Aufwachsen im Widersinn

AutorIn: Ute Andresen
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Erschienen in: Mit Kindern wachsen. NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4. Überarbeitete Abschrift der freien Rede.
Copyright: © Ute Andresen 1997

Einleitung

Als mir gestern abend auffiel, daß ich tatsächlich die erste Frau bin, die hier oben längere Zeit reden darf, fiel mir auch auf, daß ich mich in meinen Ausführungen dann vor allen Dingen auf Männer, das heißt auf Veröffentlichungen von Männern beziehe, und darum habe ich dann beschlossen folgenden Text von Gerda Weiler an den Anfang zu setzen.

Düsterer Dialog unter heiterem Himmel.

Inhaltsverzeichnis

"Als sie ihren Platz in der Maschine von Paris nach Zürich einnehmen will, bietet er ihr einen Fensterplatz an. Er habe diesen Platz fest gebucht, aber er lege keinen Wert darauf am Fenster zu sitzen, denn er kenne schon jedes Mosaiksteinchen dieser Landschaft zwischen Paris und Zürich. Sie kommen ins Gespräch, er zeigt ihr Bilder von seinen Kindern, zwei prächtigen Mädchen und einem Knaben. Seine Familie lebt in den Schweizer Bergen, dort wo die Welt noch in Ordnung ist. Er fliege an jedem Freitag nach getaner Arbeit nach Zürich, leider sehe er seine Familie viel zuwenig. Und warum er nicht in der Schweiz lebe und arbeite? Nun, die Schweizer Gesetze seien engstirnig und kleinlich. Eine Fabrik, wie er sie in Rouen aufgebaut habe, würde in der Schweiz gar nicht genehmigt. Die Franzosen seien da großzügiger. Es käme ihnen darauf an, Kapital ins Land zu bekommen. Ein finanzkräftiger Anleger, der Arbeitsplätze schaffe, sei dort immer willkommen. Sie will genaueres wissen, aber er äußert sich nur vage und lächelt verbindlich. "Chemie, wissen Sie, ich bin Chemiker". Sie geht auf seinen Ton ein und versucht eine freundliche Antwort. Nun, die Schweizer seien auch nicht gerade zimperlich mit ihrer chemischen Industrie. Plötzlich ändert sich ihr Gesichtausdruck, ihre Liebenswürdigkeit reißt mitten im Satz ab. Das ist ja die reinste Schizophrenie. In Rouen zerstören Sie die Welt in der wir leben und in den Schweizer Bergen lebt Ihre Familie in einer Oase, die Sie noch für heil und unberührt halten.

Für die Familien der Arbeiter, deren Arbeitsplätze Sie geschaffen haben, gibt es keine Oasen. Vielleicht ist es schon heute nichts als eine Illusion, daß die Welt in den Schweizer Bergen noch in Ordnung ist, daß dort die Luft noch Luft zum Atmen sei. Das Gesicht des vornehmen Herrn an ihrer Seite erstarrt zur undurchdringlichen Maske. Er vertieft sich in ein Schriftstück und schweigt für den Rest des Fluges. Sowie die Erlaubnis zum Abschnallen erteilt wird, ergreift er sein Gepäck und eilt ohne Gruß zum Ausgang.

Düsterer Dialog unter heiterem Himmel."

Es ist die Einleitung zu Gerda Weilers Buch "Eros ist stärker als Gewalt" eine feministische Anthropologie, Band I.

Ich denke, da ist noch viel zu lernen, aber was wir brauchen ist eigentlich keine Ausweitung der Frauenbewegung, sondern endlich eine Männerbewegung, die sich aufmacht, die Frauen ernst zu nehmen.

Ich sehe, ich habe in diesem Kreis ein Heimspiel. Jetzt will ich mit meinem eigentlichen Referat beginnen, es heißt "Aufwachsen im Widersinn".

Nach 25 Jahren Arbeit als Grundschullehrerin in München arbeite ich jetzt in Erfurt an der pägdagogischen Hochschule in der Lehrerbildung. Im Zug nach München habe ich überlegt:" Was erwarten all die Zuhörer in Emmersdorf von mir?" Ich meinte, Sie erwarten, daß ich Ihre Sorgen zerstreue und sage, daß die Kinder in all dem Widersinn, der uns umgibt, wie ihre geliebten Kinder, glücklich und geborgen aufwachsen könnten. Ich fürchte, so eine Hoffnung muß ich enttäuschen. Ich werde Ihnen wohl eher Sorgen bereiten. Wir werden fragen müssen, was mit Widersinn gemeint ist, worin er besteht, wie er uns und unsere Kinder umstellt. Das bedrängt, bedroht, verwirrt und tut weh. Vielleicht, wenn wir hier Glück haben, können wir heute miteinander lernen, ein wenig genauer hinzuschauen, wo wir sonst wegsehen, ein wenig länger auszuhalten, was wir sonst wegschieben, wahrzunehmen, was wir sonst übersehen und verleugnen.

Das Wegsehen, Wegschieben und Verleugnen haben wir gründlich gelernt. Kinder können das noch nicht so gut. Sie sehen, hören, fühlen anders und oft mehr als wir Erwachsenen, auch wenn sie es nicht sagen. Ihre Abwehr gegen das, was um sie herum geschieht, ist noch schwach. Sie müssen es darum mit sehr viel mehr Bedrohung, Verwirrung und Schmerzen aushalten als wir. Wenn wir es uns selbst zumuten, wenigstens von Zeit zu Zeit die Welt wie ein Kind zu sehen und zu erleben, können wir vielleicht unsere Kinder besser verstehen und auch lernen, und das ist mehr und viel schwerer, sie in ihrer Angst und Not und Verwirrung, in ihrer Sorge und ihrem Mitleid, in ihrem brennenden Wunsch nach Gerechtigkeit und guten Taten nicht alleine zu lassen. Wir können vielleicht lernen, es mit ihnen im Widersinn auszuhalten und dann eines Tages der Welt und ihrem Widersinn anders zu begegnen als bisher.

Wie anders? Entschiedener auf ethische Prinzipien bezogen, weniger selbstsüchtig, weniger gierig, weniger bequem, weniger nachlässig, maßvoller, liebevoller, achtsamer, menschlicher. Kleine Kinder sollen uns große Erwachsene menschlicher machen? Durch Ihr Beispiel - durch ihr Beispiel. Weil sie in der Welt, an die wir uns gewöhnt und angepaßt haben, noch fremd sind. Weil sie der Geburt und all den Hoffnungen und guten Erwartungen, mit denen wir alle ins Leben kamen, noch näher sind.

