"You need to Trust"

Unterstützung im Aufbau von Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

AutorIn: Doris Hagleitner
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 2/2009, Thema: Wir vertreten uns selbst! , S. 42-59. Behinderte Menschen (2/2009)
Copyright: © Behinderte Menschen 2009

Information

BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von der Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

"You need to Trust"

Vertrauen in die Fähigkeiten und Kompetenzen von Menschen mit Lernschwierigkeiten sich und andere zu vertreten, kann als eine der wichtigsten Grundlagen von Unterstützung von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten angesehen werden. Das wohl größte Hindernis im Aufbau von Selbstvertretungsorganisationen, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten geleitet werden, ist das fehlende Vertrauen in eben diese Fähigkeiten. "You need to trust!" Ist ein Ausspruch eines langjährigen Unterstützers von Central England People First, der mich immer wieder an diesen Grundsatz erinnert.

Großteils beruht dieser Artikel auf meinen eigenen Erfahrungen, die ich als Unterstützerin von People First-Organisationen in England und Österreich gemacht habe. Dabei widme ich mich in diesem Artikel schwerpunktmäßig dem Thema Unterstützung von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, die gemeinschaftlich und im Rahmen von weitgehend unabhängigen Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen innerhalb der so genannten People First Bewegung geschieht. Professionelle Selbst- und Interessensvertretung die durch Organisationen, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten geleitet werden, geschieht, sollte nicht als "einzig erstrebenswerte Form" von Selbst- und Interessensvertretung gesehen werden. Die Vielfalt verschiedener Selbstvertretungsgruppen und Mitbestimmungsstrukturen ist wichtig. Professionelle und weitgehend unabhängige Organisationen können verschiedene andere Gruppen unterstützen und vernetzen.

An der Entstehung dieses Artikels hat Mensch Zuerst - People First Vorarlberg mitgewirkt. Drei SelbstvertreterInnen (Heidi Mackowitz, Daniela Schwald und Marco Walch) brachten ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu folgenden Fragen ein: "Welche Unterstützung war für den Aufbau von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg wichtig?" und "Wieso ist es wichtig, dass es Mensch Zuerst - People First Vorarlberg gibt?" So sind einleitend Aussagen von SelbstvertreterInnen von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg dargestellt, in denen sie die Wichtigkeit ihrer Organisation beschreiben. Die Notizen der Aussagen der SelbstvertreterInnen werden nachfolgend in den Kästen dargestellt:

  • "Es geschieht endlich etwas in Vorarlberg. Menschen mit Lernschwierigkeiten setzen sich ein und können selbst etwas machen. Wir vertreten unsere Meinung selbst. Unsere Meinung zählt! Früher hat man gesagt, dass wir zu dumm dafür sind. Es ist wichtig, dass es Mensch Zuerst - People First Vorarlberg gibt, damit wir unsere Wünsche einbringen und umsetzen können. Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen ernst genommen werden! Wir setzen uns für unsere Rechte ein. Es gibt uns, weil wir zusammenhalten und gemeinsam für uns und andere da sind." Heidi Mackowitz, Selbstvertreterin, Mensch Zuerst - People First Vorarlberg

  • "Menschen mit Lernschwierigkeiten helfen anderen Menschen mit Lernschwierigkeiten weiter. Nach dem Motto: "Gleiche beraten Gleiche". Mensch Zuerst - People First Vorarlberg setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten so akzeptiert werden, wie sie sind und besser in die Gesellschaft aufgenommen werden." Daniela Schwald, Selbstvertreterin / Gründungsmitglied, Mensch Zuerst - People First Vorarlberg

  • "Mensch Zuerst - People First Vorarlberg hilft Leuten mit Lernschwierigkeiten, damit sie gehört werden. Wir vertreten die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Öffentlichkeit. Ich habe selber einen Mund zum Reden, ich brauche niemanden, der für mich spricht! Menschen mit Lernschwierigkeiten können sich trauen, uns ihre Probleme kund zu tun. Denn wir haben ähnliche Erfahrungen. Wir können Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei unterstützen ihre Meinung zu vertreten, sodass sie gehört werden. Ich finde es gut, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten endlich eine Stimme haben, gehört und ernst genommen werden." Marco Walch, Selbstvertreter / Gründungsmitglied, Mensch Zuerst - People First Vorarlberg

Nachfolgend wird durch die Darstellung verschiedener Aktivitäten der Selbstvertretungsbewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten eine erste Annährung an das Thema Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten versucht. Die Darstellung zeigt die Vielfalt von Aktivitäten auf und weist auf das hin, was unabhängige Organisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten für die Selbst- und Interessensvertretung leisten können. Im Anschluss daran wird die Starthilfe und konkrete Unterstützung beschrieben, die für das Entstehen und den Aufbau von Selbstvertretungsorganisationen / People First-Organisationen notwendig sind.

Aktivitäten der Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Im Allgemeinen kann Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten von zwei verschiedenen Standpunkten aus gesehen werden: kollektive und individuelle Selbstvertretung. Ohne näher auf diese Unterscheidung einzugehen, erscheint es wichtig hervorzuheben, dass Selbstvertretung ein grundlegender, alltäglicher und individueller Prozess ist. Um Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten besser verstehen und unterstützen zu können, ist es hilfreich sich selbst die Frage zu stellen: "Wieso ist es für mich wichtig, für mich selbst zu sprechen und mich selbst zu vertreten?" Es gibt verschiedene Formen der Selbstvertretung bzw. Self Advocacy, die in einem gemeinschaftlichen Rahmen passieren. Es geht einerseits um die Vertretung der eigenen und anderseits um die Vertretung der gemeinsamen Interessen. Die Grenze zwischen privater und politischer Ebene verläuft dabei oft fließend. Als eine Form der Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten kann auch die Peer-Vertretung/-Advocacy von Menschen mit Lernschwierigkeiten genannt werden. Das heißt Menschen mit Lernschwierigkeiten vertreten / unterstützen andere Menschen mit Lernschwierigkeiten auf einer individuellen Ebene. (vgl. Rapaport / Manthorpe / Moriarty/ Hussein & Collins 2005)

Im Folgenden wird die Vielzahl an Aktivitäten der Selbst- und Interessensvertretung in Verbindung mit verschiedenen Beispielen aufgezeigt. Einerseits wird hierbei auf Entwicklungen in Großbritannien und dabei insbesondere auf die Aktivitäten von Central England PeopleFirst bzw. Devon People First Bezug genommen, anderseits werden auch Beispiele aus Österreich zur Verdeutlichung herangezogen (vgl. hierzu auch ausführlicher Hagleitner 2009).

Selbstvertretungsgruppen verfolgen zwar unterschiedliche Ziele und weisen unterschiedliche Strukturen auf, ihnen allen gemeinsam ist jedoch, dass sie im Rahmen regelmäßig stattfindender Gruppentreffen zusammenkommen, um ihren Interessen nachzugehen und diese voranzubringen. Diese Gruppentreffen können je nach Organisationsgrad der Selbstvertretungsgruppe von monatlichen Zusammenkünften im Falle von ehrenamtlich organisierten Gruppen bis hin zu Aktivitäten auf täglicher Basis bei professionell verankerten Organisationen, die ein eigenes Büro betreiben variieren. Die Bandbreite von Organisationsformen der Selbstvertretung bewegt sich folglich zwischen Organisationen, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten geleitet werden und als registrierte Unternehmen, Vereine bzw. Charity-Organisationen geführt werden, bis zu Gruppen, die innerhalb von Behinderteneinrichtungen bestehen (so genannte "service user groups") (vgl. dazu auch den Beitrag von Gritsch / Köbler / Kofler / Rauchberger & Scheiblauer in diesem Heft).Die im Folgenden dargestellten Aktivitäten können als einzelne konstituierende Bausteine der Arbeit von Selbstvertretungsgruppen gesehen werden. In professionellen Selbstvertretungsorganisationen sind meist alle Bausteine in irgendeiner Form vorhanden, während ehrenamtliche Gruppen, die sich nicht auf einer täglichen Basis zusammenfinden, nur einigen Aktivitäten nachgehen.

