Missbrauch und Gewalt

Warum Menschen mit Behinderung besonders betroffen sind

AutorIn: Petra Flieger
Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 1/2011, Thema: Missbrauch und Gewalt, Seite 10. Behinderte Menschen (1/2011)
Copyright: © Behinderte Menschen 2011

Inhaltsverzeichnis

Missbrauch und Gewalt

Das Foto zeigt eine Frau von hinten, die mit ihrer Hand den Nacken
               schützt.

„Vermeiden Sie es, einfache Lösungen für ein komplexes Problem vorzuschlagen,“ rät Nancy Fitzsimons, die Autorin des Buches „Combating Violence & Abuse of People with Disabilities. A Call to Action“, bevor sie erläutert, welche vier Faktoren in Betracht gezogen werden müssen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen:

  1. Die vorherrschende Kultur: Sie entwertet behinderte Menschen, betont deren Verletzlichkeit und macht sie zu Objekten. Missbrauch von Personen mit Behinderung ist stark tabuisiert.

  2. Die direkte Umwelt: Kontrolle und Aussonderung stehen im Vordergrund. Gleichzeitig ist die Fluktuation von Personal in Betreuungseinrichtungen meistens sehr hoch, was den Aufbau von Bindungen, die Sicherheit und Vertrauen vermitteln, erschwert.

  3. Die potenziellen TäterInnen: Sie haben meistens ein starkes Kontrollbedürfnis, mangelndes Selbstwertgefühl und verdrängte Aggressionen. Sie neigen zu impulsivem Verhalten und dazu, ihr Opfer zu entwerten.

  4. Die potenziellen Opfer: Menschen mit Behinderung haben Einschränkungen bei der körperlichen Verteidigung und / oder bei der Kommunikation. Ihre Sozialisation ist von gelernter Hilflosigkeit und Folgsamkeit geprägt. Häufig ist ihr Gefühl für ihren persönlichen Raum nur unzureichend entwickelt.

Das vielschichtige Zusammenwirken dieser vier Faktoren erzeugt ein deutliches Machtgefälle zuungunsten behinderter Menschen. Dies erklärt die besondere Gefährdung bzw. das erhöhte Missbrauchsrisiko von Buben und Mädchen, Frauen und Männern mit Behinderung. Es ist wichtig, sich konsequent vor Augen zu führen, dass nicht die Beeinträchtigung einer Person, sondern die Haltungen und Praktiken des sozialen Umfelds, der Politik und der Gesellschaft für diese Gefährdung und das hohe Risiko ausschlaggebend sind. Verschärfend wirkt, dass Missbrauchsvorwürfe unter den Teppich gekehrt bzw. schlicht geleugnet werden. Personen, die Hilfe suchen bzw. die auf Missbrauchsvorfälle hinweisen, werden typischerweise selbst mit Vorwürfen konfrontiert oder als VerräterInnen bezeichnet. In sehr vielen Fällen passiert einfach nichts.

Die Information darüber, was Missbrauch ist, welche Formen von Missbrauch es gibt und wie Missbrauch erkannt werden kann, ist bei Personen mit Behinderung ebenso wie bei Angehörigen oder Professionellen über weite Strecken mangelhaft. Völlig unzureichend sind darüber hinaus das Wissen und das Bewusstsein über behinderungsspezifische Missbrauchsformen. Dazu zählen z.B.:

  • Das Vorenthalten von Pflege- oder Hilfsmaßnahmen.

  • Die Zerstörung oder das Wegnehmen von Hilfsmitteln bzw. die Androhung solcher Maßnahmen.

  • Das Eindringen in die Privatsphäre.

  • Das Schaffen von unnötiger Kontrolle über das Leben einer Person.

  • Die Kritik darüber, dass eine Person nicht dankbar ist für Hilfeleistungen.

Missbrauch von behinderten Menschen wird häufig nicht als strafrechtliches, sondern mehr als sozialarbeiterisches Problem behandelt. Daher wird Vorwürfen nicht mit polizeilichen Erhebungen nachgegangen, und Bemühungen, Hilfe zu holen, verlaufen im Sand. Gleichzeitig sind Gewaltschutzeinrichtungen nicht oder nur unzureichend auf Opfer mit Behinderungen vorbereitet: Beratungsstellen sind nicht barrierefrei, es stehen keine GebärdendolmetscherInnen zur Verfügung, BeraterInnen wissen genau so wenig Bescheid über das Leben mit Behinderung wie PolizistInnen.

Die Glaubwürdigkeit von Opfern mit Behinderung wird sehr schnell in Frage gestellt, Missbrauchsvorwürfe werden als Hirngespinste abgetan oder auf eine z.B. kognitive Beeinträchtigung zurückgeführt. All dies führt dazu, dass sich Opfer, auch wenn sie Hilfe suchen, noch mehr alleine gelassen und hilflos fühlen. Sie kommen zu dem Schluss, dass es keine Hilfe gibt, und dass sie sich damit abfinden müssen, den Missbrauch zu ertragen. Es kann keine Prävention von Missbrauch erfolgen, wenn die Betroffenen nicht wissen, dass sie missbraucht werden bzw. wenn Missbrauch nicht erkannt wird.

Zentrales Element aller Gegenstrategien müssen daher Bildungsmaßnahmen sein, zu allererst, flächendeckend und niederschwellig für Frauen und Männer mit Behinderung. Neben Informationen über Missbrauch und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sicherheit, muss so ein Bildungsangebot auch Trainingsmaßnahmen für das persönliche Durchsetzungsvermögen und erfolgreiche Kommunikation enthalten. Daneben muss es für Angehörige ebenso wie für Professionelle in der Behindertenhilfe entsprechende Weiterbildungssangebote geben. In jeder Einrichtung muss es für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen zugänglich ein Informationsblatt darüber geben, wo es im Notfall Unterstützung und Beratung gibt. Begleitend dazu müssen vor allem MitarbeiterInnen von Gewaltschutzeinrichtungen, Polizei und Justiz einschlägig sensibilisiert und geschult werden.

Buchcover Nancy Fitzsimons

Zum Weiterlesen: Nancy Fitzsimons: Combating Violence & Abuse of People with Disabilities. A Call to Action. Baltimore, Maryland: Paul H. Brooks Publishing, 2009

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In Österreich bietet der Verein NINLIL seit über zehn Jahren einschlägige Beratungen und Fortbildungen an. www.ninlil.at

Quelle

Petra Flieger: Missbrauch und Gewalt. Warum Menschen mit Behinderung besonders betroffen sind? Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 1/2011, Thema: Missbrauch und Gewalt, Seite 10.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.08.2015

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