Hans Sahner, Schweizer Philosoph, spricht von der natürlichen Desidenz des Kindes. Er sagt: "Das Kind ist die natürliche Desidenz" Was heißt das? Das neugeborene Kind ist zwar nicht in jeder Hinsicht ungeprägt. Es hat durch die Herkunft ein genetisches Erbe, aber es kommt als Anfänger zur Welt, der im Verhältnis zu den Tieren kaum instinktgesichert ist. Es muß das artgemäße Verhalten erlernen. Ein Quell dieses Lernens ist die Nachahmung, ein anderer das gleichsam spielerisch Erfahrung einbringende Versuchen. Diese Fähigkeit des neugierigen und spielenden Versuchens zeigt von Anfang an eine gewisse Spontaneität. Das heißt, eine gewisse Ursprünglichkeit, die nur dort möglich ist, wo Freiheit wirkt. Diese Freiheit aber ist die Phantasie. Sie ist das anthropologische Tauschgeschenk für die verlorenen Instinkte. Weil das Kind schon als Anfänger mit Phantasie begabt ist, vermag es über die bloß wiederholende Nachahmung hinauszugehen. Ich sag das gerne so, daß Kinder auf die Welt kommen mit der Fähigkeit, sich selbst in die Welt hinein zu entwerfen. Nochmals Sahner "Die natürliche Desidenz des Kindes bringt dieses nicht etwa auf die Gegenseite des Humanen, sondern über die Ränder des jeweils kulturell fixierten Humanen hinaus in den überschreitenden Bereich einer schöpferischen Humanität. Eben dadurch ist das Kind, so klein es auch sein mag, ein exzentrischer Erfinder und Neuerer. So lange es vorwiegend aus der Phantasie lebt, ist es dieses schöpferische nicht berechenbare, sprengende und dissidente Wesen, kraft seiner Qualität, der Grund unserer Angst. Das Kind kann - Kinder können auf das, was sie erfahren, auf die Lebensfragen ganz andere Antworten geben, als wir es tun und für richtig halten, auch für sie. Damit stellen sie unser Tun und Lassen oft radikal in Frage. Wer hat das schon gern im Haus, gar am Tisch?

Ein Beispiel

Ein Kind, drei oder vier Jahre alt, fragt jedesmal, wenn es Fleisch auf den Teller bekommt: "Von welchem Tier ist das und wie alt war das?" Und es weigert sich Kalbfleisch zu essen und sagt: "Das Kälbchen wollte doch auch groß werden." Was wird im Laufe unserer Erziehung und unserer Prinzipien von notwendiger Ernährung aus dieser Haltung? Nochmals ganz allgemein gefragt: "Was heißt es aufzuwachsen?" Es heißt klein zu beginnen und groß zu werden, ein Kind zu sein und erwachsen zu werden. Viel wäre darüber zu sagen. Ich will hier nur zwei Aspekte etwas entwickeln:

Das Orientierungsbedürfnis und die moralische Mitgift

Kinder suchen Orientierung in der Welt - das ist ihre Lebensaufgabe. Sie wollen und müssen ihren Lebensweg und ihren Platz in der Welt finden. Woran orientieren sie sich? An dem, was sie lernen, und sie lernen nicht etwa nur durch unsere Erklärungen, Ermahnungen, Predigten und Lernmaterialien, sie machen Erfahrung auch außerhalb des pädagogischen Geheges. Das heißt, sie machen sich durch intuitives Verknüpfen und bewußtes Nachdenken Schritt für Schritt oder in Sprüngen klar, was ihnen begegnet ist, was sie gesehen und gehört haben, was sie erlebt und gefühlt haben. Sie versuchen es zu verstehen. Sie versuchen

a) die Regel zu finden, um künftig vorherzusehen, was auf einen zukommt, so ist man vor Überraschungen sicher und man lernt, was man tun muß, um Schwierigkeiten zu vermeiden und eigene Ziele zu erreichen und sie versuchen,

b) den Sinn dessen, was sie erfahren haben, zu finden, zu begreifen und sich selbst sinnvoll einordnen zu können.

Wie denn einordnen? - Als Angepaßte, als Opportunisten, die das tun was von ihnen erwartet wird und ihnen Vorteile bringt, oder als Menschen, die einen Platz im Ganzen in der Gemeinschaft gefunden haben in der kleineren und größeren Gemeinschaft. Einen Platz, an dem ihr Leben Sinn hat, wo sie eingebunden sind in ein Zusammenleben, in dem die endlose Mühe wahrzunehmen möglich ist. Wo Denken, Urteilen, Mitarbeiten und Eintreten für Wichtiges Sinn macht. Wo Knoten zu lösen und Widerstände zu überwinden, wo vor allem auch zu lieben, den Nächsten, den zahmen fremden Mitmenschen und natürlich auch sich selbst Sinn macht. Ein Platz an dem sich diese Mühe lohnt, sich nicht in Geld bezahlen läßt, sondern in einem Sinn, der über die eigene individuelle Existenz und die eigene Lebenszeit hinausweist. So einen Platz suchen unsere Kinder. Sie bringen für diese Suche eine Menge an ursprünglicher Fähigkeit, Strebung und Bereitschaft mit.

John Hold, einer meiner Lieblingsautoren, ein großer Lehrerphilosoph, dessen Werke leider im Moment in Deutschland nicht greifbar sind, aber in Bibliotheken finden Sie ihn natürlich, schreibt, wo das kleine Kind im Vorteil ist. Das sind Situationen und viele, sogar die meisten Lebenssituationen sind solche, in denen es so viele scheinbar sinnlose Daten gibt, daß es unmöglich wird zu sagen, welche Fragen man stellen soll. Es kann diese Art von Daten aufnehmen, es erträgt ihre Ungeordnetheit besser und schließlich ist es besser darin, die Gesetzlichkeiten herauszufinden, wie jemand der ein schwaches Signal aus starkem Rauschen heraushört. Vor allem neigt es viel weniger als Erwachsener dazu, schnelle und harte Entschlüsse, die auf wenigen Erfahrungen basieren, zu fassen, oder nachdem es dies einmal tat, es abzulehnen neue Erfahrungen in Betracht zu ziehen, die dagegensprechen. Und diese sind die so wesentlichen Denkfähigkeiten, die wir in unserer Eile, das Kind zu unserer Denkweise zu erziehen, verkümmern lassen oder zerstören. Das Kind ist also seiner Natur nach geistig aufgeschlossen, unvoreingenommener als wir und darum oft hellsichtiger.