Gruppen

Die Veranstaltung von Gruppentreffen ist die Basis jeder organisierten Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Erfahrungsaustausch in der Gruppe, Selbsterfahrung, gegenseitige Unterstützung, sich und andere vertreten, sowie Problemlösung und Entscheidungsfindung können als häufige Tätigkeiten von Selbstvertretungsgruppen beschrieben werden (vgl. Goodley 2000). Dies wird anhand des folgenden Zitats veranschaulicht: "Wir Betroffenen können mitanderen Betroffenen zusammenkommen unduns untereinander austauschen. Wir könnenuns helfen Lebensentscheidungen zu treffenund von Erfahrungen, die von anderen gemachtwurden, lernen. Und so kann man entscheiden,was man gerne selber möchte (...)." (Projekt "Wir vertreten uns selbst" 1999, 30).

Politische Tätigkeiten / Öffentlichkeitsarbeit

Wie das folgende Zitat eines Selbstvertreters von Central England People First aufzeigt, ist ein Teil der Arbeit andere Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erreichen und zu ermutigen: "So we do things like going to places to speakup and get them to those groups (...) things likegetting more people involved. So I think out ofmy experience, it feels better to get people cometo it and come along with it (...) See, what weare doing, give people a chance to do things theyhaven't done. (...)Encourage people to get out ofthe daycentres. (...) we are taking them out ofthe daycentres, into the community. To do thingsthey haven't done before, in the past, a long wayof time." (Hagleitner, research report and finding. 2009)

Aktivitäten die dem politischen Tätigkeitsspektrum zugeordnet werden können reichen von gesellschaftlicher Präsenz durch das Bestehen der Gruppe an sich, über die Veranstaltung von Tagungen und Kongressen, gezielten politischen Aktionen, wie beispielsweise Demonstrationen oder Radiointerviews, Informationsveranstaltungen, usw., bis hin zu Kampagnen gegen diskriminierende Bezeichnungen, Darstellungen und Vorgehensweisen.

Aus- und Weiterbildung / Beratung und Unterstützung anderer Selbstvertretungsgruppen

Eine weitere Aktivität innerhalb der People First-Bewegung ist das Organisieren undAnbieten von Aus- und Weiterbildungsangebotenfür Menschen mit Lernschwierigkeiten,Eltern, Fachleute und Studenten, sowie UnterstützerInnenvon Menschen mit Lernschwierigkeiten.Diese Bildungsangebote werden inForm von Trainingstagen, Workshops innerhalbanderer Veranstaltungen, Präsentationen,regionalen, nationalen und internationalenKongresse durchgeführt. Selbst- und Interessensvertretungsorganisationenbieten einbreites Weiterbildungsangebot an, wie im Folgendendargestellt:

  • Weiterbildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten: Diese reicht von "Speaking up- Kursen", über themenspezifische Angebote (z.B.: Wohnen oder Geld), bis zu "Train the Trainer-Seminaren".

  • Weiterbildungs- und Beratungsangebote für Professionelle, Studenten und Personen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen: Meist haben diese Angebote folgende Themen zum Inhalt: Selbstvertretung und damit verbundene Themenbereiche, Forderungen und Erwartungen von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Einrichtungen und Dienstleistungen, gute Unterstützung, die Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Menschen mit Lernschwierigkeiten.

  • Aufbau und die Unterstützung anderer Selbstvertretungsgruppen ist ein weiteres Anliegen innerhalb der Bewegung. Ein solches Angebot bietet die Beratungsstelle Wibs (Wibs).

Soziale Aktivitäten

Die Organisation und Durchführung sozialer Aktivitäten ist grundlegender Bestandteil des Angebots von Selbstvertretungsorganisationen (vgl. Kniel & Windisch 2005). Soziale Aktivitäten - wie beispielsweise ein gemeinsamer Lokalbesuch oder die Veranstaltung einer Disko - sind dabei sehr beliebt. Da die Mitarbeit in Self Advocacy-Organisationen in Großbritannien oft ehrenamtlich erfolgt, wird von den Mitgliedern die Wichtigkeit von sozialen Aktivitäten unterstrichen. Ebenso helfen solche Angebote bei der Vernetzung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und können eine gute Möglichkeit darstellen mit People First-Organisationen in Kontakt zu kommen.

Involvierung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Forschung

In Großbritannien kam es mehrfach zur Involvierung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und ihren Organisationen in Forschungsprojekte. Solch eine Einbindung in Forschung stellt für Menschen mit Lernschwierigkeiten eine Möglichkeit dar, ihre Stimme hörbar bzw. sichtbar zu machen und dadurch an Einfluss zu gewinnen. In Großbritannien haben SelfAdvocates, meist mit der Unterstützung von WissenschafterInnen eigene Autobiographien und gemeinsame Veröffentlichungen publiziert (vgl. z.B. Goodley 2000; Atkinson / Jackson& Walmsley 1997). Weiteres haben Self Advocacy-Organisationen bzw. Gruppen an Forschungsprojekten teilgenommen und eigene Forschungsprojekte initiiert und durchgeführt (vgl. z.B. Abbell et. Al. 2007). Als Beispiel für ein Forschungsprojekt, das von Central EnglandPeople First durchgeführt wurde, kann "Our lives, our communities: Promoting independence and inclusion for people with learning difficulties" genannt werden. Es handelt sich um ein Forschungsprojekt, das von Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst durchgeführt wurde. Im Resümee des Forschungsbericht beschreiben die ForscherInnen mit Lernschwierigkeiten die Schwierigkeiten als ForscherInnen ernst genommen zu werden: "Wehave found that we are still not taken seriouslyas researchers by a lot of people. Hopefully,this report will make people see that we can doresearch and help them understand how we canbe independent and included." (Hart C., ShaneC., Spencer K. and Still A. 2007)

Im deutschsprachigen Raum können in den letzten Jahren ebenfalls Tendenzen hin zur Entwicklung einer inklusiveren Forschungspraxis beobachtet werden (vgl. z.B. Koenig / Buchner 2008).

Vernetzungsarbeit

Vernetzungsarbeit mit gleich gesinnten Gruppen und Organisationen ist für die Stärkung der Bewegung entscheidend. Dies passiert einerseits durch Tagungen und Kongresse, durch die Vernetzung einzelner Gruppen, sowie die Erstellung von Datenbanken, die zur gegenseitigen Information genutzt werden können. Eine Vernetzung auf nationaler und internationaler Ebene kann eine Stärkung der Bewegung bedeuten, sowie produktiven Erfahrungsaustausch ermöglichen. Beispiel dafür ist die Gründung des "Netzwerk Selbstvertretung" 2008 durch SelbstvertreterInnen aus Österreich, Schweiz, Italien und Deutschland (vgl. Gritsch / Köbler / Kofler / Rauchberger & Scheiblauer in diesem Heft).

