Wie leben wir miteinander?

AutorIn: Erich Otto Graf
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen 2/2010, S. 39-48 Behinderte Menschen (2/2010)
Copyright: © Behinderte Menschen 2010

Information

BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von der Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

Wie leben wir miteinander?

Der Bürokratisierung gehört die Zukunft“

„Eine leblose Maschine ist geronnener Geist. Nur dass sie dies ist, gibt ihr die Macht, die Menschen in ihren Dienst zu zwingen und den Alltag ihres Arbeitslebens so beherrschend zu bestimmen, wie es tatsächlich in der Fabrik der Fall ist. Geronnener Geist ist auch jene lebende Maschine, welche die bürokratische Organisation mit ihrer Spezialisierung der geschulten Facharbeit, ihrer Abgrenzung der Kompetenzen, ihren Reglements und ihrer abgestuften Gehorsamsverhältnisse darstellt“ Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (1972 (1921), S. 834 und 835).

Was wurde zerstört, wenn wir heute über einen dritten Sozialraum sprechen müssen?

Wenn wir heute wirklich darüber sprechen müssen, dass wir einen so genannten „dritten Sozialraum“ brauchen oder irgendetwas anderes, das zwischen den vereinzelten Einzelnen wäre oder wieder sei, dann hat unsere Gesellschaft ein offenbar größeres Problem mit der Art und Weise, wie die Vergesellschaftung der Menschen in ihr erfolgt. Offenbar gelingt es schlecht, die bestehenden Sozialsysteme über die Medien von Macht und Geld vollständig zu integrieren. Es bleibt ein wachsender Rest für den die systemischen Logiken keine akzeptablen Lösungen mehr zu finden scheinen.

Wir verstehen das Auftauchen einer solchen Thematik als einen Versuch, die sich für offenbar für einen relevanten Teil der Gesellschaftsmitglieder manifestierende anomische Spannung [1] zu strukturieren.

Vordergründig zeigt sich das Problem an einer als demographisch bezeichneten Problematik. Diese besagt, dass nämlich die Bevölkerung in den europäischen Ländern immer älter werde, weshalb in einem immer höheren Ausmaß Pflege nachgefragt werde, die in stationären formalen Organisationen nicht mehr zu erbringen sei, weil sie nicht mehr finanzierbar sei.

Völlig abstrahiert wird in diesem Zusammenhang davon, dass die aus dem 19. Jahrhundert stammende nationalstaatliche sozialräumliche Organisation in keiner Art und Weise mehr auf die globalisierte Produktion im heutigen Kapitalismus passt. Dass die Welt eine Welt der migrierenden Arbeitskraft geworden ist, und gleichzeitig wird dabei auch davon abstrahiert, dass möglicherweise die nationalstaatliche Institutionalisierung von Lösungsversuchen für so genannte soziale Probleme[2] inzwischen zu kurz geraten ist. Kaum jemand lebt heute sein ganzes Leben an dem Ort, wo er oder sie geboren worden ist; viele verlassen auch die nähere Umgebung, wo sie mit ihren Familien ihre Kindheit und Jugend erlebten. Die Wirtschaft hat die Menschen räumlich befreit. Da alle irgendwohin gehen können – und sie gehen vorzüglich dorthin, wo sie meinen ein wirtschaftliches Auskommen finden zu können – lösen sich auch die ökonomischen Zwänge auf, welche in vormodernen Zeiten dafür sorgten, dass die Familien zusammenhielten.

Die sich in den letzten hundert Jahren entwickelnde Weltgesellschaft hat noch kaum ein Bewusstsein ihrer selbst, einen weltweiten Code, jenseits wirtschaftlicher Abhängigkeitsverhältnisse, zu entwickeln vermocht. Ihr Bewusstsein ist noch immer ein nationalstaatlich codiertes.

Die kapitalistische Produktionsweise hat die Modernisierung der Gesellschaft vorangetrieben, und zwar in einem durchaus zwiespältigen Sinne[3]. Der Kapitalismus schafft die Möglichkeit der Befreiung von feudaler Abhängigkeit, welche die vormodernen Gesellschaften geprägt hat. Damit ist die enge Verbindung von vor allem bäuerlichen Eigentum an Produktionsmitteln, räumlicher Ordnung und familiärere Einbindung der einzelnen Menschen gemeint. Die Organisationsformen des menschlichen Lebens, die in der vormodernen Gesellschaft wichtig gewesen sind und für deren Zusammenhang gesorgt haben, die Familien und das, was etwas exotisch „Stamm“ genannt wird, und die Bindung an einen sozialen Herkunftsort meint, die mehr ist als ein Bürgerort auf einem Ausweis, verblassen in ihrer bindenden und orientierenden Funktion für die einzelnen Menschen.

Die drei Revolutionen des 18. Jahrhunderts, die amerikanische, die französische und die haitianische, entlassen die Menschen aus diesen Abhängigkeiten und konstituieren sie als freie ürgerliche Subjekte, als citoyen und citoyenne.

