Seht her, ich bin’s

Behinderte Darsteller auf der Bühne

AutorIn: Peter Radtke
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 1/2012, Thema: Wohnen im eigenen Körper, Seite 27-31. Behinderte Menschen (1/2012)
Copyright: © Peter Radtke 2012

Abbildungsverzeichnis

    Zusammenfassung

    Mit großer Erwartung wurde von vielen Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmern der Vortrag des Schauspielers, Buchautors und Kämpfers für Rechte von Menschen mit Behinderung, Peter Radtke aus Deutschland, erwartet. Leider wurde er kurz vorher krank und musste absagen. Als Trost hat er aber seinen Text geschickt, der beim Kongress auszugsweise vorgelesen wurde. Im Folgenden finden Sie seinen Text in voller Länge.

    Information

    BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von der Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

    Seht her, ich bin’s

    Meine sehr verehrten Damen und Herren,

    Seit 1981 stehe ich professionell auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zuerst in einem Privattheater, später an den großen Bühnen in München, Wien, Zürich, Berlin. Ich war der erste und vielleicht auch bekannteste Darsteller mit einer sichtbaren Behinderung im deutschsprachigen Theater, der seinen Weg gemacht hat – und ich kann Ihnen versichern, es war ein steiniger Weg.

    „Schaut her, ich bin’s“, so beginnt Tonio den Prolog in Leoncavallos Oper „Der Bajazzo“. Thema dieser Arie ist die Verwischung der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Im Verismo, dieser speziellen Form der italienischen Oper, versuchten die Komponisten die Wirklichkeit so realitätsnah wie möglich darzustellen. Damit stellten sie ein Prinzip in Frage, das strukturgebend für das Theater schlechthin ist: die Regel des „Als Ob“. Nicht ein echter Baum, sondern die Kulisse aus Sperrholz und Pappe kennzeichnet die Welt der Bühne. Dementsprechend lag es durchaus in der Logik dieser Forderung, wenn viele Jahrhunderte hindurch nur männliche Darsteller Frauenrollen verkörperten oder Farbige nur durch geschminkte Weiße auf die Bühne kamen. Ich weiß noch, wie mein Vater, der selbst Schauspieler war, in John Patricks Stück „Das heiße Herz“ den „Neger Blossom“ spielte und meine Mutter nach jeder Vorstellung seine Kleidung waschen musste, weil sie über und über schwarz verschmiert war.

    Tabubruch

    In diesem Sinne stellte es einen Tabubruch dar, als mich 1985 der ungarisch-britische Regisseur George Tabori als Mensch mit authentischer Behinderung an den berühmten Münchner Kammerspielen das behinderte Kind von Jason und Medea in seiner Adaption „M“ des klassischen Stoffes „Medea“ spielen ließ. Der bekannte Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier schrieb damals: „Das Theater darf viel; das darf es nicht“ – und aus der traditionellen Sicht des Theaters hatte er Recht. Aber heute spielen Frauen Frauen und Farbige Farbige. Weshalb sollten deshalb nicht auch Menschen mit Behinderung ihren Anteil am Kulturleben haben, auch als Agierende? Sollte das behinderten Menschen an Emanzipation verwehrt werden, was andere Personengruppen für sich schon längst erkämpft haben? Doch es geht ja um weit mehr als nur „gleiches Recht für alle“. Es geht um einen Bewusstseinswandel, für den kein Medium besser geeignet ist als gerade das Theater. Tagtäglich lässt sich in unserem Alltag die gleiche Episode beobachten: Ein Rollstuhlfahrer, ein junger Mann mit Down-Syndrom, ein Blinder stehen an einer Straßenecke. Ein kleines Kind beobachtet neugierig die ihm Auffälligen. Die Mutter reißt es wirsch an sich heran: „Lass das. Da schaut man nicht hin!“ Theater ist der Ort des Hinschauens. Wo sonst können Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen mit Behinderung ohne Gewissensbisse hautnah erleben? Zugegeben – es ist eine Gratwanderung, auf die sich der betroffene Darsteller einlassen muss. Bert Brecht sagte einmal, Theater sei Prostitution. Gilt dies schon generell, so in besonderer Weise für Schauspieler mit einer Behinderung. Sie müssen die Gefahr umgehen, als bloßes Ausstellungsstück eines Panoptikums wahrgenommen zu werden, und sie müssen die Kraft aufbringen, die äußere Erscheinung dank der geistigen Ausstrahlung zu kompensieren. Es geht nicht darum, Behinderung zu negieren. Das kann man auch nicht. Ein sichtbar behinderter Mensch wird immer als behindert wahrgenommen werden. Doch es geht darum, der Behinderung jenen Stellenwert zuzuweisen, den sie rechtens einnimmt – Attribut zu sein – nicht mehr und nicht weniger.´