Leitung und Organisation von Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen

Leitung, Organisationsarbeit bzw. Aktivitäten, die zum Funktionieren und Fortbestehen der Organisation / Gruppe notwendig sind ebenfalls als wichtige Bestandteile der Selbst- und Interessensvertretungsbewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu sehen. Dabei kommt der insbesondere der Selbstorganisation der Gruppen durch Menschen mit Lernschwierigkeiten ein wichtiger Stellenwert zu (vgl. Rock 2001, 31).

Wichtige Bestandteile dieses Aktivitätsbereichs sind die Auswahl, Anleitung und Koordination von UnterstützerInnen. Praktisch formuliert fallen darunter beispielsweise die Durchführung von Bewerbungsprozessen, sowie die Beschreibung von Aufgaben, Regeln und Grundsätze für UnterstützerInnen. Devon PeopleFirst beschreibt dies wie folgt: "Our officesare run by people with learning disabilities.We get help from support people we employourselves. These support people cannot vote ormake decisions. We also get help from advisorswho know about things like money, the law andother areas where we need help." (Devon PeopleFirst)

Wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre eigene Organisation aufbauen und leiten, können sie Strukturen, Arbeitsabläufe, Regeln und Grundsätze derart gestalten und bestimmen, dass sie ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten bestmöglich entsprechen. Dabei ist es wichtig dass die Verantwortung für diese Leitungsaktivitäten bei Menschen mit Lernschwierigkeiten liegt, wobei die Leitung von Selbstvertretungsgruppen unterschiedliche Formen annehmen kann. Es kann ein Team von Menschen mit Lernschwierigkeiten für die Leitung verantwortlich sein, oder aber eine/r oder mehrere gewählte oder eingesetzte KoordinatorInnen oder ProjektleiterInnen. Der Leitung wird auch meist ein Unterstützer / eine UnterstützerIn zur Seite gestellt, dem / der die Aufgabe zukommt die Person in der Ausführung dieser Funktion zu unterstützen.

Am Beispiel von Central England People First werden der Stellenwert und die Vielfalt dieser Aktivitäten deutlich. Central England PeopleFirst ist eine Organisation, die von ihren Mitgliedern folgendermaßen beschrieben wird: "An organisation run and controlled by peoplewith learning difficulties." (Central EnglandPeople First). Dies findet Ausdruck in der formalen Struktur als registriertes Unternehmen und "Charity"-Organisation (= eine gemeinnützige Organisation). Menschen mit Lernschwierigkeiten besetzen folglich alle formalen Positionen innerhalb ihres Unternehmens.

Die Organisation unterhält eigene Büroräumlichkeiten, in denen Menschen mit Lernschwierigkeiten - mit der notwendigen Unterstützung - das Tagesgeschäft selbst abwickeln. Diese Aktivitäten erstrecken sich beispielsweise vom Telefondienst, über das Erledigen der Post, Abwickeln der Finanzen, Auszahlung der Gehälter bzw. Spesen, Akquisition von Aufträgen, bis hin zur Regelung rechtlicher Belange. Ebenso sind es Menschen mit Lernschwierigkeiten, die für die längerfristige Planung und Entwicklung der Organisation verantwortlich sind.

Wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Organisation bzw. Gruppe mit der dafür notwendigen Unterstützung selbst leiten und die dafür erforderlichen Aktivitäten selbst durchführen, so erlangen sie direkte Kontrolle über ihre Organisation bzw. Gruppe, da sie sowohl die entscheidende, als auch die ausführende Instanz sind. Dies bietet Menschen mit Lernschwierigkeiten die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen und Fähigkeiten zu erlernen, die ihnen sonst meist verschlossen bleiben. Rock beschreibt, dass es hierfür genügend Zeit und Übung benötigt (Rock 2001, 31). Dem könnte hinzugefügt werden, dass Möglichkeiten Risiken einzugehen und Fehler zu begehen, vorhanden sein müssen: "Mistakes are madeand need to be allowed for. Sometimes mistakescost money. Money has to be found to coverthem." (Morris, 2004). So kam es im Laufe der Entwicklung von Central England People First dazu, dass für Mitglieder andere Prioritäten in den Vordergrund rückten, und mehr Raum für andere inhaltliche Aktivitäten anstrebten. Da sie sich durch die Ausführung der Leitungsaktivitäten einem konstanten Druck ausgesetzt fühlten. entschieden sie sich dafür einen Teil der administrativen Arbeit an eine Person ohne Lernschwierigkeiten zu delegieren. (Morris, 2004). Wichtig erscheint dabei allerdings zu betonen, dass sich die Gruppe selbst zu dieser Delegation von Aufgaben entschloss, ein Prozess der auch im Rahmen anderer Organisationen unter dem Stichwort des "Outsourcing" eine Form der Konzentration auf die eigentlichen Kernkompetenzen einer Organisation darstellt. Aufgaben zu delegieren und dennoch in gewisser Hinsicht die Kontrolle zu haben, setzt eine ungefähre Kenntnis der delegierten Aufgaben, sowie der Leitungskompetenzen voraus und ist somit ein weiterer Nachweis der durch die Tätigkeit in einer Selbstvertretungsgruppe erfahrenen Ausweitung der Kompetenzen der einzelnen Mitglieder.

Vertretung, Beratung und Information

Beratung und Information passieren einerseits innerhalb des informellen Rahmens der Gruppe selbst, andererseits als formelles Angebot der Organisation an Außenstehende im Rahmen von "Peer Support bzw. Counselling". Ein Beispiel dafür ist die Innsbrucker Beratungsstelle Wibs - Wir informieren beraten bestimmenselbst. Es handelt sich um eine Beratungsstelle, die Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten Information und Beratung in den Bereichen "Rechte" und "Selbstbestimmung" sowie zu Themen wie "Wohnen", "Arbeit", "Sexualität" u.a. anbietet. (Wibs)

Eine besondere Form der Vertretung und Beratung ist One to one individual advocacy. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten ist es oftmals schwierig die eigenen Anliegen zu formulieren, durchzusetzen und sich selbst zu vertreten. One to one individual advocacy unterstützt Menschen mit Lernschwierigkeiten in diesem Prozess. Wichtig ist dabei die Unabhängigkeit der Organisation, die diese Beratungstätigkeit / Hilfestelltung anbietet. Beispielsweise ist es für Angestellte einer Einrichtung, die Dienstleistungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten anbieten, oftmals schwierig die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu vertreten oder diese zu unterstützen. Es können Interessenskonflikte zwischen den Anliegen des / der ArbeitgeberIn und der Person mit Lernschwierigkeiten entstehen (z.B. wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten Risiken eingehen oder Angebote von anderen Einrichtungen in Anspruch nehmen möchten).