Die feudalen Abhängigkeiten sind weitgehend aus der gesellschaftlichen Alltagsorganisation verschwunden[4].

Die einzelnen Menschen sind als bürgerliche Subjekte in ihrer Entscheidung selbstverantwortlich geworden. Die Modernisierungsschübe der europäischen Gesellschaften haben zweierlei hervorgebracht, im 19. Jahrhundert den Nationalstaat, der als Referenzgröße aufgebaut wurde nach einer kruden Logik „ein Land, ein Volk, eine Sprache“[5]. Dabei ist stets übersehen worden, dass die Konzeption „Volk“ genauso arbiträr ist, wie jene des Landes oder der Sprache. Es ist erst der moderne Nationalstaat, welche die Einheitssprache schafft, die nationale Identität herstellt und die alten vormodernen Bindungen versucht, auf die neuen formalen staatlichen Zugehörigkeiten zu übertragen[6]. Gleichzeitig erscheint es so als bestünde irgendeine soziale Formation heute, aus Individuen, die durch staatliche Regelungen zusammengehalten werden[7]. Das Zusprechen der Citoyennität wird allerdings im Laufe der Zeit sehr differenziell gehandhabt und die Ausdehnung auf immer mehr BewohnerInnen eines Territoriums steht immer im Zusammenhang mit politischen Auseinandersetzungen[8]. Das Soziale scheint an der Oberfläche mit den staatlichen Apparaturen zusammenzufallen.



[1] Unter Anomie versteht man bei Akteuren auftretende Spannungen zwischen den von den Akteuren als legitim betrachteten gesellschaftlichen Zielen und denen ihnen aufgrund ihrer strukturellen Positionen legitimen Mittel die Ziele zu erreichen. (Vgl. dazu Merton [1995 {1948, 1957, 1968}])

[2] Merton & Nisbet (1976, S. 7–21) bezeichnen als soziales Problem eine angebbare Kluft zwischen dem, was Akteure als „Ist-Zustand“ einer sozialen Gegebenheit wahrnehmen und ihrer Vorstellung, wie dieser Zustand sein sollte.

[3] Zur Dialektik der Aufklärung vgl. Adorno und Horkheimer (1984), sowie Horkheimer (1985 [1947]).

[4] Ausnahmen sind religiöse Organisationen wie Kirchen und Sekten, insofern sind relevante Teile der modernen Gesellschaftskultur nach wie vor vormodern geprägt. Spuren solcher vormoderner Sozialisation zeigen sich insbesondere in der Hartnäckigkeit des autoritären Gesellschaftscharakters. Zum Konzept des Autoritarismus und des Gesellschaftscharakter vgl. Erich Fromm (1980 (1941) und (1990). Die seit den achtziger Jahren weltweit zu beobachtende Abwendung von den Religionen, bei gleichzeitiger Zunahme von religiösen Dogmatismus ist ein Hinweis auf die Zunahme von Modernisierungseffekten in der Weltgesellschaft.

[5] Dazu Poulantzas (2002).

[6] Zur Entstehungsgeschichte des modernen Staates vgl. dazu auch Elias (1977 und 1982) und Weber (1972).

[7] Das Verhältnis von Individuum und Staat ist soziogenetisch und psychogenetisch von Norbert Elias (1977/1982) untersucht worden. In diesem Zusammenhang von Bedeutung ist die Monographie von René Lourau „L‘état inconscient“ (Lourau 1978).

[8] So kannte des 19. Jahrhundert noch den Diskurs um das Zensuswahlrecht, das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde etwa 1971 eingeführt und die Frage, ob so genannte AusländerInnen, Menschen, die nicht den Pass des Nationalstaates besitzen, in welchem sie wohnen, an der Politik ihrer Wohn- und Arbeitsterritorien teilnehmen dürfen, ist heiß umstritten.

Die Standardform der Arbeit heute ist die Institution der Lohnarbeit

Das wirtschaftliche Wachstum der letzten hundert Jahre hat die Bindungen der Menschen zu ihren Herkunftsregionen gelöst. Migration, Beweglichkeit, Flexibilität in Zeit und Raum sind den Menschen aufgenötigt worden, damit sie, nun nicht nur frei als Subjekte sondern auch befreit von allen Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dorthin ziehen konnten, wo sie ihre Arbeitsvermögen zu verkaufen vermochten.

Max Frisch sagte im Zusammenhang mit dem fremdenfeindlichen Diskurs der 60er Jahre in der Schweiz, als wieder einmal „Überfremdung“ – ein Unwort sondergleichen – drohte: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“. Der Schriftsteller verwies mit diesem einfachen Satz, dass Menschen eben in erster Linie Menschen sind und dann vielleicht einige Zeit ihres Lebens auch noch LohnarbeiterInnen. Wohin immer ein einzelner Mensch geht, als Träger seiner Zugehörigkeitsgruppe nimmt er solche Zugehörigkeiten mit sich mit. Und es erstaunt nicht, wenn wir in der Migrationsforschung feststellen, dass offenbar ganze Verwandtschaftssysteme wandern, manchmal sogar Dorfverbände und sich diese Zusammenhänge erst nach zwei oder drei Generationen aufzulösen beginnen[9].