Das sieht auch Ashley Montagu, Anthropologe, als erwiesen an, wenn er in seinem Buch "Zum Kinderreifen" zusammenfaßt, was wissenschaftliche Beobachtung in Jahrzehnten und an vielen Orten ergeben hat: Geistige Aufgeschlossenheit bringen wir als Kinder ins Leben mit, wie auch Empathie, das heißt die Fähigkeit zur Einfühlung in andere, ganz andere, ganz fremde, auch in ganz alte Menschen, Freundschaft, Sinn für Gerechtigkeit und Suche nach Wahrheit. Kim, ein junger Norweger, der den Nazis widerstand und von ihnen umgebracht wurde, schreibt in sein Tagebuch: "Das Schönste von allem, was es auf Erden gibt, ist doch die Wahrheit, das Stärkste von allem, was es auf Erden gibt ist die Wahrheit. Ich spüre es, wie sie mein ganzes Wesen durchdringen will." Das schreibt dieser 21 Jahre alte Mann. Mit 18 Jahren hat er geschrieben:

"Welche Existenzberechtigung hat überhaupt eine Gemeinschaft, die den Begriff Ehrlichkeit nicht anders als nur dem Namen nach kennt? Wie ist der, der die Wahrheit nicht kennt imstande ein Urteil zu fällen? Die Wahrheit macht das Leben nicht komplizierter und verwickelter, nein, die Wahrheit vereinfacht es und macht alles viel einfacher. Die Liebe ist eine Wahrheit, die alles auf eine wunderbar schöne und natürliche Art vereinfacht. Die Lüge dagegen macht alles kompliziert und verwickelt, sie besudelt alles Schöne und Reine in einer gefährlich hinterlistigen und schleichenden Weise. Keiner merkt es, daß sie sich eingedrängt hat, langsam aber sicher reißt sie all das nieder, was Wahrheit und Liebe aufgebaut haben, entfernt sie die kleinen Steine Stück um Stück aus dem Fundament, die in ihrer Gesamtheit ihm die Festigkeit gab".

Er war in diesem Alter nicht schon so klug, ich denke, er war noch so klug, so klug geblieben. In der Schule war er nicht sehr erfolgreich, oder sollen wir sagen die Schule hat bei ihm ihr Ziel nicht erreicht - zu seinem Glück - trotzdem, es hat ihm das Leben gekostet. Aber er hätte ohne diese unbedingte Wahrheitsliebe, die verschwistert ist mit der gleichen ursprünglichen Liebe und Verantwortungsfähigkeit für die Mitmenschen, die er rettete, nicht leben wollen. Solche Unbedingtheit ist ein Teil unserer Mitgift. Was wird daraus im Laufe des Lebens und was ist bei uns daraus geworden? Noch einmal Montagu: "So wie ich die Dinge sehe, strebt das Kind nach Güte, ein Bestreben, das jeder Mensch zu günstigen Zeiten in seinem Leben empfindet und aus dem Ur- und Hintergrund des Lebens eines in Wahrheit gesunden Menschen bildet".

Die natürliche Mitgift des Neugeborenen ist gut, nicht neutral, nicht gleichgültig, sondern gut, denn das Kind ist dazu bestimmt in seiner Liebesfähigkeit zu wachsen. Erst seine Pflege und Versorgung schafft Verzerrung und Verwirrung. Wenn wir unseren Kindern bewegende Geschichten vorlesen, in dem sich ein Wesen in der Not bewährt und sie hören uns so atemlos und ernst zu, lernen sie da etwas Neues oder erkennen sie: ja so sollte es sein. So habe ich es eigentlich erwartet. Montagu noch einmal: "Das ganz natürliche Mitgefühl und Verständnis des Kindes zeigt sich in der ängstlichen Besorgtheit und in der Liebe, die es jüngeren Kindern und vor allem jungen Tieren entgegenbringt, und angesichts von Leid und Schmerz aller Art erkennen läßt. Dieses mitfühlende Verständnis hat seinen Ursprung in der Beziehung zwischen der Mutter und dem kleinen Kind, es spiegelt eine biologische Reziprozität und kooperative Haltung aus der alle sozialen Beziehungen erwachsen. Es ist eng verwandt mit Liebe aber nicht genau das gleiche, Mitgefühl ist tiefe Sympathie und der Wunsch, dem Leidenden zu helfen."

Ich bin der Meinung, daß man es in vielen Fällen kaum von Liebe unterscheiden kann. Allerdings klingt hier auch das Element des Erbarmens an und daneben so etwas wie Intelligenz, die Fähigkeit nämlich in der bestgeeigneten und glücklichsten Weise auf die jeweilige Situation einzugehen, kurz gesagt Mitgefühl bedeutet das In-sich-Hineinversetzen in die mißliche Lage des anderen und der Wunsch, ihm wirksam zu Hilfe zu kommen. Kinder zeigen diese Gabe schon früh in ihrem Leben. Und wenn so ein mitfühlendes Kind einen streunenden Hund heimbringt und ihm ein Obdach geben möchte, da sind wir schnell überfordert und argumentieren vernünftig.

Peter Hoeg, aus dessen Buch "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels", ich jetzt eine kleine Szene vorlesen möchte, ist hier schon einmal heute empfohlen worden, er schreibt: "Morgens am Diakonissenhaus, wenn man sich in den Garten hinausschlich, bevor die anderen wach waren, auch die Schwestern, dann waren Spinnweben zwischen den vollen Büschen, in den Fäden hingen Tautropfen, sie fingen die Sonne ein, berührte man das Netz, selbst wenn man ganz vorsichtig war, kam die Spinne nicht, man hatte sie hervorlocken wollen, doch ihre Empfindlichkeit war so viel größer als die eigene, sie wußte, man war zu groß und zu stark, obwohl man ziemlich klein war. Der Durchmesser des größten Spinnennetzes betrug vielleicht 75 cm, plus die Fäden zu den Baumstämmen, wo sie befestigt war. Wir Kinder hatten beschlossen, die Netze nicht zu zerreißen, das war die Regel, unbedingt. Das Netz war so groß und die Spinne so klein, man wußte wie sie geschuftet haben mußte, um es zu bauen. Schwester Ragner, die für den Garten zuständig war, fegte sie mit einem Besen herunter. Es wurde immer still, wenn sie es tat. So totenstill, daß sie jedesmal innehielt und sich umsah, sie verstand es nicht, die vielen Kinder, die plötzlich bewegungslos dastanden. In diesem Augenblick war sie in akuter Lebensgefahr, nur ein paar Details der Unterschied zwischen ihrem Körpergewicht und unserem, die Tatsache, daß man aus dem Büro im ersten Stock einen direkten Blick in den Garten hatte, hinderten uns daran, sie auszulöschen."