Bei One to one individual advocacy handelt es sich um eine besondere Form der Self Advocacy bzw. Advocacy. Dabei unterstützen und vertreten Menschen mit Lernschwierigkeiten, die dementsprechende Erfahrung und Ausbildung besitzen, andere Menschen mit Lernschwierigkeiten auf individueller Basis, meist mit Hilfe einer / eines Unterstützerin / Unterstützers. Menschen mit Lernschwierigkeiten konnten durch ihre jahrelangen Tätigkeiten als SelbstvertreterInnen vielseitige Erfahrungen sammeln, wie z.B. sich selbst und andere zu vertreten, die Organisation des Auszuges von Zuhause oder aus Einrichtungen, einen Hauskauf, die Organisation und Anleitung von Unterstützung oder das Umgehen mit DirectPayments (= persönliches Budget) (Morris, 2004). Einige wenige Self Advocacy-Organisationen in Großbritannien haben diese Form der Peer-Vertretung und Beratung konstant in ihr Angebot aufgenommen. Devon People First beschreibt dieses Angebot wie folgt: "DevonPeople First can support you to speak up foryourself about things that are important to you.We can help you to speak up to get what youwant." (Devon People First)

Die Fähigkeit für sich selbst zu sprechen und für seine eigenen Rechte eintreten zu können stellen dabei die Grundvoraussetzungen von One to one individual Advocacy dar: für andere zu sprechen, sie zu vertreten und sie dabei zu unterstützen. Mögliche Aktivitäten von One toone individual Advocacy können dabei sein:

  • das Kennenlernen der Person, ihrer Bedürfnisse und Wünsche,

  • die Leistung gezielter Hilfestellungen wie beispielsweise bei Telefonanrufen oder der Begleitung bei Behördengängen,

  • Information und Beratung,

  • Hilfe beim Um- und Auszug aus dem Elternhaus und aus Einrichtungen,

  • Unterstützung bei Gesprächen mit Institutionen oder der Familie.

Devon People First beschreibt Advocacy dabei wie folgt: "Advocacy is when you speak up foryourself about things that are important to you.Someone can help you speak up for yourself orspeak up for you. Advocacy helps you to takecontrol of your own life, to get more independenceand to get what you want. It might helpyou to find a nicer place to live or stop someonebullying you." (Devon People First)

Ein Advocate steht der Person loyal gegenüber und unterliegt der Schweigepflicht. Schwierigkeiten dieser Form der Peer-Vertretung gründen auf den Vorurteilen, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht in der Lage seien, andere Menschen mit Lernschwierigkeiten zu vertreten, und dass es sich bei dieser Form der Vertretung um einen zeitaufwendigen Prozess handelt (Morris, 2004)

Planung, Entwicklung und Gestaltung von Einrichtungen und Dienstleistungen

Einrichtungen, Trägerorganisationen sowie Sozialpolitik und -verwaltungen haben begonnen die Sichtweisen von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erfassen und diese an der Planung, Entwicklung und Bewertung von Dienstleistungen, Einrichtungen und DienstleistungsträgerInnen zu beteiligen. (Rock 2001, 32) Gleichstellungs-, Antidiskriminierungsgesetze und die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung stärken die Entstehung von Selbstvertretungs- und Mitbestimmungsstrukturen für Menschen mit Behinderung und begünstigen die Entstehung von unabhängigen Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen können Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei unterstützen Mitbestimmung in Bezug auf die Dienstleistungen und politischen Anliegen die sie betreffen, auszuüben. People First-Organisationen können sich für die Entstehung von Mitbestimmungsstrukturen einsetzen und auch Menschen mit Lernschwierigkeiten, die nicht Mitglied einer Selbstvertretungsorganisation sind, unabhängige Unterstützung zur Selbst- und Mitbestimmung anbieten. Treffen bzw. Gremien, die dazu da sind die Anliegen und Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten einzubeziehen, sollten barrierefrei gestaltet werden. Um eine tatsächliche Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu ermöglichen sind folgende Grundvoraussetzungen unbedingt einzuhalten:

  • Unterstützung zur Mitbestimmung durch eine unabhängige Organisation

  • leicht verständliche Sprache

  • Wiederholungen und Pausen

  • Vorabinformation, um Vorbereitung zu ermöglichen

Wenn Einrichtungen, DienstleistungsträgerInnen oder die Sozialpolitik und -verwaltung Menschen mit Lernschwierigkeiten in Planungs- und Entscheidungsprozesse involvieren, so ist es entscheidend Ressourcen bereitzustellen um Strukturen und Abläufe zugänglich zu gestalten. Ohne diese Grundvoraussetzungen bleibt es eine Scheininvolvierung (vgl. Hagleitner 2009).

In Großbritannien wurde durch die Einführung des White Paper "Valuing People" 2001 die Involvierung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in die Planung und Entwicklung von Dienstleistungen und des Dienstleistungssystems verpflichtend vorgeschieben. Es handelt sich hierbei um eine Regierungsstrategie, die die Lebenssituation von Menschen mit Lernschwierigkeiten und ihren Familien verbessern soll. Die Strategie basiert auf den Schlüsselprinzipien: "Rights, Inclusion, Choice und Independence". Sie zielt auf die Verbesserung und Entwicklung von Dienstleistungen ab, soll aber die gesamte Lebenssituation von Menschen mit Lernschwierigkeiten umfassen (Departmentof Health 2003, 3). Das "Valuing People"White Paper hat zur Bildung von Planungs- und Beratungsgremien auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene geführt in denen Menschen mit Lernschwierigkeiten vertreten sind (LearningDisability Partnership Boards, Nationaland Regional Forum for People with LearningDisabilities, Learning Disability Task Force)[1]

2009 veröffentlichte das Department of Health eine weitere Strategie für die kommenden drei Jahre In Valuing People Now wird nochmals unterstrichen, dass die Einbeziehung von NutzerInnen und der Ausbau von Selbst- und Interessensvertretung entscheidend sind. Folgende Richtlinie bringt dies zum Ausdruck: "all peoplewith learning disabilities can speak up and beheard about what they want from their lives -the big decisions and the everyday choices. Ifthey need support to do this, they should be ableto get it." (Department of Health 2009, 100)

Um längerfristige und nachhaltige Veränderungen in der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erreichen, ist die Entstehung von Mitbestimmungsstrukturen notwendig. Diese sollten in Zusammenarbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt werden.

Durch die Beschreibung der Aktivitäten wurde deutlich, dass professionelle und weitgehend unabhängige Selbstvertretungsorganisationen in vielen Bereichen unabhängige Unterstützung, Beratung und Vertretung bieten können. Durch die Leitung der eigenen Organisation entstehen neue Chancen für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Organisationen, die inhaltlich und strukturell den Selbstbestimmungs- und Selbstvertretungsgedanken tragen



[1] Learning Disability Partnership Boards: Das sind Gremien auf lokaler bzw. regionaler Ebene, die Fachleute / VertreterInnen aus unterschiedlichen Bereichen (Gesundheitswesen, Sozialbereich, Bildung, Eltern, Stadtrat, Freiwilligen-Organisationen und Menschen mit Lernschwierigkeiten, die üblicherweise von Self Advocacy Organisationen unterstützt werden) zur gemeinsamen Planung und Entwicklung von Dienstleistungen zusammenbringt. Das Ziel ist es, alle Personen / Organisationen, die an Dienstleistungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten beteiligt sind, zu einer Partnerschaft für einen gemeinsamen Planungsprozess zusammen zu führen.

Learning Disability Task Force: Ist ein Gremium, dass den / die GesundheitsministerIn im Bereich von Menschen mit Lernschwierigkeiten berät. Es setzt sich aus SpezialistInnen unterschiedlicher Sparten, sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammen und ist für die Umsetzung und Überwachung von "Valuing People" verantwortlich. VertreterInnen mit Lernschwierigkeiten werden durch das National Forum gewählt.