Auch wenn es zur Zeit nicht gerade Mode ist, darüber zu sprechen, so macht es doch wenig Sinn, den Umstand auszublenden, dass die gesellschaftliche Reichtümer zwar gesamtgesellschaftlich produziert werden, dass ihre Aneignung aber durchaus privat erfolgt und keine demokratisch legitimierten Kontrolle über ihre Verteilung besteht. Die Republik ist überall auf der Welt eine Republik des Eigentums geblieben (Hardt / Negri 2010 (2009). Das Prinzip der Citoyennität findet bislang hier die Grenze seiner Anwendbarkeit.

Deshalb ist es notwendig, wenn sinnvoll über Sozialräumlichkeit gesprochen werden soll, einige der Entstehungsgründe der heutigen Situation zu rekapitulieren. Die Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschaft bringt eine ganze Reihe von Veränderungen in die vormodernen gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Produktionsverhältnisse passen sich den Erfordernissen der Kapitalverwertung an.

Es sind davon insbesondere betroffen, die Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse, die Beziehung zwischen Stadt und Land, die Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit, die Suspendierung der familiären Solidarität aufgrund der häufigen räumlichen Trennung der Familienmitglieder, die Marginalisierung randständiger Menschen durch professionsbasierte Barrieren.



[9] Das Phänomen als solches ist nicht neu, wir neigen nur dazu, es immer wieder zu vergessen; schon die Byzantiner siedelten ganze Bevölkerungsteile um, aus dem Mittelalter sind die Banater Schwaben und die Sachsen in Rumänien bekannt und nach dem dreißigjährigen Krieg, als der Breisgau durch französische, kaiserliche und schwedische Truppen nicht nur ausgeplündert sondern wegen der Kriegsfolgen auch weitgehend entvölkert war, warben die habsburgischen Verwaltungen in den Dörfern der Innerschweiz, im Kanton Schwyz Bauern an, welch die Dörfer am Kaiserstuhl wieder besiedelten.

Die Ausbeutung und Zerstörung des vormodernen Sozialen durch die kapitalistische Produktionsweise

Die kapitalistische Produktionsweise entwickelt neue Produktionsverhältnisse, indem sie die einzelnen Menschen befreit, zu rechtlichen Subjekten erhebt, sie in die juristische Mündigkeit entlässt.

Damit löst sie notwendigerweise die alten solidarischen Familienbande auf. Die Verpflichtung für Eltern, Geschwister, Grosseltern und andere Verwandte zu sorgen, diese aufzunehmen, sie zu beschützen, lockern sich. Was ehedem eine fixe und nicht auflösbare Verpflichtung gewesen ist, wird nur noch zur moralischen Verpflichtung[10].

Dass eine Gesellschaft keinesfalls eine der bürgerlichen Individuen sein kann, wie es die Robinsonaden der klassischen und neoklassischen Ökonomie suggerieren, daran erinnern fast nur noch feministische WissenschaftlerInnen, wenn sie daran erinnern, dass beinahe die gesamte gesellschaftliche Arbeit zur Aufrechterhaltung der bestehenden Arbeitsgesellschaft durch die Frauen geleistet werden.

Frauen hüten und erziehen kleine Kinder, Frauen kümmern sich um die Haushalte, Frauen begleiten ältere Menschen zum Arzt, Frauen kaufen für NachbarInnen ein, usw. Zurecht verweist Frigga Haug darauf, dass Geschlechterverhältnisse immer auch als Moment der jeweiligen Produktionsverhältnisse verstanden werden müssen, weil sonst die verschiedenen Aspekte einer zu untersuchenden gesellschaftlichen Realität nicht mehr verstanden werden können.

„Zur Regel muss offensichtlich werden, die unterschiedlichen Produktionsverhältnisse in der Geschichte immer auch als Geschlechterverhältnisse zu untersuchen. Keine lässt sich begreifen ohne Beantwortung der Frage, wie die Produktion des Lebens im Gesamt der Produktionsverhältnisse geregelt ist, und in welchem Verhältnis sie zur Produktion der Lebensmittel steht, kurz, wie sie die Reproduktion der Gesamtgesellschaft bedingt. Das schließt die differenzielle Gestaltung der Geschlechter selbst, die jeweilige Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit, ebenso ein wie die Entwicklung der Produktivkräfte, der Arbeitsteilung, der ökonomischen und politischen Herrschaft und der ideologischen Legitimationen“ (Haug 2009, S. 322).