Der Ich-Erzähler ist ein schwieriges Kind, ein Verweigerer durchdrungen von dem Wunsch, einen Menschen zu finden, der zuhört und nicht bewertet. Und das heißt wohl, der das Kind nicht einordnet in das eigene System, in das eigene Weltbild, es sehnt sich nach einem Menschen, der es mit ihm aushält, mit seiner Hoffnung und Angst und Not und damit, daß man einander fremd ist. Der sich nicht unterwirft, weil er es anders nicht lieben kann. Er findet diesen Menschen schließlich in einem anderen Kind - nicht unter den Erwach- senen. An einer Stelle steht in diesem Buch, erwachsen werden heißt zuerst vergessen und dann verleugnen, was wichtig war, als man ein Kind war. Natürlich ist dieses Wichtige nicht immer leicht und lustig, warum sollte es das sein, nur, weil die Eltern keine traurigen Kinder haben wollen?

Janusch Kortschak schreibt in"Wenn ich wieder klein bin": "Traurig zu sein, ist nicht schlimm, die Traurigkeit ist ein mildes und kein unfreundliches Gefühl. Gute Gedanken kommen einem in den Sinn, jeder tut einem leid, die Mutter, weil ihr die Motten das Kleid zerfressen haben, der Vater, weil er arbeitet und die Oma, weil sie alt ist und weil sie sterben muß. Der Hund, weil ihm kalt ist und die Blume, weil sie ihre kleinen Blätter hängen läßt und sicher krank ist. Man möchte jedem helfen und selbst möchte man sich bessern. Wir mögen doch auch traurige Märchen, das heißt, daß wir auch die Traurigkeit brauchen. Sie ist wie ein Engel, der da steht und schaut, dir die Hand auf den Kopf legt und gleichsam mit Flügeln atmet. Man möchte allein sein oder mit nur einem Menschen über verschiedene Sachen sprechen. Wahrheitsliebe, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Großzügigkeit, Freundlichkeit, geistige Aufgeschlossenheit, Liebe, Verantwortungsgefühl bringen Kinder ins Leben mit als Möglichkeit, als Fähigkeit, als Bereitschaft, als Kraft und Gefühl, nicht als argumentativ gesicherte moralische Haltung, eher als Sehnsucht, die auf uns, die Erwachsenen, die berufenen Hüter der Kinder hofft."

Noch einmal Kortschak: "Ihr sagt der Umgang mit Kindern ermüdet uns. Ihr habt recht. Ihr sagt, wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen. Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns, sondern, daß wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen, emporklimmen, uns ausstrecken auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen, um nicht zu verletzen."

Was geschieht mit der Mitgift der Kinder? Können sie die Mitgift in dem Leben brauchen, in das sie hineinwachsen, für das sie von uns erzogen werden, können sie ihre Mitgift hüten und sogar mehren, helfen wir ihnen dabei? Wie können wir das tun? Tun wir das denn auch und was ist aus unserer Mitgift geworden? Diese Frage dürfen wir nie auslassen. Wenn ich Arno Grün richtig verstanden habe, so sagt er aus der Erfahrung lebenslanger psychoanalytischer Praxis, daß das Verplempern und Verschleudern unserer Mitgift, er nennt das den "Verrat am Selbst", uns unfähig machen zu ertragen, durch unsere Kinder daran erinnert zu werden, daß wir sie einmal besaßen und nun vertan und verloren haben. Hindert uns so etwas wie eine existenzielle Scham über den Selbstverrat, Kindern ihre Mitgift zu gönnen, sie zu achten und zu hüten? Es ist ja auch so schwierig, weil wir nicht mit ihnen allein sind, nicht mit ihnen in einer Familie in einer Großfamilie oder einem Stamm leben als eine Gruppe, die sich selbst genügt, nicht betroffen ist von dem, was außerhalb ihrer Grenzen geschieht und darum ihren Kindern für ihr Aufwachsen einen Rahmen bietet, in dem jeder, der da ist, auch dazu gehört und einen Platz hat. Alle sind da in einer bindenden Ordnung aufeinander bezogen und Erziehung heißt, dem Kind einen Platz in der Ordnung zeigen. Wenn es fragt, "Was soll ich tun, was wird aus mir werden?", werden ihm alle Mitglieder dieser Ordnung dieselbe Antwort geben, und die Freunde, mit denen es spielt und sich austauscht, bekommen gleiche Antworten. Wenn es so wäre, wäre es so einfach, Kinder zu erziehen. Daß Gemeinschaften, die das anbieten und die wir Sekten nennen, soviel Zulauf haben, zeigt wie sehr uns die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft, in der wir leben, überfordert.

Ich will Ihnen gleich etwas davon zeigen von der Überforderung der wir alle ausgesetzt sind, wenn wir uns nicht in die Idylle verkriechen.

Vorher noch einmal zusammenfassend

Kinder brauchen Orientierung, brauchen ethische Orientierung und Kinder sind begabt, dies zu suchen. Aber ob sie es finden, hängt nicht nur von ihnen ab, von Ihrer Kraft, Ausdauer, Liebesfähigkeit, Intelligenz und Lernbereitschaft, ihrem Mut und ihrer Phantasie. Es hängt nicht nur von ihrer Erziehung ab, in dem Sinne, ob sie Normen und Werte beigebracht kriegen. Es hängt auch ab von der moralischen Integrität der Erwachsenen, die ihre Begleiter und ihr Vorbild sind oder sein wollen. Die dazu auserkoren wurden oder sich durch ihre gesellschaftliche Position oder Bedeutung als Vorbilder aufdrängen. Es hängt auch und vor allem davon ab, ob man sich in diese Welt, für die wir als Erwachsene mehr verantwortlich sind als die Kinder, mit gutem Gewissen einfinden kann. Und ob man nicht eines Tages feststellen muß, hier gilt ja: "Der Ehrliche ist der Dumme".