    Theaterarbeit ist Körperarbeit

    „Wohnen im eigenen Körper“ lautet der Titel dieses Symposiums. Tatsächlich muss man im eigenen Körper wohnen, das heißt ja zu ihm sagen, wenn man als behinderter Mensch den Beruf des Schauspielers ergreifen will. Theaterarbeit ist Körperarbeit; der Körper spielt eine wichtige Rolle. Das Zusammenspiel mit dem Partner, der Partnerin auf der Bühne erfolgt nicht im luftleeren Raum. Es ist eine Interaktion von Worten, aber auch von Gesten, Mimik und Berührungen. Im Normalfall, das heißt unter nichtbehinderten Kollegen, ist es gleichgültig, ob einem ein Mitspieler sympathisch ist oder nicht. Ein Profi muss mit jedem zusammen spielen können, unabhängig von seinen persönlichen Gefühlen. Das hat aber dort seine Grenzen, wo ein enges körperliches Miteinander verlangt ist. Natürlich gelingt es auch dann, gewisse Entfremdungen zu überspielen. Doch indirekt werden sich Sympathie oder Antipathie in der Rezeption des Publikums niederschlagen. Wenn ich von einem Kollegen auf der Bühne getragen werden musste, spürte ich sofort, ob er im konkreten und auch übertragenen Sinn Berührungsängste hatte. Dies tangierte wiederum mein Spiel mit ihm, was im ungünstigsten Fall nachteilig für die Aufführung war. Ich denke, dass dies ein wesentliches Problem bei der Ausbildung von behinderten Personen zu Schauspielern ist. Freiheit von Berührungsangst kann man nicht einfach verordnen.

    Abbildung 1.

    Peter Radtke ist kurz vor dem Kongress krank geworden – über Bild und vorgelesenen Text von ihm war er aber trotzdem präsent. Foto: Fischer