Zurecht moniert Haug, die theorietechnische Duplizität, dass das Leben zu produzieren, was vereinfacht die Aufgaben der Frauen wird, und dass die Lebensmittel zu produzieren seien, was vereinfacht die Aufgaben der Männer wird, als ein Herrschaftsinstrument. Es ist eine geradezu biblische Annahme, welche die klassische Ökonomie hier macht. Die Verselbständigung und Dominanz des Aspektes der Produktion der Lebensmittel im Kontext kapitalistischer Produktionsverhältnisse erlaubt es einerseits, eine Konstruktion wie den homo oeconomicus vorzunehmen, der ganz offenbar essenziell utilitaristisch denkend und fühlend verfasst ist. Sogar die Gene werden in diesem Diskurs als Egoisten essentialisiert, wo die Ökonomie zum grundlegenden Muster der Erklärung von schlichtweg allem mutiert ist. Dieses Muster erlaubt es aber auch sehr gut, die überkommene patriarchalische Konstruktion der Familie in die Verbrämung der kapitalistisch organisierten Ausbeutung der Menschen durch Menschen einzubauen, so dass am Ende kaum mehr im Zusammenhang verstanden werden kann, was die ökonomische Sichtweise der Welt, deren Ideogramm die Grenznutzenkurve darstellt, den Menschen antut, indem sie das Soziale der Menschen zertrümmert, zerstückelt und auflöst, die Teile einer Vergesellschaftung sind, die historisch weiter zurückgeht als die Moderne[11].

Eine Veränderung dieser Gesellschaftsverhältnisse wird zweifellos nur zu erreichen sein, wenn sich die soziale Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen verändert. Dagegen haben sich die Männer bislang mit einigem Erfolg seit Jahrzehnten gewehrt, nicht zuletzt mit dem Hinweis auf den herrschenden ökonomischen Diskurs, der ihnen in der Faktizität seiner Ungerechtigkeit immer wieder recht zu geben scheint. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass noch immer vielerorts die Lohnparität zwischen Frauen und Männer nicht besteht und Frauen in überproportionalem Ausmaß Teilzeitarbeit leisten, um die Familiensysteme aufrechtzuerhalten, eine Arbeit an der sich nur wenige Männer wirklich beteiligen.



[10] Das zeigt sich am deutlichsten dort, wo die vermittelten Ehen in Brüche gehen und familiäre Katastrophen ihren Lauf nehmen, weil zwei nicht vereinbare kulturelle Orientierungsmuster zusammenprallen, jenes der Familie und jenes der bürgerlichen Subjektivität. Die Gerichtsberichterstattung ist heute der Ort, wo solches noch berichtet wird, wenn Fememorde geschehen, wenn die Ehre der Familie oder des Clans durch Blut wieder hergestellt werden muss – eine Perspektive, die dem bürgerlichen Recht vollständig fremd geworden ist. Es kennt als allerletzten Abklatsch dieser existentielle bindenden Zugehörigkeit nur noch, dass unter bestimmten Bedingungen, Kinder die Kosten für ihre Eltern im Pflegeheim u. ä. m. teilweise zu übernehmen haben. Auch hier ist die Ehre dem ehrlichen Geld gewichen.

[11] Es ist in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Bedeutung der Allmend hinzuweisen, die für die Entstehung des schweizerischen Bundesstaates seit 1848 eine wichtige Rolle gespielt hat, indem hier Moment einer vormodernen gemeinsamen Verwaltung von Gemeingütern (Alpen, Wälder, Wasserquellen u. ä. m.) durch so genannte Korporationen besorgt wurde, deren Führungsprinzipien durch die Vollversammlung ihrer Mitglieder bestimmt wurde. In der Schweiz werden nach wie vor viele Gemeinden durch Gemeindeversammlungen bestimmt und nicht durch kommunale Parlamente. Die Anomalie von 1848 erlaubte es auf dem Gebiet der Schweiz unter starkem Schutz Großbritanniens einen Bundesstaat entstehen zu lassen, der eine einzigartige Verbindung modernen demokratischer Momente mit ziemlich alten vormodernen Elemente der politischen Organisation verbinden konnte. Dieser föderale Aufbau des Landes ist bis heute von großer Bedeutung. So ist beispielsweise das Primarschulwesen zwar kantonalisiert, was dem Land 26 verschiedene Schulsysteme einträgt, die Umsetzung der Primarschulen ist aber weitgehend eine Angelegenheit der Kommunen, so dass es nicht nur diese 26 Schulgesetze gibt, sondern von jedem einzelnen Schulgesetz auf der Primarschulebene dutzende bis hunderte von Umsetzungslösungen. Nicht zuletzt solchen direktdemokratischen Strukturen ist die hohe Integrationskraft der schweizerischen Schulen verdankt.

Die Herstellung der Gleichheit als Verallgemeinerung der Willkür durch Herrschaft

Die Frage der Gleichheit der Anteilhabe am gesellschaftlich produzierten Reichtum hat die kapitalistische Produktionsweise vorangetrieben, durch die Kraft der Arbeiterkämpfe.

Die Frage nach der Gleichheit der Teilhabe führt unmittelbar zur Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung. Hier gelten die Regeln, dass Gleiches nach Maßgabe der Gleichheit und Ungleiches nach Maßgabe der Ungleichheit zu behandeln seien. Darüber wird seit langem gestritten, nicht zuletzt auf dem Feld der Sozialversicherungen, der sozialstaatlichen Dispositive.