Ein Beispiel: Die Mäuse

Ich habe einmal in meiner Klasse im zweiten Schuljahr, die Mäuse durchgenommen, das war so ein Thema im Biologieunterricht und die Kinder haben eine ganze Menge gelernt dazu. Am Schluß haben sie eine Leistungskontrolle gemacht und sie haben alles ganz gut gewußt. Komisch, bei einem Punkt war totale Fehlanzeige. An einer Stelle nämlich stand die Frage: "Welches sind die Feinde der Maus?" und kein einziges Kind hatte den Menschen erwähnt. Und ich hab dann gefragt: "Wie kommt denn das? Wir haben doch darüber gesprochen!" und die Kinder waren sich einig: Wir sind keine Mäusefresser, wir mögen die Mäuse. Und ich hab nicht feststellen können, ob sie das verabredet haben oder ob das stillschweigender Konsens war. Dagegengesetzt jetzt um die Spannung klar zu machen, eine kleine Geschichte, die heißt:"Die Frage", von Franz Holer aus seinem Buch "Die blaue Amsel": Als das krebskranke Kind seine Mutter fragte, wieso es soviel leiden mußte, wußte die Mutter keine Antwort. Als die kleine Krebsmaus ihrer Mutter die gleiche Frage stellte, wußte diese sofort eine Antwort: "Das ist unsere Aufgabe", sagte sie, "wir bekommen besonders leicht Krebs, damit die Wissenschaft an uns ausprobieren kann, wie man den Menschen hilft, die Krebs haben. Vielleicht kannst du sogar ein Menschenkind retten." Die kleine Krebsmaus nickte und biß auf die Zähne. Etwas später fragte sie: "Aber warum tut es so grauenhaft weh?" Die Spannung, die zwischen diesen beiden Geschichten spürbar ist, die einfach da ist, die müssen wir aushalten. Und ich denke, daß unsere Kinder in der Regel sehr viel mehr davon spüren als wir.

Ein anderes Beispiel: Ein Beispiel zum Teilen

Uns allen ist klar, daß wenn wir drei Kinder haben und Schokoladenpudding gekocht haben, der so geteilt wird, daß es gerecht ist, daß alle gleich viel bekommen. Hier besteht wahrscheinlich unter den Eltern, in jeder Klasse und in jeder Kindergartengruppe auch ein Konsens. Ich habe festgestellt, daß ich sehr viele Probleme in der Klasse, die daraus entstehen, daß die Kinder mich zu stark beanspruchen oder auch Eltern für ihr Kind zuviel wollen, dadurch entschärfen kann, daß ich den Kindern oder den Eltern an die Tafel einen großen Kreis male und sage: "Das ist mein Lehrerinnenkuchen, das ist der Kuchen in dem alles drin ist, was ich an Zeit, Aufmerksamkeit, Liebe, Zuwendung usw. für diese Klasse zur Verfügung habe und wenn wir das jetzt meinetwegen durch 24 Kinder teilen, soviel wie hier in der Klasse sind, dann haben wir 24 gleiche Stücke und jedes Kind, das mehr beansprucht, als ihm hier zusteht, muß damit rechnen, das es jemand anderem etwas wegnimmt."

Das führt überraschenderweise sehr schnell zu einer Entspannung unter den Kindern und auch unter den Eltern. Sobald ich aber, nur einen kleinen Schritt aus der Klasse rausgehe, wird es schwierig. Das hab ich erlebt an einem Beispiel, da hatten wir Gäste aus Jena, die sehr früh aufgebrochen waren, um uns zu besuchen. Zwei Lehrer waren bei uns in der Klasse. Dann war die große Pause und der Hausmeister hatte seinen Pausenbrotstand geschlossen, weil er auf einer Fortbildung war und wir hatten keine Möglichkeit für unsere Gäste was zu essen zu kaufen. Und dann haben wir gesagt: "Gut, dann tun wir unsere ganzen Pausensachen zusammen", haben das in kleine Häppchen geschnitten, das Obst und die Brote usw. und ein großes, rundes Tablett, hergerichtet und uns drumrum gesetzt mit unseren Gästen und das miteinander gegessen.

Und ich fand das wunderbar und ich hatte auch das Gefühl, alle haben es genossen. Am nächsten Tag kamen zwei Kinder und haben mir gesagt, meine Mama hat gesagt, da soll ich nicht wieder mitmachen. Wenn sie mir ein Pausenbrot mitgibt, dann soll ich das essen. Ich hab das niemals fertiggebracht, mit der einen Mutter darüber zu reden. Mit der anderen Mutter hab ich darüber geredet. Sie hat gesagt: "Das habe ich nie gesagt." Und es war offenbar so, daß das andere Kind, dieses Mädchen dazu bewegt hatte mitzukommen und zu sagen ihre Mutter hätte das auch gesagt. Das Kind, von dem das ausging, war das reichste Kind in der Klasse, der Vater war Rechtsanwalt, Wirtschaftsanwalt. Ich will nichts mehr dazu sagen.

Wenn sie sich vorstellen dieses Problem des Teilens wird vollends schwierig, wenn sie die Schule als Ganzes nehmen und in der Schule z.B. eine Klasse mit bosnischen Kindern untergebracht ist. Ich will das auch nicht weiter ausführen, das überlaß ich ihrer Phantasie. Wir legen aber unseren Kindern heute die ganze Welt ans Herz, wir sagen: "Ihr wachst auf in einer Welt, ihr müßt auch an die anderen Kinder denken und das tun wir nicht erst seit heute, sondern das tut man schon sehr lange." Eine meiner Studentinnen aus Erfurt hat mir etwas dazu aufgeschrieben, was sie selber betraf. Das heißt "Brot".

"Es ging schon im Kindergarten los, man verfolgte mich durch meine Schulzeit, von allen Seiten wurde gepredigt: 'Brot darf man doch nicht wegschmeißen, denk an die vielen hungernden Kinder aus der Welt, die wären so froh, wenn sie es so gut hätten wie du. Iß dein Frühstück auf, denk an die anderen Kinder'. Freilich haben mir diese Kinder leid getan. Und gerade deshalb kam ich immer wieder in Gewissenskonflikte. Auf der einen Seite war ich satt oder es hat mir absolut nicht geschmeckt. Auf der anderen Seite waren da die hungernden Kinder. Wegschmeißen war also nicht drin. Aber wie sollte ich denn meine Brotscheibe bis zu den anderen Kindern hinbekommen. Das Brot würde doch schimmeln. Wenn ich es mir nun aber reinzwänge, nur um es nicht wegzuschmeißen, wäre das nicht egoistisch, ich hatte dann immer das Gefühl, den Hungernden etwas wegzuessen, so als würde ich es ihnen nicht gönnen. Gibt es dafür eine Lösung?"