    Realität und Fiktion

    Die Verwischung der Grenze zwischen Realität und Fiktion auf der Bühne hat jedoch auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung behinderter Menschen im Alltag. Mehr noch als bei anderen Formen des Theaters werden Parallelen zur Wirklichkeit gezogen. Jede Rolle, die von einem Darsteller mit sichtbarer Behinderung gespielt wird, wird zwangsläufig zu einer behinderten Figur. Ich erinnere mich daran, wie ich vor etlichen Jahren eine Aufführung des Stückes „In Sachen Oppenheimer“ von Heiner Kipphardt an den Münchner Kammerspielen gesehen habe. Einer der Darsteller saß im Rollstuhl. Wie ich später erfuhr, hatte er einen Unfall und konnte daher seine Rolle nicht im Gehen spielen. Doch der Atomphysiker im Rollstuhl auf der Bühne gab durchaus Sinn und motivierte die Frage: „Warum soll nicht ein Wissenschaftler behindert sein und im Rollstuhl sitzen?“ Doch die Projektion auf die Wirklichkeit hat auch eine Kehrseite. Ein authentisch behinderter Darsteller kann und darf nicht jede x-beliebige Rolle annehmen. In dieser Hinsicht stößt die Gleichstellung mit nichtbehinderten Schauspielern einmal mehr an ihre Grenzen. Ein Mensch mit Behinderung auf der Bühne wird nie ausschließlich als Künstler gesehen. Er ist immer auch „der Behinderte“, der seine Schicksalsgefährten repräsentiert, ob er dies will oder nicht. Als ich bei einem Gastspiel in Frankfurt in Kafkas „Bericht für eine Akademie“ den Affen Rotpeter verkörperte, titelte die Bildzeitung: „Darf ein Behinderter einen Affen spielen?“ Können Sie sich eine ähnlich lautende Schlagzeile vorstellen: „Darf ein Tobias Moretti einen Affen spielen?“ oder überhaupt „Darf ein Schauspieler einen Affen spielen?“ – sicher nicht. Trotz einer zunehmenden Toleranz wird auch im Kulturleben noch immer mit zweierlei Maß gemessen. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch keinesfalls dasselbe. Dies überträgt dem Darsteller mit Behinderung eine hohe Verantwortung. Da er stets auch als Repräsentant einer Bevölkerungsgruppe gesehen wird, muss er sich davor hüten, Klischees und Vorurteile zu bedienen, die sich nachteilig auf das Image der Betroffenen auswirken könnten. So wäre es problematisch, einen körperbehinderten Schauspieler den Mephisto in Goethes „Faust“ spielen zu lassen, oder auch Richard III, eine Paraderolle für jeden Mimen. Dies führt jedoch zu einer starken Verunsicherung im Selbstverständnis des professionellen behinderten Darstellers, da gerade die bösen Charaktere oftmals das Filetstück einer Aufführung bilden. Auch ich selbst habe nicht immer den Verlockungen einer solchen beruflichen Herausforderung widerstanden. So verkörperte ich 1988 an den Münchner Kammerspielen Stalin im gleichnamigen Zwei-Personen-Stück von Gaston Salvatore und 2007 am Stadttheater Ingolstadt den Großinquisitor in Schillers „Don Carlos“. Ich habe zwar versucht, den Figuren das Dämonische zu nehmen, ob dies allerdings völlig gelungen ist, sei dahin gestellt.

    Theater und Religiosität

    Doch der Titel „Wohnen im eigenen Körper“ berührt noch wesentlich tiefere Schichten. Warum gehe ich überhaupt auf die Bühne? Ist es die Herausforderung, unbetretenes Land zu betreten? „Niemand, der ein Fehl an sich hat, soll sich mir nahen, kein Blinder und kein Lahmer …“, so heißt es hinsichtlich der Berufung zum Priesteramt im 3. Buch Moses 21, 18. Und das Theater hat viel mit Religiosität zu tun. Schließlich gehen seine Ursprünge auf den religiösen Kult zurück. Ein anderer Ansatz findet sich im Mittelalter. Damals hielten sich die Fürsten an ihren Höfen Zwerge. Sie machten Scherze, sie durften in bestimmten Grenzen Wahrheiten sagen, sie waren das sichtbar gewordene Gewissen des Herrschers. Wenn ich auf der Bühne stehe, verkörpere ich für den Zuschauer das, was er im täglichen Leben nicht sehen will und was ihm dennoch heilsam ist. Ich bin die Medizin, die so bitter zu schlucken ist, aber die man braucht, wenn man überleben will. Doch was hat dies mit mir zu tun? Sind das wirklich meine persönlichen Gründe?