Vergessen gegangen ist im kollektiven Bewusstsein weitgehend, dass die sozialpolitischen Dispositive ihre Entstehung dem Klassenkampf verdanken, dass es sich um Etappensiege der Arbeiterbewegung gehandelt hat, welche sich jedes einzelne dieser Momente erkämpft hat, von der Reduktion der Tagesarbeitszeit bis hin zur – ihrem Namen nach unsäglichen – Invalidenversicherung[12] in der Schweiz, deren Einrichtung eine der Hauptforderungen des Generalstreiks von 1918 gewesen ist.

Aus den klassenkämpferischen Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehen in fast allen europäischen Ländern zwischen 1880 und dem ersten Weltkrieg sozialstaatliche Dispositive, die entlang bestimmter politischer Kräfteverhältnisse aktiv werden.

Zentral für das Aktivwerden dieser Dispositive ist die Vereinzelung der Problematik, durch Strategien der Intervention, welche die in den sozialen Problemen sich manifestierenden gesellschaftlichen Spannungen in individuelle Schicksale transformieren können, auf deren Hintergrund der dadurch identifizierten Individuen nach Maßgabe des Gesetzes Hilfe gewährt werden kann.

Im Kontext dieser sozialen Konfliktbewältigung entsteht in den Vereinigten Staaten, in Chicago, wo die amerikanische Arbeiterbewegung eines ihrer militantesten Zentren hatte, als neue Interventionsdisziplin, als Handlungswissenschaft, social work, auf deren Rückseite sich immer staatliche Gewalt vorfindet[13].

Im Zentrum der sozialstaatlichen Dispositive stehen also zunächst Strategien zur Vereinzelung der sozialen Problematik, was sich anhand des juristischen Prinzips, dass Gleiches nach Maßgabe der Gleichheit und Ungleiches nach Maßgabe der Ungleichheit zu behandeln sein, im Hinblick auf die Rechtssubjektivität der menschlichen Individuen rechtfertigen lässt. (s. Abbildung)

Abbildung 1. Die Struktur sozialstaatlicher Dispositive nach den Dimensionen Macht, Prestige und Technik

Die Dimensionen Macht, Prestige und Technik in einem
                                          dreidimensionalen Modell: Macht - verstanden als Ausmass,
                                          de im Feld institutionalisierten Zwangs (vertikal)
                                          Prestige - verstanden als Rechtfertigung der Intervention
                                          als Folge der Anwendung von Wissen (horizontal) Technik -
                                          verstanden als Handhabung de Körper der von der
                                          Intervention angepeilten Subjekte (diagonal)

Auf dem Hintergrund eines solchen Formalismus lassen sich sämtliche sozialstaatliche interventionistischen Dispositive darstellen. In den Formalismus eingeführt, lässt „Behinderung“ das sonderpädagogische Dispositv entstehen, „Wahnsinn“ das psychiatrische, „Verbrechen“ jenes des Strafvollzugs usw.

Die Kontrolle über solche Entwicklungen ist einerseits politisch und in ihrer Realisierung andererseits formal-bürokratisch. Auf sie treffen all jene Momente zu, die Max Weber in Wirtschaft und Gesellschaft beschreibt, wo er die Bürokratie „geronnenen Geist“ nennt:

„Geronnener Geist ist auch jene lebende Maschine, welche die bürokratische Organisation mit ihrer Spezialisierung der geschulten Facharbeit, ihrer Abgrenzung der Kompetenzen, ihren Reglements und ihrer abgestuften Gehorsamsverhältnisse darstellt“ Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (1972 (1921), S. 835).

Diesen Dispositiven eigen ist ein je spezifischer Diskurs, dem oft auch eine Institutionalisierung als Disziplin in der Wissenschaft folgt[14] sowie in der Regel eine Professionalisierung. Manchmal geht die Professionalisierung der Verwissenschaftlichung zurvor. Gab es früher HeimerzieherInnen, so entwickelte sich dieser Beruf im Laufe der Zeit zum Beruf der SozialpädagogIn usw. Mit der Professionalisierung einher geht zum einen der Versuch, durch die Professionalität eine Fokussierung auf die Thematik zu erreichen, für welche die Professonalisierung vorgenommen wird. Im Bereich der curricularen Ausrichtung führt das manchmal zu skurillen Suchbewegungen nach so genannten wichtigen „Kompetenzen“[15]. Fokussierung auf so genannte „Kernaufgaben“ neigen aber dazu aufgrund des angewandten diagnostischen Algorythmus Fälle zu generieren, für welche der neu fokussierte Dienst nicht wirklich zuständig ist, mit der Folge, dass daraus neue Spezialisierungen entstehen. Dieser schismogenetische Prozess[16] führt nicht nur zu einer laufenden Aufsplitterung des geistigen Systems welches dahinter steckt, sondern gibt dadurch auch Anlass zur ständigen Reform dieses Systems.