Ich hab gerade in einer Zeitung gelesen nach 13 Jahren Christlich Liberaler Bundesregierung sieht die Einkommensverteilung bei uns im Lande so aus: Das obere Zehntel der Haushalte verfügt über die Hälfte des privaten Nettovermögens in Deutschland, während sich die untere Hälfte der Haushalte, nur 2,4 % des Nettovermögens teilen müssen. Wir sagten das eben schon, wir fordern aber unsere Kinder heute immerzu auf, an die ganze Welt zu denken, sich als Kinder einer Welt zu erleben. In allen möglichen Äußerungen ist zu hören, daß wir ihnen z.B. Umwelterziehung angedeihen lassen, damit sie dann eines Tages die Sache in Ordnung bringen. Wir verlagern die Aufgabe, auch mehr Gerechtigkeit zu schaffen, in die Zukunft. Die Kinder sollen es richten. Wenn wir uns mit unseren Kindern, Kindern in anderen Ländern zuwenden, erlauben wir uns auch als Erwachsene immer nur den kleinen Ausschnitt der Welt zu betrachten, der für Kinder faßbar und bekömmlich ist. Das entlastet vor allen Dingen uns. Natürlich muß man lernen auszugrenzen, was man ansehen und wo man sich verantwortlich fühlen kann und will, muß sich gegen die Überflutung mit Informationen wehren. Und Kinder fangen mit dem kleinen Horizont an, der wächst, bis sie erschreckt dicht machen.

Ein paar Beispiele noch aus der einen Welt

In der einen Welt sammeln wir für die Armen im fernen Indien Geld. Aber kommt es bei den Richtigen an und wird es für gute Projekte verwendet? Wir sammeln Kleider, Essen und Spielzeug für Kriegsopfer in Jugoslawien. Aber kommt es auch dorthin? Kippt der Laster nicht vorher um, wird er nicht von den Bösen gekapert, gerät unsere Spende nicht in den Altkleiderhandel, ist mein geliebter Hase nicht für ein fremdes Kind einfach nur benutzt und schäbig, wird man dort dem anderen Kind erklären, daß er mit Liebe gegeben wurde? In der einen Welt haben wir in der Klasse ein niedliches Mädchen aus Südamerika, sie wurde adoptiert, aus der Armut dort gerettet und wir sind nett zu ihr, weil sie doch genauso gut ein Mensch ist wie wir. Aber wurde sie nicht vielleicht geklaut und an ihre neuen Eltern verschachert? In der einen Welt sind seit Monaten, seit Jahren Kinder aus Bosnien bei uns in der Schule, die plötzlich kommen, viel weinen, mit denen wir nicht reden können, die plötzlich wieder verschwinden und dann lesen wir in der Zeitung von Abschiebung.

In der einen Welt ist ein Kind in unserer Gruppe, die Tochter des Pfarrers. Daheim haben sie eine Familie im Kirchenasyl, die in die Türkei abgeschoben werden soll. Sie sind im Dissenz mit der Amtskirche, sie sind im Dissenz mit unserem Staat, seinen politischen Vertretern, den Vertretern des Rechtssystems, den Vertretern der Behörde. In der einen Welt sehen wir einen Film über ein Kind in Kambodscha, das seine Beine verloren hat durch Landminen, die in Deutschland hergestellt wurden und von Deutschland immer noch verkauft werden. Wissen wir eigentlich was wir den Kinder auftun mit diesem Slogan "Children for a better world"?

Wenn wir über die eine Welt nachdenken, die wir im Kindergarten und Schulen den Kindern ans Herz legen, müssen wir den Bogen spannen bis zu dem, was von der männlichen Machtelite als Globalisierung verhandelt und durchgesetzt wird. Man muß keine ausgewiesen linken Blätter heute mehr lesen, um Sätze zu finden wie"Wie kann sich die Gesellschaft vor dem vernichtenden Erfolg des Kapitalismus retten?" Das stand in der"Zeit", in einer Rezension des Buches von Robert B. Reich, der Professor in Harward ist. Er stand in einer anderen Nummer der"Zeit": "Im Namen des Marktes zum Schaden der Demokratie" über einen Artikel über Robert Murdoch, diesem australischen Mediengiganten. Es stand dort auch neulich "Erst zerreden, dann herunterspielen und schließlich vertagen". Bei kaum einem anderen Thema der Wirtschaftspolitik ist diese Taktik so zur Routine geworden, wie bei der Schuldenkrise der Dritten Welt.

Ein paar Dias ...

Und jetzt zeige ich Ihnen ein paar Dias, die ich so gesammelt habe in der letzten Zeit, die uns die Welt zeigen.

Bezogen auf das Dia:

So, haben wir es in der Schule und im Kindergarten, und so haben wir es gerne - dieses Gedicht und Lied: "Ich weiß einen Stern gar wundersam, auf dem ich lachen und weinen kann, mit Städten voll von tausend Dingen, mit Wäldern, darin die Vögel singen. Ich weiß einen Stern, drauf Blumen blühen, drauf herrliche Schiffe durch Meere ziehen, er prägt uns, er nährt uns, wir haben ihn gern, Erde, so heißt unser lieber Stern."

So sehen wir das gerne, daß die Kinder mit dem großen Weltball spielen, aber mittlerweile wird mir bei diesem Bild auch Angst.

Ich werde nicht zu allen Bildern etwas sagen, ich möchte nur Ihren Blick schärfen, sodaß sie in der nächsten Zeit auch mal darauf achten, wo überall mit den Bildern der Welt Verfügbarkeit signalisiert wird.

Das soll Tag und Nacht auf der Erde für Kinder illustrieren.

Das ist nun ein ganz altes Bild von der Welt, als man noch nicht wußte, daß die Erde rund ist - oder so umhegt hat man sich das vorgestellt.

Dann kam dieses Bild, das kennen Sie sicher, inzwischen wird es so verwendet.... der Countdown läuft. Es geht um das Jahr 2000, aber das hat ja inzwischen eine so apokalyptische Stimmung bei vielen Äußerungen zum Jahr 2000.

