Lebens- und Lernbegleitung konkret

AutorIn: Ernst Begemann
Themenbereiche: Rezension
Schlagwörter: Schule, Lernen, Pädagogik, Lehre
Textsorte: Rezension
Releaseinfo: Buchbesprechung von R. Blecher
Copyright: © Ernst Begemann 1979

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Ernst Begemann

Titel: Lebens- und Lernbegleitung konkret

Infos: Bad Heilbrunn, Klinkhardt 1997

Kurzbeschreibung

Spätestens seit Kleber wissen wir um das (Bandbreite versus Fidelitäts-)Dilemma der klassischen Diagnostik und deren Auswirkungen auf konventionelle sonderpädagogische Konzepte und Fragestellungen. Wir wissen weiter, daß interaktive Bedeutungen mehr gelten als exakte Daten (Breiten).

Allerdings haben nur die wenigsten Sonderpädagogen daraus ihre Konsequenzen gezogen.

Ernst BEGEMANN gehört dazu. Verfolgt man seine Publikationen über die Jahre hinweg, so läßt sich eine eindeutige Linie herauslesen, die mit der Beschreibung der Problematik soziokulturell benachteiligter Sonderschüler und schülerinnen begann und (gegenwärtig) bei der Thematisierung von konkreter Lebens- und Lernbegleitung endet.

Zentrales Anliegen seines neuen Buches "Lebens- und Lernbegleitung konkret" ist wohl ein neues Verständnis von Lehrersein, welches die traditionellen Vorstellungen von "Stoffvermittlung" und episodischen erzieherischen Akten bei weitem überschreitet.

Wenn Leben und Lernen grundsätzlich nur situativ erfahrbar sind und letzteres nur über Eigenwelterweiterung denkbar ist, muß die Rolle des Lehrers neu bedacht werden. Sie besteht wesentlich im Bereitstellen von Möglichkeiten. Solche "Möglichkeiten sind, Räume, Situationen, Gelegenheiten zum Lernen bereitzustellen, die Lernenden zu begleiten, zu ermutigen, zu stützen, sie zu mahnen, zu fordern, zu trösten, zu bestätigen, ihnen die notwendigen sachlichen und personalen Hilfen zu sichern oder selbst zu leisten. Fazit: Lehrer müssen sich neu als Lebens- und Lernbegleiter und den Zusammenhang von Leben und Lernen verstehen" (Begemann 1997, S. 95).

Möglich ist dies nur, wenn die Situation so gestaltet wird, daß der Lernende sich als "existenziell" Geforderter und Betroffener erlebt und die Sache selbst sich als "lebensbedeutsam" erweist (vgl. ders., S. 97).

Interessant an Begemanns neuem Buch erscheinen nicht nur seine Einsichten und Forderungen, sondern deren Ableitungen und Begründungen, die oft auch auf physiologischen und strukturellen Gegebenheiten des neuronalen Substrates fußen. Die Bandbreite der in das eigene Denken BEGEMANNs miteinbezogenen neurobiologischen Erkenntnisse reichen dabei von der zeitlichen Antezedierung des Bewußtseins (Libet) über die neuronale Konstruktion von "Wirklichkeit" (Maturana, Varela u.a.) bis hin zur Plastizität und Kompensationsfähigkeit des Substrates, die sich - nicht zuletzt - auch in Anpassungsleistungen dokumentiert.

Gerade die Miteinbeziehung neurobiologischer Daten und die damit verbundenen Schlußfolgerungen verweisen auf einen Ansatz, der sich deutlich jenseits pädagogischer Belletristik befindet.

Wie sich nun Lebens- und Lernbegleitung konkret gestalten könnte, illustriert der Autor anhand von schön nachzuvollziehenden Praxisbeispielen und Fallbeschreibungen. Hier wird deutlich, wie die Anliegen einer Pädagogik sein könnten, die sich vor dem Hintergrund höchst individueller biographischer Daten von Schülerinnen und Schülern um deren lebensmäßiges und schulisches Fortkommen bemüht.

Der Geltungsanspruch von BEGEMANNs Aussagen gilt - schulartunabhängig - für alle Pädagogen, die sich als "Ermöglicher" lebensbedeutsamer und damit lernenswerter Situationen begreifen.

R. Blecher

Quelle:

Rezensiert von R. Blecher

bidok-Rezensionshinweise

Stand:01.03.2006

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