Aber wie auch immer dieses System reformiert wird, es wird nie etwas anderes tun können als die zweckrationale Verwaltung der ihm zugeteilten Fälle. Und mit einem gewissen Erstaunen stellen die professionalisierten BeziehungsarbeiterInnen manchmal – und sehr oft auch nicht, weil sie ihr eigenes Tun nicht mehr verstehen – fest, dass ihre Beziehungen auf der Strecke bleiben, da alle Beziehungen, die sie im Rahmen ihrer Aufgabe übernehmen durch die Institution der Lohnarbeit vermittelt sind, also immer nur im Horizont ihrer Kündigungsfrist stabil sind. Das hat in verschiedenen Einrichtungen der sozialstaatlichen Dispositive unterschiedliche Wirkungen und ist abhängig von der Streuung der Aufenthaltslängen der als Klienten sich in diesen Systemen aufhaltenden Menschen. Dort, wo die Aufenthaltsdauer sehr kurz ist, wie in der überwiegenden Zahl der Fälle in Akutspitälern und dort, wo eine Beziehung in der Regel nicht erwünscht wird, in Gefängnissen etwa, erscheint die Problematik etwas geringer zu sein, als dort, wo Kinder über eine lange Zeit fremdbetreut werden müssen. Hier hat sich die Überlegenheit des Konzeptes der familiären Platzierung gegenüber den Platzierungen in Heimen deutlich gezeigt. Bei so genannt behinderten Menschen mit großem Betreuungsbedarf ist es in der Regel wieder die Arbeit von Frauen, meist der Mütter dieser Kinder, die es diesen Menschen ermöglicht, in ihren angestammten Milieus zu leben. Werden sie erwachsen, werden die Eltern älter, so bleibt in vielen Fällen wieder nur die Lösung einer stationären Einrichtung, ein Behindertenheim und für die Arbeitssituation eine so genannte geschützte Werkstätte. Dieser Zweig professionalisierter sonderpädagogischer Arbeit hat sich in der Schweiz inzwischen zu einer Branche entwickelt, die sich mit dem Siegel der Nonprofitorganisation – die ideologischen Implikationen dieser Konstruktion werden in der Regel nicht bedacht – auf den Weg macht, ihre Einrichtungen nach einer betriebswirtschaftlichen Logik, d.h. wieder zweckrational und bürokratisch zu strukturieren, dabei immer einen Vorwand findend, die so genannten Dienstleistungen zu rationalisieren, also gleichviel Beziehung pro Zeiteinheit leisten zu können. An der Messung der daraus resultierenden Lebensqualität wird emsig geforscht. Vermutlich wäre es ganz einfach besser, ein gutes Leben führen zu können, als in der verwalteten Misere nach Qualität zu suchen. Das Problem liegt dabei nicht bei den Bemühungen der professionell Tätigen, sondern darin, dass ihre Tätigkeiten systemisch so gesteuert sind, wie oben kurz umrissen. Die Probleme liegen weder auf einer motivationalen noch einer moralischen Ebene, des sich zu wenig Bemühens. Sie liegen vielmehr tiefer in den Grundlagen der aktuellen Vergesellschaftung und sind meines Erachtens auch nur aus der Analyse dieser Grundlagen heraus produktiv veränderbar.



[12] Das Konzept der Invalidenversicherung, wie es ursprünglich gedacht war, entspringt ganz der kleinbürgerlichen Familienideologie, nach der der Mann das Geld verdient und die Frau den Haushalt führt, sollte der Mann durch Unfall oder Krankheit die Fähigkeit verlieren, seine Arbeitskraft zu verkaufen, so sollte die Invalidenversicherung, also die Versicherung für die unbrauchbar gewordene Arbeitskraft, solidarisch einspringen und die Familie dieses Mannes vor Not bewahren. Als die Versicherung dann schließlich nach vierzig Jahren Auseinandersetzung in der Schweiz 1961 eingeführt wurde, hatte sich der Diskurs nur wenig verändert

[13] Am 1. Mai 1886 begann in Chicago ein Streik um den Achtstundentag. Einer der Führer dieser Bewegung August Vincent Theodor Spies (1855 - 1887) ein deutscher Emigrant und Arbeiterführer wurde im Gefolge der Unruhen hingerichtet. Es handelte sich dabei um einen Justizmord. 30 Jahre später wurden die Anarchisten Ferdinando „Nicola“ Sacco (1891–1927) ) und Bartolomeo Vanzetti (1888–1927) ebenfalls wegen eines Mordes, den sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Die deutsche Regierung unter dem Reichskanzler Otto vom Bismarck hatte 1878 und in den darauffolgenden Jahren bis 1890 eine Reihe von Sozialgesetzen erlassen. Eine der PionierInnen der sozialen Arbeit war Jane Laura Addams (1860 – 1935), die in ihren theoretischen Ansätzen an den Spaltungen des Kapitalismus ansetzt, an der territorialen Aufsplitterung der Klassen (Arbeiter- und Migrantenviertel), an der patricharchalen Hegemonie der Kultur und an den Profitinteressen der großen Kapitale. Adams forderte deshalb mehr Demokratie im sozialen Leben und versuchte das kapitalistische Monstrum durch Vertraglichkeit zu zähmen. Im deutschsprachigen Raum findet sich eher der Begriff der Fürsorge als Vorläufer der Sozialarbeit