National und Regional Forum for People with Learning Disabilities: Das National Forum ist ein Gremiumdas durch das Department of Health für Menschen mitLernschwierigkeiten ins Leben gerufen wurde. DiesesForum vertritt die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten bezüglich Dienstleistungen und desWhite Papers auf nationaler Ebene. Dieses Forum wird mit den gewählten RepräsentantInnen (Menschen mitLernschwierigkeiten) aus den regionalen Foren besetzt. (Hagleitner 2009)

Aufbau von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Meine Erfahrungen als Unterstützerin habe ich als Angestellte von People First-Organisationen gemacht, die weitgehend unabhängig sind und von Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst geleitet werden. Organisationen, die ein oder mehrere Büros betreiben, ihren Tätigkeiten auf einer täglichen Basis nachgehen und für deren MitarbeiterInnen (zum Teil oder für alle) Angestelltenverhältnisse bestehen.

Im Folgenden wird jene Unterstützung beschrieben, die für den Aufbau professioneller Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtig ist.

People First-Gruppen oder -Organisationen entstehen oftmals nicht aus Eigeninitiative von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dies ist auch schwierig, bedenkt man den institutionellen Rahmen, in dem sich die meisten Menschen mit Lernschwierigkeiten bewegen. Um die Entstehung von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu unterstützen, ist es - meines Erachtens -, zunächst notwendig einen Rahmen für das Zusammentreffen von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu schaffen. Das heißt Unterstützung bereit zu stellen und Informationen zugänglich zu machen. Dies kann durch die Unterstützung und Organisation einer Selbstvertretungsgruppe oder durch die Anbahnung einer Selbst- und Interessensvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten passieren. Vor allem aber ist es wichtig Menschen mit Lernschwierigkeiten von diesen Möglichkeiten zu erzählen und so genau wie möglich ein Bild davon zu zeichnen, was möglich sein kann.

Es ist für Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten entscheidend, dass SelbstvereterInnen selbst über ihre Organisation bzw. Gruppe bestimmen und Verantwortung für diese tragen.

Wichtige Komponenten dabei sind ausreichend Zeit und Unterstützung. Das heißt Raum und Zeit zu haben ohne zu großen Leistungsdruck von Geldgebern bzw. TrägerInnen. Von außen betrachtet, sind Aufbau und Abläufe in PeopleFirst-Organisationen oft langsam und es könnte in Frage gestellt werden, ob es notwendig ist so Vieles selbst zu tun, wo es doch Menschen ohne Lernschwierigkeiten vielleicht schneller und fehlerfrei tun könnten. Um eine Organisation leiten zu können, ist es für Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtig alle Tätigkeiten und Abläufe selbst kennen zu lernen und zu gestalten. Es ist entscheidend, dass MitarbeiterInnen von People First-Organisationen selbst Erfahrungen sammeln, Fehler machen und Lösungen finden können. Für UnterstützerInnen besteht die Schwierigkeit darin, dies auch zu zulassen und dennoch die notwendige Unterstützung zu geben. Das heißt auf Schwierigkeiten und Risiken aufmerksam zu machen, Ideen einzubringen, aber auch Unterstützung zu geben um die eigene Meinung zu bilden, diese zu vertreten, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu tragen. Hierbei ist die Unabhängigkeit der UnterstützerInnen von Institutionen, die Dienstleistungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten anbieten oder bewilligen, besonders wichtig, weil so die Verantwortung bei Menschen mit Lernschwierigkeiten bleiben kann. UnterstützerInnen tragen die Verantwortung "nur" für gute Unterstützung. "If groups are to provide anindependent voice, then being advised by staffmembers whose loyalties are split may seriouslyundermine the development of self-advocacy." (Goodley 2000, 20) Ebenso sind Reflexion und Supervision wichtiger Bestandteil von Unterstützung in diesem Kontext.

Um den Aufbau von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu fördern, ist Unterstützung auf verschiedenen Ebenen notwendig. Unterstützung und Starthilfe sind auf individueller, institutioneller und sozialpolitischer Ebene erforderlich. Die folgenden Aufstellungen entstanden in Zusammenarbeit mit SelbstvertreterInnen von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg:

Unterstützung durch Institutionen der Behindertenhilfe:

Die Unterstützung einer großen Institution (Caritas Vorarlberg) war wichtig für den Aufbau von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Vorarlberg. Durch den Aufbau von Selbstvertretungsgruppen (Organisation der Gruppe, Räumlichkeiten, in denen man sich treffen kann und das "Zur-Verfügung-Stellen" von UnterstützerInnen) konnten Menschen mit Lernschwierigkeiten von Beginn an in den Aufbau von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg eingebunden werden. Unterstützung wurde in den Bereichen Konzeptentwicklung, Organisation, Infrastruktur, Beratung und durch Kontakte und Zugang der Institution in der Behindertenhilfe bereitgestellt. Das Ziel dieser Unterstützung war die Gründung und Unabhängigkeit von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg. Ein Gründungsmitglied von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg beschreibt dies wie folgt: "Ziel war immer unsere Unabhängigkeit.Es war wichtig, dass man uns unsere Eigenständigkeitgelassen hat." (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Wichtig war dabei ein unbürokratisches und an Menschen mit Lernschwierigkeiten orientiertes Vorgehen.

Unterstützung durch etablierte Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen.

Wibs gab uns Unterstützung durch Beratung und Weiterbildung. Es wurde ein "Wibskurs" organisiert. Dieser Kurs gab den TeilnehmerInnen Einblick in die People First- und SelbstbestimmtLeben Bewegung, Anregungen wie man selbst Selbstvertretungsgruppen aufbauen und leiten kann, Raum zur Auseinandersetzung mit Selbstvertretung und die Möglichkeit sich auszutauschen und kennen zu lernen. Wichtig war vor allem auch, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten (Gründungsmitglieder) Einblick in eine bestehende People First-Organisation hatten und somit ein besseres Bild davon bekamen, was möglich sein kann. Besonders wichtig war die Unterstützung durch Ermutigungen und Bestärkungen. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

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Unterstützung durch die Sozialpolitik und -verwaltung:

Es ist entscheidend, dass nicht nur die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, sondern auch die Idee der Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf regionaler und nationaler Ebene gewollt und gestützt wird. Es ist entscheidend gesetzliche Grundlagen zu schaffen und Gelder zur Verfügung zu stellen. Es sind hierfür in Österreich noch wenige praktische Beispiele vorhanden: Mensch Zuerst - People First Vorarlberg mit der Finanzierung durch das Land Vorarlberg und Wibs mit einer Finanzierung durch das Bundessozialamt (nach Ablauf des EU Projekts) sind derzeit die einzigen unabhängigen Selbstvertretunsgruppen mit einer eigenständigen Finanzierung in Österreich.

In Vorarlberg wurde 2006 durch die Verabschiedung des Chancengesetzes (= Gesetz zur Förderung der Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung) dazu eine wichtige Basis geschaffen. Gute AnsprechpartnerInnen in der zuständigen Sozialpolitik und -verwaltung zu haben, die von der Wichtigkeit von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten überzeugt sind, ist dabei grundlegend.

Uns hat der gute Draht zum Land geholfen. Wir haben Unterstützung vom Land bekommen. Das Land möchte unsere Meinung hören - das finden wir gut so. Die Meinungen werden von Menschen mit Lernschwierigkeiten ins Land getragen - nicht von Betreuern oder Institutionen.(Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Oftmals stehen Selbstvertretungsorganisationen unter fortlaufendem Druck ihre Finanzierung aufrecht zu erhalten. Eine konstante Finanzierung ermöglicht die Konzentration auf inhaltliche Tätigkeiten und die Entwicklung eines stabilen Angebots für Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie einer starken Interessensvertretung.