    Als ich 1985 zum ersten Mal mit meinem Auftritt in den Münchner Kammerspielen an die große Öffentlichkeit ging, sagte meine Frau sinngemäß: „Warum tust du das? Das hast du doch gar nicht nötig. Du hast doch schon so viel erreicht.“ Tatsächlich hatte ich mir zu jenem Zeitpunkt bereits einen Namen in der sogenannten „Behindertenarbeit“ gemacht. Die Leute sahen in mir entweder den gescheiten Kopf, dessen Behinderung man quasi vergessen konnte, oder sie wussten nichts von meinen Aktivitäten und betrachteten mich daher nur als bemitleidenswertes Wesen, das nichts aufzuweisen hatte als seine erbärmliche äußere Erscheinung. Ich zerfiel praktisch in zwei ungleiche Hälften. Dass sie zu einer Einheit gehörten, die erst in ihrer Janusköpfigkeit die Ganzheit des Individuums ausmacht, blieb den meisten Außenstehenden verborgen. Diese verloren gegangene Einheit wieder zu finden und sie transparent zu machen, dürfte das Hauptmotiv für mein Auftreten auf der Bühne gewesen sein. Man fragt mich öfter, ob ich nicht glücklicher wäre ohne meine Behinderung. Darauf kann ich nur antworten: „Meine Behinderung gehört zu mir. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin. Ich wäre auch jemand, aber eben ein anderer als der, der heute zu Ihnen spricht.“ Damit will ich nicht sagen, dass nicht auch weitere Beweggründe für meinen Schritt zum Theater ausschlaggebend gewesen sein mochten. Aber Theater ist physische Präsenz. Es ist die Aufforderung hinzusehen. „Seht her, das bin ich: ein Kopf, der denken kann, ein Mund der sprechen kann, ein Körper, der verwachsen, doch Teil einer Ganzheit ausmacht.“ Warum gehe ich auf die Bühne? Um die Idee einer Einheit von Seele, Vernunft und Körper zu bezeugen, die in unseren Tagen immer mehr zu verkümmern droht. Und das Wunder geschieht: Indem ich meinen Körper preisgebe, erhält der Geist neuen Spielraum. Natürlich ist es eine Wanderung über ein hohes Seil ohne Netz und doppelten Boden. Doch wer das Wagnis besteht, hat hohen Gewinn für sich, aber auch für das Theater, das Publikum, ja die Gesellschaft schlechthin.

    Heimatlos

    Und noch ein Letztes. Menschen mit einer schweren Behinderung sind in gewisser Weise heimatlos. Die Welt der sogenannten Nichtbehinderten ist nicht ihre Welt. Überall stellen sie fest: „Wir sind außen vor“. Doch auch die Welt ihresgleichen ist nicht unbedingt die Welt, in der sie leben wollen. Die Heimat, die sie im Blick haben, heißt Utopia: der „Nicht-Ort“, der Ort, den es in der realen Wirklichkeit nicht gibt, noch nicht gibt. Aber es gibt einen Ort, der ihm ziemlich nahe kommt: das Theater. Hier haben Darsteller mit einer Behinderung eine Bedeutung, hier sind sie ein unabdingbarer Bestandteil eines Projektes, unabhängig von der Größe ihrer Rolle. Ohne sie bricht die Aufführung zusammen. Hier herrscht Inklusion statt Integration. Und damit ist das Theater eine Verheißung für die Gesellschaft der Zukunft.

    Der Autor:

    Peter Radtke

    Abbildung 2.

    Geb. 1943 in Freiburg im Breisgau. Der promovierte Romanist und Philosoph war bis 2008 Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien e.V. “, München. Als Schauspieler feierte er an den Münchener Kammerspielen und am Wiener Burgtheater große Erfolge. 2003 wurde Dr. phil. Peter Radtke in den Nationalen Ethikrat der Bundesrepublik Deutschland berufen. Seit seiner Geburt lebt er mit der Glasknochenkrankheit. Als scharfer zeitkritischer Beobachter stellt er vertraute Werte in Frage. In einer nach Idealen strebenden Gesellschaft bezieht Dr. Peter Radtke seit Jahrzehnten aus einem beeindruckenden philosophischen Weltbild unmissverständlich Stellung für Menschen mit Beeinträchtigungen.

    www.abm-medien.de

    http://peter-radtke.de

    Quelle

    Peter Radtke: Seht her, ich bin´s. Behinderte Darsteller auf der Bühne. Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 1/2012, Thema: Wohnen im eigenen Körper, S. 27-31.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 27.09.2017

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