[14] Diesen Institutionalisierungen eigen ist ihr Bindestrichcharakter, so entstehen eben Sozial-Pädagogik, Krimial-Soziologie, Sonder-Pädagogik, die sich manchmal unter dem Dach einer bestehende Disziplin, manchmal unter dem einer „neuen“ etablieren. So lässt sich beispielsweise für die Schweiz seit dreißig Jahren ein Diskurs verfolgen, welcher „Soziale Arbeit“ als „neue“ Wissenschaft auf Kosten der angestammten „Sozialpädagogik“ etabliert. Die jeweiligen zwischen den Disziplinen monierten Differenzen, welche die Separiertendenzen zu begründen suchen, sind in sich kontingent und werden mit zunehmender Institutionalisierung einer Disziplin und im Kampf um das notwendige wissenschaftliche Fundraisung zunehmend scholastisch entwickelt.

[15] So wird beispielsweise in einem Beruf die „Sozialkompetenz“ in der Lehrabschlussprüfung geprüft. Vgl. dazu Graf/Weisser (2007).

[16] Zum Konzept der Schismogenese vgl. Gregory Bateson (1981).

Das Revolutionsdreieck von „liberté égalité fraternité

Die Revolutionen des 18. Jahrhunderts haben ein Versprechen abgegeben, das bis heute nicht eingelöst worden ist. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, so werden die Parolen dieser Revolution übersetzt. Ralf Dahrendorf hat in seinem Werk immer wieder gezeigt, wie wichtig das Moment der Freiheit ist, ohne Freiheit ist alles nichts. Die Frage der Gleichheit beschäftigt das ganze 19. Jahrhundert. Im Kampf um die Historizität werden es die Arbeiterbewegung und die sie vertreten wollenden sozialistischen Parteien sein, welche diesen Kampf um die Gleichheit der citoyennes vorantreiben, dabei auch einige wichtige Erfolge erzielen, ohne dabei das Zentrum der Republik, das Eigentum antasten zu können. Etwas vergessen gegangen ist dabei die scharfe Auseinandersetzung in der so genannten Arbeiterbewegung zwischen ihrem marxistischen und ihrem anarchistischen Flügel. Was gewissermaßen im Konzept von Charles Fourier (1772 - 1837) im Konzept seiner Phalanstère noch im Zusammenhang gedacht werden konnte, das zerbricht im Laufe dieser Auseinandersetzung und die Marginalisierung jener Strömung, welche zum Anarchismus werden wird, führt zur tendenziellen Geringschätzung dessen, was mit „Brüderlichkeit“ gemeint ist, die Anerkennung der Vielheit der Menschen, ihre Anerkennung in Freiheit und Gleichheit angesichts ihrer Verschiedenheit. Dieses Moment ist absolut zentral im Kontext jener Phänomene, die mit „Behinderung“ assoziiert werden. Die Auseinandersetzungen um Behinderung haben sich in der Arbeitsgesellschaft kapitalistischer und sozialistischer Provenienz fast ausschließlich darum gedreht, wie Menschen in den Lohnarbeitsprozess einzubeziehen sind, selbst dort, wo solche Versuche tendenziell ad absurdum geführt werden, wie in jenen Firmen, die sich einem so genannten „2. Arbeitsmarkt“ zuzählen und die dank staatlicher Subventionen in der Regel kleine mittelständische Familienbetrieben konkurrieren, die auf solche Unterstützung nicht zählen können. Selbstverständlich kann hier das, was gemeinhin die freie Konkurrenz genannt wird, nicht spielen. Die dahinterliegende Problematik zeigt einzig auf die Schieflage einer Bewertungsskala menschlicher Äußerungen, welche allein auf die aktuelle Verwertbarkeit des Arbeitsvermögens eines bestimmten Menschen abstellt. Die Verkaufsmöglichkeiten des Arbeitsvermögens orientieren sich aber logischerweise nicht an den Arbeitskräften, welche ihre Arbeitsvermögen zum Verkauf anbieten, sondern an der Nachfrageseite der Unternehmen, die unter dem Zwang der Kapitalverwertung nur an ganz bestimmten Segmenten der angebotenen Arbeitsvermögen interessiert sein können.

Sozialräumlichkeiten

Die Diskussion um Sozialräume, bzw. um den so genannten „dritten Sozialraum“ zeigt im wesentlichen nur auf, wie hilflos auf die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse reagiert wird. Im globalisierten Kapitalismus ist tendenziell nur eine androgyne Arbeitskraft interessant, die über die Fähigkeit einer Teflonbeschichtung verfügt, was ihre Beziehungsfähigkeit anbelangt, weil von ihr verlangt wird, sich jeder Anforderung des so genannten Arbeitsmarktes nicht nur willfährig zu fügen, sondern sich in jedem möglichen sozialen Arrangement auch sofort gut und schnell anzupassen und vor allem zu funktionieren. Wer diesen globalisierten Anforderungen nicht entspricht oder – horribile dictu – nicht entsprechen will, wird in diesen Produktionsverhältnissen unweigerlich marginalisiert und gerät in den Bannkreis der sozialpolitischen Dispositive, die sich mit ihm oder ihr nach Maßgabe des „Abweichens“ zu befassen beginnen.

Und so stellt sich denn die Frage, ob es denn, falls man den hier geäußerten Überlegung mehr und vielleicht auch weniger zustimmen mag, überhaupt einen Weg geben kann, der nicht im sofortigen Umsturz aller bestehender Verhältnisse und damit in Utopia enden kann.

Gibt es Pfade aus Utopia?

Es gibt sie zweifellos. Und einige Schritte können hier auch angezeigt werden. Was die so genannte behinderten Kinder betrifft, so ist an der Forderung nach ihrer Integration in die Volksschule ohne wenn–und–aber festzuhalten. Solange ein staatlicher Schulzwang gilt, sollen alle Kinder im nächsten ihrem Wohnort gelegenen Schulhaus beschult werden. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass dies möglich ist.

Im Hinblick auf jene Aspekte, die unter Solidarität gefasst werden und mit Tätigkeiten wie Kindererziehung, Altenpflege usw. verbunden sind, gilt es, die Männer zu zwingen, sich dieser Arbeiten gleichberechtigt wie die Frauen anzunehmen. Da sie seit Jahrzehnten allen Appellen zum Trotz, sich gleichermaßen zu beteiligen, entziehen, müssen sie eben dazu gezwungen werden, ihre Freiheit ist hier einzuschränken. Die Folgen einer solchen Entwicklung für die Wirtschaft werden groß sein. Die Idee der Gewinnmaximierung kann ohne weiteres weiterverfolgt werden, aber einige Rahmenbedingungen dafür, Gewinne zu erzielen, werden sich verändern. Damit erscheinen neue Beschäftigungsopportunitäten für Arbeitsvermögen.

Die gebaute Sozialräumlichkeit wird unter solchen Perspektiven ihre grundlegenden Defizite zeigen, nicht nur im Hinblick auf die Barrieren, die sie enthält, sondern auch im Hinblick auf ihre katastrophal defizitäre Nachhaltigkeit. Damit wird insbesondere die Frage nach der privaten Verfügbarkeit über Grund und Boden zu einem politischen Thema werden, da ganz offensichtlich hier die Institution des Privateigentums versagt hat.

Diese wenigen Schritte zeigen, dass es ziemlich leicht ist, ein Forderungsprogramm aufzustellen, welches so verfasst ist, dass die heute randständigen Menschen, die Alten, Gebrechlichen, Schwachen, die Kinder, die Behinderten, die MigrantInnen, usw. ohne weiteres immer mitgedacht sind.

Ebenso klar ist, dass allein das Aufzählen solcher Forderungen vielerorts Gänsehaut erzeugt und zu geistigen und emotionalen Abwehrreaktionen führt. Grundsätzlich kann aber mit der Veränderung der Verhältnisse, in denen wir leben, sofort und überall begonnen werden. Denn es gibt keine andere Lösung, als dass wir unsere eigenen Geschicke in eigener Verantwortung wahrnehmen.

Das erfordert eine Auseinandersetzung darüber, wie wir miteinander leben. Die Diskussion um den dritten Sozialraum mag hier einen Anfang machen.

Literatur

Adorno, Theodor , W., Horkheimer , Max. 1984. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Bateson, Gregory. 1981. Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Dahrendorf, Ralf. 1974. Pfade aus Utopia. Zur Theorie und Methode der Soziologie. München: R. Piper & Co. Verlag.

Elias, Norbert . 1977. Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Elias, Norbert . 1982. Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Fromm, Erich. 1980 (1941). Die Furcht vor der Freiheit. Stuttgart: DVA.

Fromm, Erich. 1990. Die Entdeckung des gesellschaftlichen Unbewussten. Weinheim und Basel: Beltz.

Graf, Erich, Otto, Weisser , Jan. 2007. Sozialkompetenzen live beurteilen. Ein Forschungsbericht über die Beurteilung von Sozialkompetenzen in der beruflichen Bildung am Beispiel der Ausbildung zur Fachfrau Betreuung / zum Fachmann Betreuung. Bern: Edition Soziothek.

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Der Autor

Erich Otto Graf, Dr. phil

Universität Zürich, Institut für Erziehungswissenschaft

Bereich Sonderpädagogik

Hirschengraben 48, CH-8001 Zürich

Tel. ++41 44 634 31 39, eograf@ife.uzh.ch

Quelle

Erich Otto Graf: Wie leben wir miteinander? Erschienen in: Behinderte Menschen 2/2010, S. 39-48.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 03.06.2015

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