Für die Gründung von Selbst- und Interessensvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist die Unterstützung von DienstleisterInnen, Sozialpolitik und der Behindertenhilfe grundlegend. Es besteht aber die Notwendigkeit, dass diejenigen, die diesen Prozess in irgendeiner Form unterstützen, bereit sind, die Kontrolle - nach der Starthilfe - an Menschen mit Lernschwierigkeiten abzugeben bzw. diese bei ihnen zu belassen.

Unterstützung durch die Bereitstellung eines rechtlichen Rahmens:

Für den Aufbau von People First-Organisationen ist die Schaffung eines rechtlichen Rahmens notwendig. Unabhängigkeit von Institutionen, die Dienstleistungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten anbieten, ist grundlegend. Vollständige Unabhängigkeit ist aber für People First- Organisationen meist schwierig. Oft ist es notwendig den rechtlichen Rahmen einer anderen Organisation zu nutzen bzw. die Unterstützung einer anderen Organisation für beispielsweise Lohnverrechnung und Geldangelegenheiten anzunehmen. In Österreich kann die Besachwaltung von Menschen mit Lernschwierigkeiten als eine Hürde in Bezug auf eine Vereinsgründung und die tatsächliche Unabhängigkeit gesehen werden.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten einen rechtlichen Rahmen zu schaffen: diese reichen von der Gründung einer Firma (Central EnglandPeople First Ltd.) über eine Vereinsgründung (Netzwerk People First Deutschland e.V.) bis hin zu Trägerschaften durch Organisationen der Selbstbestimmt Leben-Bewegung (Wibs und Mensch Zuerst - People First Vorarlberg) oder Organisationen, die Freiwilligenarbeit bzw. Selbsthilfegruppen unterstützen (DevonPeople First seit 2008). Beispielsweise wird Mensch Zuerst - People First Vorarlberg vom Verein Reiz Selbstbestimmt Leben Vorarlberg unterstützt. Diesbezüglich wurde Folgendes in den Statuten verankert: "Der Verein unterstütztnachfolgende Organisation in ihrer Arbeit:‚Mensch zuerst - People First Vorarlberg' ist eineunabhängige Organisation ohne eigene Vereinsstruktur.Der Verein bietet der Organisationden rechtlichen Rahmen und übernimmt dieFunktion des Arbeitgebers für seine Mitarbeiter. (Verein Reiz Selbstbestimmt Leben Vorarlberg, 2009) Das heißt SelbstvertreterInnen leiten mit Hilfe ihrer UnterstützerInnen und eines Unternehmensberaters (durch Tätigkeiten wie Beratung, Lohnverrechnung und Buchhaltung) ihre Organisation selbst.

Die völlige Unabhängigkeit ist oft Ziel, aber nicht von Beginn an möglich, da zuerst die inhaltliche und strukturelle Entwicklung im Vordergrund steht. Abhängigkeiten einzugehen bzw. Aufgaben an Menschen ohne Lernschwierigkeiten / Organisationen zu delegieren ist in den Anfängen oftmals notwendig und kann zu einem späteren Zeitpunkt auch eine bewusste Entscheidung sein, um Entwicklung in anderen Bereichen zu ermöglichen wie auch an dem Beispiel von Central England People First verdeutlicht wurde. Selbstbestimmung bedeutet nicht "alles selbst zu tun".

Wichtig ist es Abhängigkeiten bewusst zu machen und diese fortwährend zu reflektieren und zu wissen, was man an andere übergibt. Nur so kann letztlich ein großes Maß an Kontrolle bewahrt werden.

Wichtige Schritte im Aufbau von professionellen People First-Organisationen:

Im Aufbau von professionellen People First- Organisationen, die sich täglich zusammenfindenund deren MitarbeiterInnen / Mitglieder ineinem Angestelltenverhältnis stehen sind folgendeSchritte wichtig:

Infrastruktur schaffen: Eröffnen und Einrichten von Büroräumlichkeiten

Organisationsentwicklung

Wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre eigene Gruppe / Organisation gründen und diese selbst leiten sind viele Fragen zu klären:

"Wie organisiert man das Team?", "Wie und wer trifft Entscheidungen?", "Wer erledigt welche Aufgaben?", Wie und durch wen wird die Organisation geleitet?" und "Welche Ziele verfolgt die Organisation?"

Folgende Beispiele wurden von MitarbeiterInnen von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg genannt:

  • Es gibt bei Mensch Zuerst - People First Vorarlberg keinen Chef; deshalb ist es wichtig, dass wir Unterstützung bekommen Mensch Zuerst - People First Vorarlberg gemeinsam zu leiten, denn das ist nicht leicht.

  • Es ist eine neue Erfahrung, dass alle gleich viel zu sagen haben. Man muss auch selbst manchmal zurückstecken und lernen das Tempo anzupassen.

  • Es ist wichtig, dass wir Unterstützung haben, um einen Überblick zu bekommen, zum Beispiel durch Tagespläne.

  • Wir müssen lernen UnterstützerInnen anzuleiten und auch die Unterstützung unter uns aufzuteilen.

  • Es ist wichtig, dass UnterstützerInnen uns etwas zutrauen.

  • Unterstützung, um für uns zu klären, wer wir sind und was wir machen wollen.

  • Unterstützung, um hinzuschauen, wie man so etwas (Mensch Zuerst) verwirklichen kann.

  • Unterstützung im Umgang mit Emotionen (z.B. bei schwierigen Entscheidungen wie beispielsweise bei Bewerbungsverfahren)

  • Unterstützung am PC und im Internet

  • Unterstützung bei Bürotätigkeiten

  • Unterstützung bei der Vorbereitung von Präsentationen: SelbstvertreterInnen bringen Ideen ein und die UnterstützerInnen bearbeiten diese weiter. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

In meiner Tätigkeit als Unterstützerin für Devon People First war es für mich entscheidend einLeitbild und Handbuch für MitarbeiterInnenals Grundlage und Handlungsanleitungzu erhalten. Aufgrund der Trägerschaft durch Central England People First, einer erfahrenenOrganisation, war dies schon vorhanden.Es wurde von Mitgliedern mit Lernschwierigkeitenzusammengestellt und im Laufe derOrganisationsgeschichte weiterentwickelt. FürUnterstützerInnen und SelbstvertreterInnenist dies vor allem in der Aufbauphase, in derRollen und Verantwortungsbereiche oft unklar sind, besonders bedeutsam.

Deshalb ist es für den Aufbau von Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen wichtig Grundsätze, Ziele, Regeln, Arbeitsweisen und Abläufe zu entwickeln. Ein weiterer Schritt ist die Entwicklung von Angeboten und Aktivitäten.

Die Geduld aller Beteiligten ist notwendig diesen Prozess zu gestalten, denn aus Erfahrungen und Notwendigkeiten können Handlungsorientierungen für die Zukunft entstehen. Als UnterstützerIn ist es wichtig Impulse zu geben und Erfahrungen anderer (People First-) Organisationen einfließen zu lassen, aber es ist grundlegend, dass MitarbeiterInnen mit Lernschwierigkeiten diesen Prozess selbst gestalten und ihre eigenen Ideen entwickeln können. SelbstvertreterInnen von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg finden hierbei folgende Unterstützung wichtig:

  • Unterstützung durch / für:

  • Erklärungen

  • beim Formulieren

  • Mut machen

  • Denkanstöße: UnterstützerInnen sollen aber nicht die fertige Lösung präsentieren → die SelbstvertreterInnen finden eine Lösung und entscheiden sich.

