen mit Lernbeeinträchtigung in den universitären Betrieb international Aufsehen erregt, freut Lifshitz-Vahav. Schließlich ist es ihr Ziel, zu einem Umdenken in der Gesellschaft beizutragen. Denn das Recht auf Partizipation und Inklusion besteht ein Leben lang und macht auch vor universitären Schranken nicht Halt. Die Israelin verweist gern auf das Beispiel der Japanerin Aya Iwamoto, die bereits 1998 ihr Studium der englischen Literatur an der Shigakukan-Universität mit dem Bachelortitel abgeschlossen hat und heute als Übersetzerin arbeitet. Darüber hinaus gibt es international bereits weitere Beispiele für Menschen mit Lernbeeinträchtigungen, die eine akademische Ausbildung absolviert haben. Der Spanier Pablo Pineda hat 1999 sein Lehramtsstudium und anschließend sein Psychologiestudium abgeschlossen. Heute unterrichtet Pineda an einer Schule in Cordoba. Sein Leben wurde unter dem Titel „Me too – Wer will schon normal sein?“ (spanischer Titel: Yó, también) verfilmt. Er spielte darin die Hauptrolle, sich selbst, und wurde dafür 2009 beim Filmfestival von San Sebastian mit der Silbernen Muschel als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Weltweit fordern immer mehr Menschen mit Lernbeeinträchtigung ihr Recht auf Inklusion ein. Beispielhafte Projekte wie das Ozmot-Programm von Hefziba Lifshitz-Vahav in Israel dienen dabei als Wegbereiter, um den Betroffenen zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Wissenschaftlerin ist jedenfalls optimistisch, dass es so Schritt für Schritt – gleichsam Stufe für Stufe – zu einer nachhaltigen Veränderung in den Köpfen der Menschen kommen kann. In jenen derer mit Behinderung, die erkennen, wozu sie in der Lage sind – vor allem in jenen der nichtbehinderten Menschen, die das ebenfalls erst lernen müssen.

Gruppenfoto der Akteur_innen.

Der Präsident der BIU Universität, Rabbi Prof. Daniel Hershkowitz (Bildmitte, rote Krawatte), überreicht den Student_innen mit Behinderung ihre ID-Karten, mit denen sie als ordentliche Studierende der Universität registriert sind. Ebenfalls im Bild (ganz links) Prof. Hefziba Lifshitz-Vahav, Inhaberin des Machado Chair for Research on Cognitive Modifiability and Human Developement und Initiatorin des Programms Ozmot an der BIU Universität. Foto: Hefziba Lifshitz-Vahav

Quelle

Steffen Arora: Drei Stufen zur akademischen Inklusion. Ein Projekt in Israel will Vorbild sein. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 2/2014, Thema: Leben und Lernen mit Trisomie 21, S. 4–6.

bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 9.3.2017

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