Das ist ein Bild, wenn sie da den Text lesen können,"dieses ergreifende Bild der Erde, die im schwarzen Weltraum" .... steht da noch.... und wenn sie sich erinnern: Es hat angefangen seinerzeit nach den ersten Weltraumflügen, dann gab es dieses Buch der, "Heimatplanet", in dem sehr viele Bilder von der Erde, wie sie aus dem Weltraum zu sehen ist, abgebildet waren. Zitate von Astronauten oder Kosmonauten aller Nationen, die beteiligt waren, die alle dasselbe sagen, daß sie in dem Moment, wo sie die Erde vom Weltraum gesehen haben, erschüttert waren von diesem Eindruck, wie zerbrechlich, dieser Planet ist und daß er geschützt werden muß. Diese Männer waren selber davon überrascht, daß sie es so empfunden haben. Mittlerweile wird dieses Bild der Welt durch die Art und Weise wie es überall auftaucht, verwertet und damit Schindluder getrieben wird, von dieser emotionalen Haltung vollkommen entkleidet. Hier in einer Werbung für eine Bootsmesse - da oben im Focus, TV ist auch eine Erde. Sie müssen auch mal im Fernsehen drauf achten. Das ist bei den Nachrichten, beim Weltbild, das ist so ein Auslandsmagazin, da dreht sich ein Globus, der für mich aussieht wie eine Seifenblase kurz vor dem Platzen. Das ist ein leeres, durchsichtiges, rundes Gebilde, wo nur die Erdteile so drauf sind, und den schwarzen Flecken auf einer Seifenblase ähnlich sehen, kurz bevor sie platzen.

Hier in einer Statistik, muß das gleich so illustriert werden. Das ist eine Spalte im Magazin der Süddeutschen Zeitung, wo jede Woche das Jüngste Gericht in dieser Weise verballhornt wird. Eine Person wird befragt, als würde sie vor dem Jüngsten Gericht befragt. Reklame für den Frankfurter Flughafen. Man versucht auch freundlich und kindlich zu sein, das lacht uns an und stammt aus diesem Zusammenhang. Das ist auch etwas, was man beobachten muß, wie Kinder verwertet werden, wie sozusagen das Kindchenschema in uns angesprochen wird in der Werbung, um uns in ganz andere Bereiche zu locken und zu verführen.

Für unseren gegenwärtigen Lebensstil ist der Planet viel zu klein, wir bräuchten mindestens drei davon, da kündigt sich was an.

Ja, hier die Erde, als Luftballon am Auspuff, das ist natürlich eine Warnung.

Und hier der Erdball. Kritisch gesehen ist das hier im Hinblick, auf das, was wir damit machen.

So zeigen wir das Kindern, und wenn wir sie so zeigen, dann muß man das andere alles im Hintergrund sehen, was mit diesem Bild der Welt ja längst täglich neu an Bedrohung und Verfügbarkeit assoziiert wird.

So zeichnet dann ein Kind: Wer trägt die Last unseres Wohlstandes?(siebente Klasse).

Das stammt aus einer Reklame der AEG. Da haben sie Klartext, der Erdball als Verhandlungstisch für Geschäfte. Das ist Globalisierung.

Im Kleinen kommt das dann so daher, so wird für Zigaretten geworben und dann steht drauf, der Gesundheitsminister macht darauf aufmerksam, das ist, naja, ich will den Ausdruck dazu nicht gebrauchen, der mir dazu in den Sinn kommt. Ich denke das ist keine Mahnung mehr, was da drauf ist, sondern das ist die institutionalisierte Veralberung aller Mahnungen, doch auf die Gesundheit zu achten. Das ist bundesweit auf riesigen Wänden plakatiert worden, sie können es vielleicht nicht gleich lesen, da steht: "Ab 18 rauchen - meine Entscheidung" - so wird geworben.

Und jetzt gucken Sie sich diese zwei Jungs an, was denken Sie sich denn dabei? Mir tun die leid, wie sie da stehen und die Fäuste ballen, schon die Jugendfotos unserer Fondmanager verraten über ihren Erfolg. Dresdner Bank Investmentfonds, auch das ist mehrfach geschaltet worden als ganzseitige Anzeige in den großen deutschen Zeitungen und es war überall in der Bundesrepublik plakatiert, in den Filialen der Dresdner Bank. Ich hab das schon verschiedentlich gezeigt, nur die Leute, die Erwachsenen, haben sich immer gewundert, daß sie es nicht gesehen haben, daß es ihnen nicht aufgefallen ist.

Da oben sehen sie eine Klasse, die Kriegsspielzeug sammelt um es wegzutun, um sozusagen sich dem Frieden zuzuwenden, und hier unten sehen sie: "Treffen in Moskau", Veteranen der sowjetischen und amerikanischen Luftlandetruppen begegnen einander in der sowjetischen Hauptstadt während der Gedenkfeier und Paraden zum 50. Jahrestag des Kriegsendes. Ein Bild der Kumpanei.

Die Herren aus der Ebene haben nie etwas zu fürchten gehabt.

Und jetzt etwas: Ich bin neulich im Raum Stuttgart auf einer Lesereise unterwegs gewesen, und bin dort in so einem Schienenbus gefahren, in dem die Schulkinder hin und hergefahren werden aus kleinen Orten in das große Gymnasium. Und mittags war der Bus gerammelt voll mit Schulkindern, Gymnasiasten. Auf so einem Display über dem Fahrradsitz lief diese Reklame. Ich hab sie mir ganz schnell abgeschrieben, die lief so durch: "Zuverlässig, einsatzbereit, redegewandt, seriös und geldgierig. - So stellen wir uns unsere neuen Mitarbeiter im Außendienst vor. Telefonnr. usw." Sollen wir dagegen ankommen?

Jetzt noch ein paar Bilder. Also für mich ist das was ich Ihnen gerade zumute, ein Schockprogramm. Die Titelbilder des New Yorker reflektieren sehr viel von unserer Zeit. Das erschien im letzten Jahr, als man Hiroshimas gedachte. Das Irrsinnige ist ja, daß wir das auch noch mit ästhetischem Vergnügen ansehen können, weil diese Titelbilder ja wirklich genial sind. Das ist das Chaos der Großstadt New York, in dem es auch natürlich Kinder gibt. Gucken Sie mal, wie der Geiger schuftet. Das sieht man nicht mehr, daß das hier passiert, wenn man so ein Handy hat, man merkt auch nicht mehr, wo man sein Picknick hält, und das ist das was den Kindern bleibt. Und so lange sie sich Papierhüte falten, meinen wir, sie wären glücklich und sehen nicht, was auf dem Papier steht: Drugs, Terrorists, O.J.Simpson, Rave, Vergewaltigung.

Das waren die Dias!

Was können wir tun?

Was können wir tun, wenn wir mit Kindern leben, lohnt es sich denn noch, angesichts solcher Bilder und solcher Macht, lohnt es sich noch täglich mit ihnen das Apfelbäumchen zu pflanzen?