  • Ideen einbringen

  • Entscheidungsprozess → Unterstützung um zu überlegen, was man machen könnte: dann kann man entscheiden, was man machen will.

UnterstützerInnen sollen Anliegen von Menschen mit Lernschwierigkeiten ernst nehmen Ein/e UnterstützerIn sollte bereit sein zu unterstützen und nicht alles an sich reißen.

Es ist auch wichtig Dinge selbst zu tun und dann (wenn nötig) Unterstützung zu bekommen. Es ist wichtig, dass UnterstüzterInnen viel Geduld haben. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Besonders die Erfahrungen von und der Austausch mit anderen People First- Organisationen / SelbstvertreterInnen ist dabei sehr wertvoll. Dieser Prozess bedeutet viel Ungewissheit und Unsicherheit für SelbstvertreterInnen und UnterstützerInnen.

Öffentlichkeitsarbeit

Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erreichen sowie Kontakte mit Dienstleistungsanbietern, Eltern, Sozialpolitik und -verwaltung und Fachleuten zu knüpfen, sind ebenso grundlegende Tätigkeiten wie das Bekannt machen der People First Gruppe sowie die Einbindung von Menschen mit Lernschwierigkeiten (nicht nur MitarbeiterInnen mit Lernschwierigkeiten) von Anfang an zu ermöglichen. Letzteres ist einerseits bedeutsam um Menschen mit Lernschwierigkeiten über People First zu informieren, anderseits um mehr über die Anliegen und Möglichkeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erfahren. Teil davon ist das Werben um Mitglieder bzw. MitarbeiterInnen mit Lernschwierigkeiten.

Es ist entscheidend Vertrauen zu gewinnen, denn oftmals bringt die Gründung einer PeopleFirst-Organisation Bedenken von Personen und Einrichtungen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen und vertreten, mit sich. Der damalige Koordinator von DevonPeople First beschreibt dies wie folgt: "It has been a challenge to set up and run Devon PeopleFirst by ourselves. But we feel we have achieveda lot over the last year. We have built relationshipsand trust with people in Devon. This wasthe hardest and most important thing to do." (Devon People First 2006)

SelbstvertreterInnen von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg nannten folgende Beispielefür Unterstützung in diesem Bereich:

  • Unterstützung anderen zu erklären was Mensch Zuerst - People First Vorarlberg tut und was unser Ziel ist, weil wir und das, was wir tun, so neu ist.

  • Unterstützung Leute mit Lernschwierigkeiten zu finden, die mitarbeiten möchten und die mit Leib und Seele dabei sind. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Team zusammenbringen und entwickeln

Es ist entscheidend als Team zusammen zu wachsen und Formen der Zusammenarbeit zu finden, wobei Unterstützung darin diese Zusammenarbeit zu gestalten und dann die Unterstützung der tatsächlichen Zusammenarbeit als Teil der Unterstützung in diesem Bereich zu sehen sind. Dabei ist auch die Unterstützung der einzelnen SelbstvertreterInnen wichtig, damit sich diese im Team zurechtfinden und einbringen können. Oft entstehen dabei Dilemmas und Interessenskonflikte für UnterstützerInnen, da einerseits einzelne Teammitglieder und anderseits das ganze Team bzw. die Organisation unterstützt werden. Folgende Punkte nannten Mitglieder von Mensch Zuerst - People First Vorarlberg auf die Frage, welcheUnterstützung im Aufbau von Mensch Zuerst -People First Vorarlberg wichtig war / ist:

  • Unterstützung im Team zusammen zu arbeiten und Konflikte zu lösen.

  • Unterstützung das Team zu entwickeln und um sich kennen und einschätzen zu lernen.

  • Es ist wichtig im Team Lob zu geben, sich zu bestärken, denn das steigert Selbstwert und Selbstvertrauen. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Fort- und Weiterbildung

Hierbei geht es um Weiterbildung für all jene Tätigkeiten, die für die Leitung der Selbstvertretungsorganisation und für Aktivitäten der Selbst- und Interessensvertretung notwendig sind. Es handelt sich dabei um Fortbildungsangebote anderer SelbstvertreterInnen, um Weiterbildung durch Fachleute (z.B. in Beratung, Teamentwicklung oder Computerkenntnisse) sowie um "Learning by doing" im Arbeitsalltag mit Hilfe von anderen SelbstvertreterInnen und UnterstützerInnen. Es besteht keinesfalls der Anspruch, dass SelbstvertreterInnen die nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen von Anfang an besitzen, denn sonst wäre es nicht denkbar, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten Aufbau und Leitung ihrer Organisation selbst übernehmen. Es sind vielmehr begleitete Lernprozesse, die ein praxisorientiertes Lernen ermöglichen und auch gemeinsame Reflexion nötig machen.

Die genannten Bereiche bedürfen sehr unterschiedlicher Formen von Unterstützung. Einerseits sehr konkreter Tätigkeiten und anderseits Unterstützung darin die Organisation zu entwickeln und zu leiten. Es bedarf dabei der Unterstützung der einzelnen SelbstvertreterInnen als auch des gesamten Teams bzw. der Organisation. Mitglieder von Mensch Zuerst -People First Vorarlberg nannten in Bezug auf die persönliche Unterstützung in der Anfangsphase folgende Punkte:

  • Es war wichtig Unterstützung zu bekommen, um zu überlegen. "Warum möchte ich es (Mitarbeit bei Mensch Zuerst - People First Vorarlberg) machen?" und um sich drüber klar zu werden auf was man sich einlässt, damit man sich über die Auswirkungen klar werden kann.

  • Es ist wichtig, dass man genügend Zeit bekommt einzusteigen, und dass man einen guten Überblick über seine Arbeit bekommt.

  • Unterstützung besteht auch darin, dass man einem Mut zuspricht.

  • Unterstützung, um sich zu bewerben: Mut machen und persönliche Information über den Job.

  • Es ist eine Zeit des Abschieds und man beginnt etwas Neues, deshalb ist es wichtig dass der / die UnterstützerIn einem Mut macht und auf dem Weg aus der Institution begleitet - es ist wichtig, dass man bestärkt und unterstützt wird. (Mensch Zuerst - People First Vorarlberg 2009)

Abschließend noch ein Blick auf die Beziehung zwischen SelbstvertreterInnen und deren UnterstützerInnen: Menschen mit Lernschwierigkeiten und UnterstützerInnen nehmen in Selbstvertretungsorganisationen neue Rollen ein die auch neue Machtverhältnisse mit sich bringen. Es ist Unterstützung notwendig, diese neuen Rollen auszufüllen. Es ist ein Prozess, der ein gemeinsames Nachdenken und Reflektieren über diese Rollen und Aufgabenbereiche notwendig macht.

Die Beziehung, die von Mitgliedern von Central England People First in einem gemeinsamdurchgeführten Forschungsprojekt zum ThemaUnterstützung beschrieben wurde, definiertdiese klar als Arbeitsbündnis. Menschenmit Lernschwierigkeiten werden als AuftraggeberInnengesehen. Es wurde eine Teamzusammenarbeit zwischen gleichberechtigtenPartnerInnen beschrieben, die jedoch unterschiedliche Aufgaben- und Verantwortungsbereichehaben. Die Professionalität liegt somitnicht mehr in der pädagogischen Gestaltungder Beziehung, sondern in der Gestaltung der jeweiligen Aufgabenbereiche bzw. Arbeitsaufträge.Es wurde eine Arbeitsbeziehung skizziert,die gängige Anforderungen der Arbeitsweltaufweist. Menschen mit Lernschwierigkeiten sehen u.a. Zuverlässigkeit, Respekt, Einhaltung von Abmachungen und Verträgen, Offenheitund Teamfähigkeit als wichtige Voraussetzungen.Ein zentraler Aspekt der Beziehung ist dienotwendige Vertrauensbasis. Für mich wurdeanhand der Schilderungen von Menschen mitLernschwierigkeiten deutlich, dass aufgrunddes Stellenwerts von Unterstützung im Lebenvon Menschen mit Lernschwierigkeiten und der damit verbundenen Risiken, Vertraueneine wichtige Grundlage für die Qualität derUnterstützung darstellt. Diese betrifft oftmalssehr persönliche Bereiche von Menschen mitLernschwierigkeiten, deshalb ist es wichtig,dass Menschen mit Lernschwierigkeiten ihreUnterstützerInnen kennen und ihnen vertrauenkönnen.(vgl. Hagleitner 2009)

Es wurde für mich deutlich, dass dauerhafte Unterstützung einerseits zu mehr Selbstbestimmung, und anderseits zu mehr Selbstständigkeit und weniger Unterstützungsbedarf führen kann. Central England People First beschreibt dies wie folgt "Independence is about beingable to make your own choices, deciding to takeyour own risks and having the support to takethose choices (...). It is not about being able todo everything yourself." (C., Shane C., Spencer K.and Still A 2007, 29) Wichtig für die Unterstützung von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst bestimmen können und die dafür notwendige Unterstützung erhalten. Für UnterstützerInnen ist es notwendig Anleitung durch Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erhalten, aber es ist auch Teil ihrer Aufgabe Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei zu unterstützen Anleitung zu geben. Hierbei ist es entscheidend, dass UnterstützerInnen rückfragen und sich vergewissern dass sie die Anleitung richtig verstanden haben. "Work together. (...) one badthing, is not to do,(...). If you are not sure whatyou are doing, ask someone. Then that personwill help you to do things. If you want to supporta person, you need to make sure to get informationfrom that person." (Hagleitner, research report and finding. 2009)

Dennoch können bei der Umsetzung von Anleitungen und längerfristigen Arbeitsaufträgen Dilemmas entstehen: "Often giving support isa longer process. Things are under change andso should be the instruction. Even though clearinstructions are given, I think that in everydaywork it is difficult for support people to knowhow to work with certain instructions. (...) (persönliche Notizen, Hagleitner 2009)"

Gritsch schreibt in Bezug auf das Projekt Wibs, dass es wichtig ist Anleitungskompetenz zu erlernen. "Schließlich erfordert jemandenanzuleiten nicht nur viel Übung, sondern vorallem auch eine tragfähige Vertrauensbasis. UmUnterstützung oder Hilfe zu bitten, fällt wenigenMenschen leicht, weil sie sich und anderendadurch gleichzeitig eingestehen müssen, etwasnicht zu können. Es ist daher auch gut nachvollziehbar,dass die UnterstützerInnen vorallem am Beginn des Projektes wenig Anleitungerhielten". (Gritsch 2005, 28)

Eine häufige Form der Unterstützung ist es Denkanstöße zu geben, auf Risiken aufmerksam zu machen und Ideen einzubringen. Dabei entstehen immer wieder Dilemmas, die auch nach längerer Zusammenarbeit bestehen bleiben können:

(...) Part of the support I had to give, from my point of view, was giving ideas and showing possibilities. The dilemma I felt was: How much I am influencing people with the ideas I'm giving? Does it support the process or does it stop people from developing own ideas? Am I going on the pace of the people I support or are they going on my pace (For example the speed in which the work is done.)? A new experience for me was to give ideas and to let them go, not to try to gain acceptance for my ideas. That was a new way of working, I haven't experienced before and to which I had to get used to." (persönlicheNotizen, Hagleitner 2009)

Ein ehrlicher Umgang zwischen SelbstvertreterInnen und UnterstützerInnen ist grundlegend im Umgang mit den beschriebenen Schwierigkeiten und Dilemmas. Gemeinsame Reflexion und Gespräche können hierbei weiterhelfen. Es sollte Zeit dafür eingeplant werden, da es im Arbeitsalltag oft nicht möglich ist Schwierigkeiten zu besprechen und sich gegenseitige Rückmeldungen zu geben. (vgl. ebd.)

Zusammenfassung und Ausblick

Um Selbst- und Mitbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf allen Ebenen zu ermöglichen, ist die Entstehung verschiedener Selbstvertretungsgruppen / -Organisationen und Mitbestimmungsstrukturen erforderlich. Die Bandbreite reicht von Selbstvertretungsorganisationen, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst geleitet werden, über Mitbestimmungsstrukturen in der Sozialpolitik und -verwaltung, bis hin zu NutzerInneninvolvierung in Einrichtungen.

Der Aufbau von weitgehend unabhängigen Selbstvertretungsorganisationen hat einen besonderen Stellenwert, da diese die Stimme von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf individueller und kollektiver Ebene hörbar machen können. Auf individueller Ebene wird es für Menschen mit Lernschwierigkeiten möglich eine eigene Stimme zu haben und unabhängige Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um sich selbst zu vertreten. Im Sinne einer Interessensvertretung können Selbstvertretungsorganisationen auf die Planung und Entwicklung von Dienstleistungen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten betreffen, Einfluss nehmen. Eine weitere Möglichkeit ist die Involvierung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in die Forschung und das Angebot von Weiterbildung für Personen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten begleiten. Selbstvertretungsorganisationen können verschiedene Gruppen von Menschen mit Lernschwierigkeiten vernetzen und so zur Entwicklung einer starken Selbstvertretungsbewegung beitragen.

Für den Aufbau von Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist eine Starthilfe sowie konkrete Unterstützung durch Institutionen der Behindertenhilfe, etablierte Selbstvertretungsorganisationen sowie Sozialpolitik und -verwaltung erforderlich. Wichtig ist dabei, dass alle Beteiligten bereit sind die Unabhängigkeit von Selbstvertretungsorganisationen zu unterstützen und die Leitung bei Menschen mit Lernschwierigkeiten zu belassen. Dabei ist das Vertrauen in die Fähigkeiten und Kompetenzen von Menschen mit Lernschwierigkeiten, sich und andere zu vertreten, wesentlich.

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20.04.2009)

Die Autorin

Mag.ª Doris Hagleitner

doris.hagleitner@vol.at

Studium der Pädagogik (Schwerpunkt: integrative Pädagogi und psychosoziale Arbeit) an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Diplomarbeit zum Thema "Selbstbestimmung und Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten". Grundlage dafür, war ein inklusives Forschungsprojekt zum Thema "Unterstützung", das in Zusammenarbeit mit Central England People First/Northampton durchgeführt wurde. Von 2004 bis 2006 Support Person for Management and Development (Devon) bei Central England People First Ltd. (Tätigkeitsbereich: Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Aufbau der Zweigstelle in Devon sowie fortlaufende Unterstützung im Management.) 2007 bis 2008 Mitarbeit im Aufbau von Selbst- und Interessensvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Vorarlberg (Tätigkeit: Beratung und Unterstützung). Seit April 2008 Unterstützerin bei Mensch Zuerst - People First Vorarlberg.

Quelle:

Doris Hagleitner: "You need to Trust". Unterstützung im Aufbau von Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ein persönlicher Erfahrungsbericht. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 2/2009, Thema: Wir vertreten uns selbst! , S. 42-59.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.03.2014

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