Noch einmal Kim, ich denke in diesem Zitat steckt ein Rat:"Denke Dir, wenn weit mehr Menschen ihr Leben auf volle Ehrlichkeit bauen wollten, denke Dir, wieviel das Wort Ehrlichkeit eigentlich in sich faßt, wenn die Menschen bloß gegen sich selber ehrlich sein wollten, denke Dir, wieviel mehr Glück, welche Zufriedenheit und Freude es dann gäbe. Woran kannst Du Dich denn halten, wenn keine Ehrlichkeit vorhanden ist? Wenn man bloß völlig verstehen wollte, daß man jedes Mal, wenn man eine Unwahrheit sagt, überlegt oder nicht einen kleinen Stein aus dem Fundament entfernt auf dem unser Dasein aufgebaut ist, oder jedenfalls doch aufgebaut sein sollte". Also ehrlich sein und es heißt anders gefaßt, so weit es uns möglich ist, die Desorientierung der Kinder durch Heuchelei, die in unserem Alltag gang und gäbe ist, zu vermeiden. Paul Salomon, ein Ungar, hat mal gesagt: Die Realpolitik der Unredlichkeit sei die historische Kontaktkonstante dieses Jahrhunderts.

Und wenn Sie sich angucken, was vor einiger Zeit in Deutschland passiert ist, rund um Shell und diesen riesen Protest gegen die Versenkung der Ölplattform und das gleichzeitige Desinteresse gegenüber dem Sterben der Ogoni in Nigeria. Das ist so widersinnig. Wenn unsere Kinder nichts dazu sagen, bedeutet das nicht, daß es sie nicht berührt und daß sie es nicht merken. Vielleicht erfüllen sie nur unseren Auftrag: Schau nicht hin, sei ein glückliches Kind, denn wenn es dir gutgeht, kann ich alles ertragen.

Was lernen denn die Kinder so? Wegsehen und "Hauptsache, mir geht's gut". Ich denke, auch wir sollten uns nicht abfinden mit den Konstanten, die das Miteinander lähmen und unterhöhlen bis es zusammenbricht.

"Mitspielen verbieten ist verboten"

Es gibt da ein wunderbares Buch seit einiger Zeit von Vivienne Gasinpaily "Mitspielen verbieten ist verboten". Die Kinder, mit denen sie im Kindergarten arbeitet, haben ihr erklärt, warum sie manchmal andere Kinder ausschließen müssen, und daß sie wissen, daß es wehtut und anders besser wäre. Sie wollte, daß Kinder nicht ausgeschlossen würden und wünschte sich die Regel "Mitspielen verbieten ist verboten" und eines Tages nach langem, langem Reden mit den Kindern ist sie zu dem Punkt gekommen, daß sie gesagt hat: Jetzt diskutiere ich nicht mehr, jetzt wird diese Regel eingesetzt, weil ich es will: Mitspielen verbieten ist verboten. Und es ergaben sich dann neue reiche Möglichkeiten des Miteinander, von denen niemand etwas geahnt hatte, auch sie nicht. Also das ist ein Buch, das ich Ihnen dringend empfehlen möchte.

Noch einmal Hans Sahne: Vielleicht gibt es zwei Grundwege der Erziehung. Erziehung wird entweder verstanden als ein Weg für Integration über die Vernichtung der natürlichen Desidenz. Man könnte sie aber auch verstehen als allmähliche Verwandlung der natürlichen in eine reflektierte und durch Erfahrung gesättigte Desidenz. Daß Erziehung fast nur den ersten Weg gegangen ist, macht sie zu einem Unglück für alle, die sie erleiden und für die Zukunft der Gesellschaft. Sie erstickt die Zukunft des Kindlichen im Kind und damit die künftige Verwandlung der Gesellschaft aus dem Potential der Fantasie. Und wenn sie dann Astrid Lindgren lesen, dann werden sie sehen, daß sie immer und immer in ihren Büchern dafür plädiert, daß es die Hauptaufgabe der Kinder ist ihre Fantasie zu entwickeln und vor allen Dingen die soziale Fantasie. Ich denke aber auch, wir sollten uns trösten dürfen und uns und unseren Kindern Gedichte gönnen, z.B. so daß wir sie aufhängen in der Wohnung oder im Kindergarten und in der Schule, dort wo man sie oft lesen kann.

Und als so einen Trost möchte ich Ihnen zum Schluß ein Gedicht vorlesen, das, als meine Tochter klein war, bei ihr am Bett hing, das ich ihr oft vorgelesen habe und das sie unverlierbar auswendig mit sich trägt:

"Ich möchte jemanden einsingen, bei jemandem sitzen und sein.

Ich möchte Dich wiegen und klein singen und begleiten.

Schlaf aus und schlaf ein.

Ich möchte der Einzige sein im Haus der Wüste, die Nacht war kalt.

Ich möchte horchen, herein und hinaus in Dich, in die Welt, in den Wald.

Die Uhren rufen sich schlagend an und man sieht der Zeit auf den Grund und

unten geht noch ein fremder Mann und stört einen fremden Hund.

Dahinter wird Stille.

Ich habe groß die Augen auf Dich gelegt und

sie halten Dich sanft und lassen Dich los, wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt."

Zur Person:

Ute Andresen

25 Jahre Grundschullehrerin in München. Sie schrieb Bücher für Kinder und Erwachsene, die ihre Erfahrungen mit Kindern im Unterricht und außerhalb der Schule reflektieren. Seit 4 Jahren ist sie in der Ausbildung von GrundschullehrerInnen an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt tätig.

Kontakte und Informationen:

Amt der NÖ Landesregierung, Landesamtsdirektion

Für den Inhalt verantwortlich: Franz-Xaver Kerschbaumer,

Redaktion: Wilhelm Winter

Wilhelm Winter - Audiovision und Handel

Die Referate sind auch auf Tonkassetten erhältlich.

A-3040 Neulengbach, Badstraße 255

Tel.: 02772/53876 Fax Dw.: 4

Diese Broschüre kann bei Wilhelm Winter oder unter folgender Adresse bestellt werden:

Beratungsstelle für Integration, Landhausplatz 1, 3100 St. Pölten

Tel.: 02742/200/5643 oder 5516

Beachten Sie auch die Bestellmöglichkeit über das Internet: http://www.noel.gv.at/inhalt.htm#Gedrucktes

Quelle:

Ute Andresen: Aufwachsen im Widersinn.

Erschienen in: Mit Kindern wachsen, NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand : 04.10.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation