15 Frauen mit Behinderung, 15 Wege zur Arbeit

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Broschüre
Releaseinfo: Eine Broschüre des AMS für Arbeit suchende Frauen mit Behinderung; für den Inhalt verantwortlich: Mag.ª Bettina Huber (AMS - Service für Arbeitskräfte), Gerti Flach (AMS - Arbeitsmarktpolitik für Frauen), René Sturm (AMS - Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation); Text: queraum.kultur- und sozialforschung; Redaktionsteam: Ulrike Fleischanderl, Mag.ª Anita Rappauer, Mag. Michael Stadler-Vida, Mag. Oliver Koenig; Fotos: Christina Canaval
Copyright: © Arbeitsmarktservice Österreich 2016

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser!

Das Arbeitsmarktservice (AMS) fördert die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt und bekennt sich dabei auch zu einer umfassenden Eingliederung von Menschen mit Behinderung in Gesellschaft und Arbeitswelt. Vor allem die berufliche Integration stellt naturgemäß die Kernaufgabe des Arbeitsmarktservice dar.In Diskussionen zum Thema Behinderung ist zumeist allgemein von „Menschen mit Behinderung“ die Rede. Selten wird jedoch bewusst gemacht, dass es dabei auch geschlechtsspezifische Unterschiede zu beachten gibt. Seit kurzem sind richtigerweise in Österreich auch diese geschlechtsspezifischen Aspekte von Behinderung ein Thema von Forschungs- und Praxisprojekten. Daneben besteht zusätzlich selbstverständlich auch Handlungs- und Sensibilisierungsbedarf.

Bekannt ist, dass Menschen mit Behinderung häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen sind als nicht behinderte Menschen und - wie bei nicht behinderten Personen – Frauen länger Arbeitslosengeld (bzw. Notstandshilfe) beziehen als Männer. Frauen sind aber nicht nur länger arbeitslos, sondern sie erhalten im Durchschnitt auch deutlich weniger Arbeitslosengeld, weil ihre Erwerbseinkommen vor Eintritt der Arbeitslosigkeit meist auch niedriger sind als jene der Männer. Ebenso ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit einer Behinderung geringer als jene von Männern mit einer Behinderung und auch niedriger als jene nicht behinderter Frauen.

Diese und andere verfügbaren Zahlen legen für das AMS den Schluss nahe, dass Frauen mit Behinderung oft von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Das heißt, dass die Kombination der Merkmale „Frau“ und „Behinderung“ zu einer Verstärkung von etwaigen Benachteiligungen führen kann.

Mit der vorliegenden Broschüre will das AMS aus diesen Gründen einen Beitrag zum „Europäischen Jahr der Chancengleichheit für Alle“ leisten. Sie soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass es sich bei Menschen mit einer Behinderung – geschlechtsspezifisch differenziert – um Frauen und Männer mit Behinderung handelt – mit unterschiedlichen Ausgangslagen und Chancen, aber auch unterschiedlichen Stärken in Gesellschaft und Arbeitsleben.Um die Erschwernisse einer Mehrfachdiskriminierung bestmöglich aufzuzeigen und abzubauen, will diese Broschüre zu einer positiven Sensibilisierung beitragen und kann auch ein geeignetes Nachschlagewerk für Betroffene darstellen.

Lesen Sie über Informationen und Angebote speziell für Frauen mit Behinderung. Wir wollen Ihnen dabei mögliche Wege aufzeigen, wie Sie Ihre Karriere am besten meistern können.

Scheuen Sie aber zusätzlich auch nicht den Weg zum AMS. Wir stehen Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite. Einen ersten Überblick über unsere Dienstleistungen finden Sie auch Im Internet, besuchen Sie uns doch unter www.ams.at/Service für Arbeitskräfte/Menschen mit Behinderung.

Viel Erfolg auf Ihrem beruflichen Weg wünschen Ihnen

Dr. Herbert Buchinger, AMS Vorstandsvorsitzender

Dr. Johannes Kopf, LL.M, Mitglied des Vorstandes

Einleitung

Erwerbsarbeit ist ein wesentlicher Faktor für die gesellschaftliche Integration – besonders auch für Menschen mit Behinderung(en). In der öffentlichen Diskussion zum Thema „Behinderung und Arbeit“ wird jedoch häufig vernachlässigt, dass es sich bei Menschen mit Behinderung um Frauen und Männer mit Behinderung handelt, die unterschiedliche Ausgangslagen und Chancen in der Gesellschaft und speziell am Arbeitsmarkt vorfinden.

Das Forschungsbüro queraum. kultur- und sozialforschung., das vom Arbeitsmarktservice Österreich mit der Entwicklung der vorliegenden Broschüre beauftragt wurde, hat sich daher bewusst gegen eine reine Informationsbroschüre entschieden. Das Herzstück der Broschüre stellen Portraits dar, die auf der Grundlage von persönlichen Gesprächen mit insgesamt 15 Frauen mit Behinderung erstellt wurden. Das ForscherInnenteam sprach mit berufstätigen Frauen über ihren schulischen sowie beruflichen Werdegang. Es ging vor allem darum, ihre Erfahrungen während der Ausbildung sowie bei der Arbeitsuche und ihre derzeitige berufliche Tätigkeit darzustellen. Vor dem Hintergrund der persönlichen und zum Teil recht unterschiedlichen Erlebnisse war es einigen der befragten Frauen ein Anliegen, Arbeit suchenden Frauen mit Behinderung Ratschläge und Tipps mit auf den Weg zu geben. Anderen war es wiederum wichtig zu betonen, selbst kein Vorbild sein zu wollen. Mit ihrer Mitwirkung an der Broschüre möchten sie anderen Frauen mit Behinderungen vielmehr Anregungen und Impulse für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung geben.

Abgestimmt auf die persönlichen Geschichten der befragten Frauen wird in den Portraits auf hilfreiche Servicestellen und -leistungen, vertiefende Informationen, interessante Organisationen und Webseiten sowie weiterführende Literatur verwiesen. Einen detaillierten Überblick über Angebote, die Menschen mit Lernschwierigkeiten und/ oder Behinderung den Neu- bzw. Wiedereinstieg in die Arbeitswelt erleichtern sollen, finden Sie in der ebenfalls vom Arbeitsmarktservice herausgegebenen Broschüre „Rund um Arbeit und Behinderung“, die auch Im Internet abrufbar ist.[1]

Die Broschüre richtet sich zudem an alle, die am Prozess der beruflichen Integration von Frauen mit Behinderung teilhaben und an diesem mitwirken. BeraterInnen und MultiplikatorInnen werden angeregt, Frauen mit Behinderung dazu zu ermutigen und zu unterstützen, berufliche Herausforderungen anzunehmen.

Wir haben uns bei der Auswahl der Portraits bewusst für Frauen entschieden, die Beispiele für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt sind. Um nicht ein realitätsfremdes Bild der Lebens- und Arbeitssituation von Frauen mit Behinderung zu vermitteln, ist es uns jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass sich die berufliche Situation von Frauen mit Behinderung sowohl von der Situation von Frauen ohne Behinderung als auch von der Situation von Männern mit Behinderung unterscheidet. Frauen mit Behinderung sind aufgrund ihres Geschlechts UND ihrer Behinderung mit einer mehrfachen Diskriminierung konfrontiert, wodurch ihnen der Zugang zum Erwerbsleben erschwert wird. Anders als es möglicherweise durch die Berufsbiografien der portraitierten Frauen scheint, sind die beruflichen Perspektiven und Einkommenssituationen von Frauen mit Behinderung sowie ihre Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und ein eigenständiges Leben zu führen, eingeschränkt.

Allerdings kann über die Gesamtzahl zu Erwerbstätigkeit bzw. Arbeitslosigkeit von Frauen mit Behinderung keine verbindliche Aussage getroffen werden. Frauen nehmen weniger häufig als Männer Unterstützungsangebote in Anspruch und scheinen damit seltener in den entsprechenden Statistiken auf.

Aus diesem Grunde kann von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Ein weiterer Grund für diese „statistische Unsichtbarkeit“ liegt darin, dass viele Frauen mit Behinderung nicht aktiv Arbeit suchend sind. Die Mikrozensuserhebung von 2008 belegt eine Nicht-Erwerbstätigkeit von Frauen mit körperlicher Beeinträchtigung von 52%[2] im Vergleich zu nur 30% der Frauen ohne Beeinträchtigung.

Im Jahresdurchschnitt 2015 waren 66.644 Menschen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen beim AMS arbeitslos gemeldet. Davon waren 38,9% Frauen und 61,1% Männer. Im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 2014 ist die Vormerkung von Menschen mit Behinderung um insgesamt 15,7% (9.050 Personen) gestiegen. Davon bei den Frauen um 15,9% (3.554 Personen) und bei den Männern um 15,6% (5.496 Personen). Von den 2014 vorgemerkten Menschen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen (57.594) waren 38,8% Frauen und 61,2% Männer. Damit ist von 2014 auf 2015 der Frauenanteil um 0,1% gestiegen, bei den Männern um 0,1% gesunken.[3]

Die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt für Frauen mit Behinderung gestalten sich vor allem abhängig von der Art der Behinderung unterschiedlich. Frauen mit körperlichen Behinderungen oder Sinnesbehinderungen scheinen am Arbeitsmarkt generell besser gestellt zu sein als Frauen mit psychischen Problemen und/ oder Lernschwierigkeiten. ExpertInnen machen darauf aufmerksam, dass es für Frauen mit Lernschwächen besonders schwierig ist, am so genannten „Ersten Arbeitsmarkt“ Fuß zu fassen. Auf verlässliches Datenmaterial zur Arbeitsmarktsituation von Frauen mit psychischen Problemen und/ oder Lernschwierigkeiten können wir an dieser Stelle nicht verweisen, da die Dunkelziffer sehr hoch ist und offizielle Berichte sich ausschließlich auf Schätzungen beziehen.[4]

Dass Frauen mit psychischen Problemen und/ oder Lernschwierigkeiten besonders von Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt betroffen sind, wurde für uns während der Arbeit an der Broschüre deutlich. Während wir keine erwerbstätigen Frauen mit Lernschwierigkeiten finden konnten, die mit uns über ihre Erfahrungen sprechen wollten, waren jene zwei in der Broschüre vorgestellten Frauen mit psychischen Problemen nur unter Zusicherung ihrer Anonymität dazu bereit.

Wir hoffen, dass es uns mit den in dieser Broschüre vorliegenden Portraits von 15 Frauen mit Behinderung und der zusammenfassenden Darstellung relevanter empirischer Daten gelingen wird, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es DIE typische Frau mit Behinderung nicht gibt. Wie die persönlichen Geschichten der portraitierten Frauen zeigen, sind die Lebens- und Arbeitssituationen von Frauen mit Behinderung ebenso unterschiedlich wie jene von Frauen ohne Behinderung.



[2] Mikrozensus 2008

[3] Quelle: AMS Österreich

[4] Bericht der Bundesregierung über die Lage behinderter Menschen in Österreich 2003

Danksagung

An dieser Stelle möchten wir uns besonders herzlich bei allen Frauen bedanken, die uns von ihren Erfahrungen am Ausbildungs- und Berufsweg erzählt haben. Ihre große Offenheit in den Gesprächen, die Spontaneität bei den Terminen sowie ihre Unterstützung bei den Fotos hat die Broschüre in dieser Form erst möglich gemacht.

Weiters möchten wir all jenen Dank aussprechen, die uns geholfen haben, die Broschüre zu verwirklichen. Dies gilt in besonderer Weise den Autorinnen Astrid Hauptmann, Mag.ª Lucia Minecan, Mag.ª (FH) Marlies Neumüller, Mag.ª Karin Sardadvar, Mag.ª Sophie Veßel sowie unserer Fotografin Christina Canaval.

Zudem haben uns folgende Organisationen bei der Suche nach und Kontaktaufnahme mit den Interviewpartnerinnen unterstützt:

  • Arbeitsassistenz des Instituts zur beruflichen Integration

  • Arbeitsassistenz des Odilien-Instituts für Menschen mit

  • Sehbehinderung oder Blindheit

  • Arbeitsassistenz des Vereins „Chance B“

  • Arbeitsassistenz des Vereins WienerIntegrationsNetzwerk

  • Arbeitsassistenz für Blinde und Sehbehinderte des

  • Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbands

  • Arbeitsassistenz von pro mente Oberösterreich

  • Equalizent – Schulungs- und Beratungs GmbH

  • Frauengesundheitszentrum Graz

  • Jugend am Werk

  • Mobiler Hilfsdienst Dornbirn

  • Psychosoziale Gesundheitsdienste Vorarlberg

  • Reiz – Selbstbestimmt Leben Vorarlberg

  • Selbstbestimmt Leben Innsbruck

  • Verein Arbeitsassistenz Tirol

  • Verein autArK – Arbeitsassistenz Kärnten

  • Verein für psychische und soziale Lebensberatung

  • Verein Initiative Soziale Integration

  • Verein inter.work Arbeitsassistenz

  • Verein Miteinander

  • Verein Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

  • Verein Rettet das Kind Burgenland – Fachbereich berufliche Integration

  • Verein Selbstbestimmt-Leben-Initiative

  • Verein vamos

  • Wiener Assistenzgenossenschaft

  • Wien Work – integrative Betriebe und AusbildungsgmbH

Eva Papst, Wien

Braille in weiß auf schwarz
Braille in weiß

„Eine Behinderung ist eine Tragödie, aber möglicherweise nur, wenn man sie selbst als solche empfindet.“

Portrait von Eva Papst vor einem Bücherregal.

Eva Papst kommt ursprünglich aus dem Umland von St. Pölten und ist 52 Jahre alt. Sie ist verheiratet, reist und liest sehr gerne, aber ihr größtes Hobby ist das Internet. Sie arbeitet seit 1993 am Bundes- Blindenerziehungsinstitut (BBI)[5] in Wien als Verlags und Druckereileiterin. Früher ist sie selbst in dieser Schule Schülerin gewesen und hat hier ihre Berufsausbildung gemacht. Dazwischen liegen einige Jahre, in denen sie Erfahrungen in verschiedenen Bereichen und bei unterschiedlichen ArbeitgeberInnen gesammelt hat.

Eva Papst ist schon seit ihrer Geburt stark sehbehindert. Mitte zwanzig ist sie vollständig erblindet.

Ihre Berufslaufbahn ist keine beständige. Das liegt daran, dass es sie drängt, Neues auszuprobieren, wie sie selbst meint. Mit Beständigkeit und Routine alleine könnte sie nicht leben. Eva Papst braucht die Herausforderung und die Abwechslung. Obwohl in ihr der Gedanke an eine sichere Zukunft verhaftet ist, schon allein durch ihre Erziehung, kündigte sie in der Vergangenheit öfters einen Job, wenn sich ein interessanterer anbot, auch wenn sie dann weniger Geld erhielt. So wechselte sie nach sieben Jahren als Schriftführerin im Gericht für Strafsachen und nach dreizehn Jahren als Bankangestellte in ihren jetzigen Beruf, der wesentlich schlechter bezahlt ist. Bereut hat sie ihre Entscheidung aber nie, obwohl sie für viele Bekannte nicht nachvollziehbar ist.

Diese „Ruhelosigkeit“ und „ihr Streben nach Neuem“, waren für Frau Papst auch stets die Gründe dafür, einen Job nach einiger Zeit wieder aufzugeben und „weiterzuziehen“. Ohne es wirklich zu bedauern, merkt sie an, dass durch diese Eigenschaft z. B. eine berufliche Karriere auf der Strecke geblieben ist.

Heute kann sie sich vorstellen, bis zum Ende ihrer Erwerbstätigkeit am BBI als Verlagsleiterin weiterzuarbeiten – solange kein besseres Angebot kommt.

„Mein typischer Arbeitstag ist untypisch.“

Drei
Fotos von Eva Papst an ihrem Arbeitsplatz.
Zwei
Fotos von Eva Paps an der Brailletastatur.

Eva Papst leitet in der Druckerei vor allem die Herstellung von Büchern in Blindenschrift für blinde Kinder und Erwachsene. Außerdem gehört zu ihren Aufgaben, bestehende Texte in Blindenschrift zu kontrollieren und zu korrigieren. Weiters berät sie Interessierte bei der Herstellung von blindengerechtem Druckwerk.Im Blindendruckverlag des BBI ist die Hälfte der MitarbeiterInnen blind und die andere Hälfte der MitarbeiterInnen sehend. In ihren Büros sind alle Geräte auch blindengerecht vorhanden.[6]

Den typischen Arbeitsalltag gibt es nicht. An manchen Tagen muss die Verlagsleiterin viel telefonieren, an anderen korrigiert sie die meiste Zeit Texte am Computer. Oft gibt es auch Besprechungen und Organisatorisches zu erledigen.

Spaß macht ihr bei ihrer Arbeit die Vielfältigkeit der Anforderungen. Besonders interessant empfindet sie Aufgaben wie z.B. die Herstellung eines Booklets für eine CD, die Erzeugung von Aufklebern oder eine Speisekartenerstellung. Sie genießt auch die Tage mit viel Routine, weil sie dann genau weiß, was sie machen muss und sich nicht ständig auf Neues einstellen muss.

„Ich bin ein typischer Durchschnittsmensch.“

Sie habe keine besonderen Begabungen, meint Eva Papst. Es sei ein bisschen was von allem da. Nirgendwo hat es zu hervorragenden Leistungen gereicht, aber ihre Vielseitigkeit hat sie im Leben gut weiter gebracht. Deswegen ist sie auch zufrieden damit.

Durch den Verzicht der visuellen Eindrücke hat sie sich im Lauf des Lebens andere Freuden zugelegt, die sie auch genießt. Sie fühlt zwar den Verlust, aber kompensiert ihn inzwischen durch andere Eindrücke. So ähnlich verhält es sich auch am Arbeitsmarkt, meint sie: „Es gibt natürlich Nachteile, wenn man gewisse Dinge nicht tun kann.“ Aber die EDV hat vieles heutzutage kompensiert, was vor 20 Jahren in ihrem Berufsleben wirklich ein Problem war. Sie erzählt, dass sie die Erste in der Bank war, die mit einem Computer arbeitete.

Im Lauf der Zeit hat sie das Internet für sich entdeckt und inzwischen steckt sie sehr viel Zeit und Energie in die Gestaltung ihrer eigenen Website. Darin hat sie, wie sie sagt, einen willkommenen Ausgleich zu ihrer beruflichen Tätigkeit gefunden und findet dabei immer neue Herausforderungen. Denn das Schlimmste für Eva Papst ist, wenn eine Tätigkeit langweilig wird.

Eva Papst: „In der Durstphase, die fast jeder behinderte Mensch am Anfang der Jobsuche hat, soll man nicht verhungern und nicht stecken bleiben, sondern weitergehen und schauen, was kann ich aus dem machen, was ich habe? Ich hab nicht viel, aber das bisschen, was ich habe, möchte ich mir nicht abkämpfen lassen durch andere.“

„Ich habe eine Handelsschulausbildung, und was mach ich heute? Ganz was anderes!“

Die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten von blinden Menschen sind ihrer Meinung nach beschränkt, wobei sich natürlich seit ihrer Schulzeit einiges verbessert hat. Gerade behinderte Menschen würden sehr oft in ein Schema gepresst, in das sie überhaupt nicht hineinpassen, was natürlich zu Unzufriedenheit führt. Ihr selbst erging es auch so. Sie konnte damals zwischen einer Telefonisten- und Stenotypisten-Ausbildung wählen. Eva Papst entschied sich für letztere und arbeitete zwei Monate als Schreibkraft im Krankenhaus St. Pölten, bevor es sie nach Wien zog. Dennoch, oder gerade deswegen, rät sie anderen, nicht aufzugeben, sondern individuelle Begabungen herauszufinden und seine eigenen Ziele zu verfolgen.

Erfolgreich zu sein bedeutet für die Berufserfahrene nicht, viel zu verdienen oder sehr bekannt zu sein, für sie bedeutet Erfolg einen Job, den man gut macht. „Ob das eine Raumpflegerin oder ein Minister ist, ist letzten Endes egal, wichtig ist, dass man seinen Job ordentlich macht. Das ist Erfolg im Beruf und das sollte man anstreben.“

Früher hat sie ihre Jobs in erster Linie des Geldes wegen gemacht. Sie erzählt, dass sie von ihren Eltern zur Pflichterfüllung erzogen wurde und möglichst bald ihr eigenes Geld verdienen sollte. Später hat sie gemerkt, dass ihr die Arbeit Freude macht, sofern sie sich selbst einbringen kann. Bei der Jobsuche rät sie anderen darum, sich zu überlegen, welche Tätigkeit ihnen Freude bereitet: „Weil die Freude an der Arbeit ist die Motivation mehr zu tun. Ich darf nicht zu sehr in diese ewige Routine abgleiten, es darf aber auch nicht in die andere Richtung gehen, dass ich jeden Job, der mir unangenehm ist, deswegen ablehne, nur weil ich behindert bin.“

Dennoch legt sie Menschen mit Behinderung nahe, in Bezug auf ihren Berufswunsch realistisch zu bleiben. Die Jobwahl sollte aus ihrer Sicht immer auch von Überlegungen geleitet sein, wie „Kann ich das leisten? Habe ich die nötigen Ressourcen, um diese Probleme zu bewältigen?“

Sie selbst wäre früher gerne Innenarchitektin geworden. Ein unrealistischer Wunsch, wie sie heute sagt. Als realistischer schätzte sie eine Tätigkeit im Bereich der Polizeiarbeit oder Rechtsanwaltschaft ein. So bewarb sie sich um die Stelle am Strafgericht, wo sie auch mehrere Jahre als Stenografin arbeitete. Nachdem sie im zweiten Bildungsweg die Matura nachholte, begann sie neben ihrer damaligen Tätigkeit als Bankangestellte das Studium der Rechtswissenschaften. Aber als sie anfing, die Gesetze in Frage zu stellen, anstatt sie unhinterfragt anzuwenden, musste sie sich eingestehen, dass dieser Bereich für sie zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten bietet und gab das Studium bald auf.[7]

Gerne hätte sie z. B. auch Entwicklungsarbeit geleistet und in ärmeren Ländern Blindenschulen oder Servicestellen eingerichtet. Ein bisschen verwirklicht hat sie diesen Wunsch, indem sie in privaten Vereinigungen etwas mitgeholfen hat.

„Vorbilder“ hatte Eva Papst eigentlich nie. Sie hat zwar immer Menschen mit einem erfolgreichen Berufsleben bewundert, aber es war nie ein Beruf dabei, den sie auch gern gemacht hätte. Das liegt vielleicht auch daran, sagt sie heute, dass sie versucht hat, ihre eigenen Träume zu leben und nicht die von anderen zu übernehmen.Menschen, die sie sehr bewundert hat, gab es also schon, aber diese waren von ihrem eigenen Lebensweg und von ihren eigenen Fähigkeiten so weit entfernt, dass sie keine realen Vorbilder, sondern eher Ikonen waren. Nachgeeifert habe sie nie jemandem.

„Ehrlichkeit. Bedingungslose Ehrlichkeit.“

Das ist es, was sie behinderten Frauen in Bezug auf die Berufstätigkeit rät. Man muss zwar nicht jedes kleine Manko, das man hat, erwähnen, aber man sollte schon bei der Wahrheit bleiben.

Eva Papst glaubt, dass das gerade für behinderte Frauen wichtig ist. Behindert und eine Frau zu sein, bedeutet für sie, doppelt diskriminiert zu sein. Sie selbst hatte zwar Glück und hat bei der Arbeitsuche nie Benachteiligungen erfahren, aber diese Diskriminierung ist ihr schon bewusst. Schon allein als Frau hat man einen Nachteil bei der Berufswahl oder bei der Einstellung, und dann kommt noch die Behinderung dazu.[8]

Als weitere Grundvoraussetzung bei der Jobsuche sieht sie ein gewisses Maß an Flexibilität und die Bereitschaft, die unbekannte Situation für den Dienstgeber mitzugestalten. Man kann ihm/ ihr sagen, dass man nicht weiß, ob man in seinem Betrieb wirklich das Nötige leisten kann, ob man für den Betrieb die richtige Person ist, man kann ihm aber gleichzeitig vollsten Einsatz versprechen.

„Probleme entstehen dadurch, dass man sich nicht vermittelt.“

Daher müssen sich aus ihrer Sicht Menschen mit Behinderung ins Team einbringen, selber aktiv werden, auf die KollegInnen zugehen und auch sagen, wenn und wofür sie Hilfe benötigen. „Mit einer Behinderung hat man im Erwerbsleben Nachteile“, sagt Eva Papst, „aber das sind meist nicht bewusste Benachteiligungen.“ „Es ist zwar ärgerlich, es ist unbequem, behindert zu sein, aber man darf es nicht persönlich nehmen“. Denn: „Behinderung ist eine Tragödie, aber möglicherweise nur, wenn man sie selbst als solche empfindet.“

Wenn die KollegInnen dann merken, dass man durch ihre Hilfe nicht seine eigene Bequemlichkeit unterstützen lässt, sondern die Hilfe aufgrund des Handicaps wirklich braucht, dann wird sich immer jemand finden, der einem unter die Arme greift.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen rät Eva Papst, KollegInnen und Vorgesetzten zu vergegenwärtigen: Was kann ich, was mache ich gut? Was fällt mir schwer und warum? Man kann jemanden bitten, etwas für einen selbst zu erledigen, aber man muss auch eine Begründung liefern können. Zu dieser Ehrlichkeit gehört natürlich auch eine gewisse Portion Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. „Diesen Mut muss man dann auch haben“, ist sie sich sicher, denn die anderen merken sowieso, dass man langsamer ist. Und es ist besser, wenn sie es davor von einem selbst erfahren.

Sie erzählt in diesem Zusammenhang von ihrem ehemaligen Chef bei der Bank, der ihr gesagt hat, sie solle sich selbst um sich kümmern und sie müsse schon selber sagen, was sie kann und was nicht. Da war sie anfangs „beleidigt“, aber dann merkte sie, dass er Recht hatte. Sie fühlte sich ständig benachteiligt, aber es gab Dinge, die sie konnte und das musste sie auch mitteilen.[9]

Damals hat sie gemeinsam mit ihren ArbeitskollegInnen eine Arbeitsaufteilung gefunden, bei der sie ihre Stärken ausleben konnte und ihre Schwächen von den anderen kompensiert wurden. Zum Beispiel erledigten die anderen die handschriftlichen Aufgaben, dafür übernahm sie Eingaben und Telefonate.

Natürlich gibt es auch Menschen, die einem nicht helfen, diese Probleme haben aber Menschen ohne Behinderung auch.

“Es ist wichtig, dass man selber weiß, was man braucht.“

Eva Papst musste sich den Mut zur Ehrlichkeit selbst auch erst aneignen. Vor allem musste sie herausfinden, was sie kann und wozu sie in der täglichen Berufspraxis fähig ist. Und sie musste lernen, den KollegInnen ihre Fähigkeiten und Schwierigkeiten mitzuteilen. Denn, „um einen Job zu kriegen, wird man meistens ein bisschen Vermittlung, Hilfe oder Fürsprache vielleicht brauchen, aber um ihn zu halten, da ist man selber verantwortlich dafür.“

„Ich sag immer, Behinderung ist unbequem, aber behindert wird man in erster Linie durch Gegebenheiten, durch die Umwelt.“ Eva Papst

Gleichzeitig ist es auch wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen, betont sie: „Ich habe immer soviel wie möglich gearbeitet. Diesen Sprachfehler des Nicht-Nein-Sagen-Könnens habe ich mir jetzt abgewöhnt, aus Selbstschutzgründen.“

Sie glaubt, dass jeder Mensch, der an sich arbeitet, etwas kann. Und wenn man an einer Tätigkeit Freude hat, dann ist es durchaus möglich in einem Bereich zu arbeiten, für den man nicht die formelle Ausbildung erworben hat, sondern die Fähigkeiten besitzt, die dafür wichtig sind.[10]

Natürlich darf man sich auch nicht alles gefallen lassen. Auch das muss man lernen, wenn man behindert ist. Niemand, das will Eva Papst vermitteln, ist aufgrund einer Behinderung automatisch wertgemindert. Der menschliche Wert kann durch schlechte Eigenschaften sinken, aber keinesfalls nur aufgrund einer Behinderung alleine.



[5] Bundes-Blindenerziehungsinstitut, Wittelsbachstraße 5, 1020 Wien, Tel.: (+431)7280866, www.bbi.at

[6] Links zu Firmen für Hilfsmittel und spezielle technische Ausrüstungen für blinde und sehbehinderte Menschen finden Sie z. B. auf der Webseite des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbands: www.oebsv.at. Eva Papst nützt in ihrer Arbeitspraxis oft ETTM, die Einrichtung für Text, Ton und Medien. Dort können sich InteressentInnen Unterlagen in Blindenschrift oder auf Tonträgern umsetzen lassen. Nähere Informationen bekommen Sie direkt bei ETTM, Hägelingasse 3, 1140 Wien oder im Internet unter www.ettm.at

[7] Bildungs- und Berufsinformation für Frauen: Zur Unterstützung bei der persönlichen Orientierung und Berufsplanung bietet das AMS Bildungs- und Berufsinformationen speziell für Frauen an. Vor allem die BerufsInfoZentren (BIZ) des AMS können Ihnen hier weiterhelfen. In den BIZ gibt es auch Berufswahlinformationen für Mädchen und Frauen. Einen der österreichweit rund 60 Standorte in ihrer Nähe finden Sie auch im Internet: www.ams.at

[8] Mehrfachdiskriminierung von Frauen mit Behinderung: Viele Studien belegen, dass Frauen oft benachteiligt sind. Die Kombination mit einer Behinderung führt zu einer Verstärkung dieser möglichen Benachteiligungen. Z.B. ist die Erwerbstätigkeit von Frauen mit Behinderung geringer als jene von Männern mit Behinderung und jene von Frauen ohne Behinderung. Frauen mit Behinderung sind auch häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen als Frauen ohne Behinderung und Männer mit Behinderung. Außerdem erhalten sie aufgrund ihres durchschnittlich niedrigeren Einkommens auch weniger Arbeitslosengeld.

[9] Literatur: Witt-Löw, K.; Breiter, M. (2005): „...nicht Mitleid, sondern faire Chancen!“ Perspektiva – Studie zur Lebens- und Berufssituation blinder und hochgradig sehbehinderter Frauen in Wien. Guthmann-Peterson. Wien.

[10] Mehr über Eva Papst können Sie auf Ihrer Website erfahren unter www.eva-papst.at

Claudia Fessler, Lauterach

Foto: Blick auf Steuerungsapparat des Rollstuhls

„Verfolge immer deine Ziele und lass Träume Wirklichkeit werden.“

Portrait Claudia Fessler

Die zum Zeitpunkt des Interviews 20-jährige Claudia Fessler, die seit ihrer Geburt im Rollstuhl sitzt und gelernt hat anders zu sein, lebt jetzt selbständig mit Assistenz in ihrer eigenen Wohnung. Dies gelang ihr u.a. durch die ständige Unterstützung ihrer Familie. Sie bekam schon als Kind die Chance selbständig zu leben und besuchte die Volks- und Hauptschule in einer Integrationsklasse, sodass ihr gelang, einen regulären Schulabschluss zu machen. Jetzt arbeitet sie als Büroangestellte. Zu ihrem Arbeitsplatz fährt sie selbständig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch wenn es durch die Öffentlichkeit immer wieder zu Auseinandersetzungen und Diskriminierungen kommt, findet sie es wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich den Herausforderungen zu stellen. Sie hat die Erfahrung gemacht: die Mitmenschen lernen den Umgang mit Behinderung nur durch den persönlichen Kontakt mit den betroffenen Leuten. In ihrer Freizeit ist sie ehrenamtlich bei dem Verein „Reiz - Selbstbestimmt Leben Vorarlberg“ tätig und unterstützt so den „Self-Empowerment“ Gedanken.

Drei
Fotos von Claudia Fessler am Arbeitsweg und Arbeitsplatz.

„Spaß macht mir, dass ich mir die Arbeit selber einteilen kann.“

Claudia Fessler nimmt immer so gegen halb acht Uhr morgens den Bus über Dornbirn nach Lustenau. Je nach Verkehr kommt sie so gegen halb neun Uhr bei ihrem Arbeitsplatz im Kiosk ihres Vaters an und beginnt mit der Arbeit. Alle Rechnungen müssen von Claudia Fessler kontrolliert werden. Sie muss die Bestände der Zeitungen mit den Lieferscheinen abgleichen. Weiters macht sie Vorbereitungen für die Buchhaltung. Wenn es notwendig ist, steht sie auch den KundInnen für Informationen zur Verfügung. Um zwölf Uhr geht es dann wieder mit dem Bus zurück nach Hause.

Claudia Fessler hat Spaß an ihrer Arbeit, auch wenn sie sich manchmal etwas mehr Abwechslung wünschen würde. In einem Kiosk kommen immer dieselben Rechnungen zur selben Zeit. Das heißt, dass sie sich einfach wöchentlich bzw. monatlich mit denselben Themen auseinandersetzen muss. „Was manchmal etwas fad ist, ist die Kontinuität.“ Die 20-Jährige würde sich außerdem ein bisschen mehr KundInnenkontakt wünschen, da dieser ihren Arbeitsalltag etwas abwechslungsreicher gestalten würde. Sie meint: „Ich bin einfach sehr gerne mit Menschen zusammen.“Ihr Arbeitsalltag entspricht jedoch nicht den typischen Büroarbeiten. Da an einem Kiosk nicht viel Schriftverkehr anfällt, muss sie zum Beispiel keine Briefe verfassen. Der Vorteil bei ihrer Arbeit ist, dass sie sich ihre Zeit wirklich komplett frei einteilen kann. Vorausgesetzt die anfallende Arbeit ist erledigt, kann sie auch mal einen Tag frei nehmen.Die Vorarlbergerin sieht mittlerweile auch die Vorteile darin, bei ihrem Vater angestellt zu sein. Mit einem Schmunzeln im Gesicht erklärt sie jedoch, dass dies zu Beginn gar nicht so einfach war, da man sich an die tägliche Gegenwart eines Familienmitgliedes auch erst gewöhnen muss. Inzwischen haben sie sich gut aufeinander eingestellt und ihre Arbeitsabläufe haben sich automatisiert.Der Kiosk wurde mit der Anstellung von Claudia Fessler nicht extra umgebaut, es wurden aber die notwendigen Adaptierungen ganz auf ihre Bedürfnisse abgestimmt.[11] Ihr Chef und Vater zugleich bekommt für ihre Anstellung finanzielle Unterstützung. Dieser Lohnkostenzuschuss ist für Firmen ein großer Anreiz, Menschen mit Behinderung einzustellen. Bis zu ihrer Anstellung und ihrem jetzigen „normalen“ Arbeitsalltag hat sie einige Höhen und Tiefen durchlaufen.

„Gibt es den „normalen“ Schulweg?“

Claudia Fessler hat die Volks- und Hauptschule in einer Integrationsklasse mit gutem Erfolg abgeschlossen. Anschließend besuchte sie mit Freude das Bundesoberstufenrealgymnasium.

Vor Schulstart setzte sie sich mit der Tatsache auseinander, im BORG nicht mehr die Vorteile einer Integrationsklasse genießen zu können. Trotz dieses Wissens wurde ihre Freude an der neuen Schule nach kurzer Zeit gebrochen. Dies geschah nicht durch zu wenig Lust am Lernen oder durch fehlende Klassengemeinschaft, im Gegenteil: der Grund dafür war die fehlende Rücksichtnahme der LehrerInnen im Umgang mit ihrer Einschränkung, die zum größten Teil an ihrer Schreibgeschwindigkeit lag.Da es den LehrerInnen nach mehrfachem Bitten nicht möglich war das Unterrichtstempo etwas auf sie abzustimmen oder ihr die benötigten Hilfestellungen zu geben, entschloss sich Claudia Fessler nach nur drei Monaten dazu, das BORG abzubrechen. Dies tat sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

„Es muss einfach möglich sein, für mich einen Arbeitsplatz zu finden.“

Claudia Fessler begab sich nun in das berufsbildende Rehabilitationszentrum in Linz. Doch auch dort stellte sich bald heraus, dass die Bedingungen für sie nicht die richtigen waren. Aus diesem Grund beschloss sie, nach Hause zurück zu kehren und sich eine Arbeitsstelle zu suchen.Bevor sie den Job als Bürohilfskraft bei ihrem Vater im Kiosk antrat, arbeitete Claudia Fessler noch lange Zeit ehrenamtlich in einem Verein, der Tagesstrukturen für Menschen mit Behinderung anbietet. Sie erfüllte diese Arbeit gerne, „weil ich meine Erfahrungen, die ich von mir und meinen Eltern bekam, weitergeben möchte. Ich wollte den Leuten einfach sagen, dass, wenn ich das kann, dann können sie das auch.“ Nach einiger Zeit der ehrenamtlichen Tätigkeit verließ Claudia Fessler jedoch den Verein, da ihr dieser keine neuen Perspektiven mehr bieten konnte.Und so ergab es sich, dass sie bei ihrem Vater im Kiosk zu arbeiten anfing.

„Ich bin froh, dass ich aufgehört habe mit der Schule, weil ich im Prinzip erst nach der Schule in der Arbeit aufgeblüht bin.“

Den Schritt, mit der Schule aufzuhören, bereut Claudia Fessler bis heute nicht. Für sie war die Schulzeit wesentlich anstrengender als es der Arbeitsalltag ist, da es mit dem nach Hause kommen nie erledigt war, sondern noch Aufgaben gemacht werden mussten und es zu lernen galt. Nun in der Arbeit ist es anders. Claudia Fessler meint dazu: „Ich muss sagen, ich genieße einfach momentan die Arbeit, das Heimkommen und danach fertig zu sein und die Freizeit.“

Wieder in die Schule zu gehen, kann sich Claudia Fessler zwar im Moment nicht vorstellen, jedoch ist sie mit ihrer Ausbildung noch nicht am Ende. Sie möchte gerne in der Zukunft einen Kurs absolvieren, der ihr den Lehrabschluss als Bürokauffrau bescheinigt. Dieser Kurs ist eigentlich für QuereinsteigerInnen gedacht, doch bietet er sich ideal für sie an. Sie meint zwar, dass sie die Tätigkeiten und das Wissen einer Bürokauffrau im Prinzip bereits intus hätte, nur habe sie keinen offiziellen Abschluss.

„Beruflich möchte ich in der Zukunft im Sozialbereich tätig sein.“

Dies ist auch der Grund, warum sie noch nicht im Sozialbereich arbeitet. „Du brauchst entweder eine mittlere oder höhere abgeschlossene Schule oder eine abgeschlossene Ausbildung.“ Ihre Zukunftspläne gestalten sich sehr vielfältig, auf jeden Fall sieht sie sich später in einer sozialen Tätigkeit. Um diesem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen, besucht sie heute schon Kurse zu den unterschiedlichsten sozialen Themen.

Sie hat auch noch weitere Pläne für die Zukunft: „Mein Wunsch war immer schon auszuziehen und Familie gründen.“ Ein Teil ihrer Vorstellung ist bereits Realität, sie wohnt alleine in einer Wohnung. Diese Wohnung ist für sie besonders wichtig, da sie hier selbstbestimmt und eigenständig lebt. Diese Neuerung in ihrem Leben macht die 20-Jährige sehr glücklich.Claudia Fessler bekommt Unterstützung durch ihre Familie und drei Persönliche AssistentInnen[12], welche sie aus eigenem Engagement gefunden hat und auch durch ihr persönliches Pflegegeld[13] finanziert. Sie wünscht sich jedoch, dass sich dieser Umstand bald ändert und dass die Persönliche Assistenz zum Teil oder sogar zur Gänze vom Bund gefördert bzw. gezahlt wird.

Ihre Familie ist ihr jedoch nicht nur bei der Wohnungssuche eine Stütze gewesen, sondern ist ihr auch in ihrer Entwicklung immer hilfreich zur Seite gestanden. Ihre Familie hat ihr auch dadurch geholfen mit ihrer Behinderung umzugehen, dass dieses Thema nie totgeschwiegen wurde.Claudia Fessler erklärt ihre Einschränkung so: „Meine Hände und Füße sind betroffen, daher kann ich auch nicht laufen. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört, dadurch geht laufen einfach nicht. Es ist also so, dass die betroffenen Regionen im Gehirn nicht tot sind, sondern falsche Befehle geben.“ Aufgrund dessen war es Claudia Fessler durch viel Therapie möglich, als Kind einige Bewegungen zu lernen, z.B. zu sitzen und zu stehen. Heute kann sie ihre Behinderung steuern und noch etwas verbessern. Dies gelingt ihr nur durch gelernte Körperkontrolle.

Was Claudia Fessler über die Jahre noch gelernt hat, ist, jede Hilfe zuzulassen. Dabei gibt sie auch jedem die Chance, die richtige Hilfestellung zu lernen, indem sie auf einfache Art versucht zu erklären was sie braucht. Sie meint: „Das Wichtigste in solchen Situationen ist, möglichst ruhig zu bleiben. Dann klappt es meist am besten.“

„Integration kann nur funktionieren, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.“

Reaktionen anderer auf Menschen mit körperlicher Behinderung erlebt Claudia Fessler im Alltag so: Sie erwähnt zum Beispiel die Situation, wenn sie im Begriff ist, in den Bus einzusteigen und der Busfahrer plötzlich schreit: „Platz da, hier kommt ein Rollstuhl!“ Sie ist sich sicher, dass dieser hilfsbereit und höflich sein will, doch handelt er in diesem Moment für Claudia Fessler kontraproduktiv. Erstens ist sie kein Rollstuhl, sondern ein Mensch. Und zweitens ist es für sie und die Menschen wichtig, dass sie sich selbst Gehör zu verschaffen weiß und die Menschen lernen, darauf zu reagieren.Claudia Fessler ist also der Meinung, dass ein Mensch mit körperlicher Behinderung oft schon alleine dadurch Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit leistet, indem er sich im öffentlichen Raum bewegt.Ihr persönlich ist das jedoch zu wenig und aus diesem Grund arbeitet sie auch jetzt wieder ehrenamtlich in dem Verein „Reiz“. Dieser hat vor allem das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung zum Thema. Dort arbeitet sie mit Menschen zusammen, die ihre Einstellung zum Leben teilen.

„An sich glauben ist sehr wichtig.“

Claudia Fessler weist darauf hin, dass es, um sich frei bewegen und seine Ziele erreichen zu können, wichtig ist, an sich zu glauben und auf die Leute einzugehen: „Sich bewusst werden, dass man behindert ist und lernen, offen auf Leute zuzugehen.“ Sie kann Menschen mit körperlicher Behinderung außerdem nur empfehlen, auf sich selbst zu hören und das zu tun, worauf sie Lust haben. Das ist es, was Claudia Fessler macht und womit sie auch glücklich ist.



[11] Behindertengerechter Arbeitsplatz: Die Arbeitsinspektion überprüft, ob die gesetzlichen Bestimmungen zur Sicherheit und Gesundheit der DienstnehmerInnen in den Betrieben umgesetzt werden. Weitere Informationen, auch zu den Förderungen, finden Sie unter anderem auf der Webseite: www.arbeitsinspektion.gv.at

[12] Persönliche Assistenz ist jede Form der persönlichen Hilfe, die es Menschen mit Behinderung ermöglicht, ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten. Sie bietet Unterstützung, wie, wann und von wem man sie braucht – am Arbeitsplatz, daheim, bei der Freizeitgestaltung, der Kommunikation, in der Mobilität. Die AuftraggeberInnen wählen die AssistentInnen selbst aus. Diese Unterstützung bedeutet, sein Leben selbst gestalten zu können. Die Möglichkeit der Persönlichen Assistenz am Arbeitsplatz besteht für Personen ab der Pflegestufe 5, in begründeten Ausnahmefällen kann Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz auch von Frauen und Männern mit Behinderung in den Pflegestufen 3 und 4 in Anspruch genommen werden, wenn ohne diese Unterstützung die Ausübung der beruflichen Tätigkeit oder die Absolvierung einer Ausbildung nicht möglich ist (Richtlinie Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, 2011). Das benötigte Stundenausmaß bzw. die Tätigkeiten der Persönlichen Assistenz werden individuell festgelegt. Finanzierung der Persönlichen Assistenz: Menschen mit körperlicher Behinderung in Wien können seit April 2008 auf Kosten der Stadt die so genannte Pflegegeldergänzungsleistung beantragen um Persönliche Assistenz in Anspruch nehmen zu können. Das betrifft allerdings nicht die Arbeitsplatzassistenz, denn diese wird von den Bundessozialämtern geregelt. Informationen zu dieser neuen Unterstützungsleistung finden Sie z.B. Im Internet: behinderung.fsw.at

[13] Pflegegeld: Das Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz hat das sogenannte Pflegetelefon ins Leben gerufen. Dort kann man österreichweit kostenlos und vertraulich beraten werden. Alle Personen, die pflegebedürftig sind oder auch deren Angehörige, erhalten dort Informationen zu Themen wie Pflegegeld, Hilfsmittel und Wohnungsadaptierungen. Pflegetelefon: Montag bis Freitag (8 bis 16 Uhr); Tel.: 0800/201622; pflegetelefon@bmask.gv.at

Anna Cerncic, Wien

Zeichnung mit Darstellung von Gebärden

„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“

Drei
Portraits von Anna Cernic.

Anna Cerncic verwirklicht ihre Träume oder versucht zumindest möglichst nahe an diese heranzukommen. Den Traumberuf ihrer Kindheit, Lehrerin, übt sie auch aus. Das, sagt sie, „ist mein Beruf und auch meine Berufung“. Die 34-Jährige unterrichtet seit 2003 als Trainerin Deutsch und „Persönliche Zukunftsplanung“ im Institut „Equalizent“, einem Ausbildungszentrum für gehörlose Erwachsene in Wien[14].

„Alles ist möglich, nichts ist unmöglich!“ Diese Haltung versucht Anna Cerncic ihren Schülern und Schülerinnen im Unterricht zu vermitteln. Denn wer gehörlos ist und in der Arbeitswelt etwas erreichen will, dem werden in Österreich viele Steine in den Weg gelegt. Das weiß die Trainerin aus eigener Erfahrung.

Fotos
von Anna Cernic im Gespräch.

Viele haben ihr, die nicht hören kann, eine berufliche Karriere nämlich nicht zugetraut. Als sie als Jugendliche in der Gehörlosenschule in Graz den Wunsch äußerte die Matura zu machen, antwortete die Lehrerin: „Anna, spinnst du? Du kannst Schneiderin werden!“ Dabei hasst Anna Cerncic nähen, wie sie selbst sagt. Die Möglichkeit, dass ihre Schülerin einen gut qualifizierten Job anstreben könnte, war im Denkschema der Pädagogin anscheinend nicht vorgesehen. Das Unterrichtsniveau war dementsprechend niedrig. Für Anna Cerncic waren die neun Klassen, die sie in der Gehörlosenschule besuchte, „verlorene Jahre“. Nur der Kontakt zu Gleichgesinnten war ein Gewinn für sie.Heute sagt sie, dass ihr die Lehrerin an der Gehörlosenschule indirekt den Impuls gegeben hat, zu beweisen, dass sie es doch kann.

Im Gegensatz zu ihren LehrerInnen an der Gehörlosenschule haben ihre Eltern immer an sie geglaubt. Ihrem Vater war eine bessere Ausbildung seiner Tochter immer wichtig, damit sie später bessere Chancen haben kann. In dieser Weise war er auch ein Vorbild für seine Tochter. Er selbst arbeitete als Hilfsarbeiter, bevor er neben dem Bundesheer seine Matura in der Abendschule nachholte. Danach studierte er Rechtswissenschaften. „Ohne meine Eltern wäre ich nie so weit gekommen“, sagt Anna Cerncic heute.

Um den mangelhaften Unterricht an der Schule auszugleichen, übten ihre Eltern mit ihr zusätzlich Lesen in der für Anna Cerncic zweiten Sprache Deutsch. Denn ihre Muttersprache, die österreichische Gebärdensprache, hat mit der stimmlichen Kommunikation der Hörenden wenig gemein. Die Gebärdensprache kam erst im Lauf der Jahre durch die Schule und Kontakte mit anderen in Anna Cerncics Leben. Ihre Eltern, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, kommunizierten mit ihr in einer Lautsprache. Dank der Förderung durch ihre Eltern lernte sie, sich in der Fremdsprache Deutsch gut auszudrücken und Bücher zu lieben. Ein Vorteil, der ihre spätere Karriere maßgeblich beeinflussen sollte und ihr auch im Gymnasium zu Gute kam, das sie nach neun Jahren Pflichtschule besuchte.

Leicht hatte sie es dort jedoch nicht. Sie war die einzige gehörlose Schülerin. Ihre LehrerInnen sprachen keine Gebärdensprache und DolmetscherInnen gab es ebenfalls keine. Anna Cerncics Möglichkeiten dem Unterricht zu folgen reduzierten sich deshalb auf das Ablesen der Lippen und schriftliche Unterlagen. Wenn die LehrerInnen beispielsweise in der Klasse herumgingen und das Gesicht abwendeten, schnell oder undeutlich sprachen, konnte sie ihre Erklärungen überhaupt nicht mehr verstehen.

Doch ihr Klassenvorstand im Gymnasium ermutigte sie zu kämpfen und nicht aufzugeben. „Im Leben schaffen´s nur die Harten, nicht die, die auf was Besseres warten! Wenn man nicht will, muss man nicht fallen!“, lautete der Rat ihres Professors. Anna Cerncic nahm ihn sich zu Herzen und lernte auch mit den schlechten Unterrichtsbedingungen zurechtzukommen. In der siebten Klasse Gymnasium schrieben nicht ihre KollegInnen die beste Deutschschularbeit, sondern sie.

Nach der Matura begann sie die Ausbildung zur Hauptschullehrerin an der Pädagogischen Akademie in Graz. Während ihres Studiums gab es viele Barrieren, die es zu überwinden galt. Auch an der PÄDAK gab es in den ersten Jahren niemanden, der Lehrveranstaltungen hätte dolmetschen können. Erst im letzten Jahr, bei ihrer Ausbildung zur Gebärdensprachkursleiterin, lernte sie eine CODA (children of deaf adults) kennen, die gehörlose Eltern hatte, und eine Ausbildung zur Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) - Dolmetscherin machte. Diese übersetzte für sie das letzte Studienjahr. Plötzlich konnte Anna Cerncic den Ausführungen der ProfessorInnen und dem Unterricht fast uneingeschränkt folgen. „Das war herrlich!“, erinnert sich Anna Cerncic an jene Zeit.[15]

Das letzte Jahr ihres Studiums brachte aber nicht nur positive Erlebnisse, sondern auch neue Probleme mit sich. Nachdem sie das gesamte Studium so wie alle anderen absolviert hatte, wurde der PÄDAK verboten, ihr das Lehramtszeugnis auszustellen. LehrerInnen durften in Österreich nämlich nur jene werden, die die „körperliche Eignung“ dafür nachweisen konnten. Diese sprach man Anna Cerncic aufgrund ihrer Behinderung ab und sie bekam nicht wie die anderen ein offizielles Abschlusszeugnis, sondern nur ein Zertifikat.

Sie musste einige Jahre um ihre offizielle Anerkennung als Lehrerin kämpfen.[16] An der Gehörlosenschule in Graz ließ man sie einstweilen auch ohne offiziellen Abschluss als Hauptschullehrerin unterrichten. Die Wende im Kampf gegen ihre Diskriminierung kam erst durch politische Unterstützung. Der Einsatz einer Politikerin, die bei den Behörden intervenierte, führte erst dazu, dass Anna Cerncic ihr Zeugnis bekommen konnte. Einige ihrer KollegInnen müssen trotz „Behindertengleichstellungsgesetz“ bis heute um die Anerkennung als Lehrer oder Lehrerin kämpfen.

Für die Zeit des Studiums und des Berufseinstiegs waren aber nicht nur äußere Umstände bestimmend, sondern auch private. Kurz vor ihrer Matura, mit 20 Jahren, bekam Anna Cerncic ihr erstes Kind. Damals sagte ihr Vater, dass sie fertig machen soll, was sie begonnen hat und wollte, dass sie die Schule abschließt. Außerdem meinte er, dass ein Kind kein Hindernis für ein Studium ist. Die Doppelbelastung Familie und Studium konnte die junge Frau nur mit Hilfe ihrer eigenen Mutter bewältigen, die auf das Baby aufpasste, wenn die Tochter lernte oder in Vorlesungen saß.

In ihrer Wahlheimat Wien, in die es sie nach einigen Jahren im Lehrerberuf in Graz zog, wurden zwei weitere Kinder geboren, das jüngste ist erst zweieinhalb. Ihre hörenden Sprösslinge erzieht sie gemeinsam mit ihrem ebenfalls hörbehinderten Lebensgefährten zweisprachig. Die Kinder lernen so sowohl die Welt der Gehörlosen als auch die Welt der Hörenden kennen – genauso wie sich ihre Mutter in beiden „Kulturen“ zurechtfindet: „Ich liebe beide Welten, die Welt der Gehörlosen mit ihrer bezaubernden Sprache und die Welt der Hörenden, in der eigentlich all meine Lieben leben – Kinder, Eltern, Schwester, Verwandte und auch Freunde. Doch glücklicher bin ich in der Welt der Gehörlosen, die Gebärdensprache ist meine Muttersprache, auch wenn ich sie eigentlich nicht von meiner Mutter gelernt habe, meine Augen sind meine Ohren – so ist es nun mal!“

Auch mit ihren Kindern ist Anna Cerncic immer in ihrem Beruf tätig gewesen. In Wien zuerst als Privatlehrerin und später als Trainerin für Erwachsene mit Hörbehinderung bei „Equalizent“. Nach der Geburt ihres dritten Kindes blieb sie nur acht Monate zu Hause. „Wenn ich nicht arbeite, werde ich verrückt. Ich bin keine geborene Hausfrau“, meint sie. Trotzdem stünde ihre Familie immer an erster Stelle. Ihre persönliche Zufriedenheit im Job wirke sich auch positiv auf ihre Kinder aus, auch wenn es mitunter anstrengend sei Beruf und Familie zu vereinbaren, so Anna Cerncic.

Langweilig ist die Arbeit im „Equalizent“ nicht, im Gegenteil. „Erwachsene zu unterrichten ist spannend, weil sie motiviert sind und klare Vorstellungen und Wünsche haben“, erzählt sie.[17]

Wenn ihre Kinder groß sind, möchte Anna Cerncic noch einmal auf die Universität und wie ihr Vater Jus studieren. Zu versuchen, die eigenen persönlichen Ziele auch tatsächlich zu realisieren, dazu möchte Trainerin Cerncic auch ihre Schüler und Schülerinnen motivieren. Damit dies leichter möglich ist, wünscht sie sich mehr Ausbildungsangebote für Menschen mit Hörbehinderung. Bis es soweit ist, rät sie allen (hör)behinderten Frauen, in Anlehnung an den Klassenvorstand im Gymnasium, die beruflich erfolgreich sein wollen: „Gib nie auf, denn im Leben schaffen´s nur die Harten, nicht die, die auf was Besseres warten! Und wenn man nicht will, muss man nicht fallen.“ Ihr Motto: „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“



[14] Equalizent versteht sich als Qualifizierungs- und Kompetenzzentrum für Gehörlose, schwer Hörende und Personen, die an Gebärdensprache und Diversity Management interessiert sind. Equalizent ist ein zweisprachiges Unternehmen (Österreichische Gebärdensprache und gesprochenes Deutsch). Das wichtigste Ziel ist die Förderung von lebensbegleitendem Lernen. Adresse und Kontakt: Equalizent Schulungs- und Beratungs GmbH, Obere Augartenstraße 20, 1020 Wien, Tel: (+431)4098318, office@equalizent.com, www.equalizent.com

[15] Literatur: Breiter, M. (2005): „Muttersprache Gebärdensprache. VITA – Studie zur Lebens- und Berufssituation gehörloser Frauen in Wien.“ Guthmann-Peterson. Wien.

[16] Rechtliche Bestimmungen im Behindertengleichstellungsgesetz: Aufgrund der körperlichen Eignung, die man für viele Berufe vorweisen können musste, ist es Menschen mit Behinderung oft nicht möglich gewesen, bestimmte Berufe auszuüben. Im Juni 2006 änderte sich dieser Umstand durch das Bundes-Behindertengleichstellungs-Begleitgesetz. Nun ist nicht mehr die „uneingeschränkte körperliche und geistige Eignung“ bestimmende Berufszugangsvoraussetzung, sondern die „uneingeschränkte persönliche und fachliche Eignung“.

[17] Equalizent bietet Schulungen, Kurse und Seminare für gehörlose und schwerhörige Personen im 1:1-Training. Im Rahmen von Individualschulungen wird auf die speziellen Bedürfnisse der Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen Rücksicht genommen. Alle Schulungsangebote werden sowohl in Gebärdensprache (für gehörlose Menschen) und in Lautsprache (für schwerhörige Menschen) angeboten. www.equalizent.com

Hermine Diesenreiter, Linz

Bücher

„Als junger Mensch sind wichtig Auto und Arbeit oder Arbeit und Auto – die zwei Dinge sind die allerwichtigsten: Mobil sein und eine Arbeit haben.“

Portrait von Hermine Diesenreiter

Für einen Arbeitsplatz und ihre Mobilität hat Hermine Diesenreiter lange gekämpft. Die 48-jährige Oberösterreicherin hatte vor 30 Jahren einen Freizeit-Unfall, seitdem ist sie querschnittsgelähmt. Nach ihrem Unfall suchte sie sieben Jahre lang, bevor sie endlich wieder einen Arbeitsplatz fand.Hermine Diesenreiter ist nun seit 22 Jahren bei der Landesbibliothek Oberösterreich als Vollzeitkraft angestellt und liebt ihre Arbeit über alles. Sie verbringt die Hälfte ihrer Arbeitszeit in der Bibliothek in Linz. Die restlichen Stunden arbeitet sie über einen Telearbeitsplatz von zuhause aus. Hermine Diesenreiter ist überzeugt, dass diese Arbeitsweise die optimale Lösung für sie ist.

„Es ist sehr schön in der Bibliothek zu arbeiten.“

Hermine Diesenreiter ist Angestellte der Landesbibliothek Oberösterreich. Zwei Tage die Woche ist die 48-Jährige in der Bibliothek in Linz selbst tätig. Dort ist sie für den Bucheingang und die Administration verantwortlich. Die restlichen Wochentage verbringt sie zuhause an ihrem Telearbeitsplatz[18] mit bibliothekarischen Arbeiten, wie zum Beispiel der Altbestandskatalogisierung.Sie ist sehr glücklich über diese Lösung, da sie ihr seit 22 Jahren ermöglicht, Vollzeit beschäftigt zu sein, ohne sich körperlich und seelisch zu überbeanspruchen.

Hermine Diesenreiter am Arbeitsplatz

Die Oberösterreicherin meint, dass dieses Arbeitsmodell eventuell auch für andere Menschen mit körperlicher Behinderung eine Hilfe darstellen würde. „Ich glaube, dass die Schwellenangst abgebaut gehört, dass dies auch ein großer Grund ist, weil alles, was man nicht kennt, von dem distanziert man sich oder geht darauf nicht zu, aber wenn solche Ängste aus dem Weg geräumt werden oder mehr Aufklärungsarbeit geleistet wird, dass dies dann schon für viele Behinderte die Möglichkeit ergeben würde, dass sie einen Job bekommen.“

Hermine Diesenreiter an ihrem Schreibtisch.

„Vielleicht arbeite ich auch deshalb so gerne oder schätze die Arbeit so, weil ich so lange darauf gewartet habe, dass ich überhaupt arbeiten kann.“

Hermine Diesenreiter ist auf jeden Fall sehr glücklich über ihre Arbeit, denn diese Stelle zu bekommen, war keine Leichtigkeit.

Die Oberösterreicherin hatte soeben ihre Lehre als Bürokauffrau abgeschlossen, als sie mit 18 Jahren den Unfall hatte, der sie zur Querschnittsgelähmten machte. Danach folgte eine lange Zeit im Spital und der Rehabilitation.

Die ersten drei Jahre nach dem Unfall war sie so mit ihren physischen Problemen beschäftigt, dass an Arbeit nicht zu denken war.[19] Die Motivation, wieder arbeiten zu wollen, bekam sie von einem Rollstuhlfahrer aus dem Nachbarort. Dieser Mann hatte eine Arbeit und war voll integriert. Er und seine Einstellung zum Leben dienten ihr als Vorbild. Hermine Diesenreiter sagt: „An dem hab ich mich orientiert, der hat mir Mut zugesprochen“.

„Mit 19 Jahren zu sagen: ‚Ich bin in der Pension‘, das hat mir schon sehr wehgetan.“

Ein weiterer Grund, warum sie unbedingt arbeiten wollte, war, dass Arbeit und Mobilität für einen jungen Menschen ihrer Meinung nach die beiden wichtigsten Dinge im Leben sind. Sie wollte teilhaben am normalen Leben und das ist aus ihrer Sicht nur mit einer Arbeit möglich. „Alle haben von der Arbeit erzählt und ich habe nichts sagen können, weil ich halt keine Arbeit gehabt habe. Das hat mich schon sehr belastet.“ Sie wandte sich also ans Arbeitsmarktservice und bewarb sich auch selbständig bei vielen Firmen. Sie wurde jedoch überall abgewiesen.

„Alle haben von der Arbeit erzählt und ich habe nichts sagen können, weil ich halt keine Arbeit gehabt habe. Das hat mich schon sehr belastet.“ Hermine Diesenreiter

Hermine Diesenreiter gab jedoch trotz all dieser Ablehnungen und Enttäuschungen nicht auf. Ihre Ausdauer wurde belohnt und sie wurde in einem Verlag als Bildschirmtexterin angestellt. Leider ging der Verlag nach einem halben Jahr in Konkurs. Motiviert durch diese erste Anstellung bewarb sich Hermine Diesenreiter beim Land Oberösterreich und bekam nach sieben Jahren der Arbeitslosigkeit schließlich die Stelle in der Landesbibliothek.

„Man muss Geduld und Ausdauer haben und sich nicht gleich abwimmeln lassen.“

Hermine Diesenreiter ist sich bewusst, dass sie ohne ihre Hartnäckigkeit und ihre Bereitschaft, alle Hebel in Bewegung zu setzen, diese Stelle nicht erhalten hätte.„Aber letztlich ist es dann doch etwas geworden.“ Und darüber ist sie heute noch heilfroh.

Diesen Umstand hat sie jedoch nicht nur ihrer eigenen Stärke zu verdanken, sondern auch speziell einer Sozialarbeiterin. Diese Dame ist Hermine Diesenreiter tatkräftig bei der Suche nach einer Arbeit zur Seite gestanden. Diese Angestellte der Pensionsversicherung hat sie jedoch nicht nur fachlich unterstützt, sondern ihr auch persönlich weitergeholfen. Ohne die Hilfe der Angestellten dieser Institution hätte Hermine Diesenreiter sich vielleicht eher demotivieren lassen.

Sie meint, dass solche Menschen extrem wichtig sind, da sie neue Wege aufzeigen, helfen, diese Wege zu gehen und Selbstvertrauen einflößen. Sie sagt: „Es ist schon gut, wenn die Möglichkeiten aufgezeigt werden, was alles noch möglich ist, weil man so mit sich beschäftigt ist, wenn man nur mit dem Medizinischen und den Problemen konfrontiert ist. Da kommt man halt immer tiefer und tiefer hinein. Aber irgendwann lernt man dann den Körper kennen und man traut sich auch wieder zu, etwas anderes zu tun.“

Das familiäre Netzwerk ist in punkto Unterstützung auch unbezahlbar. „Man weiß, man gehört dorthin, da hat man einen Schutz, da wird einem geholfen. Was dies für einen Wert hat!“ Speziell ihre Mutter stand ihr immer tatkräftig zur Seite. Als Hermine Diesenreiter mit 30 Jahren in ihre eigene Wohnung zog, übernahm sie damit die volle Verantwortung für sich selbst und entwickelte ihre Fähigkeiten, mit ihrer Behinderung umzugehen, bis zur Perfektion.

Trotzdem ist sie aber immer noch dankbar für jede Hilfe, die ihr angeboten wird. Sie lehnt diese auch grundsätzlich nicht ab, da sie die Menschen, die ihr Hilfe anbieten, nicht verschrecken will, sonst könnten es sich diese vielleicht überlegen, beim nächsten Mal keine Hilfe anzubieten, obwohl sie dringend jemand benötigen könnte.

„Aber es ist immer wer da, der hilft.“

In der Landesbibliothek fühlt sie sich durch ihre ArbeitskollegInnen auch sehr unterstützt. Sie ist jedoch, seit sie in der Zentrale in Linz tätig ist, auch auf die Hilfe dieser Personen angewiesen. Anfangs hat Hermine Diesenreiter nämlich nur von zuhause aus gearbeitet. „Das würde ich keinem empfehlen, nur daheim zu arbeiten. Das geht nicht gut, weil einem die Decke am Kopf fällt und man ist auch nicht integriert in irgendeine Firma und man ist auch zu wenig gefordert.“ Ein Angestellter der Bezirkshauptmannschaft hatte dann die Idee mit dem Telearbeitsplatz. Gemeinsam mit ihren Chefs hat Hermine Diesenreiter ihr jetziges Arbeitsmodell entwickelt. Als sie dann begann, zwei Tage die Woche in der Bibliothek zu arbeiten, stellten sich ihr infrastrukturelle Hindernisse in den Weg.

Der Eingang zur Landesbibliothek ist nur über ein paar sehr hohe Stufen zu erreichen und die Türe ist alt und sehr schwer. Deshalb muss sich Hermine Diesenreiter jeden Morgen darum kümmern, dass ihr jemand hilft, das Büro zu betreten. Sie kritisiert diesen Umstand, da barrierefreie öffentliche Gebäude nicht nur für Menschen mit körperlichen Behinderungen, sondern auch für Frauen mit Kinderwagen wichtig sind. Lange Zeit konnte sie das Büro auch abends nicht ohne Hilfe verlassen, was sich inzwischen geändert hat.[20]

Momentan wird die Landesbibliothek umgebaut. In zwei Jahren wird sie neu eröffnet und dieses Gebäude ist dann endlich barrierefrei. Hermine Diesenreiter freut sich schon sehr auf diesen Zeitpunkt, da es für sie ärgerlich ist, ständig auf jemanden angewiesen zu sein. Im Gebäudeprovisorium kann sie sich bereits frei bewegen. Sie meint dazu: „Das genieß ich schon, das alleine weg können – nicht immer wen brauchen“.

Für sie ist dieses Angewiesen sein auf Hilfe zwar mittlerweile kein Problem mehr, doch war es dies zu Beginn ihrer Arbeitszeit in der Bibliothek sehr wohl. Hermine Diesenreiter ist aber nicht die einzige Angestellte mit Behinderung. Sie hat einen Kollegen mit manischer Depression und eine Kollegin mit einem Bandscheibenvorfall. Sie ist jedoch die Einzige, deren Behinderung durch den Rollstuhl sofort ersichtlich ist. Hermine Diesenreiter hatte das Gefühl, dass man ihr aufgrund ihrer körperlichen Behinderung nicht so viel zutraute, wie den anderen. „Es ist eine gewisse Schwellenangst da in Zusammenarbeit mit einem Menschen im Rollstuhl. Man sieht die körperliche Behinderung, vielleicht wird das auch ein bisschen auf das Geistige übertragen.“ Diese Einstellung hat sich jedoch dann schnell geändert, als sie sahen, was Hermine Diesenreiter im Stande war, zu leisten. „Obwohl da auch gewisse Ängste sind, wenn man in eine Gruppe hineinkommt, die man nicht kennt, hat dann alles gut funktioniert.“ Sie ist mittlerweile bestens ins Team integriert und versteht sich mit ihren ArbeitskollegInnen auch privat sehr gut.

„Ein Leben mit Arbeit ist halt doch viel besser für den Selbstwert.“

Hermine Diesenreiter meint, dass das Finden einer Arbeit im privaten Leben sehr viel verändert. Die sozialen Kontakte vermehren sich und man erhält einen anderen Blickwinkel auf sich selbst. „Auch wenn es mich nicht immer freut, ist es für mich Medizin. Wenn es mir mal nicht gut geht und ich dann in der Arbeit bin, dann passt es wieder, weil man die Bestätigung hat, dass man was leisten kann. Und diese Bestätigung hat man ja dann jeden Tag, wenn man arbeiten kann und fähig ist, etwas zu leisten.“ Ihrer Ansicht nach ist somit die Arbeit auch ein wichtiger Bestandteil der Genesung, der Heilung, der Integration in die Gesellschaft und des Zurückfindens in ein normales Leben.[21]

Hermine Diesenreiter hatte außerdem, als sie bereits beim Land Oberösterreich angestellt war, ein Schlüsselerlebnis bezüglich Arbeit und Behinderung. Ein Fahrer des Rettungsdienstes füllte ihr Datenblatt aus und ging automatisch davon aus, dass sie, nur weil sie im Rollstuhl sitzt, in Pension sei. Diese Kategorisierung war für sie extrem bedeutungsvoll und genau deshalb liegt ihr die Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderungen auch so sehr am Herzen. Sie findet jede einzelne Förderung, die diese Menschen bekommen, mehr als nur gerechtfertigt.

Für Hermine Diesenreiter gibt es jedoch auch noch ein Leben neben dem Beruf. Sie hat lange Zeit professionell Tischtennis im Behindertensportverband gespielt. Dieses Hobby hat sie jedoch aus zeitlichen Gründen letztes Jahr aufgegeben.

In ihrer Freizeit liest und fotografiert sie gerne, trifft sich mit Freunden oder tut auch gerne einfach einmal gar nichts.

„Wenn das soziale Umfeld passt, das Wohnen passt, das mit der Arbeit passt, dann ist man ja eingegliedert, wie jeder andere auch.“ Hermine Diesenreiter

Hermine Diesenreiter hat auch schon zweimal eine Reise für eine Gruppe von Menschen mit Behinderungen zusammengestellt. Hinter solchen Reisen steckt viel Arbeit, da sie gut organisiert sein müssen. Die erste Reise hat sie vor zwei Jahren für ihre Gruppe, deren Mitglieder sie hauptsächlich über den Behindertensportverein zusammengestellt hat, nach Rotem organisiert. Dieses Jahr hat sie ihre Reisegruppe nach Paris geführt.

„Es ist sicher ein großes Ziel, dass man so lange als möglich selbstständig und mobil bleiben kann.“

Pläne für die Zukunft hat das Organisationstalent genügend. Sie möchte auf jeden Fall noch lange im Beruf bleiben. Um dies zu verwirklichen, muss sie jedoch Einsatz zeigen. „Ganz wichtig ist es, dass man den gesundheitlichen Status erhält, dass man da etwas tut dafür.“ Nur so kann man lange unabhängig und beweglich bleiben. Hermine Diesenreiter erzählt, dass sich die Jahre im Rollstuhl bei ihr sehr wohl durch Rückenschmerzen, Abnutzung der Gelenke und Verspannungen bemerkbar machen. Sie hat sich fest vorgenommen, ihre Therapien konsequent durchzuziehen und auf ihre Fitness zu achten. Die technischen Innovationen der letzten Jahre erleichtern den Alltag eines Menschen mit einer körperlichen Behinderung jedoch immens und helfen ihr auch, auf ihre Gesundheit zu achten. Die Bibliotheksangestellte sitzt nun seit 29 Jahren im Rollstuhl und sagt bezüglich der technischen Veränderungen in dieser Zeit: „Die Errungenschaften der Technik, was die für einen Stellenwert haben!“

Hermine Diesenreiter hat sich nach dem Unfall nicht vorstellen können, dass sie ein so erfülltes Leben führt. Durch die Unterstützung vieler Menschen aus dem privaten und aus dem öffentlich-institutionellen Umfeld hat sie jedoch viel erreicht.



[18] „Telearbeit“ bedeutet, dass DienstnehmerInnen ihre Tätigkeiten zu einem Teil, räumlich gesehen, nicht im Unternehmen des Dienstgebers bzw. der Dienstgeberin verrichten, sondern von einem anderen Ort – meist von zu Hause aus – für das Unternehmen tätig sind.

[19] In Österreich sind für die Rehabilitation die Pensionsversicherungsanstalt (PVA) und die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) zuständig.

[20] Bauliche Barrieren: Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz schützt Menschen mit Behinderung vor Diskriminierung n allen Lebensbereichen. Bauliche Barrieren stellen laut Gesetz eine indirekte Diskriminierung dar und sind somit verboten. Tatsächlich gelten aber gestaffelte und an bestimmte Bedingungen geknüpfte Übergangsbestimmungen bis 2016. Mehr dazu lesen Sie in der Broschüre „Einblick 8: Gleichstellung“ des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.

[21] ÖZIV SUPPORT ist ein österreichweites Coachingangebot des Österreichischen Zivil-Invalidenverbands für Menschen mit Körper und/ oder Sinnesbehinderungen und/ oder chronischen Erkrankungen. Dieses Angebot wird kostenlos zur Verfügung gestellt, hat die Persönlichkeitsentwicklung durch Coaching zum Ziel und fördert somit die (Re-)Integration in den Arbeitsmarkt. Nähere Informationen gibt es unter Tel.: (+43 1) 5131535 und Im Internet unter support.oeziv.org

Barbara Kern, Bad Goisern

Das
Foto zeigt den Bildschirm mit Schriftvergrößerung.

„Egal ob behindert oder nicht, es hat jeder Mensch eine Persönlichkeit.“

Portrait von Barbara Kern

Barbara Kern hat eine Sehbehinderung, die fortschreitend ist und sich im Laufe der Zeit verschlechtert. Diese genetisch bedingte Form der Makuladegeneration wurde auch bei ihrer älteren Schwester diagnostiziert. Für viele ist ihre Beeinträchtigung nicht sofort ersichtlich. Barbara Kern bewegt sich sehr sicher und natürlich in ihrem Umfeld und dadurch glaubt man kaum, dass sie das mit nur 5% Sehrest tut. Dass man ihr das Handicap nicht sofort anmerkt, macht es ihr aber oft auch nicht leicht. Die 36-Jährige lebt mit ihrem Lebensgefährten im Salzkammergut, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie arbeitet als Selbständige im Tourismusbereich.

Vier
Fotos von Barbara Kern am Arbeitsplatz und beim Autostop.

„Als Sehbehinderte bewegt man sich in einer Grauzone, man ist weder blind noch sehend.“

Der Sehrest, den Barbara Kern noch hat, ist sehr gering und es fällt ihr schwer, zu vermitteln, was sie tatsächlich noch sieht. „Mein Sehrest beläuft sich derzeit auf 5%. Denkt man in Zahlen, dann ist die Schlussfolgerung nahe, dass man mit 5% fast blind ist. Die Frage, wie viel ich eigentlich sehe, ist jedoch schwierig zu beantworten, da ich nicht mehr weiß, wie es ist, wenn man 100% Sehvermögen hat. Mir fällt es auch selbst oft nicht auf, dass oder wie schlecht ich sehe, weil ich – noch – fast alles mache... außer Auto fahren. Vielleicht sollte ich eher sagen, was ich nicht sehen bzw. lesen kann: Fahrpläne, Tafeln, Etiketten, Gebrauchsanweisungen, Zeitungen, Bücher, Prospekte... Gedrucktes, Handgeschriebenes – da werde ich zum Analphabeten. Ich erkenne auch Personen nicht an ihren Gesichtern, sondern eher am Gang, an der Statur oder an der Stimme, wodurch es aber auch oft zu Missverständnissen und unangenehmen Situationen kommt. Manchmal bin ich richtig erstaunt, dass ich Leute erkenne.Mein Sehvermögen ist auch nicht stabil, es wird schlechter und der Sehfehler ist unkorrigierbar. Die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut funktioniert nicht mehr und ich sehe daher teilweise nur grau. Es ist als ob man einen Filter über den Augen hat, der alle Details wegfiltert.“

Dass sich die Goiserin trotz ihrer Sehbehinderung in ihrer Umgebung gut zurecht findet und sich eigenständig bewegen kann, hat für sie auch mit „Training“ von frühester Kindheit an zu tun. Mit ihren Eltern ist sie immer viel gewandert. Sie ist es von klein auf gewohnt, abseits der Wege und dabei trittsicher unterwegs zu sein.

Die Krankheit wurde bei Barbara Kern in der Pubertät diagnostiziert und ist degenerativ, d.h. das Sehvermögen verschlechtert sich laufend und endet mit Hell/ Dunkel Sehen. Das bedeutet auch, dass sie flexibel sein muss, um sich auf das ständig verändernde bzw. sich verschlechternde Sehvermögen einzustellen.

„Die Tatsache, dass meine ältere Schwester diesen genetischen Defekt ebenfalls hat, war für mich sehr hilfreich, weil man jemanden hat, mit dem man ganz offen darüber reden kann, mit dem man vor allem darüber „raunzen“ kann, das tut oft gut.“ Barbara Kern

Nach der Schule begann sie eine Buchhändlerlehre, die sie aber aufgrund ihrer Beeinträchtigung abbrach. Auch das Biologiestudium hat sie nach kurzer Zeit aufgegeben, da sie merkte, dass viele Aufgaben, wie beispielsweise das Arbeiten mit dem Mikroskop, durch ihr Handicap unmöglich sind.

Dann machte Barbara Kern, wie sie selbst sagt, endlich das, was sie schon immer machen wollte und begann in Wien Geschichte und ein Fächerbündel mit Sprachen zu studieren. Während ihres Auslandsjahres an einer Universität in Frankreich wurden ihr zum ersten Mal die Auswirkungen ihres Handicaps bewusst. „Durch die Krankheit bin ich extrem lichtempfindlich. Und die Uni dort war ein Neubau mit großen Fensterfronten, durch die das für mich so grelle Sonnenlicht nur so hereinflutete.“ Referate konnte sie nur noch mit Sonnenbrille und in verdunkelten Räumen halten. „Das gab meinen Referaten einen grotesk coolen Charakter.“ Sie war plötzlich gefordert, sich neue Strategien zu überlegen, um ihr Studium fortsetzen zu können. Positiv in Erinnerung ist Barbara Kern dabei die enorme Flexibilität ihrer ProfessorInnen, die gemeinsam mit ihr individuelle Lösungen fanden. „Ich muss auch zugeben, dass es eine Freundin war, die mich erstmals „zwang“, Bücher auf A3 zu vergrößern, um sie lesen zu können. Ich habe mich deswegen geschämt.“ Als schwierig beschreibt die Historikerin die Zeit der Diplomarbeit: „Für meine Diplomarbeit musste ich viele vor allem ältere Werke in heute unüblichen Schriften lesen und zu diesem Zeitpunkt konnte ich dies nur mehr mit Lupe. Mit Lupe jedoch wird das Lesen so anstrengend, dass man ständig dabei einschläft.“

„Die Behinderung meiner Schwester und mir war zwar in der Familie immer da, aber sie wurde selten thematisiert. Es war wie es war. Heute sind wir alle stolz, weil meine Schwester weltweit Erfolge im Schisport erringt und Medaillen und Pokale nach Hause bringt.“ Barbara Kern

„Die Berufsunfähigkeitspension war für mich nie eine Option.“

Nach Abschluss ihres Studiums zog die Historikerin zu ihrem Lebensgefährten nach Innsbruck. Bei der Suche nach einer geeigneten Arbeit hat die Stelle des AMS für AkademikerInnen in Innsbruck weiter geholfen. Zwei Jahre war sie im „SINNE“, einer gemeinnützigen Betriebs- und Veranstaltungsgesellschaft tätig. „Im SINNE arbeiteten Blinde, Sehbehinderte und Gehörbeeinträchtigte Seite an Seite.“ Einen Aspekt ihrer Arbeit dort schildert Barbara Kern so: „Die Gehörbehinderten suchten die Telefonnummern heraus und die Sehbehinderten und Blinden telefonierten. Es war die perfekte Symbiose.“

Ursprünglich für die Marketing-Abteilung eingestellt, war sie von der Aufbausphase an dabei und übernahm bald Aufgaben in unterschiedlichen Bereichen. Sie hat sich nie davor gescheut, Neues auszuprobieren, wie sie selbst sagt.

Den Entschluss, sich selbstständig zu machen, fasste Barbara Kern, nachdem sie für wenige Wochen bei einer Firma in Bad Ischl tätig gewesen war. Kurz zuvor war sie mit ihrem Lebensgefährten von Innsbruck wieder in die gemeinsame Heimat Salzkammergut gezogen. Ein Schritt, mit dem sie nicht gerechnet habe, verrät sie: „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich ganz woanders landen werde.“

Die einzige Mitarbeiterin mit Behinderung zu sein, stellte für sie ein „einschneidendes Erlebnis“ dar. Obwohl ihr Arbeitsplatz ihren besonderen Bedürfnissen entsprechend ausgestattet war und auch alle KollegInnen über ihre Einschränkungen informiert waren, verspürte sie einen enormen Druck: „Man glaubt beweisen zu müssen, dass man genauso gut arbeiten kann, wie die anderen. Aber es geht nicht. Es werden Dinge zu einem Problem, die andere nicht einmal als Arbeitsaufwand wahrnehmen. Man ist ganz einfach nicht wettbewerbsfähig“, resümiert Barbara Kern und fügt erklärend hinzu, dass das Nachschlagen einer Telefonnummer bei ihr sehr viel länger dauert als bei jemandem, der/ die dafür keine technischen Hilfsmittel benötigt. „Neue Abläufe und Arbeitsprozesse zu erlernen, die mit einer Unmenge an klein gedruckten Unterlagen zu tun haben, ist ungleich schwieriger und dauert ungleich länger. Und die Tatsache, eine Sehbehinderung zu haben, verhilft auch nicht schlagartig zu einem phänomenalen Gedächtnis. Erschwerend kommt dazu, dass man aufgrund des fehlenden visuellen Überblicks die Zusammenhänge viel langsamer erfasst. Man wirkt ganz einfach ständig unbeholfen und hilflos und man ist so schrecklich langsam. Es ist auch unangenehm, wenn man die Einzige ist, die mit der Nase auf dem Bildschirm klebt (und ich weiß, wie komisch das aussieht).“ Diese Erfahrung war für die Oberösterreicherin so belastend, dass sie beschloss, den Job nach nur drei Wochen wieder aufzugeben.

Damals blieben ihr, wie sie erzählt, nur zwei Möglichkeiten: entweder die Berufsunfähigkeitspension zu beantragen oder selber „etwas zu probieren“. Da sie, wie sie selbst sagt, Aufgaben braucht, sah Barbara Kern in der Selbständigkeit die einzige Alternative.[22]

Entsprechend ihrer Stärken und Interessen entschloss sie sich, ihre Begabung für Sprachen, ihr Interesse für Geschichte und das Salzkammergut und die Freude am Umgang mit Menschen zu kombinieren.

Seit 2006 bietet die Geschichtswissenschafterin „touristische Dienstleistungen“ an. Sie wählt bewusst diese Bezeichnung, um zu signalisieren, dass ihr Angebot Unterschiedliches umfassen kann. „Ich gehe von einer gewissen Eigendynamik aus.“ Derzeit ist sie vor allem als Fremdenführerin im Salzkammergut tätig. „Das sind z.B. Ortsführungen in Hallstatt, Bad Ischl, Gmunden usw., wo ich mich dann ins Dirndl schmeiß und mich auf den Weg mach“, zeichnet sie ein lebendiges Bild ihres Berufsalltags.

Die internationalen Gäste des Salzkammerguts bieten ihr dabei die Möglichkeit, die Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch zu trainieren. Das Salzkammergut ist ihr „Standbein“, Touren außerhalb ihrer Heimatregion absolviert sie nicht. „Ich habe keinen Führerschein und bin daher nur eingeschränkt mobil. Ich kann keine Straßenschilder lesen und einem Busfahrer keinen Weg weisen. Die Vorstellung, dass mir dann noch im Salzburger Gewühl ein Gast abhanden kommt, da krampft sich in mir alles zusammen.“

„Die Angst, dass irgendetwas aufgrund des Handicaps passiert, spielt immer mit, dass ganz einfach Probleme auftreten, die nicht gelöst werden können.“ Barbara Kern

Nebenbei arbeitet sie als Sprachtrainerin im Erwachsenenbildungsbereich, eine Tätigkeit, die für die Fremdsprachenbegeisterte eine willkommene Abwechslung bietet.

„Ich habe ständig Angst auf meine Behinderung angesprochen zu werden.“

Dass Barbara Kern trotz ihrer Sehbehinderung TouristInnen durch Ortschaften führt und ihnen die schönsten Plätze der beliebten Urlaubsdestination zeigt, hört sich unglaublich an. Da sie das Salzkammergut jedoch kennt und ein umfassendes Wissen über die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Region mitbringt, laufen ihre Führungen nicht anders ab als bei ihren nicht behinderten KollegInnen.

Bei ihrer Arbeit fühlt sie sich häufig wie in einer Prüfungssituation. „Man möchte natürlich immer alle Fragen beantworten können, man muss auch ständig an seinem Wissenspool arbeiten. Die größte Angst jedoch sind nicht die Fragen, welche die Qualifikation betreffen, sondern jene Fragen, die ich aufgrund meines Handicaps nicht beantworten kann. Banale Fragen wie z.B.: ’Was steht auf dieser Tafel?’, eine Tafel, die man selbst noch nie zuvor wahrgenommen hat. Und ganz nebenbei, es ist unmöglich, sich alle Tafeln im Salzkammergut prophylaktisch auswendig zu merken.“

Diese Angst mag unberechtigt erscheinen, schließlich erhält sie aufgrund ihrer Fähigkeit, sich individuell auf die Bedürfnisse ihrer KundInnen einstellen zu können, durchwegs positives Feedback. Meistens, sagt sie, bemerken die Leute ihr Handicap auch gar nicht.

Auf die Frage, ob sie ihre Behinderung in ihrem beruflichen Kontext thematisiere, erklärt Barbara Kern: „Nein, eigentlich nicht. Einen Busfahrer weise ich zwar darauf hin, dass er sich nicht auf meine visuellen Fähigkeiten verlassen darf, eine Gruppe jedoch konfrontiere ich nur ungern damit. Ich glaube, dass die meisten Leute überfordert sind, wenn man die Aussage, man sei hochgradig sehbehindert, in den Raum stellt. Und ich verstehe das auch. Die meisten wissen einfach nicht, was das bedeutet. und man weiß ganz einfach nicht, wie man richtig darauf reagieren soll. Wenn man jedoch - um die Thematik der Sehbehinderung zu banalisieren - einfach nur sagt, man sehe schlecht, dann kann man mit der Reaktion ’dann setzen Sie eine Brille auf’‚ rechnen.“

„Meine Arbeit hat viele verschiedene Facetten.“

Bei ihren Tätigkeiten gibt es wenig typische Abläufe. Das gefällt ihr, Routine ist eher nicht das, was sie will, obwohl es gerade in ihrem Fall vieles erleichtern würde. Spaß macht Barbara Kern außerdem, dass sie viel unterwegs ist und ständig Neues dazu lernt. „Man ist nicht an einem einzigen Ort unterwegs, sondern im ganzen Salzkammergut und sowohl geschichtlich als auch im Kontakt mit den Besuchern bewegt man sich immer in einem spannenden internationalen Kontext. Jeder Ort ist anders und jede Gruppe ist anders.“

Um sich auf ihre Aufträge vorzubereiten, verbringt Barbara Kern viel Zeit vor dem Lesegerät und dem Computer. Dieser ist für sie mittlerweile zu einem wichtigen Arbeitsgerät geworden: „Obwohl ich sehr technikfeindlich bin. Das liegt in der Natur der Sache, Technik und Technologie sind zumeist Sehbehinderten-feindlich. Jetzt werden jedoch auch Geräte speziell für Sehbehinderte entwickelt. Und so sehr ich sie ablehne, ohne Technik könnte ich nicht mehr arbeiten.“ Eine Vergrößerungssoftware ermöglicht ihr das Arbeiten am Computer, eine Lesegerät das Lesen, eine Tätigkeit, die für ihren Beruf sehr wichtig, für sie persönlich jedoch sehr zeitaufwändig und anstrengend ist. Trotz Lesegerät braucht sie sehr lange, um Bücher durchzuarbeiten. Durch den Einsatz des Lesegeräts geht der visuelle Bezug zum Buch verloren, was es für sie, als visuellen Lerntyp, sehr schwierig macht, sich Inhalte zu merken. „Paradoxerweise bin ich ein sehr visueller Mensch. Ich habe immer gerne und viel gelesen. Die visuelle Orientierung in einem Buch oder Heft hat mir geholfen, mir Inhalte einzuprägen. Wenn man mit einem Lesegerät arbeitet, verliert man den Bezug zum Buch, weil es immer nur einen Ausschnitt der Seite zeigt. Lesen ist daher sehr mühsam und um ein Vielfaches zeitaufwändiger als bei einem Sehenden. Und ich merke, dass ich, um trotzdem Bücher rasch durchzuarbeiten und vorwärts zu kommen, Sachen teilweise überlese und dass die Intensität des Lesens, nämlich als Aufnahme und Speicherung von Wissen nicht dieselbe ist.“[23]

Trotz der damit verbundenen Anstrengung will sie ihr liebstes Hobby, das Lesen, nicht aufgeben: „Ich versuch immer noch ohne Lesegerät zu lesen, auch wenn’s am Abend im Bett nur zwei Seiten sind“. Auf den Genuss, sich in eine gemütliche Ecke zu setzen und stundenlang zu lesen oder im Kaffeehaus in den Zeitungen zu schmökern, muss sie seit der massiven Verschlechterung ihrer Sehkraft zu ihrem Bedauern verzichten. „Auch das Lesen im Zug habe ich aufgegeben, erstens weil es so anstrengend ist und zweitens weil die Blicke, die sich aufgrund meiner ungewöhnlichen Lesetechnik (die Nasenspitze stößt fast am Buch an) auf mich richten, unangenehm sind.“

Neben all den Aspekten ihrer Arbeit, die ihr Freude bereiten, fühlt sich die Fremdenführerin gegenüber ihren KollegInnen ohne Behinderung in manchen Bereichen benachteiligt. „Allein ein Museum oder eine Ausstellung zu besuchen, daran verschwende ich mittlerweile keinen Gedanken mehr, es geht einfach nicht.“

„Um zu meinen Arbeitsplätzen zu gelangen, stoppe ich.“

Um zu ihren „Führungen“ zu gelangen, nimmt Barbara Kern einiges auf sich. Manchmal chauffieren sie ihr Lebensgefährte oder Angehörige mit dem Auto zu ihren Terminen. Meistens aber „stoppt“ sie, erzählt die Oberösterreicherin, für die das Fahren per Anhalter seit Jahren ganz selbstverständlich ist. „Es ist oft interessant und lustig, wen man da trifft. Man kommt so auch unter Leute und erfährt interessante Dinge“, stellt sie die soziale Komponente dieser Form der Fortbewegung in den Mittelpunkt.

Trotzdem ist sie froh, dass ihr seit wenigen Wochen eine persönliche Assistenz für die Mobilität zuerkannt wurde. Mit einem Umfang von 15 Stunden monatlich stellt diese Dienstleistung eine wichtige Hilfestellung für Barbara Kern dar.[24]

„Wirklich schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht.“

Weder während der Ausbildungszeit noch im Berufsleben habe sie Diskriminierung aufgrund ihrer Behinderung oder aufgrund der Tatsache, eine Frau zu sein, erfahren, erzählt sie. Dass Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen und von Frauen am Arbeitsmarkt keine Seltenheit ist, will Barbara Kern jedoch nicht leugnen.

Dennoch ist es ihr wichtig, zu bekräftigen, dass ihre Erfahrungen meist positiv waren. Wobei sie nach einer kurzen Gesprächspause einräumt, dass sie schon manchmal auf Unverständnis oder Ignoranz gestoßen sei, wenn sie um Hilfe gebeten habe. Aber dass nicht jeder auf Anhieb mit ihrer Behinderung umgehen könne, ist für Barbara Kern nachvollziehbar: „Man kann sich nicht einfach so vorstellen, wie es ist, sehbehindert zu sein. Der „unpassende Umgang“ mit Sehbehinderten hat nicht unbedingt mit purer Ignoranz zu tun, sondern oft auch mit Unwissenheit und mangelnder Flexibilität bzw. Vorstellungskraft.“

Wichtig ist, sagt Barbara Kern, ein natürlicher Umgang mit einem Handicap. Und dass man sich traut zu sagen, dass man eine Behinderung hat. Mitunter ist es jedoch nicht so einfach, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, wie sie aus eigener Erfahrung weiß. So hat es sie viel an Überwindung gekostet, sich als „begünstigte Behinderte“ einstufen zu lassen. Abgeschreckt hat sie dabei der damit verbundene so genannte Kündigungsschutz, der viele ArbeitgeberInnen davon abhält, Menschen mit Behinderung einzustellen. Barbara Kern empfindet den Begriff als irreführend, da der Status „begünstigte Behinderte“ nicht bedeutet, unkündbar zu sein.

„Jetzt hab ich 100 Prozent.“

Seit 2002 ist sie als „begünstigte Behinderte“ eingestuft. Der Behindertenpass[25] bescheinigt ihr einen Behindertengrad[26] von 70%. Im Frühling dieses Jahres hat sie den Antrag auf Erhöhung gestellt, weil wieder eine Verschlechterung eingetreten ist. Gerade als wir das Gespräch in ihrem Haus in Bad Goisern führen, bekommt sie den Bescheid vom Bundessozialamt. „Jetzt hab ich 100 Prozent“, sagt sie überrascht. Vor allem nach dem Besuch beim Amtsarzt hat sie fest damit gerechnet, weitere Gutachten einholen zu müssen. „Ich bin gerade auf dem Weg zur Toilette gewesen, als er mich aufgerufen hat. Und ich bin dann den Gang zurück gelaufen. Und er schaut mich dann so an und meint: Also ich hab jetzt eigentlich damit gerechnet, dass sich da jemand an der Wand entlang tastet“, schildert sie die Situation und verdeutlicht damit die Schwierigkeit, den Grad ihrer Beeinträchtigung in Zahlen abzubilden.

Umso zufriedener ist die Goiserin nun mit der positiven Nachricht, denn der Bescheid bringt ihr natürlich Vorteile. „Ich bin einfach froh, dass es diesen Status gibt, weil er einem teilweise Unterstützung, Vorteile und finanzielle Erleichterung bringt. Natürlich trägt weder der Staat noch sonst jemand Schuld an meinem Handicap, aber man kämpft tagtäglich mit so vielen Nachteilen, unangenehmen Situationen und persönlichen Enttäuschungen, dass man manchmal einfach nur froh ist, wenn einem auch ein Vorteil daraus erwachsen kann. Die Begriffe Solidarität und soziales Netz haben für mich somit eine besondere Wertigkeit“.

„Mit ‚Selbstmitleid’ und ‚arm sein’ kann ich mich nicht identifizieren.“

Als wir abermals auf das Thema „Unterstützung“ zu sprechen kommen, weist Barbara Kern auf einen kritischen Aspekt hin: Die Tatsache auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, birgt aus ihrer Sicht die Gefahr, sich in die „totale Passivität“ drängen zu lassen. „Wenn man eine Behinderung hat und in vielen Dingen eingeschränkt ist, vieles einfach schwieriger oder manches unmöglich ist, kann man mit der Zeit zur Passivität tendieren. Die Passivität ist ein gefährlicher Nebeneffekt einer Behinderung, dessen man sich nicht bewusst ist. Das persönliche soziale Netz und die persönlichen Rahmenbedingungen sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Ohne meinen Partner, meine Familie, meine Freunde, würde ich wohl massive Schwierigkeiten haben, mein Leben zu bestreiten, denn sie unterstützen mich bei den kleinen und großen Dingen des alltäglichen Lebens. Dennoch will ich mir meine Aktivität und mein Engagement bewahren.“Sie rät Arbeit suchenden Menschen mit Behinderung, Engagement zu zeigen, die Initiative zu ergreifen, aktiv zu sein. Für sie hat es weniger etwas mit einer Behinderung, sondern vielmehr mit der Persönlichkeit eines Menschen zu tun, ob und wo man beruflich Fuß fasst. Schließlich finden auch viele Menschen ohne Behinderung keinen Job. „Und das hat nicht immer mit mangelnder Qualifikation zu tun“. Es gibt genug Frauen und Männer mit Behinderung, die beruflich sehr engagiert und erfolgreich sind.

Sie selbst sieht sich als aktives Mitglied der Gesellschaft und hat ihre Behinderung nie in den Vordergrund gerückt. Ihr Handicap stellt für sie zwar mittlerweile einen prägenden Teil ihrer Persönlichkeit dar, jedoch liegt es ihr fern, berufliche oder persönliche Probleme unreflektiert auf ihre Behinderung zu schieben. Zum Beispiel hat sie enorme Angst davor, Fehler zu machen und schätzt sich selbst im Vergleich zu anderen Menschen als weniger belastungsfähig ein. Ob dies aber tatsächlich auf ihr Handicap zurückzuführen ist, oder mit ihrer Persönlichkeit zu tun hat, beschäftigt sie regelmäßig.

„Ich bin ein aktives Mitglied der Gesellschaft und will nicht, dass jemand für mich sammeln geht.“ Barbara Kern

„Meine Behinderung soll in meinem Leben nicht ein unliebsamer Pflock sein.“

Ihre berufliche Situation, so hofft sie, wird sich in ein paar Jahren stabilisiert haben, denn noch ist sie in der Aufbauphase. Sie will sich als vollwertiger arbeitender Mensch fühlen können und sich eine gewisse Flexibilität und eine Ausgewogenheit zwischen Arbeits- und Privatleben behalten.

„Jeder hat ein kleines Kreuzerl herumzutragen, ein Packerl, welches ihm nicht passt und ihm das Leben schwerer macht.“ Barbara Kern

Barbara Kern, die ihre Behinderung in ihrem beruflichen Umfeld erst seit kurzem thematisiert, wünscht sich für die Zukunft, dass ihr Handicap allgemein akzeptiert ist. Sie will dieses nicht immer erklären oder sich rechtfertigen müssen, warum sie dieses tun kann und jenes nicht. Vielmehr solle ihre Behinderung als selbstverständlicher Teil ihrer Persönlichkeit angesehen werden. Als etwas, was sie als Person auch ausmacht. Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Und vielleicht engagieren mich Leute einmal gerade deshalb“.



[22] Das Arbeitsmarktservice bietet Ihnen mit dem Unternehmensgründungsprogramm eine Unterstützung auf dem Weg von der Arbeitslosigkeit zur Selbständigkeit. Ist eine konkrete Projektidee vorhanden, haben Sie über dieses Programm die Möglichkeit, Gründungsberatung in Anspruch zu nehmen und erforderliche Qualifikationen zu erwerben. Die Kosten dafür trägt das AMS. Zur genaueren Information über die Teilnahmevoraussetzungen wenden Sie sich bitte an den/ die zuständige/n AMS-BeraterIn in Ihrer regionalen Geschäftsstelle.

[23] Arbeitsplatzausstattung: Für technische Arbeitshilfen werden finanzielle Förderungen angeboten, die (vor dem Kauf) zusammen mit einem Kostenvoranschlag beim Bundessozialamt (an der jeweiligen Landesstelle) beantragt werden können. Dort werden Sie auch über Hilfsmittel, HerstellerInnen, VertreiberInnen und Richtpreise Informiert und beraten. Für weitere Informationen zu Kontaktmöglichkeiten besuchen Sie die Webseite www.bundessozialamt.gv.at

[24] Frau Kern verweist im Gespräch auf den Verein Miteinander, der ihr weiterhelfen konnte. www.miteinander.at. Frau Kern hat auch mit dem Verein Integratio gute Erfahrungen gemacht:www.integratio.at

[25] Der Behindertenpass ist ein amtlicher Lichtbildausweis und dient als Nachweis einer Behinderung (unabhängig von der Art der Behinderung).

[26] Falls noch kein Bescheid über z. B. das Pflegegeld vorliegt, stellt ein Arzt oder eine Ärztin des Bundessozialamtes den Grad der Behinderung fest. Viele Informationen bietet die Webseite help.gv.at – ein Wegweiser durch österreichische Behörden.

Anna B., Vorarlberg

„Man kann auch mit Beeinträchtigung immer arbeiten.“

Eine Beeinträchtigung kann unterschiedliche Formen haben. Menschen mit Behinderung müssen also nicht automatisch eine physische Beeinträchtigung haben, sondern können bei kompletter körperlicher Einsatzfähigkeit unter seelischen Problemen leiden. Kathrin T. und Anna B. haben beide eine körperliche oder gesundheitliche Einschränkung und daraus resultierend, oder unabhängig davon, sind beide auch psychischen Problemen ausgesetzt. Mit Hilfe und Unterstützung der passenden Institutionen haben sie es jedoch geschafft, wieder einen Weg in die Arbeitswelt zu finden. Zu arbeiten gestaltete sich für diese beiden Frauen, die nicht erkannt werden wollen, anfangs als schwierig. Mittlerweile möchten sie darauf nicht mehr verzichten.

Kathrin T. und Anna B. sind beide Frauen mittleren Alters. In Wirklichkeit tragen sie andere Namen, sie möchten jedoch nicht erkannt werden. Die eine arbeitet als Lobbykraft in einer Fastfood-Kette; die andere als Feinkostverkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. Auf den ersten Blick haben diese Frauen nichts gemeinsam, doch sind sie trotzdem über eine gemeinsame Erfahrung verbunden. Beide Frauen sind auf gänzlich unterschiedliche Weise gesundheitlich beeinträchtigt. Beide Frauen hatten Probleme nach der Erziehung ihrer Kinder den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu schaffen. Und beide Frauen haben genau bei diesem Schritt Unterstützung von diversen Institutionen bekommen.[27]

Zu diesen Institutionen gehören die Psychosozialen Gesundheitsdienste Vorarlberg.[28] Sie bieten eine große Bandbreite an Serviceleistungen für ihre KlientInnen an. Diese reichen von ambulanter sozialpsychiatrischer Betreuung und Begleitung zur Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung über tagesstrukturierende Maßnahmen und Arbeitstrainingsprogramme sowie Arbeitsassistenz bis hin zu betreutem Wohnen.Die Betreuungen gelten nicht nur den betroffenen Menschen selbst, sondern auch ihren Angehörigen. Neben der aktuellen Betreuung zur Rehabilitation gilt das Angebot der Psychosozialen Gesundheitsdienste auch der Prävention und der Aufklärung, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen und so die betroffenen Menschen in die Gemeinschaft zu (re-)integrieren.

Im Hinblick auf den Arbeitsmarkt reichen die Serviceleistungen für Menschen mit Beeinträchtigung von Beschäftigungsprogrammen über Arbeitstrainingsprojekte bis hin zur Arbeitsassistenz.Die Arbeitstrainingsprojekte und Beschäftigungsprogramme dienen dem Erlernen der am Arbeitsmarkt benötigten Fähigkeiten. Die Arbeitsassistenz fungiert als weiterer Schritt innerhalb des beruflichen (Re-)Integrationsprozesses. Hier wird den KlientInnen geholfen, eine passende Arbeitsstelle am so genannten „Ersten Arbeitsmarkt“ für sie zu finden. Es werden Lebensläufe und Bewerbungen verfasst. Die ArbeitsassistentInnen stehen auch in direktem Kontakt mit den ArbeitgeberInnen und Informieren sie über ihre Möglichkeiten.

„Wichtig ist, dass man sich nicht versteckt, sondern überlegt, wo man Hilfe bekommt.“[29]

Anna B. ist eine berufstätige Mutter. Sie ist Alleinerzieherin und hat mit der Zeit psychisch bedingte Stressanfälle entwickelt. Diese äußerten sich zumeist in Form von Panikattacken bei der Arbeit. Weiters hat Anna B. andauernde Probleme mit ihrem Knie, die ihr als 30-prozentige körperliche Beeinträchtigung anerkannt worden sind. Durch die zusätzlichen psychischen Probleme hat sie sich als „begünstigt Behinderte“ einstufen lassen.

Anna B. hat nach der Geburt ihres letzten Kindes eine längere Arbeitspause eingelegt. Nach erfolgloser Arbeitsuche ist sie vom Arbeitsmarktservice an die Psychosozialen Gesundheitsdienste Vorarlberg verwiesen worden. Die BeraterInnen dort haben es der Hilfesuchenden ermöglicht, die Serviceleistungen der Psychosozialen Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen.Als erstes hat Anna B. das Beschäftigungsprogramm und danach das Arbeitstraining absolviert. Diese Maßnahmen und die Arbeitsassistenz haben ihr dabei geholfen, wieder eine Arbeitsstelle zu finden.

Mittlerweile ist Anna B. seit einem halben Jahr Angestellte in einer Fastfood-Kette. Ihr macht ihre Arbeit Spaß, da sie ständig mit Menschen in Kontakt ist und außerdem sehr flexible Arbeitszeiten hat.Anna B. ist gut ins Team integriert und fühlt sich in keiner Weise benachteiligt. Im Gegenteil, sie wird von ihren KollegInnen so unterstützt, dass es ihr sogar möglich ist, sich in den Aufenthaltsraum zurückzuziehen, so oft sie eine kleine Pause braucht. Das ist ca. alle zwei Stunden der Fall. Diese Ruhepausen wirken vorbeugend gegen eventuelle Attacken, die sonst im Stress oder bei Überforderung auftreten könnten und helfen ihr, ihr Knie zu schonen.Die Vorgesetzten von Anna B. wissen alle Bescheid. Sie selbst und die BetreuerInnen der Psychosozialen Gesundheitsdienste haben sie über alles Informiert. Wie Anna B. sagt, ist dies sehr wichtig, da man nur so mit seinem Vorgesetzten „auf eine Linie“ kommen kann.

Kommunikation ist laut Anna B. überhaupt einer der wichtigsten Punkte, da die Menschen in der Umgebung nur richtig auf einen selber eingehen können, wenn sie wissen, was los ist. Dies gilt jedoch nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch gegenüber den BetreuerInnen. Anna B. meint, dass es wichtig ist, den BetreuerInnen ein Feedback zu geben, da diese nicht nur LehrerInnen sind, sondern auch von den KlientInnen lernen können. Anna B. hat auch gelernt zu kommunizieren, wenn sie überfordert ist. Sie gibt ihrem Umfeld dann durch eine bestimmte Geste zu verstehen, dass sie nun eine Pause braucht.

„Zeit lassen und reden.“

Anna B. ist der Meinung, dass jeder Mensch trotz Beeinträchtigung arbeiten kann und sie hat auch Tipps für die Menschen, die gerade dabei sind, den Schritt in die Arbeitswelt zu wagen.Sie meint, dass man lieber zweimal schnuppern soll und ausführlich mit dem Vorgesetzten und der/ dem BetreuerIn reden sollte, um herauszufinden, ob die Arbeitsstelle wirklich passend ist. Man soll sich jedoch nicht nur bei der Arbeitsuche Zeit lassen, sondern auch in der Arbeit selbst nicht von Anfang an voll „aufs Gas steigen“. Wenn man von Anfang an alles gibt, ist man schnell demotiviert und wirft leichter das Handtuch. Ihrer Meinung nach ist es besser, man fängt langsam an und steigert sich dann mit der Zeit. Anna B. sagt außerdem: „Kleine Fehler kann man sich immer leisten, denn von denen lernt man auch. Also ein bisschen darf man sich auch gehen lassen, ohne auf sich böse zu sein.“ Man soll also auch nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen.Anna B. ist sehr glücklich darüber, dass sie aufgrund der Unterstützung diverser Institutionen wieder eine Arbeitsstelle gefunden hat. Sie hat ihr Leben lang gerne gearbeitet und die Arbeit hat daher auch einen großen Stellenwert für sie.

Kathrin T. hat ebenso über die Psychosozialen Gesundheitsdienste Vorarlberg den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt geschafft. Sie ist Mutter von Kindern, die zum Großteil bereits volljährig sind und nicht mehr zuhause leben. Sie hat die Kinder mit ihrem Mann und Lebensgefährten großgezogen und war ihr Leben lang berufstätig. Nach einer Operation vor einigen Jahren bekam Kathrin T. plötzlich Anfälle, die sich körperlich zeigen. Erst nach vielen Arztbesuchen wurde bei ihr eine Stressepilepsie diagnostiziert. Kathrin T. hatte es mit ihrer Diagnose nicht leicht. Sie musste erst langsam lernen, mit der Krankheit umzugehen. Dies bedurfte vieler Umstellungen ihrer Lebensgewohnheiten, was auch wieder psychische Belastungen bedeutete. Mittlerweile hat sie jedoch ihre Krankheit gut im Griff. Auch sie hatte Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden und aus diesem Grund hat sie ihre Psychotherapeutin an die Psychosozialen Gesundheitsdienste verwiesen.

„Den Kopf nicht hängen lassen.“

Gemeinsam mit ihrer Betreuerin ist es Kathrin T. gelungen, einen adäquaten Job für sie zu finden. Ihre Arbeitsassistentin ist laut Kathrin T. ihre größte Hilfe und Motivation gewesen, da sie ohne ihre Unterstützung wahrscheinlich schon viel früher aufgegeben hätte. Nun ist sie bereits seit einem Jahr im Lebensmittelhandel in einem Geschäft als Feinkostverkäuferin tätig. Sie mag ihren Job, da er nie eintönig ist und sie in diversen Bereichen arbeiten kann.[30]

Ihre Vorgesetzten wussten von Anfang an über ihre Beeinträchtigung Bescheid. Trotzdem, erzählt Kathrin T., waren diese und ihre ArbeitskollegInnen bei ihrem ersten Anfall geschockt, da sie nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten. Mittlerweile sind ihre KollegInnen im Umgang mit ihrer Krankheit geschult und können Kathrin T. gut unterstützen. Mit ihren Vorgesetzten ist außerdem vereinbart, dass sie nach einem Anfall jederzeit nach Hause gehen darf, da diese sie körperlich immer sehr erschöpfen.

Ihr Arbeitgeber lässt ihr also jegliche Unterstützung zukommen und ist flexibel genug, auf die individuellen Bedürfnisse von Kathrin T. einzugehen. Im Gegenzug dazu erhält der Arbeitgeber für die Anstellung von Kathrin T., die übrigens der einzige Mensch mit Beeinträchtigung in der Firma ist, die Integrationsbeihilfe als finanzielle Unterstützung.

Auch Kathrin T. hat für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die eine Arbeit finden wollen, gute Ratschläge. Sie meint, dass es wichtig sei, dass man zu seiner Krankheit stehe, dass man sich dadurch aber nicht demotivieren lassen sollte. Man sollte auf keinen Fall irgendetwas unprobiert lassen, um seine Träume zu verwirklichen. So findet man mit Sicherheit einen passenden Job.

Für Kathrin T. ist ihr Job der richtige und sie wünscht sich, weiterhin dort arbeiten zu können. Auch Anna B. kann sich vorstellen, länger ihren jetzigen Beruf auszuüben. Die Psychosozialen Gesundheitsdienste nehmen die beiden Frauen nicht mehr in Anspruch – sie benötigen sie nicht mehr. Beruhigend ist für sie aber das Gefühl, dass sie jederzeit wieder Unterstützung erhalten können, sollten sie sie brauchen.



[27] Interwork Arbeitsassistenz in Niederösterreich unterstützt Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen: www.interwork.or.at. Das Institut zur beruflichen Integration bietet ebenfalls Arbeitsassistenz für Menschen mit psychischen Problemen, psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen in Wien und Niederösterreich an: www.psz.co.at/ibi. Der Verein für psychische und soziale Lebensberatung in der Steiermark bietet Arbeitsassistenz sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene an: www.beratungszentrum.at. Der Verein Omnibus in Bregenz ist eine Plattform für Psychiatrie-Erfahrene und möchte die Selbsthilfe, den Informations- und Erfahrungsaustausch der Betroffenen fördern, www.psychiatrie-erfahrene.at.

[28] Alle Informationen zu den Psychosozialen Gesundheitsdiensten Vorarlberg (PGD) finden Sie Im Internet: www.pgd.at

[29] Das SozialTelefon ist der allgemeine Bürgerservice des Sozialministeriums. Es bietet Information und Beratung zu Fragen im Zusammenhang mit einer Behinderung und im Einzelfall auch für Personen in anderen schwierigen Lebenssituationen. Über die Nummer 0800/201611 kann sich in Österreich jeder kostenfrei mit dem SozialTelefon in Verbindung setzen (Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr). Kontaktmöglichkeiten gibt es auch an der Adresse Stubenring 1, 1010 Wien, oder per E-Mail: sozialtelefon@bmask.gv.at

[30] Kathrin T. war außerdem bei einer weiteren Organisation, die sich ebenso der Arbeitsvermittlung für Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung widmet – bei A-Plus mit Sitz in Dornbirn. Die BeraterInnen dieser Organisation helfen bei der Erstellung eines individuellen Leistungsprofils, bei der Suche nach einem adäquaten Arbeitsplatz und beraten auch in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen. www.a-plus.org, Tel.: (+435572) 394618, office@a-plus.org

Julia Schneider, Dornbirn

Foto eines Lesegerätes

„Die Luft ist dünn.“

Zwei Fotos von Julia Schneider, eines mit Hund.

Julia Schneider gehört zu den wenigen schwer sehbehinderten bzw. blinden Hochschulabsolventinnen, die in einer hochqualifizierten Arbeitsstelle tätig sind. Sie ist seit vier Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum für Prozess- und Produkt- Engineering an der Fachhochschule in Vorarlberg und hat damit einen Posten, der ihren Qualifikationen als diplomierte Wirtschaftsingenieurin entspricht. Diesen Umstand weiß die 33-Jährige besonders zu schätzen, denn, wie sie selbst sagt: „Die Luft ist dünn.“

Julia Schneider ist eine praktisch denkende Realistin, jemand der die sich bietenden Alternativen analysiert, sich für etwas entscheidet und das Beste daraus macht. Als es für die Vorarlbergerin an der Zeit war, ein Studium zu beginnen, schieden ihre Wunschrichtungen Medizin und Ernährungswissenschaften aus, weil sie mit nur drei Prozent der normalen Sehkraft nicht mit dem Mikroskop arbeiten kann. Sprachen seien „nie ihr Fall“ gewesen, blieben also nach langen Überlegungen zwei Möglichkeiten: Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe. In diesen beiden Studienrichtungen wurden auf der deutschen Uni Unterstützung für blinde und sehbehinderte Studierende angeboten. Julia Schneider entschied sich für Wirtschaftsingenieurwesen, weil das, so meint sie, „in der Wirtschaft hoch gefragt ist.“

4 Fotos von Julia Schneider am Arbeitsplatz.

Ihre hochspezialisierte Ausbildung kam der Wirtschaftsingenieurin bei der Jobsuche auch tatsächlich zugute.[31] Als sie sich um die Stelle am Forschungszentrum der Fachhochschule Vorarlberg bewarb, gab man ihr gegenüber 52 BewerberInnen ohne Behinderung den Vorzug. Mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber hat sie offen über ihre Behinderung gesprochen, bereits in der schriftlichen Bewerbung erklärt, wie sich ihre Netzhauterkrankung auf den Arbeitsalltag auswirkt und welche Unterstützungen es gibt. „Viele können sich das einfach nicht vorstellen, deshalb ist es wichtig, gewisse Dinge beim Namen zu nennen“, rät die junge Frau anderen Arbeitsuchenden mit Behinderung. Im Forschungszentrum konnte man sich so ein Bild von ihren Fähigkeiten und eventuellen Einschränkungen machen. Ihr Können überzeugte letztlich und Julia Schneider bekam den Job. „Ich habe gut auf das Stellenprofil gepasst“, glaubt Julia Schneider den Grund für ihre erfolgreiche Bewerbung zu kennen.

Julia Schneider rät dazu, in der Bewerbung offen mit der eigenen Behinderung umzugehen. Zu schreiben, was man braucht und was man kann. Sie hat ihre Bewerbungen auch oft persönlich abgegeben, damit man sich dort gleich ein Bild von ihr machen konnte. Durch „nachtelefonieren“ hat sie Interesse an der Stelle gezeigt. Außerdem findet sie es wichtig, den KollegInnen in der Arbeit soweit wie möglich entgegenzugehen, und es ihnen somit etwas leichter zu machen. Manchmal fielen in ihrer Gegenwart unreflektiert Redensarten wie z.B. „das sieht ja ein Blinder“ – so etwas hat sie nie zu ernst genommen und damit auch den KollegInnen das anschließende schlechte Gewissen genommen. Vor allem sollte man sich nicht zu schnell entmutigen lassen und „dranbleiben“.

Jene passenden Qualifikationen, aufgrund derer sie schließlich ihren Job bekam, erwarb sie sich beim Studium in Karlsruhe. Dorthin ging die junge Frau mit ihrer ebenfalls sehbehinderten Schwester. Anfangs fiel es ihr schwer, sich an das Leben in der neuen Stadt zu gewöhnen. „Wenn meine Schwester nicht gewesen wäre, wäre ich nach drei Wochen wieder zu Hause gewesen“, erinnert sich Julia Schneider.

An der Universität half eine eigene Servicestellte dabei, Skripten und Unterlagen für blinde und sehbehinderte Studierende zugänglich zu machen, eine für den Studienerfolg essentielle Unterstützung. Trotzdem gab es während des Studiums viele Schwierigkeiten zu meistern. So dauerte die elektronische Aufbereitung der Unterrichtsmaterialien drei bis vier Monate. „Ich bin immer vor Semesterbeginn zu den Professoren hingegangen, habe mich vorgestellt, und nach der Literatur gefragt, „damit ich möglichst frühzeitig zur Servicestelle gehen konnte.“ Doch trotz dieser Bemühungen hatte Julia Schneider die Skripten am Beginn der Lehrveranstaltung nicht immer zur Verfügung. Was für die Studentin besonders in technischen Fächern ein Problem war.Wenn ProfessorInnen in den Vorlesungen mathematische Formeln an die Tafel schrieben, auf das Geschriebene deuteten und ihren Studierenden erklärten, wie „hier und „da“ vorzugehen sei, wusste Julia Schneider nicht, was mit „hier“ und „da“ gemeint war, weil sie nicht zur Tafel sah. Oft blieb ihr daher nichts anderes übrig als sich abends noch mal vor die Bücher zu setzen und sich den Stoff im Selbststudium zu erarbeiten. Im Jahr 2001 hatte sie schließlich alle Hürden genommen und das Studium abgeschlossen.

Genauso wie ihr Studium letztlich den Ausschlag dafür gab, dass sie den Posten im Forschungszentrum der FH erhielt, so sieht Julia Schneider den Grund für ihren Erfolg im Studium in ihrer soliden Grundausbildung. Diese bekam sie in der Handelsakademie in Bregenz sowie in der Blindenschule Sonnenberg im schweizerischen Baar, wo sie ihre ersten Schuljahre absolvierte. In die Schweiz hatten sie ihre Eltern geschickt, weil die Schule einen guten Ruf hatte und als Vorzeigemodell galt. Die Ausbildung dort war, wie sie später bemerken sollte, überdurchschnittlich gut, aber auch anstrengend. „Im Internat hatten sie den Tag eingeteilt. Von morgens um Viertel vor sieben bis abends um halb neun war volles Programm“, erzählt die nunmehr 33-jährige Frau über ihre Schulzeit in der Schweiz. In einer Schulklasse saßen nur vier Kinder. „Da muss man mitarbeiten, spätestens jede vierte Frage trifft dich.“

Als Julia Schneider schließlich nach der Pflichtschule wieder nach Vorarlberg zurückkehrte, um dort die Handelsakademie zu besuchen, bedeutete das für sie einen richtiggehenden schulischen Kulturschock. Sie musste sich erst einmal daran gewöhnen, in einer Klasse mit mehr als 30 SchülerInnen zu sitzen, von denen viele versuchten sich ohne Engagement durchzuschummeln und sich von der Masse mittragen zu lassen. „Ich hab das nicht gekannt, dass man sich in die letzte Reihe setzt, zurücklehnt, schläft und vielleicht noch etwas unter dem Tisch liest, aber ganz bestimmt nicht mitarbeitet“, beschreibt sie heute. Gewohnt Einsatz und Engagement zu zeigen, saß Julia Schneider auch in der HAK immer in der ersten Reihe, zeigte auf, beantwortete Fragen. Bei ihren LehrerInnen war sie deshalb beliebt, vielleicht aber auch, weil man ihr anfangs so einen Erfolg nicht zugetraut hat. Als ihre Mutter den Direktor der Handelsakademie fragte, ob er ihre Tochter in der Schule aufnehmen würde, stand dieser dem Wunsch grundsätzlich zwar positiv gegenüber, konnte sich aber nicht vorstellen, wie sein Personal eine nahezu blinde Schülerin unterrichten sollte. „Wie bringen wir dem Mädchen Schreibmaschine schreiben bei?“, fragte er die Mutter. Worauf diese antwortete: „Gar nicht, das kann sie schon.“

Schreibmaschine schreiben sollte nicht das Einzige sein, was Julia Schneider ihren MitschülerInnen in der Handelsakademie voraus hatte. Durch ihre gute Ausbildung in der Blindenschule hatte sie einen Wissensvorsprung, den sie sich bis zur Matura erhielt. Im Gegensatz zu ihren LehrerInnen gönnten ihr manche ihrer KlassenkollegInnen die guten Noten nicht. „Sie beneideten mich, weil ich gut war, weil ich als Sehbehinderte besser war als sie selber.“ Viele dieser „Neider“, wie sie sie heute nennt, verschwanden zwar nach dem ersten Schuljahr, blieben sitzen oder wechselten die Schule, dazu gehört hat sie aber trotzdem nie. „Ich war Außenseiterin, aber ich war sehr geachtet,“ beschreibt sie ihre letzten Schuljahre.

„Eigentlich wäre ich nie auf die Idee gekommen zu studieren, weil ich mir das gar nicht zugetraut hab.“ (Julia Schneider) Erst einer ihrer Lehrer riet ihr, ihr „Talent nicht zu vergeuden“ und zu studieren.

Die Zugehörigkeit, die Julia Schneider unter ihren nichtbehinderten KlassenkollegInnen nicht fand, gaben ihr unter anderem ihre Schwestern. Drei der vier sind sehbehindert, genauso wie sie. Auch heute noch verbringen die Geschwister viel Zeit zusammen, spielen „Torball“, einen Mannschaftssport, bei dem durch akustische Signale Ball und Spieler hörbar gemacht werden. Viel Zeit verbringt sie auch mit ihrem Blindenhund, den sie selbst mit Hilfe einer Trainerin ausbildet.

Den Status der respektierten aber nicht uneingeschränkt akzeptierten Kollegin Julia Schneider hat sie zum Teil auch heute im Forschungszentrum noch. Obwohl ihre KollegInnen, wie sie betont, „sehr nett“ sind, fühlt sie sich dennoch nicht völlig dazugehörig. „Ich bin immer noch Außenseiterin, weil ich etwas habe, was mich wesentlich von anderen unterscheidet. Mit zunehmendem Alter wird es besser, da wird die Behinderung immer weniger zum Problem. Aber es bleibt ein trennendes Element. Andere definieren jemanden sehr stark über die Behinderung. Das ist so.“ Benachteiligt fühlt sie sich aber nicht.[32]

Im Forschungszentrum arbeitet sie die meiste Zeit allein. Den größten Teil ihrer Arbeitszeit liest und bearbeitet sie daher wissenschaftliche Texte zu den Themen Innovationsmanagement und Produktentwicklung. Manchmal führt sie auch Aufnahmegespräche mit potentiellen FH-StudentInnen oder betreut jene, die am Ende des Studiums stehen, beim Verfassen der Diplomarbeit.

Wo und wann Julia Schneider ihre Arbeit erledigt, kann sie meistens frei bestimmen. Wenn sie einmal einen Tag frei braucht, um Termine wahrzunehmen oder sich einfach zu erholen, kann sie ihn sich nehmen. Ein Umstand, den sie an ihrer Arbeit sehr schätzt sowie auch die Tatsache, dass sie als blinde Frau eine hochqualfizierte Stelle gefunden hat. Denn mit einer Behinderung ist das keineswegs selbstverständlich, auch nicht als topausgebildete Wirtschaftsingenieurin. So könnten AbsolventInnen ihrer Studienrichtung erfahrungsgemäß zwischen mehreren Jobangeboten wählen, sie hätte es mit ihrer Sehbehinderung nicht so leicht, meint Julia Schneider. „Ich kann nicht so leicht sagen, bei der Firma gefällt’s mir nicht, ich geh zu einer anderen.“ Umso bedeutsamer war es für sie eine Arbeit zu haben, in der sie ihr Können zeigen kann und für ihre Leistung im Beruf auch von nichtbehinderten Kollegen anerkannt wird. „Das ist wichtig fürs Selbstwertgefühl“, meint sie.

Doch trotz aller Achtung und Anerkennung ist die Arbeit im Forschungszentrum nicht ihr Traumberuf. Die meiste Zeit sitzt sie hinter ihren Büchern, sie hätte aber gern mehr mit anderen Menschen zu tun. Deshalb hat sie vor, ihre Arbeit mit den Studierenden auszubauen und die Ausbildung zur Psychotherapeutin zu beginnen. In einigen Jahren würde sie gern ihre eigene Praxis eröffnen. Der Berufswechsel soll ihr aber nicht nur persönlich Befriedigung verschaffen, sondern auch ihrem Körper gut tun. Lange hat sie im Beruf versucht, mit ihren sehenden KollegInnen mitzuhalten. Doch auch Hilfsmittel, wie Computer und Braillezeile, mit denen sie Texte liest, können die Nachteile des Nicht-Sehen-Könnens nicht völlig kompensieren. „Mit einer Behinderung braucht man für alles länger, es ist alles mit mehr Anstrengung und Aufwand verbunden“, erklärt Julia Schneider. Körper und Gesundheit seien am Limit.

Sie hofft, dass die körperliche Belastung als Psychotherapeutin weniger groß ist. Denn dort liege der Fokus auf dem direkten Kontakt mit anderen Menschen, auf dem persönlichen Gespräch und nicht auf der für sie ermüdenden Arbeit mit Texten und Grafiken. Bis sie ihr Ziel erreicht hat, möchte sie aber trotzdem weiterhin im Forschungszentrum arbeiten, denn als Therapeutin Fuß zu fassen, würde schwierig werden und lange dauern, so Julia Schneider, ganz Realistin.



[31] Julia Schneider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Vorarlberg Hochschulstr. 1, 6850 Dornbirn, Tel.: (+43 5572) 7920. Über angebotene Studienrichtungen und Weiterbildungsmöglichkeiten können Sie sich auf der Webseite der Fachhochschule Informieren: www.fhv.at

[32] Integrationsbeihilfe: Die FH erhielt bei der Einstellung von Julia Schneider neben einem Lohnkostenzuschuss Integrationsbeihilfe. Das ist ein Zuschuss zu den Lohn- und Ausbildungskosten, den jedes Unternehmen bei der Einstellung eines Menschen mit Behinderung beim Bundessozialamt beantragen kann. Zu beachten ist, dass die Antragsstellung vor Beginn des Dienstverhältnisses oder binnen drei Monaten nach der Einstellung erfolgen muss. Nähere Informationen zu den finanziellen Anreizen für Unternehmen sind in der Broschüre „Beschäftigung von Menschen mit Behinderung“ der Wirtschaftskammer Österreich zusammengefasst. Außerdem finden sich viele Informationen auf der Webseite www.arbeitundbehinderung.at

Teresa Lugstein, Salzburg

Foto von Teresa Lugstein vor Fenster mit weitem Horizont.

„Ich war auch selber bei mir überrascht, was dann doch alles möglich war.“

Portrait von Teresa Lugstein

Teresa Lugstein lebt mit ihrer 16-jährigen Tochter und ihrer Lebensgefährtin in Salzburg. Seit sieben Jahren ist sie beim Land Salzburg angestellt. An ihrer Arbeit hat die engagierte Frau große Freude. Auch ihre Tätigkeiten und Aktivitäten außerhalb des Berufs sind vielfältig und lassen auf eine Fülle an Aufgaben und Interessen schließen. Ihre körperlichen Grenzen spürt sie dabei jedoch stark. Die 41-Jährige ist durch eine Gehbehinderung sowie eine Muskelatrophie beeinträchtigt. Die Muskelatrophie speziell in Händen und Füßen ist erst seit zwei Jahren bekannt und hat sich in diesen zwei Jahren auch verschlechtert. Vor eineinhalb Jahren konnte sie noch mit Krücken gehen, heute ist sie Rollstuhlfahrerin.

Teresa Lugstein ist Mädchenbeauftragte des Landes Salzburg. Das Büro für Mädchenförderung nennt sich „make it“.[33] Diese Stelle des Landesjugendreferats kooperiert mit dem Büro für Frauenfragen und Chancengleichheit des Landes und Akzente Salzburg.

Zwei Fotos von Teresa Lustein am Arbeitsplatz.

Teresa Lugsteins Arbeit ist rund um „Mädchenarbeit“ angesiedelt, das heißt, sie hält Kontakte zu jungen Frauen und Mädchen, EntscheidungsträgerInnen, PolitikerInnen und MultiplikatorInnen. Sie initiiert und koordiniert auch Projekte für verschiedene Zielgruppen. Außerdem erstellt sie Broschüren und Publikationen und macht Öffentlichkeitsarbeit. Viele Projekte, die sie für MultiplikatorInnen plant, sind dabei für beiderlei Geschlecht zugänglich.

Das Ziel ihrer Arbeit ist es, bestimmte Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Mädchen und junge Frauen die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit und Unabhängigkeit erlangen können. Das bedeutet, bestehende Strukturieren zu verändern und Gender Mainstreaming in der Jugendarbeit umzusetzen. Um dies zu erreichen, ist noch sehr viel Sensibilisierung notwendig. Eine „Knochenarbeit“ sei das, meint die damit Beauftragte.

Ein typischer Arbeitstag bei „make it“ bedeutet für sie, viele Projekte und Anfragen gleichzeitig zu bearbeiten. Die zeitlichen Ressourcen dafür sind speziell zu Schulzeiten sehr eng. Neben der Arbeit im Büro wird sie auch zu verschiedenen Treffen eingeladen und arbeitet als Expertin für Mädchenförderung in verschiedenen Gremien mit. Sie schätzt die ihr gegebenen Möglichkeiten, „relativ unabhängig und selbständig arbeiten“ zu können und die Unterstützung durch ihre KollegInnen.

Teresa Lugstein am Laptop.

„Ich hab den Auftrag, lästig zu sein.“

Vieles in ihrer Arbeit sieht sie als große Herausforderung: Projektentwicklung, Projektumsetzung und den Austausch mit anderen ExpertInnen. Es macht ihr auch „Spaß, immer wieder lästig zu sein“ und zu sehen: „Es geht doch“. Es macht ihr Freude, wenn Veränderungen passieren und sich was „Tolles“ entwickelt. Manchmal findet sie es aber mühsam, ständig Überzeugungsarbeit zu leisten und Vorurteile anderer abbauen zu müssen. Oft hat sie das Gefühl, „zum hundertsten Mal bei Null“ anzufangen und ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen.

Seit vier Jahren ist Teresa Lugstein außerdem in der psychiatrischen Abteilung der Landesklinik tätig. Dort hält sie als Initiatorin der Selbsthilfegruppe „Überlebt“ für Frauen und Mädchen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen Sprechstunden ab.[34] Sie verbringt wöchentlich zwei bis drei Stunden in der Klinik. Zusätzlich hält sie verschiedene Fortbildungen und Seminare zum Thema Gewalt und Mädchenarbeit ab. Ehrenamtlich gestaltet sie als Selbsthilfegruppenleiterin auch regelmäßig Radiobeiträge, einmal im Monat hat sie eine frauenspezifische Sendung. Das nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, macht ihr aber großen Spaß und ist ihr wichtig.

Zu ihrer Arbeit als Mädchenbeauftragte kam sie über eine Zeitungsannonce. Sie wollte sich zu dieser Zeit beruflich verändern. Das Anforderungsprofil gefiel ihr, sie wusste allerdings noch nicht viel von der Mädchenarbeit. Obwohl sie ganz klar gesagt hat, dass sie einen geschützten Arbeitsplatz aufgrund ihrer Behinderung braucht, hat die Einstellung funktioniert. Das freute sie, denn die Arbeitsuche hatte sich bislang für sie schwer gestaltet. Sie hatte in den früheren Stellenbewerbungen viele Abweisungen erlebt. „Ich hab aber nach verschiedenen Auswahlgesprächen den Job als Mädchenbeauftragte bekommen.“ Das bedeutete eine enorme Entlastung für sie. Teresa Lugstein hat aufgrund ihrer Behinderung nämlich oft die Erfahrung gemacht, dass sie es nicht schafft, in ein Angestelltenverhältnis zu kommen. Sie hatte vorher drei verschiedene Jobs gleichzeitig, in denen sie jeweils nur geringfügig tätig war.

Mit den ArbeitskollegInnen funktioniert es bei „make it“ sehr gut. Nachdem Teresa Lugstein erfahren hat, dass sie einen Rollstuhl braucht, schickte sie ein Rundmail an alle aus. Das hat sie Überwindung gekostet, aber sie wollte klarstellen, dass sie nicht anders behandelt werden möchte, und dass sie es sagt, wenn sie Hilfe braucht. Nach den Reaktionen der KollegInnen war sie sich sicher: „Meine Botschaft wurde wahrgenommen und bot auch den KollegInnen Orientierung. Dadurch sind auch manche Kontakte ein Stückerl tiefer gegangen“. Sie wird auch von anderen dafür bewundert, wie sie ihr Leben managt, Aussagen, die ihr manchmal sogar zu viel sind. Jedoch fühlt sie sich akzeptiert und ernst genommen. Manche holen sich Beratung von ihr, wenn sie zum Beispiel Projekte organisieren, an denen auch Menschen mit Behinderung teilnehmen sollen, worauf sie achten müssen und was man dafür braucht. „Das ist eine schöne Erfahrung.“

„Die Schmerzen hören ja nicht auf, nur weil ich aus dem Büro raus geh.“

Durch ihre Muskelerkrankung ist die engagierte Frau jedoch oft gefordert, zurückzuschalten. Zu akzeptieren, dass ihr der Körper Grenzen aufzeigt und nicht unbegrenzt belastungsfähig ist, fällt ihr manchmal schwer. Teresa Lugstein empfindet es oft als Einschränkung, wenn sie beruflich oder privat aufgrund ihrer Schmerzen nicht alle Termine wahrnehmen kann und auf manches verzichten muss.[35]Belastend kommt für sie hinzu, dass nicht alle Menschen in ihrem Umfeld sensibel auf ihre Situation reagieren. So wird sie im wahrsten Sinn des Wortes als Rollifahrerin oft nicht wahrgenommen, in Geschäften, auf der Straße, etc. Leute greifen über sie hinweg, laufen fast in sie hinein… Es gibt auch noch immer bauliche Barrieren, die niemandem auffallen, sie muss dadurch viele Umwege nehmen. Oft reichen ein oder zwei Stufen aus, die sie alleine nicht schafft. Dann muss sie immer wieder fremde Personen um Hilfe bitten, braucht Unterstützung.

„Ich kann planen, ich kann viele Ideen haben, ich kann Termine ausmachen und dann auf einmal muss ich sagen, tut leid, geht heut nicht, weil mein Körper einfach nicht mitspielt.“ Teresa Lugstein

Die Salzburgerin konnte sich aber ihren Arbeitsplatz nach ihren Bedürfnissen einrichten. In ihrem Büro steht eine Couch, weil sie aufgrund ihrer Behinderung und der damit verbundenen Schmerzen nicht acht Stunden pro Tag nur sitzen kann. Auch am Computer am Schreibtisch zu sitzen, fällt ihr schwer, deshalb hat sie einen Laptop. Die Möbel haben Rollen, damit sie überall leicht hinkommen kann.

Teresa Lugstein hat außerdem eine Arbeitsplatzassistenz, die sie auf ihre individuellen beruflichen Anforderungen anpassen kann. Das können manchmal 2 Stunden und dann auch wieder eine ganztägige Begleitung sein. Die Assistentin unterstützt sie, wenn sie Außendienste hat, wenn sie länger unterwegs ist, Materialien mitnehmen muss oder eben bauliche Barrieren nicht alleine bewältigen kann. Mit der Assistenz ist sie zufrieden und sie ist froh, dass sie momentan nur mehr eine Arbeitsplatzassistenin hat. Bis vor kurzem musste sie sich auf bis zu drei Frauen einstellen, die sich diese Tätigkeit aufteilten. Dies kostete ihr jedes Mal viel Energie, meint die 41-Jährige.

„Das Wichtigste bin ich, Arbeit – ja: ist schön.“

Arbeit hat früher einen höheren Stellenwert für sie gehabt, als jetzt. Früher dachte Teresa Lugstein, sie muss arbeiten, um überhaupt „existent“ zu sein. Dann merkte sie, dass sie ihre Existenzberechtigung mittlerweile für sich gefunden hat und deshalb nicht „wie eine Wahnsinnige“ arbeiten muss. Dazu kam, dass sie sich auch daheim keine Ruhe gegönnt hat. Jetzt ist Arbeit und Freizeit viel ausgeglichener.Arbeit macht ihr Spaß, und wenn ihr Körper nicht mehr kann, ist es, auch wenn es manchmal schwer fällt, die Grenzen zu akzeptieren, berechtigt, zu sagen: „Dann steht was anderes an“. Sie hat sich früher fast nie Krankenstand genommen, weil sie sich gedacht hat: „Durch da! Und: Jetzt erst recht!“. Inzwischen erlaubt sie es sich selbst, öfter krank zu sein. Denn letztendlich schadet sie sich sonst selber.

„Ich bin auch gern gefordert, mache das gern. Aber ich habe gelernt, viel mehr auf meine Grenzen zu achten. Ich muss darauf achten, sonst geht gar nichts mehr. Ich muss auch darauf schauen, durch Überbelastung kann sich die Krankheit verschlechtern.“ Teresa Lugstein

„Raus aus dieser Untätigkeit!“

Mit 17 Jahren bezog Teresa Lugstein Invaliditätspension, weil sie zu der Zeit viele Operationen hatte und nicht arbeitsfähig war. Die Situation knabberte an ihrem Selbstwert. „Zu was taug ich überhaupt?“, fragte sie sich damals und zweifelte an ihrer Leistungsfähigkeit. Es hat sie niemand dazu motiviert, von der Invalidenpension wieder in die Arbeitswelt einzusteigen. Es war auch niemand da, der sie gefragt hat, was sie interessieren würde, oder wie sie weitermachen könnte. „Ich hab damals wenig Unterstützung erfahren.“ Sie hatte nie Vorbilder, denn: „Ich war immer so anders, ich hab eh nirgends reinpasst“. Sie besuchte eine Hauptschule und die Polytechnische Schule. In diesen Schulen war sie auch die einzige Schülerin mit Behinderung. Während der Schulzeit, in ihrer Jugend, hat sie ihr Anderssein stark gespürt. Über andere dachte sie eher: „Das sind super Frauen, aber das schaff ich sowieso nie“. Sie dachte sich andererseits damals auch, dass sie nichts verlieren kann, wenn ohnehin „schon nichts da ist“. Zu dieser Zeit informierte sie eine gute Bekannte über die Abendschule und motivierte sie, dort mitzumachen. Die Abendschule und die Möglichkeit, die Reifeprüfung nachzumachen, hat ihr damals sehr viel gebracht. Zum einen sah sie: „Ich kann lernen, es ist nicht alles eingefroren“, und zum anderen konnte sie sich dadurch auch wieder neue Perspektiven schaffen. Sie wollte „einfach raus aus dieser Untätigkeit.“

„Dann hab ich natürlich ganz lang keine Perspektiven gehabt, weil ich denk mir: o. k. ich hab keine Ausbildung, bin schon mit 17 in Invalidenpension, was will ich irgendwann einmal werden. Vor allem alle meine Freundinnen sind arbeiten gegangen, ich sitz den ganzen Tag daheim.“ Teresa Lugstein

Teresa Lugstein war es auch nach der Matura immer wichtig, sich weiterzubilden. Sie begann ein Psychologiestudium, das sie allerdings wegen Kind und Beruf abbrach. Sie eignete sich außerdem viele Aus- und Fortbildungen selbst an: zum Beispiel die Ausbildung zur Moderatorin und eine Fortbildung im Bereich „Frauenspezifische Beratung und Krisenintervention in der Arbeit mit traumatisierten Frauen“. Dabei hat sich oft eines aus dem anderen entwickelt. Fortbildungskurse besuchte sie zum Beispiel in Strobl am „Bundesinstitut für Erwachsenenbildung“.[36] Zum Teil wurden diese Fortbildungskurse von ihren ArbeitgeberInnen mitfinanziert. Auch das Land Salzburg bietet Fortbildungen für MitarbeiterInnen an.

Vor der Geburt ihrer Tochter arbeitete sie halbtags in einer Krabbelstube. Viele Jobs hat sie in weiterer Folge gleichzeitig machen müssen, um den Lebensaufwand für sich und ihre Tochter zu sichern.Ihre Tochter ist inzwischen 16 Jahre alt und hat keine Behinderung. Teresa Lugstein war bis vor einem Jahr Alleinerzieherin. Jetzt lebt sie seit einem Jahr in einer Beziehung mit einer Frau.

Teresa Lugstein jonglierte sich mit verschiedenen Jobs durchs Leben, immer auf der Suche nach einer Vollzeitstelle. Untätig war sie dabei nie: sie rief den Verein, die „mobile Gipsambulanz“ ins Leben und sicherte sich durch die damit verbunden Einsätze auch ihr Einkommen. Ziel des Vereins war, Kinder in Schulen und Kindergärten auf einen möglichen Krankenhausaufenthalt vorzubereiten, ein Projekt, welches sehr gut angekommen ist und letztendlich auch über die Salzburger Gebietskrankenkasse mitfinanziert wurde. Auch beim Verein „Kinder und Krankenhaus“ hat sie gearbeitet. Ihren Kindheitstraum, Ärztin zu werden, lebte sie ein bisschen in dieser Gipsambulanz aus. Dort hat sie „immerhin auch einen weißen Mantel anziehen können“, lacht sie. Teresa Lugstein wird wieder ernst: Ihre Behinderung hat sich im Lauf der Zeit verschlechtert, sie hat auch noch ganz andere Berufswünsche gehabt, von denen sie dachte, „das ist umsetzbar“.

Die Jobsuche war schwer, allerdings ist sie in ihren Jobs nie wegen ihrer Behinderung von den KollegInnen diskriminiert worden. Was sie aber oft sehr frustriert hat, waren Vorbehalte mancher ArbeitgeberInnen. Es wurde ihr ganz klar gesagt: „Nein, wir stellen keine Behinderten ein, das tun wir uns gar nicht an“. Manche Firmen sagten damals auch, dass sie sie gern nehmen würden, sich diesen Schritt jedoch finanziell nicht leisten könnten.Sie hatten Angst, im Ernstfall jemand anderen kündigen zu müssen, da bei Teresa Lugstein der Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung bestand.

Ihr Rat an andere Frauen lautet, sich nicht so sehr damit zufrieden zu geben, was andere meinen, dass gut für sie sein könnte, sondern „wirklich bei sich reinzuhorchen, mal schauen, was sind die Wünsche, was würd ich wirklich gern machen“. Von den anderen, sagt Teresa Lugstein, werden auch „einfach oft die Fähigkeiten nicht wahrgenommen.“Es ist auch wichtig, „dranzubleiben“, dreimal nachzufragen, auch wenn eine Stelle nicht gleich das ist, was man sich gewünscht hat, „weiterschauen“. „Vielleicht ist es das nächste, auch wenn ich da eine Absage krieg, das nicht persönlich zu bewerten, sondern zu sagen, o.k., dann probier ich’s da.“„Ich war auch selber bei mir überrascht was dann doch alles möglich war.“ All meine beruflichen Erfahrungen haben einen Sinn, sagt Teresa Lugstein, denn: „Im Grunde haben alle meine bisherigen Erfahrungen dazu geführt, dass ich das, was ich jetzt mache, machen kann. Das hab ich damals auch noch nicht gesehen, als ich am Anfang der Kette stand.“[37]

Wichtig ist es auch, sich nicht zu scheuen, Unterstützung zu holen, sich an verschiedene Stellen zu wenden und sich über Förderungsmaßnahmen zu informieren. Noch wichtiger scheint ihr dabei, die Unterstützungen, die es für Menschen mit Behinderungen gibt, auch anzunehmen. „Und nicht zu sagen: ich schaff das eh allein, sondern zu sagen: O.k., ich kann es mir ein bisserl leichter machen. Das ist keine Form von Schwäche, sondern es ist etwas, was mir zusteht, und da tu ich weiter.“

„Und das hat mir auch sehr viel gekostet da überhaupt zu sagen: Ich brauch Hilfe.“

Teresa Lugstein bezieht Pflegegeld, aber sie sagt: „Das war auch ein Schritt, überhaupt mich zu trauen, Pflegegeld zu beanspruchen. Zur Entlastung im Haushalt, weil ich gemerkt habe: ich bin eh schon verausgabt durch die Arbeit und dann soll ich daheim noch weiter werken, das geht einfach nicht. Ich kann nicht staubsaugen, kann nicht die Stiegen putzen, will auch nicht immer mein Kind dazu zwangsverpflichten.“ Ihr Antrag auf Pflegegeld ist das erste Mal abgelehnt worden. Aber dabei ist Folgendes wichtig: „Nimm’s nicht persönlich, das ist manchmal so.“ Daraufhin ist sie in Berufung gegangen, ein Weg, den sich natürlich auch nicht viele zu gehen trauen, wie sie sagt.

„Ich hab´s um einiges leichter, weil ich mich trau zu fordern“. Teresa Lugstein

Inzwischen ist es für sie selbstverständlicher, Hilfe anzunehmen. Das betrifft nicht nur den beruflichen Bereich. Sie reist zum Beispiel sehr gerne und nimmt auch hier Hilfe in Anspruch: „Keine Angst vor Flügen, keine Angst vor Zügen! Es ist organisierbar.“ Für jemanden wie sie, die auf ein Auto im täglichen Leben angewiesen ist, heißt es da: vorbestellen und dreimal sicher zu gehen, dass alles organisiert ist. „Lieber einmal zuviel anrufen, als einmal zu wenig.“ Es war vieles dann auch nach wie vor nicht barrierefrei, aber die Bemühungen der OrganisatorInnen, die dann auch für andere Lösungen sorgten, z.B. bei einem beruflichen Aufenthalt in der Türkei extra für eine persönliche Begleitung für sie sorgten oder einen Bus für sie organisierten, wo alle anderen zu Fuß gingen, hat ihr gut getan. Dadurch nimmt man vieles in Kauf, meint Teresa Lugstein.

Teresa Lugstein wünscht sich noch viele Projekte, sie wünscht sich, noch vieles umsetzen zu können. Andererseits weiß sie nicht, wie es ihr später gesundheitlich gehen wird. Da sich der Verlauf ihrer Krankheit nicht voraussagen lässt, plant sie nicht zu weit in die Zukunft hinein. Aber sie will weiterhin ihre ganze Kraft einsetzen, um etwas zu bewegen.



[33] make it - Büro für Mädchenförderung Akzente Salzburg Glockengasse 4c, 5020 Salzburg, Tel.: (+43 662) 849291-11, www.akzente.net. Dort findet man auch den Link zu “Mädchenarbeit”.

[34] Sprechstunden für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen „Überlebt“ Selbsthilfegruppe für Frauen und Mädchen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen Tel.: (+43 664) 8284263, shg.ueberlebt@inode.at

[35] Lohnkostenzuschuss: Ihr Arbeitgeber erhielt bei ihrer Einstellung Lohnkostenzuschuss. Dafür wurde zuerst die Arbeitsleistung geprüft, bzw. mussten entsprechende Begründungen angeführt werden. Da Teresa Lugstein zwischendurch aufgrund ihrer Beeinträchtigung Ruhepausen braucht, sich hinlegen muss, Therapiewege hat usw., wurde ein Ansuchen gestellt, und das Land hat einen Teilbetrag erhalten, um diese Minderleistung abzudecken. „Meine 40 Stunden muss ich da sein, aber ich muss in diesen 40 Stunden nicht die volle Leistung erbringen.“ „Das“, sagt Teresa Lugstein, „hört sich zwar gut an, hat natürlich auch zwei Seiten“, weil dadurch ihrer Meinung nach auf manche Karrieremöglichkeiten verzichtet werden muss, da diese ohne volle Leistung nicht denkbar seien.

[36] Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, Bürglstein 1-7, 5350 Strobl, Tel.: (+436137)6621-0, office@bifeb.at, www.bifeb.at

[37] Einrichtungen der Erwachsenenbildung und Weiterbildung im Land Salzburg finden Sie unter: www.eb.salzburg.at. Österreichweite Bildungsangebote kann man auch auf folgender Seite finden: www.erwachsenenbildung.at.

Elisabeth Müller, Enns

Bild
aus Tourismusbüro

„Man soll sich auf keinen Fall irgendwie demotivieren lassen; immer sein Ziel verfolgen und das Ziel nie aus den Augen verlieren.“

Portrait von Elisabeth Müller

Elisabeth Müller ist ohne Arme auf die Welt gekommen, doch lässt sie sich dadurch nicht behindern; sie führt ein sowohl beruflich als auch privat erfülltes Leben. Frau Müller ist im Tourismusverband Enns auf Teilzeitbasis angestellt; ihr Aufgabenbereich erstreckt sich von der Kundenbetreuung, über die Erstellung von Statistiken bis hin zur Buchhaltung. In ihrer Freizeit spielt die Oberösterreicherin mit ihren Füßen Keyboard und nimmt seit mehreren Jahren Unterricht im Step-Dance. Frau Müller hat ihr Leben unter obiges Motto gestellt, welches ihr geholfen hat, all dies zu erreichen.

Zwei
Fotos von Elisabeth Müller an ihrem Arbeitsplatz.

Elisabeth Müller ist im Jahre 1977 bereits ohne ihre Arme in Linz auf die Welt gekommen. Sie meistert diese Behinderung jedoch mit Bravour.

Es war schon immer ihr Traum, zu arbeiten und diesen hat sie sich mit viel Ehrgeiz und Ausdauer erfüllt. Der Weg zum Ziel war jedoch für Elisabeth Müller kein einfacher.

Elisabeth Müller hat nur zwei Jahre ihrer langjährigen Ausbildungszeit in einer Integrationsschule verbracht. Die Pflichtschule und die drei Jahre des Oberstufengymnasiums war Elisabeth Müller stets die einzige Schülerin mit Behinderung in ihrer Klasse. Ihr wurde nie eine Sonderbehandlung zuteil und in der Integrationsschule musste sie sogar um die Einhaltung ihrer Rechte als Körperbehinderte – wie zum Beispiel die der Zusatzzeiten bei Schularbeiten – oft kämpfen.

Aufgrund persönlicher Umstände beschloss Elisabeth Müller das Gymnasium zu verlassen. Sie wandte sich Hilfe suchend ans Arbeitsmarktservice. Die BetreuerInnen rieten ihr jedoch, im Moment ihre Zeit weiter in Ausbildungen zu investieren. Nach erstmaliger Weigerung entschloss sich Elisabeth Müller dann doch dazu, zwei Kurse am BBRZ zu belegen.[38] Der erste Kurs diente der Berufsorientierung und war mit diversen Praktika in verschiedensten Firmen verbunden. Ihr erstes Praktikum hat sie in einer EDV-Firma absolviert. Die Arbeit in diesem Bereich hat ihr sehr viel Spaß gemacht. Ihre weiteren Praktikumsstellen hatte sie am Gemeindeamt und bei Petro-Montan.Elisabeth Müller fühlte sich vom Inhalt dieses Kurses aber unterfordert und besuchte daher noch einen zweiten Kurs. In diesem wurden ihr die Basiskenntnisse einer Bürokauffraulehre vermittelt.

Die Trainer dieser Kurse wollten Elisabeth Müllers schnelle Auffassungsgabe unbedingt gefördert wissen und überzeugten sie, wieder die Schule zu besuchen. Sie entschied sich für die Integrationsschule in Wien und wagte somit den Schritt, komplett auf sich alleine gestellt, in einer fremden Stadt ohne ihre Familie und Freunde einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Nach zwei Jahren der Ausbildung beschloss Elisabeth Müller jedoch, wieder zurück nach Linz zu gehen, da sie sich in der Großstadt nicht wohl fühlte und sie sich nach der Nähe ihrer Familie und Freunde sehnte.

Zurück in Linz, besuchte Elisabeth Müller die HAK in der Abendschule. Nach diesem langen, lehrreichen aber teilweise auch sehr beschwerlichen Weg hat sich ihr dann während der Abendschule durch einen Hinweis ihres Vaters die Stelle aufgetan, in der sie nun seit mehreren Jahren glücklich arbeitet.

Die Doppelbelastung mit der HAK-Abendschule und der Arbeit wurde ihr jedoch auf die Dauer zuviel. Körperliche Probleme zwangen sie dazu, eine Entscheidung zu treffen. Sie entschied sich für die Arbeit. Nach einem Vorbereitungskurs am WIFI[39] hat Elisabeth Müller dann ihre Lehrabschlussprüfung als Bürokauffrau gemacht. Seither widmet sie sich voll ihrem Job.

„Die Arbeit spielte eine große Rolle, da dadurch mein Selbstbewusstsein, mein Selbstwertgefühl schon wiedergekommen und gehoben worden ist.“

Drei
Fotos von Elisabeth Müller an ihrem Arbeitsplatz.

Die 29-Jährige ist seit dem Jahr 2001 Angestellte auf Teilzeitbasis im Tourismusverband Enns. In den 20 Stunden pro Woche, die sie dort arbeitet, betreut sie die KundInnen, wickelt den Schriftverkehr ab, verschickt Prospekte, organisiert Stadttouren und bucht Unterkünfte.Den Großteil dieser Aufgaben löst sie am PC, wobei sie trotz ihrer Behinderung keine Spezialausstattung im eigentlichen Sinne benötigt. Sie hat die Tastatur und die Maus am Boden stehen, um sie mit ihren Füßen bedienen zu können. Um ihr den Zugang zum Büro zu erleichtern hat ihr Chef außerdem ein spezielles Codezugangssystem einbauen lassen.

Am meisten Spaß hat Elisabeth Müller in ihrer Arbeit in den Sommermonaten, da das Tourismusbüro jeden Tag von vielen Menschen aus den verschiedensten Ländern dieser Welt frequentiert wird. So hat sie die Gelegenheit sich mit den Menschen auszutauschen und ihre Fremdsprachen anzuwenden. Ihr sprachliches Talent und ihr Interesse für Geographie hat sie in der Abendschule entdeckt. Mittlerweile spricht sie neben Englisch und Französisch – diese Sprachen hat sie in der Schule gelernt – auch Italienisch. Für diese Sprache hat sie sechs Kurse am BFI[40] absolviert.

Im Winter ist Elisabeth Müller mit den Büroarbeiten konfrontiert, die im Sommer aufgrund der hohen BesucherInnenzahlen oft liegen bleiben. Es gilt Statistiken zu schreiben, die Buchhaltung zu erledigen und KundInnenanfragen zu beantworten. Elisabeth Müller meint, dass ihr ein Büroalltag eher weniger liegt, aus diesem Grund ist sie auch so froh über ihren abwechslungsreichen Job. „Jeder Tag ist einfach anders, es gibt keinen Büroablauf. Es ist mehr oder weniger eine Überraschung, was mich erwartet.“

Falls die Oberösterreicherin eine dieser vielfältigen und abwechslungsreichen Aufgaben einmal nicht alleine lösen kann, stehen ihr ihre Arbeitskollegin und ihr Chef immer hilfreich zur Seite. Diesen beiden Menschen hat sie viel zu verdanken. Ihr Chef hat zwar die erste Zeit ihrer Anstellung finanzielle Unterstützung bekommen, doch dies war vollkommen in Elisabeth Müllers Ansinnen. Nun jedoch ist es so, dass er die Kosten selbst trägt und der Angestellten Elisabeth Müller eine Arbeitsatmosphäre bietet, die ihr hilft, ihre starken Seiten zu entfalten und ihr Schwächen zu kompensieren. Ihre Kollegin übernimmt zum Beispiel alle handschriftlichen Aufgaben, sie hingegen als Ausgleich die Anfragen am PC. Und falls es dabei mal alleine nicht klappt, dann fragt sie schlicht und einfach um Hilfe.

„Hilfe annehmen und um Hilfe fragen.“

Elisabeth Müller hat sich in ihrer Arbeit noch kein einziges Mal benachteiligt gefühlt. Sie meint, dass dies auch mit ein Grund dafür sei, warum sie sich zum jetzigen Zeitpunkt und in dieser Firma auch nicht als begünstigt Behinderte einstufen lassen möchte. Sie spricht in dem Zusammenhang von den vielen Fehlinformationen über den Status der „Unkündbarkeit“ als begünstige Behinderte und über Unklarheiten, die über diesen Begriff vorherrschen.[41] Sie möchte nicht als unkündbar gelten und somit womöglich ihren Chef unter Druck setzen. Außerdem möchte sie selbst „ein eigenständiger Mensch bleiben“ und den Job, falls dies in der Zukunft einmal zutreffen sollte, noch jederzeit wechseln können. Sollte dies einmal notwendig sein, möchte sie weiterhin im Bereich Tourismus arbeiten.

Die Matura hat Elisabeth Müller eigentlich nie angestrebt. Wichtig war ihr aber immer eine Berufsausbildung, vor allem um finanziell von niemandem abhängig sein zu müssen.

Elisabeth Müllers Kindheitstraum war es, Radiosprecherin zu werden, danach strebte sie eine Karriere als Opernsängerin an, zuletzt wollte sie Kindergärtnerin werden. Sie hat diese Berufe aber nie ernsthaft angestrebt. Auch, weil sie „realistisch bleiben“ will. Sie ist sich ihrer Grenzen sehr wohl bewusst, „weil man als Behinderter nicht alles machen kann.“

„Und was wirklich wichtig ist, einfach seine eigenen Grenzen wirklich akzeptieren und nicht zuviel von sich zu fordern.“

Berufliche Vorbilder hat sich Elisabeth Müller nie genommen, „weil ich muss meinen Vorstellungen entsprechen oder meine Ziele, die ich mir setze, erreichen. Das habe ich nie gehabt, dass ich jemandem so nachstrebe.“

Im privaten Leben hat sie jedoch, was das soziale und das allgemeine Leben betrifft sehr wohl ein Vorbild – ihren Vater. Ihr Vater hat sie immer ermutigt, neue Sachen auszuprobieren, ihre Talente zu erforschen und ihre Qualifikationen zu fördern. Er ist ihr immer zur Seite gestanden und sie hat seine Hilfe auch immer gerne angenommen.

Elisabeth Müller hat hingegen, abgesehen von der finanziellen Unterstützung durch das Pflegegeld und die Familienbeihilfe, nie institutionelle Hilfe in Anspruch genommen. Sie ist der Meinung, dass die meisten Vereine und Einrichtungen ihre Mitglieder zuwenig ermutigen und die Menschen dort ihre Behinderung zu ernst nehmen. Dabei ist eine der wichtigsten Überlebensstrategien von Elisabeth Müller das Lachen.

„Über sich selber immer lachen können, das ist auch wichtig.“

Lachen und mit FreundInnen ins Caféhaus gehen oder am Abend hin und wieder einen guten Drink in einem netten Lokal zu sich zu nehmen, das sind die privaten Freuden von Elisabeth Müller. In ihrer Freizeit macht sie auch Sport sowie Radfahren und Schwimmen. Zum Entspannen liest sie gerne in einem guten Buch.

Elisabeth Müller hat jedoch noch ein Hobby, von dem man kaum annehmen würde, dass es jemand ohne Hände ausüben kann – sie spielt Keyboard. Die Begeisterung für dieses Instrument hat sie schon mit zehn Jahren entwickelt, damals hat sie Unterricht an der Landesmusikschule Enns genommen. Seither spielt sie zwar mit ein paar Unterbrechungen, aber mit gleich bleibender Liebe zur Musik. Sie ist mittlerweile sogar schon so gut, dass sie zum Beispiel bei Musical-Aufführungen mitmacht und an Wettbewerben teilnimmt.

Darüber hinaus ist sie Teilnehmerin an diversen Step-Dance Kursen der Landesmusikschule Enns. Auch hierin hat sie eine so hohe Professionalität erreicht, dass sie bei Veranstaltungen auftritt. Elisabeth Müller spielt nicht nur Keyboard und tanzt, sie singt auch noch. Seit März 2006 nimmt sie Gesangsunterricht für Rock, Pop und Jazz im Musikzentrum Linz.

Bei all ihren Aktivitäten kommt die Allrounderin mit vielen Menschen in Berührung. Sie empfiehlt für den Umgang mit Leuten, dass man ihnen zeigt, dass man kein Problem mit seiner Behinderung hat.

„Alle meine Freunde gehen arbeiten und können sich darüber austauschen.“ Elisabeth Müller

„Offen sein, also wirklich offen über seine eigene Behinderung reden.“

Eine weitere wichtige Strategie, die sich in ihrem Leben bewährt hat, ist die Aufklärung. Mit Menschen reden und sie die Behinderung verstehen lassen, hilft immer, um mit den fremden und eigenen Ängsten umzugehen. Und die beste Methode ist noch immer das Lachen. Denn wenn man seine eigene Behinderung nicht als Tragödie sieht und lacht, „kann man nämlich die anderen Leute verblüffen oder da kann man ihnen auch ein bisschen Scheu nehmen“.

Elisabeth Müllers Traum für die Zukunft liegt vor allem im privaten Bereich. Sie wünscht sich, mit ihrem Partner ein Kind zu bekommen. Bevor auch dieser Traum in Erfüllung geht, will sie jedoch noch hinaus in die Welt und - obwohl sie sehr ungern fliegt - zum Beispiel für ein halbes Jahr Australien erkunden.Elisabeth Müller hat also noch viel vor in ihrem Leben und dabei ihr Motto als Wegweiser:

„Man soll sich auf keinen Fall irgendwie demotivieren lassen; immer sein Ziel verfolgen und das Ziel nie aus den Augen verlieren.“ Elisabeth Müller



[38] Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentrum (BBRZ) Dieses Aus- und Weiterbildungszentrum hat seinen Sitz in Linz und weitere Standorte in Wien, in der Steiermark und in Kärnten. Mit dem Rehabilitationsgedanken verbindet das BBRZ berufliche Reintegration. Berufsorientierung und individuell abgestimmte (Aus-)Bildungsmaßnahmen werden sozialpädagogisch, medizinisch und psychologisch begleitet. BBRZ Österreich, Grillparzerstrasse 50, PF 323, 4021 Linz, Tel.: (+43732)6922-0, office@bbrz.at, www.bbrz.at

[39] Wirtschaftsförderungsinstitut der Wirtschaftskammern (WIFI) Das WIFI bietet berufliche Aus- und Weiterbildung in Österreich an. Mit neun Landesinstituten und 80 Außenstellen sind die WIFIs in ganz Österreich zu finden. Weitere Informationen zu Kursen in ihrer Nähe finden Sie unter www.wifi.at

[40] Berufsförderungsinstitut (bfi) Diese Bildungseinrichtung hat ihre Schwerpunkte in der beruflichen Aus- und Weiterbildung von ArbeitnehmerInnen sowie in Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen für arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Personen. Weitere Informationen finden Sie Im Internet. Dort können Sie auch kostenlos bundeslandspezifische Kursprogramme bestellen: www.bfi.at, Berufsförderungsinstitut Österreich, Kaunitzgasse 2, 1060 Wien, Tel.: (+431)5863703, info@bfi.at

[41] Der besondere Kündigungsschutz, der für begünstigt Behinderte gilt, ist seit seiner Einführung immer wieder diskutiert worden. Die Angst der Betriebe vor diesem Schutz ist unbegründet: Im Jahr 2010 wurden nur 19 von 530 (3,6%) Anträgen der Unternehmen auf Kündigung vom Gericht verhindert.Seit 01.01.2011 wurde zudem der Zeitraum ab dem der erhöhte Kündigungsschutz wirksam wird, für neu geschaffene Dienstverhältnisse von vormals sechs Monaten auf vier Jahre verlängert. Seit 2008 existiert außerdem ein Arbeitskräfteüberlassungsprojekt („Disability Flexicurity“), das es Betrieben ermöglicht, Mitarbeiter erst unverbindlich kennen zu lernen, bevor sie angestellt werden. Disability Flexicurity wird derzeit als Pilotversuch in den Bundesländern Kärnten, Oberösterreich, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien durchgeführt. Informationen über Anbieter finden sich auf der Webseite des Bundessozialamtes bundessozialamt.gv.at/basb/UnternehmerInnen/Disability_Flexicurity_ (DisFlex)

Marlies Neumüller, Wien

aufgeschlages Buch

„Ich war schon als Kind sehr interessiert, wie die Welt um mich herum ausschaut und wie was funktioniert.“

Portrait von Marlies Neumüller

Marlies Neumüller hat Journalismus an der Fachhochschule in Wien studiert und vor kurzem ihre Diplomprüfung bestanden. Seit ihrer Geburt hat sie eine spastische Lähmung, eine Art der Cerebral Parese, die sie in ihren Bewegungen einschränkt. Mit ihrem Rollstuhl und persönlicher Assistenz meisterte sie jedoch zum Beispiel den Weg auf die Fachhochschule. Marlies Neumüller ist sich sowohl ihrer „natürlichen Langsamkeit“ bewusst als auch ihres Fachwissens und ihrer persönlichen Fähigkeiten. Optimistisch und realistisch geht sie ihren eigenen Weg zu einer beruflichen Integration in der Arbeitswelt.

Dass sie Journalismus studieren wird, war für die heute 27-Jährige nicht von Anfang an sicher, aber schon als Kind war sie sehr wissbegierig und interessierte sich für all das, was um sie herum geschah. Sie hat schon immer viel gelesen und es war auch ein Buch, das sie zu ihrem ersten Berufswunsch führte: sie wollte Archäologin werden. Wegen ihrer Liebe zu Büchern wollte sie dann auch in einer Bibliothek arbeiten, was sie sich heute noch vorstellen könnte. Ein Traum von ihr ist es, einmal ein eigenes Buch zu schreiben.

Fünf
Fotos zu Marlies Neumüller am Arbeitsplatz.

Bildung hat für Marlies Neumüller einen hohen Stellenwert, weil diese für sie nie selbstverständlich war. Als Kind wurde ihren Eltern gesagt, dass eine normale Regelschule für sie nicht geeignet wäre, da dort auf die Behinderung zu wenig Rücksicht genommen werden könnte. Die vorgeschlagene Schule für körperlich behinderte Kinder wäre aber sehr weit weg gewesen und so setzten sich ihre Eltern stark dafür ein, dass ihre Tochter doch eine normale Schule besuchen konnte. Das gelang ihnen und damals beschloss die Schülerin auch, die Matura zu machen und zu studieren.

Bevor sie allerdings nach der Matura zu studieren anfing, absolvierte sie einen einjährigen integrativen Journalismuslehrgang[42], von dem sie noch in der Schule zufällig erfahren hatte.[43] In diesem einjährigen Lehrgang wurden Menschen mit und ohne Behinderung mit den grundlegenden journalistischen Fertigkeiten bekannt gemacht – für die Studentin ein markantes Erlebnis. Von Medienleuten, die sie durch diesen Lehrgang kennen lernte, erfuhr sie dann auch, dass sich an der Fachhochschule der Wiener Wirtschaft ein Studiengang für Journalismus in Planung befand. Sie bewarb sich um einen Platz, auch deshalb, weil die Studienbedingungen an der Uni Wien, an der sie seit Ende des integrativen Journalismuslehrgangs Politikwissenschaft studierte, sehr zu wüschen übrig ließen.

„Am Anfang hab ich gedacht: das halt ich nicht durch – mit der Zeit ist es dann aber besser geworden.“

Neben den allfälligen bürokratischen Angelegenheiten, die allen StudienanfängerInnen bevorstanden, stellte sich für Marlies Neumüller auch der Zugang zu den Hörsälen als ein recht schwieriges Problem dar. Nicht funktionierende Aufzüge und das ständige Organisieren von Schlüsseln machten ihr den Zutritt zum ersehnten Wissen gar nicht so leicht. Mit Hilfe der Behindertenbeauftragten versuchte sie anhand der Baupläne der Uni Wien auf „Schleichwegen“ einen möglichst barrierefreien Weg bis zum Hörsaal zu finden.[44]

Wichtige Helferinnen beim Überwinden solcher alltäglicher Barrieren waren und sind ihre persönlichen Assistentinnen. Durch die sechs Assistentinnen, die alle geringfügig in einem Ausmaß von jeweils ca. 30 Stunden pro Monat beschäftigt sind, wurden für die 27-Jährige Studium und dazugehörige Praktika bei diversen Medienunternehmen überhaupt erst möglich.

Denn persönliche Assistenz ist mehr als nur ein Fahrtendienst oder eine Begleitung zur Uni. Beim Verfassen von Texten oder beim Besuch von Pressekonferenzen steht Marlies Neumüller stets eine Assistentin zur Seite. Auch bei der Vielzahl an Praktika, die sie absolviert hat, wurde sie von den Assistentinnen unterstützt.

Die persönliche Assistenz war aber nicht nur einer der Schlüssel zur Hochschul- und Arbeitswelt, sondern ermöglichte ihr auch den Auszug aus dem Internat in dem sie seit ihrem 16. Lebensjahr gewohnt hatte, als sie von Oberösterreich nach Wien zog.

Die Betreuung im Internat war zwar nicht schlecht, doch die Strukturen dort ermöglichten keine individuelle Hilfe, was die schulische bzw. berufliche Lebensplanung oder die Freizeitgestaltung der BewohnerInnen anbelangte, selbst wenn der Wille seitens des Personals da war. Fixe Essens- und Schlafenszeiten, kein Einfluss auf die Gestaltung der Menüs oder eine Körperhygiene nach Dienstplan führten zu erheblichen Einschränkungen in der Selbstbestimmung und dem Gefühl, der Institution Heim völlig ausgeliefert zu sein.

„Ich bin mein eigener Herr geworden, das war im Internat so nicht möglich. Ich konnte endlich gehen wann und wohin ich wollte.“

Seit einigen Jahren lebt Marlies Neumüller nun mit persönlicher Assistenz in einem Studentenheim. Damit ist sie im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Assistenz bedeutet für die gebürtige Oberösterreicherin einen Qualitätsgewinn, da diese nicht an einen fixen Ort gebunden ist. Sie kann sich nun selber aussuchen, von wem, wann, wo, welche und wie viel Unterstützung sie in Anspruch nehmen will. Sie entscheidet für sich selbst welche Art von Hilfe sie braucht und bespricht gemeinsam mit den Assistentinnen wie und wann die Hilfeleistungen erfolgen sollen. So übernehmen die Assistentinnen auch alltägliche Erledigungen, welche die junge Frau zwar auch selbst bewerkstelligen könnte, die dann aber mit bedeutend mehr Aufwand verbunden wären. Die gesparte körperliche Kraft und Zeit konnte sie dann in ihr Studium investieren.

Marlies Neumüller sucht sich ihre Assistentinnen selbst aus und erstellt gemeinsam mit ihnen einen Dienstplan. Damit hat sie die Rechte und Pflichten einer Arbeitgeberin. Für sie ist die persönliche Assistenz ein echter Gewinn, der ihr eine gezielte und auf ihre individuellen Bedürfnisse maßgeschneiderte Hilfe ermöglicht.

„Die Assistenz war für mich der Schlüssel zur Arbeitswelt.“

Ihr erstes journalistisches Praktikum absolvierte die Oberösterreicherin bei einer Tageszeitung. Sie wurde recht freundlich von den anderen MitarbeiterInnen aufgenommen. Für die Praktikantin war das nicht nur ein erster Kontakt zur Arbeitswelt, sondern sie bekam dadurch die Möglichkeit, ihre eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Einen Monat lang recherchierte und verfasste sie hier Artikel zu unterschiedlichen Themen. Daraufhin absolvierte sie während ihrer Ausbildungszeit freiberuflich immer wieder Praktika sowie andere Tätigkeiten, für die der Journalismus eine gute Grundlage bot. Diese Arbeiten gestalteten sich unterschiedlich. Sie arbeitete in verschiedenen Bereichen und sammelte so auch vielfältige berufliche Erfahrungen. Sie arbeitete wie jeder andere Mitarbeiter auch. Das war für sie eine sehr harte, jedoch lehrreiche Zeit. Auch hier musste sie lernen, sich anzupassen: sie wurde zum Beispiel für das Wirtschaftsressort eingeteilt, da dies das einzige Ressort der Tageszeitung war, das mit dem Rollstuhl zugänglich war.

„Ich habe durch die Behinderung eine natürliche Langsamkeit, ich kann nur das nehmen, was der Körper hergibt.“

Durch die Behinderung ist Marlies Neumüller etwas langsamer und auch körperlich nicht so belastbar. Sie hat ihr eigenes Tempo und versucht, sich ihre Welt ringsherum so aufzubauen, dass dies toleriert wird. Zum Beispiel wurde auf der Fachhochschule ihre Geschwindigkeit insofern berücksichtigt, dass für sie längere Prüfungszeiten genehmigt wurden. Natürlich musste auch sie sich an ihr Umfeld anpassen und dabei war die persönliche Assistenz sehr hilfreich. Wenn das Schreiben langer Texte zu anstrengend wurde, diktierte sie sie der Assistentin. Rückblickend war die Studienzeit sehr hart, vor allem körperlich, aber ihr Durchhaltevermögen hat sich gelohnt.

Marlies Neumüller ist jedoch nicht nur das eigene Fortkommen ein Anliegen. Ehrenamtlich engagiert sie sich auch bei der Wiener Assistenzgenossenschaft (WAG)[45] im Aufsichtsrat. Es ist zwar nur eine formale Funktion, doch dadurch ist sie informiert, was sich im politischen Bereich bezüglich der Behindertenintegration tut. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderung in jedem Bundesland die gleichen Chancen auf Förderung haben.

„Information, das ist ein ganz wichtiges Kapital!“

Was die eigene Zukunft anbelangt, so ist sie realistisch und optimistisch zugleich. Ihre bisherigen Kontakte zur Arbeitswelt haben sie in ihrem Wunsch bestärkt, einmal einer Arbeit nachzugehen, in der Schreiben und Recherchieren im Mittelpunkt stehen. Was sie am Journalismus so fasziniert, sind die vielfältigen Themen im nationalen und internationalen Kontext. Diese Tätigkeit passt auch sehr gut zu ihrem Wissensdurst, der sie seit ihrer Kindheit begleitet.

Jedoch weiß sie aber auch um die Schwierigkeiten in der Ausübung einer journalistischen Tätigkeit: Die große Konkurrenz unter den Kollegen, der Druck, die geringe soziale Absicherung - das sind alles Faktoren, die sie langfristig weder körperlich noch psychisch aushalten kann oder will.

„Durch die Vernetzung wird einem dann bewusst, dass man es auch leichter haben kann… dass man einfach kämpfen muss… einfach sich selber auf die Füße stellen muss!“ Marlies Neumüller

Marlies Neumüller hat bisher viel im Bereich der Behindertenintegration recherchiert und auch geschrieben. Ihr Wunsch ist ein Job, in dem sie ihr politisches Interesse einbringen kann. Dann könnte sie sowohl ihr Engagement als auch ihr vielseitiges Wissen, das sie sich auf diesem Gebiet angeeignet hat, gut einsetzten. Jedoch ist sie bereit, jede angemessene Arbeit, die mit dem Arbeiten mit Texten zu tun hat und zu ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten passt, anzunehmen. Im PR-Bereich zu arbeiten, Broschüren zu schreiben oder als Behindertenbeauftragte in einer Firma tätig zu sein, das sind Arbeiten, die sie ebenfalls gerne machen würde.

Spaß und Zufriedenheit im Job sind ihr wichtig, aber noch wichtiger ist für sie die soziale Absicherung. Sie will einer Arbeit nachgehen, mit der sie ihr Leben selbst bestreiten kann.

Ein weiteres Problem, vor dem Marlies Neumüller bei der Integration in die Arbeitswelt steht, ist die zukünftige Finanzierung der persönlichen Assistenz. Mit ihrer „natürlichen Langsamkeit“ hat sie recht gut zu leben gelernt, die uneinheitliche Rechtslage zum Thema Behinderung in Österreich ist für ihre berufliche Integration jedoch zu einer wahren „Behinderung“ geworden. Dennoch gibt die junge Frau nicht auf. Sie ist bestrebt, für ihr Anliegen – durch die eigene Erwerbstätigkeit ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – weiterhin zu kämpfen.

„Es ist ein Vorteil, wenn man sich selber kundig macht, weil vieles nicht auf dem Silbertablett serviert wird.“

Wichtig ist, die aktuelle Rechtslage zu kennen, zu wissen, was einem zusteht, noch bevor man an die Behörden herantritt. Immer wieder Neues zu probieren, selber zu recherchieren, um potentielle Möglichkeiten ausfindig zu machen und in Kontakt und Informationsaustausch mit anderen Betroffenen zu bleiben – das sind einige ihrer Strategien, die Marlies Neumüller auch anderen Frauen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind, gerne weitergeben will.



[42] Das Projekt „Integrativer Journalismus-Lehrgang“ wurde vom Verein Integration: Österreich getragen, der inzwischen Insolvenz angemeldet hat. Der Lehrgang umfasste eine einjährige journalistische Grundausbildung. In die Lehre war unter anderem das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien eingebunden. Ergänzt wurde die Ausbildung durch Praktika in Medienbetrieben. Das Projekt hatte auch eine Verbesserung des allgemeinen Bildes von Menschen mit Behinderungen in den Medien zum Ziel.

[43] Institut für Journalismus &, Medienmanagement Währinger Gürtel 97, Gebäudeteil B/ 4. Stock, 1180 Wien, Tel.: (+431)47677-348

[44] „Uniability“ hat zum Ziel, die Studienbedingungen an allen österreichischen Universitäten zu verbessern. Studierende mit Behinderung können sich bei den Behindertenreferaten informieren und beraten lassen, info.tuwien.ac.at/uniability/home.html. Für jene, die die Universität schon abgeschlossen haben, könnte das Projekt ABAK (Arbeitsvermittlung für AkademikerInnen mit Behinderung und/ oder chronischer Erkrankung) interessant sein. ABAK, Meidlinger Hauptstr. 51-53/2/5a, 1120 Wien, Tel.: (+431)5139669, www.abak.at

[45] Wiener Assistenzgenossenschaft WAG: Die WAG organisiert Persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung. Neben einer beratenden Tätigkeit unterstützt und begleitet die WAG auch z.B. bei der Personalsuche und -auswahl, bei der Assistenzplanerstellung und der Anleitung. Weiterführende Informationen und Kontaktadressen für Wien, Niederösterreich und das Burgenland finden Sie auf der Webseite: www.wag.or.at

Ursula Hermann, Wien

Brailleschrift

„Es ist mir ein sehr wichtiges Anliegen, dass Behinderte gleichberechtigt behandelt werden.“

Drei
Portraits von Ursula Hermann

Bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz fand Ursula Hermann insbesondere beim Verein „Integration Wien“ Unterstützung. In ihrer Arbeit in der Bibliothek der Universität Wien lernte sie auch das Engagement der Behindertenvertrauensperson kennen. Heute, mit vierzig Jahren, übt Ursula Hermann diese Position selbst aus. Aufgrund ihrer eigenen Körperbehinderung kennt sie die Schwierigkeiten ihrer MitarbeiterInnen mit Behinderung.

Drei
Fotos zum Arbeitsplatz

Ursula Hermann ist bereits seit 1996 in der Hauptbibliothek der Universität Wien beschäftigt. Seit Februar 2006 ist sie außerdem als Behindertenvertrauensperson[46] für die Einhaltung des Behinderteneinstellungsgesetzes verantwortlich. Sie kümmert sich darum, dass MitarbeiterInnen mit Behinderung[47] gut behandelt und gefördert werden. In dieser Funktion arbeitet sie eng mit dem Behindertenbeauftragten[48] der Bibliothek zusammen.

Ursula Hermann hat für die Probleme von Menschen mit Behinderung großes Verständnis. Denn sie hat diese bereits selbst erfahren. Sie wurde mit einem Herzfehler und dem seltenen Williams-Beuren Syndrom geboren. Im Alter von vierzehn Jahren kam eine Schilddrüsenerkrankung hinzu. Die Behinderung hat unter anderem motorische Schwierigkeiten zur Folge.Die Arbeit als Behindertenvertrauensperson übt Ursula Hermann sehr gerne aus. Sie findet ihre Arbeit interessant und freut sich, viel mit Menschen zu tun zu haben.

Zukunftsweisend war der Rat eines Arztes, den Verein „Integration Wien“ aufzusuchen. Dort traf sie auf engagierte Personen, die mit ihr ausführliche Gespräche führten und sich für sie einsetzten. Sie ermöglichten ihr schließlich, die Arbeit in der Bibliothek in einer zweiwöchigen Probezeit kennen zu lernen. Ursula Hermann verstand sich von Anfang an sehr gut mit ihrer Kollegin und hatte Freude an der Arbeit. Die ersten zwei Jahre arbeitete sie zunächst unentgeltlich. Die damalige Behindertenvertrauensperson und die „Integration Wien“ setzten sich jedoch für die Schaffung einer halben Stelle ein und hatten damit Erfolg. Nach einiger Zeit wurde offensichtlich, dass ihre Kollegin mehr Unterstützung brauchte. Die Position wurde somit auf eine volle Stelle ausgeweitet. Die Behindertenvertrauensperson erreichte auch, dass der Arbeitsplatz mit neuen Geräten ausgerüstet wurde. Zuvor hatten sich Ursula Hermann und ihre Kollegin einen Computer teilen müssen.

Seit Beginn ihrer Anstellung arbeitet Ursula Hermann am Blindenleseplatz der Bibliothek. Für blinde Menschen und Menschen mit Sehbehinderung scannt sie mit Hilfe eines Computerprogramms Bücher ein. Die von den Angestellten der Universität und rund zwanzig StudentInnen benötigten Seiten werden digitalisiert, in ein Textverarbeitungsprogramm übertragen und so für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich gemacht. Sie können sie mit einem Programm, das den Text vorliest oder in Braille-Schrift verwandelt, verwenden.Aufwändig wird die Arbeit, wenn das Scanprogramm nicht den gesamten Text lesen kann. Dies passiert, wenn Worte unterstrichen oder schlecht sichtbar sind oder wenn Graphiken nicht gelesen werden können. Dann muss Ursula Hermann die einzelnen Fehler ausbessern. Wenn dies mehr Zeit in Anspruch nimmt als erwartet, informiert sie die betreffenden Personen.Zusätzlich beschreibt sie Tabellen, um für blinde Menschen deren Inhalte verständlich zu machen. Anstrengend sind für Ursula Hermann Texte, die in sehr kleiner Schrift geschrieben ist. Deren Bearbeitung ist für sie wegen ihrer Kurzsichtigkeit schwierig.Eine persönliche Assistenz braucht Ursula Hermann nicht. Manchmal stört sie, dass sie aufgrund ihrer Behinderung manches nicht so schnell erledigen kann wie andere Menschen. Sie kann ihre Arbeit jedoch ohne spezielle Einrichtungen ausüben und fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz gut aufgehoben. „Die Arbeit macht mir einen riesengroßen Spaß, weil sie sehr vielfältig ist, weil es immer wieder neue Gebiete gibt, die man noch nicht kennt. Das ist dann immer ungemein spannend.“

In ihrer Ausbildung hatte sich Ursula Hermann eigentlich auf den Handel konzentriert. Als Jugendliche begann sie nach dem Besuch einer normalen Volksschule, anschließend drei Jahren Mittelschule und einem Jahr Hauptschule die Ausbildung in einer Handelsschule in der Ungargasse in Wien, die körperbehinderte und nicht behinderte Menschen aufnimmt. In dieser Zeit versäumte sie aufgrund zweier Operationen viele Schulstunden, weshalb sie den Vorbereitungslehrgang zweimal absolvierte. Insgesamt dauerte ihre Ausbildung an der Handelsschule somit fünf Jahre. Diese Zeit war oft sehr anstrengend, weil es viel zu lernen und schreiben gab. Besondere Freude bereitete Ursula Hermann das Erlernen der Fremdsprache Englisch.

Nach Abschluss der Ausbildung war sie in der Berufseingliederungsgruppe des Spastikerverbandes beschäftigt. Da sie dort sehr erfolgreich war, hätte der Verband sie gerne länger bei sich behalten. Ursula Hermann folgte nach drei Jahren jedoch ihrem Bedürfnis, etwas anderes kennen zu lernen. Eine Zeit lang arbeitete sie bei ihrem Vater, einem Rechtsanwalt. Der Hinweis auf den Verein „Integration Wien“[49] ihres Arztes führte die nächste Veränderung herbei und ermöglichte ihr schließlich die Stelle in der Universitätsbibliothek.

Noch heute ist Ursula Hermann dankbar für die Unterstützung des Vereins. Die Zuständigen hatten alles in die Wege geleitet und aktiv nach Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung gesucht. Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich Ursula Hermann verunsichert und erfuhr durch die Unterstützung neue Motivation. Eine wichtige Hilfe ist auch ihre Familie, die sie von Anfang an förderte. Sie besucht ihre Eltern jedes Wochenende in ihrem Haus in Niederösterreich. Ihre Schwester ist mit Ehemann und Kindern auch oft dabei.

In ihrer Freizeit legt Ursula Hermann Wert auf Bewegung. Seit mehreren Jahren besucht sie einmal pro Woche einen Thai Chi - Kurs. Nach der Sommerpause freut sie sich auf die bekannten und neuen TeilnehmerInnen. Zweimal pro Woche trainiert sie im Kieser-Fitnessstudio, in dem eine gesunde Stärkung der Muskeln im Vordergrund steht. Die Übungen an den Kraftmaschinen führt Ursula Hermann selbständig durch. Den Sport empfindet sie als erholsam. An kalten Winterabenden macht sie es sich aber auch gerne vor dem Fernseher gemütlich.

Ursula Hermann blickt hoffnungsvoll in die Zukunft. Sie freut sich auf ihre neue Wohnung, die sie bald beziehen wird. Sie schätzt Gelegenheiten, neue Menschen kennen zu lernen, und möchte gerne auch in den nächsten Jahren in der Bibliothek bleiben. Sie findet ihre Arbeit sehr interessant und vielfältig. Beim Lesen und Bearbeiten der Texte kommt sie immer wieder mit neuen Themengebieten in Kontakt. Außerdem legt sie großen Wert auf den regen Kontakt mit den KollegInnen. Wenn sie jemanden auf dem Gang trifft, entstehen kurze Gespräche. Man erkundigt sich, wie es dem anderen geht und mit welcher Arbeit er oder sie gerade beschäftigt ist. Ursula Hermann war von Anfang an gut aufgenommen worden und fühlt sich im Umgang mit ihren MitarbeiterInnen sehr wohl. Auch mit den StudentInnen versteht sie sich sehr gut. Sie sind zu FreundInnen geworden, mit denen sie ab und zu essen geht.

Manchmal würde sie sich allerdings wünschen, als Behindertenvertrauensperson besser und rechtzeitig über Angelegenheiten, die Menschen mit Behinderung betreffen, informiert zu werden – zum Beispiel im Falle baulicher Veränderungen. „Als Behindertenvertrauensperson ist es wichtig zu wissen, was sich im Haus tut.“ Da sie manches nur durch Zufall erfährt, fühlt sich Ursula Hermann manchmal benachteiligt und würde die Kommunikation gerne verbessern.

Anderen Menschen mit Behinderung rät Ursula Hermann, immer wieder nachzufragen, am Ball zu bleiben, insbesondere auf der Suche nach einer speziellen Arbeit. Wer hartnäckig ist, erfährt, welche Möglichkeiten es gibt, und bewirbt sich rechtzeitig um eine interessante Stelle.



[46] Behindertenvertrauensperson: Sind in einem Unternehmen mindestens fünf begünstigte Behinderte beschäftigt, so muss eine Behindertenvertrauensperson gewählt werden. Die Behindertenvertrauensperson hat die Aufgabe, die Interessen der behinderten MitarbeiterInnen im Betrieb zu vertreten.

[47] Um zum Personenkreis der begünstigt Behinderten zu gehören, muss ein entsprechender Antrag beim Bundessozialamt gestellt werden. Begünstigt werden können Personen, die die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen bzw. Staatsbürger eines EWR -Staates sind und ihren Wohnsitz oder Arbeitsplatz in Österreich haben. Vorausgesetzt wird, dass ein Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent vorliegt. Die Folgen der Begünstigung sind vor allem ein erhöhter Kündigungsschutz, ein Entgeltschutz und steuerliche Vergünstigungen.Im Jahresdurchschnitt 2011 waren beim Bundessozialamt insgesamt 94.753 Personen als „begünstigte Behinderte“ registriert, davon waren 40% Frauen und 60% Männer. Erwerbstätig waren insgesamt 61.363 Personen (64,8%).

[48] Behindertenbeauftragte der Universität Wien ist Frau Maga Birgit Virtbauer. Als solche ist sie Ansprechperson für sämtliche Bereiche des Studierens mit Behinderung. Mehr auf der Webseite studentpoint.univie.ac.at/zum-studium/barrierefrei-studieren

[49] Verein „Gemeinsam leben – Gemeinsam lernen – Integration Wien“, Tannhäuserplatz 2/1, 1150 Wien, Tel.: (+431)7892642, info@integrationwien.at, www.integrationwien.at

Maria Anna Hilscher, Wien

Foto
mit zwei Krücken

„Arbeitszeit ist Lebenszeit.“

Portrait von Maria Anna Hilscher

Maria Anna Hilscher, Germanistin und Sprachwissenschafterin, arbeitet in der Abteilung „Sicherheitsmarketing und Presse“ der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Dort ist sie für das Lektorat von Drucksorten zuständig: Viele Publikationen, die veröffentlicht werden sollen, landen zuerst zur Korrektur auf ihrem Schreibtisch. Manchmal verfasst sie auch selbst Artikel für die Fachzeitschrift der AUVA. Ihr Weg zu ihrer heutigen Tätigkeit ist vor allem von klaren Vorstellungen gekennzeichnet: Maria Anna Hilscher weiß, was sie will und wo sie ihre Grenzen zieht – ob es sich dabei um ihre Studienwahl, ihr Berufsleben oder den Umgang mit körperlichen Beeinträchtigungen handelt.

Vier
Fotos von Maia Anna Hilscher an ihrem Arbeitsplatz.

Mit sieben Jahren wollte Maria Anna Hilscher Indianer-Forscherin werden, später Tänzerin. Heute arbeitet die 42-Jährige als Lektorin bei der AUVA Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt – und so mit dem, was sie stets am meisten fasziniert hat: mit Sprache.

Ob Bautechnik, Arbeit mit Laserstrahlen oder die Sicherheit auf Schweißerarbeitsplätzen: Maria Anna Hilscher liest vieles, was bei der AUVA gedruckt oder ins Internet gestellt werden soll. Sie korrigiert, achtet auf Verständlichkeit, ist für die Inhalte auf der Website verantwortlich und verfasst auch Texte für die Fachzeitschrift „Sichere Arbeit“. Neben diesen Tätigkeiten verbringt sie einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, Kontakte zu pflegen und Netzwerke zu bilden – Öffentlichkeitsarbeit zu machen.

„Ich trenne nicht so zwischen Arbeit und Freizeit – es ist immer meine Lebenszeit.“

Dieser Austausch mit anderen Menschen ist auch das, was Maria Anna Hilscher an ihrem Beruf besonderen Spaß macht. Dass die Grenze zwischen privatem und beruflichem Kontakt dabei mitunter fließend ist, entspricht ihrer generellen Einstellung zur Erwerbstätigkeit: die Wienerin hält wenig davon, zwischen Arbeit und Freizeit strikt zu trennen, denn auch Arbeitszeit sei schließlich Lebenszeit, und berufliche Bekannte können gleichzeitig auch FreundInnen sein, so ihr Zugang.

„Ich bin da, um zu arbeiten. Das ist durchaus ein Sinn des Lebens und eine Möglichkeit, etwas Vernünftiges zu tun.“ Maria Anna Hilscher

Seit 1993 ist Maria Anna Hilscher Lektorin der AUVA . Zwei Jahre nach der Einstellung wurde bei der damals 30-Jährigen Multiple Sklerose (MS) festgestellt – eine neurologische Erkrankung, die meist in Schüben verläuft und unterschiedliche Körperbereiche beeinträchtigen kann. Innerhalb weniger Monate nach der Diagnose traten bei der Lektorin drei solche Schübe auf – der dritte betraf die Augen.

„Das Wichtigste ist, wie man sich geistig ausrichtet. Was ist meine Gesundheit? Gehört das zu mir?“

Ohne einwandfreie Sehkraft hätte Maria Anna Hilscher ihren beruflichen Aufgaben nicht länger nachkommen können. Eine Beeinträchtigung ihrer Augen wollte sie jedoch nicht hinnehmen: „Ich habe mir gesagt, das kann ich nicht brauchen, das geht nicht“, erzählt sie. „Ich bin ein optischer Mensch, und es ist mein Job, dass ich sehe.“ Sie ließ sich behandeln, die Sehkraft kehrte zurück – und verschwand nie wieder.

Maria Anna Hilscher ist überzeugt davon, dass die innere Einstellung viel zum Verlauf der Krankheit beiträgt. „Mein Ziel kann nicht sein, zu sagen, jetzt habe ich Krücken, nächstes Jahr fahre ich im Rollstuhl und fünf Jahre darauf liege ich im Bett und bin ein Pflegefall. Das ist für mich keine Perspektive, darauf richte ich mich nicht aus“, schildert sie ihren Umgang mit der Erkrankung. Ihr Ziel sei vielmehr, unter den momentanen Bedingungen so normal wie möglich zu leben, sagt sie.

„Es ist ein seltsamer Arbeitsbegriff, wenn man denkt, ich leide an der Arbeit. Ich leide nicht an meiner MS, und ich leide sicher nicht an meiner Arbeit.“ Maria Anna Hilscher

Weitgehende Selbständigkeit ist dabei von grundlegender Bedeutung: Was sie selber machen kann, macht sie selbst, und wo sie Hilfe braucht, organisiert sie sich die erforderliche Unterstützung. Im Arbeitsalltag wirken sich Maria Anna Hilschers aktuelle körperliche Behinderungen kaum aus: Sie tippe nicht besonders schnell, aber es komme bei ihrem Job schließlich auch nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf Genauigkeit an, hält sie fest. Dienstreisen unternimmt sie „wie alle anderen auch“ und organisiert sich die Anfahrt meist mit der Bahn.

Manchmal fragt ihr Vorgesetzter nach, ob sie sich die Reise auch wirklich zutraut. Dazu hat Maria Anna Hilscher eine deutliche Haltung: „Wenn ich sage, ich mache das, dann mache ich das. Und wenn’s nicht geht, dann sag ich’s auch“, stellt sie klar. Die einzige Unterstützung, die sie beruflich für sich in Anspruch nimmt, sind Taxifahrten, die der Dienstgeber bezahlt. Doch auch von dieser Erleichterung macht sie nur für gewisse Strecken und bei ungünstigen Wetterbedingungen Gebrauch.

„Die Normalität kommt sicher nicht nur von der beruflichen Arbeit. Aber die Arbeit ist ein wichtiger Teil.“

Nicht zuletzt die Erwerbstätigkeit trägt für Maria Anna Hilscher zu Normalität bei: Die Arbeit gibt Struktur, sorgt für Sicherheit und ist eine Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun, meint sie. „Eine Insel, wo ich mein Leben leben kann“, formuliert sie. Dabei kommt ihr auch zugute, dass sie in ihrer jetzigen Tätigkeit vielfach selbst gewählte Schwerpunkte nach ihren eigenen Interessen setzen kann.

Ihr typischer Arbeitstag beginnt mit einer morgendlichen Tasse Kaffee und dem Einschalten des Computers. Als eine der wenigen in ihrer Abteilung verbringt Maria Anna Hilscher die meiste Zeit in ihrem Büro, wo sie liest, schreibt und Kontakte pflegt. Hin und wieder kommen KollegInnen und fragen sie nach ihrer Meinung oder brauchen Hilfe bei sprachlichen Formulierungen. In unregelmäßigen Abständen finden auch Besprechungen in der Abteilung statt. Gelegentlich führt sie englischsprachige Gäste durchs Haus, manchmal fährt sie auf Dienstreise oder nimmt an einer Fortbildung teil.

„Ich war in meinem Leben einen einzigen Tag arbeitslos.“

Bei der Wahl ihrer Ausbildung folgte sie als Jugendliche vor allem einem Kriterium: Sie studierte jene Fächer, die sie schlichtweg am meisten interessierten – Germanistik und Sprachwissenschaft. Obwohl andere sie vor den angeblich schlechten Berufsaussichten warnten, blieb sie bei ihrer Entscheidung. Allen Unkenrufen zum Trotz war sie nach ihrem Abschluss beinahe durchgehend beschäftigt: „Ich war in meinem Leben einen einzigen Tag arbeitslos“, berichtet Maria Anna Hilscher, „und auch das nur, weil der Urlaubsanspruch bis zum Beginn der neuen Tätigkeit um genau einen Tag nicht gereicht hat.“

„Ich bin hingegangen und habe gesagt, ich möchte einen Job. Und ich bin bereit, das, was dafür notwendig ist, zu tun. Bis dahin geht’sie und nicht weiter. Ich habe auch Grenzen gesetzt. Ich bin nicht bereit, mich total zu verbiegen.“ Maria Anna Hilscher

Während des Studiums unterrichtete sie mehrere Jahre Deutsch als Fremdsprache für Erwachsene. Als sie das Gefühl hatte, dabei selbst nichts mehr zu lernen, beschloss sie, sich nach einem neuen Beruf umzusehen. Sie entschied sich, einen Job bei einem Verlag zu suchen – angesichts der kargen österreichischen Verlagslandschaft keine einfache Aufgabe. Nichtsdestotrotz ergaben sich einige Vorstellungsgespräche. Als sie im Zuge einer Bewerbung auf ihre Parteizugehörigkeit und ihre politische Einstellung hin abgeklopft wurde, zog Maria Anna Hilscher selbst eine Grenze: „Meine Gesinnung ist nicht zu kaufen“, stellt sie klar.

Schließlich fand sie eine Stelle als Lektorin bei einem Schulbuchverlag. Dort konnte sie nicht nur ihre während des Studiums und eines Auslandssemesters in den USA gesammelten Kompetenzen nutzen, sondern auch darüber hinaus ihre Interessen einbringen. Als es jedoch nach eineinhalb Jahren in diesem Job keine weiteren spannenden Aussichten mehr für sie gab, kündigte sie und begab sich erneut auf Arbeitsuche. Das AMS machte sie damals auf die LektorInnenstelle bei der AUVA aufmerksam. „Da habe ich gesagt: ‚Ich glaube, ich kann das’“, erzählt die Germanistin. Mit dieser Haltung ging sie daraufhin auch zum Vorstellungsgespräch und bekam die Stelle.

„Man muss einfach wissen, was man will.“ In

Ihr Aufenthalt in den USA sei bei ihrer Bewerbung sicher von Vorteil gewesen, doch für entscheidend bei der Arbeitsuche hält sie etwas anderes: „Die Leute sehen sich da immer vor solchen Hürden, was man angeblich nicht alles brauchen würde – Beziehungen, Parteibuch, Sonderqualifikationen. Aber das ist nicht wahr. Man muss einfach wissen, was man will“, bringt Maria Anna Hilscher ihre Erfahrung auf den Punkt.

Als sie die Stelle vor 14 Jahren antrat, war sie gesund. Die Dienstprüfung, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit ablegen musste, absolvierte sie, kurz bevor sie erkrankte. Als die Multiple Sklerose bei ihr festgestellt wurde, sagte sie zu ihrem Chef: „Das ist die Diagnose. Eine Prognose kann einem niemand erstellen, auch ich weiß nicht, was kommt.“ Der Vorgesetzte habe nie gefragt, wie es mit ihrer Gesundheit weitergehe, berichtet sie.

Insgesamt arbeiten bei der AUVA rund zwanzig so genannte begünstigt behinderte Angestellte mit Behindertenausweis. Dazu gibt es eine gewählte Behindertenvertrauensperson mit zwei Stellvertretern. Der Behindertenausweis bringt mit sich, dass ArbeitnehmerInnen weniger leicht gekündigt werden können. Als Maria Anna Hilscher den Ausweis bekam, war sie allerdings ohnehin bereits zehn Jahre bei der AUVA tätig und hatte dadurch bereits einen erweiterten Kündigungsschutz erworben. Davon abgesehen ist sie überzeugt davon, dass bei der AUVA niemand wegen einer Behinderung entlassen würde.

Kurzfristig reduzierte sie ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden. Bald darauf merkte sie jedoch, dass ihr das zu wenig war. Denn oft zogen sich Sitzungen weit in den Nachmittag, wenn Maria Anna Hilscher das Haus bereits verlassen hatte. Sie wollte von den KollegInnen nicht nur am Rande wahrgenommen werden oder wichtige Besprechungen verpassen. Also ersuchte sie um Erhöhung der Arbeitszeit und Rückkehr zur Gleitzeit. Heute ist sie 36 Stunden in der Woche beschäftigt, kann sich ihre Zeit einteilen und ist zufrieden mit der Situation.

Auch wenn sie gerne arbeitet, läuft natürlich nicht ständig alles reibungslos ab. „Man liebt nicht immer alle und es geht auch nicht immer alles so glatt, wie man es gern möchte, aber das ist ja kein Grund, dass man deswegen aufgibt“, betont die Angestellte. Probleme im Job lässt Maria Anna Hilscher nicht anstehen – sie spricht sie an. So wie damals, als eine Kollegin ihr vorwarf, unter Rückgriff auf die Behinderung Vorteile für sich herausschlagen zu wollen. Oder als behauptet wurde, andere würden nicht gern mit ihr zusammenarbeiten, weil sie manche Tätigkeiten langsamer verrichte. In beiden Fällen versuchte Maria Anna Hilscher, die Konflikte durch direkte Gespräche mit den Beteiligten zu lösen.

„Man muss sich seine Ventile suchen, um mit Frustrationen im Berufsleben intelligent umzugehen“, sagt sie. Wenn die gleichen Probleme aber immer wieder auftreten und nicht mehr zu bewältigen sind, hält sie den Schritt zur Psychotherapie für ratsam, denn Schwierigkeiten, die vermeintlich bei anderen Personen liegen, könnten manchmal auf ein Problem hinweisen, das man in Wirklichkeit mit sich selbst habe. Und solche Themen könne man letztlich auch nur bei sich selbst – wenngleich mit professioneller Hilfe – lösen, meint Maria Anna Hilscher, die selbst gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht hat.

„Mitleid will ich nicht.“

Im Laufe ihres Lebens ist sie auf einige Menschen getroffen, deren Umgang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sie beeindruckt und vielleicht auch beeinflusst haben. Etwa eine Fachkollegin, die ebenfalls an Multipler Sklerose erkrankt war und ohne Abstriche als Verlagslektorin weiterarbeitete. Oder ein Psychotherapeut mit Multipler Sklerose, der trotz starker körperlicher Einschränkungen weiterhin aktiv blieb und mit seiner Arbeit zudem anderen Menschen Hilfe leistet.

In manchen Bereichen wäre ihr Leben ohne die Behinderung sicherlich anders, meint Maria Anna Hilscher. So sei sie etwa früher sehr sportlich gewesen und habe nach wie vor ein großes Bedürfnis nach Bewegung. Also läuft sie zwar nicht mehr Marathon, geht aber regelmäßig schwimmen. Trotzdem stört sie die Bewegungseinschränkung – aber da diese nun einmal da ist, lebt sie auf ihre Art damit. „Man kann sich bemitleiden und allen auf die Nerven gehen. Oder man kann es sozusagen sportlich nehmen“, hält sie fest.

Sie sieht die Behinderung auch als eine Aufgabe, als etwas, wovon sie lernen kann. Vieles davon unterscheidet sich nicht von jenen Herausforderungen, die ohnehin auf die meisten Menschen zukommen – spätestens im Alter. Größere Müdigkeit etwa oder die Verlangsamung gewisser Tätigkeiten. Dadurch, dass sie vergleichsweise früh mit diesen Veränderungen konfrontiert wurde, konnte sie jedoch so manches für ihr weiteres Leben lernen, meint sie.

Persönliche Assistenz nimmt Maria Anna Hilscher nicht in Anspruch. Sie wüsste nicht, wozu sie eine solche brauchen würde, sagt sie. Ist sie mit ihrem Mann unterwegs, „assistiert“ gewissermaßen er ihr. Wenn sie darüber hinaus im Alltag Unterstützung braucht, organisiert sie sich die nötige Hilfe.

Etwa, indem sie Stammkundin bei einem bestimmten Kleidergeschäft ist, in dem die Angestellten ihr beim Anprobieren zur Hand gehen. Oder, indem sie im Kino um Benutzung des Treppenlifts ersucht und schon mal dem verdutzten Personal erklärt, dass sich der Treppenlift auch ohne Rollstuhl verwenden lässt. Auch bei den Öffentlichen Verkehrsmitteln[50] hat Maria Anna Hilscher so lange auf bestehende Missstände hingewiesen, bis Verbesserungen vorgenommen wurden: Das Ein- und Aussteigen bei Niederflurbussen, die früher nicht entsprechend eingesetzt wurden, sei nunmehr nur noch selten ein Problem.

„Man kann nicht auf Probe leben.“

Von ihrer Zukunft macht sie sich keine konkreten Vorstellungen. Denn sie versucht nicht, im Voraus zu planen, sondern vielmehr, im Hier und Heute zu leben. „Der Moment ist jetzt, ändern kann ich Dinge nur jetzt“, meint die 42-Jährige. „Der Moment, der war, den kann ich nicht mehr ändern, der ist schon vorbei. Und den Moment, der kommt, kann ich nicht einmal auf Schiene setzen, denn ich weiß ja nicht, ob der Zug dann fährt.“

Eine buddhistische Meisterin, die sie kannte, sagte einmal: „Wenn du zweifelst im Leben, dann wirst du ein zweifelhaftes Leben führen.“ Diesem Grundsatz hat sich auch Maria Anna Hilscher verschrieben: „Man kann nicht ein bisserl leben“, betont sie. „Man kann nicht auf Probe leben: das ist meine Arbeitszeit, und es ist meine Lebenszeit. Ich bin da. Immer. Ganz.“ Sie möchte so selbständig leben wie möglich, und vor allem will sie so leben, dass es ihr Spaß macht. „Ich glaube, mehr kann man sich nicht wünschen“, sagt sie.[51]



[50] Sowohl die Österreichischen Bundesbahnen als auch die Wiener Linien bieten für Menschen mit Behinderung spezielle Angebote an. Nähere Informationen erhalten Sie unter www.oebb.at und www.wl-barrierefrei.at oder unter Tel.: (+431)7909100

[51] Maria Anna Hilscher empfiehlt folgende Organisationen und Serviceeinrichtungen weiter: REiNTEGRA, ein Non-Profit-Unternehmen mit einem breit gefächerten Angebot an Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nähere Informationen finden Sie unter www.reintegra.at. Verein Frauen beraten Frauen, eine Anlaufstelle für Frauen mit Problemen aus allen Themenbereichen des weiblichen Lebenszusammenhangs mit zwei Beratungsstellen in Wien. Nähere Informationen bekommen Sie unter www.frauenberatenfrauen.at oder unter Tel.: (+431) 5876750. Verein BIZEPS, der in Wien Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige betreibt: BIZEPS - Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, Schönngasse 15-17/4, 1020 Wien, Tel.: (+431)5238921, www.bizeps.or.at

Martha Verboschek, Graz

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zu "Lesen"

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaff!“

Zwei Portraitfotos von Martha Verboschek

Jeder Mensch kann eine Arbeit leisten, die ihm Spaß macht. Das gilt auch für Menschen mit Behinderung. Davon ist Martha Verboschek überzeugt. Sie hat nach zwanzig Jahren als Hausfrau und Mutter den Wiedereinstieg ins Berufsleben geschafft. Seit zwei Jahren arbeitet die 48-Jährige als Telefonistin im Landeskrankenhaus in Graz und kommt mit ihrer Sehbehinderung sehr gut zurecht. Hilfreich waren für sie vor allem Förderungen öffentlicher Institutionen. „Ich glaub, ich hab die richtige Arbeit für mich gefunden!“

Der Beruf als Telefonistin im Landeskrankenhaus in Graz macht Martha Verboschek großen Spaß, weil sie dabei viel mit Menschen zu tun hat. Sie gibt den AnruferInnen Auskunft über den Aufenthalt ihrer Angehörigen, leitet sie an die zuständigen Abteilungen weiter und vermittelt Gespräche nach außen. Wenn diese mit dem Ausland geführt werden, wendet sie ihre Englisch- oder Französischkenntnisse an. Dass Martha Verboschek blind ist, wissen die meisten AnruferInnen nicht. Sie ist immer freundlich, wofür die AnruferInnen dankbar sind. Sie sind oft verzagt, weil ihre Angehörigen krank sind, und freuen sich daher über eine freundliche Stimme. Manchmal bringt sie schlecht gelaunte AnruferInnen sogar zum Lachen. Ihre Vorgesetzten und KollegInnen sind mit ihr zufrieden und sagen ihr das auch.

Mit sechzehn Jahren konnte Martha Verboschek noch teilweise sehen. Dem typischen Verlauf des Grünen Stars entsprechend verschlechterte sich ihre Beeinträchtigung aber kontinuierlich. Seit einer erfolglosen Operation vor einigen Jahren ist sie völlig blind.Als Telefonistin zu arbeiten, ermöglicht ihr vor allem die entsprechende Ausstattung ihres Arbeitsplatzes. Eine Hilfsmittelfirma richtet Telefonvermittlungsarbeitsplätze für sehbehinderte Menschen in ganz Österreich ein. So kann Martha Verboschek über das Patientenverwaltungsprogramm die Station und das Zimmer eines Patienten oder einer Patientin abrufen. Ein spezielles Computerprogramm liest ihr den Text am Bildschirm über einen Hörer vor. Mit den AnruferInnen kommuniziert sie über ein Headset. Zusätzlich ertastet sie mit Hilfe einer Zeile in Brailleschrift, was am Bildschirm zu lesen ist. Das ist vor allem bei der Schreibweise von Namen wichtig. „Ich bin wirklich optimal ausgestattet“, meint Martha Verboschek.Sie meint, sie habe den richtigen Beruf für sich gefunden, und das rein zufällig…

Als Jugendliche wollte sie gerne Rechtsanwältin werden. Für etwas kämpfen, sich durchboxen, diplomatisch sein – das hätte ihr gefallen. Die Matura oder gar ein Studium zu absolvieren, war für blinde Menschen damals aber fast unmöglich. Menschen mit Sehbehinderung hatten nur drei Berufswege zur Auswahl: TelefonistIn, StenotypistIn und HeilmasseurIn.

Martha Verboschek wählte letzteres. Nach Abschluss des Odilien-Institutes[52] in Graz absolvierte sie in einer Privatschule die einjährige Ausbildung zur Heilmasseurin, die damals nur in Wien möglich war. Etwa ein halbes Jahr danach fand sie über die Sozialversicherungsanstalt eine Anstellung. Sie arbeitete gerne und war berufstätig, bis ihr erstes Kind auf die Welt kam. Dann blieb sie zwanzig Jahre lang als Hausfrau und Mutter zu Hause. Ab und zu bewarb sie sich um einen Job, hatte aber keinen Erfolg. Sie meint jedoch, dass sie sich nicht so intensiv darum bemüht habe. Sie war mit ihrer Situation nicht zufrieden, dachte aber nicht, dass sie den Wiedereinstieg in ihrem Alter je schaffen würde.Ihre zwei Kinder, beide ohne Behinderung, sind inzwischen erwachsen und leben nicht mehr zu Hause bei ihr und ihrem Mann.Als ihr die misslungene Operation die Fähigkeit nahm, ohne Stock zu gehen, wusste sie, dass sie etwas tun musste, aktiv werden musste. „Jetzt muss ich etwas tun, damit ich für mich zufrieden bin. Diese Notsituation, glaub ich, hat mich weiter getrieben.“ Sie hörte von anderen Menschen mit Sehbehinderung, dass es spezielle Computerkurse für Blinde gebe. Eine Freundin aus der Schulzeit, mit der sie immer über ihre Schwierigkeiten reden konnte, machte ihr Mut. Sie solle es probieren. Sie habe ja nichts zu verlieren!

Um eine Förderung für den Kurs beantragen zu können, meldete Martha Verboschek sich arbeitsuchend.[53] Ihre Teilnahme wurde bewilligt. Der Kurs dauerte rund sechs Wochen von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags. Für Martha Verboschek war diese Zeit sehr hart, da sie einen anderen Tagesablauf gewohnt war, nach dem Kurs lernen musste und sich so lange nach ihrer Ausbildung schwer tat, sich den Stoff zu merken. Sie hatte keinerlei Erfahrung mit Computern, da sie in der Schule nur Schreibmaschinen schreiben gelernt hatte. Sie setzte sich kleine Schritte. Die ersten Erfolge bauten sie auf. Es sei wichtig gewesen, eine Prüfung nach der anderen zu machen und sich nicht schon das Endziel zu setzen. Am Kurs teilzunehmen, half ihr in einer Zeit, in der sie unter der Verschlechterung ihrer Behinderung kämpfte. „Es hat mir Mut gemacht, dass es etwas gibt, dass man etwas machen kann.“

Auch wenn sie nicht alle Prüfungen auf Anhieb schaffte, war sie schließlich erfolgreich und erhielt den Europäischen Computerführerschein. Ursprünglich hatte sie den Umgang mit dem Computer vor allem für den Hausgebrauch erlernen wollen, um selbständiger zu werden, denn inzwischen konnte sie ihre eigene Post nicht mehr lesen. Mit Hilfe eines Computerprogramms konnte sie diese einscannen und sich vorlesen lassen.

Dann erfuhr sie von einem Kurs für Sehbehinderte in einem Callcenter. Das Projekt war vom Bundesförderungsinstitut initiiert worden und wurde vom Bundessozialamt und vom Arbeitsmarktservice finanziell unterstützt. Martha Verboschek bewarb sich, wurde genommen und absolvierte den fünfmonatigen Kurs.[54]Anschließend an den Kurs startete ein Projekt, ein Callcenter für Sehbehinderte und Blinde auf Transitarbeitsplätzen. Martha Verboschek wurde aufgenommen und arbeitete zwei Jahre lang im Projekt. Sie bewarb sich jedoch bereits wenige Monate nach dessen Beginn beim Landeskrankenhaus in Graz.Dort traf sie auf eine sehr engagierte Behindertenbeauftragte, die sich sehr um eine Stelle für sie bemühte. Martha Verboschek hatte über eine Bekannte, die ebenfalls im Krankenhaus beschäftigt war, von dieser Frau erfahren und sie dann kontaktiert. Als die Stelle als Telefonistin das erste Mal frei wurde, konnte sie diese nicht wahrnehmen, weil sie die Bearbeitung der Post beinhaltete, etwas, das für Martha Verboschek unmöglich war. Ein Jahr später wurde die Stelle jedoch wieder frei. Die Behindertenbeauftragte erreichte, dass sie in die beiden Aufgabenbereiche Telefon und Post geteilt wurde. So bekam Martha Verboschek die Chance, während eines Praktikums zu beweisen, dass sie diese Tätigkeit ausführen konnte. Sie überzeugte ihre Vorgesetzten und erhielt die Stelle mit einem Beschäftigungsausmaß von 75 Prozent. Im Anschluss an ihre Arbeitszeit ist eine Kollegin mit dem gleichen Beschäftigungsausmaß neben dem Telefon auch für die Post zuständig.

Es wurden eigene Computerprogramme installiert, die Martha Verboschek die Arbeit am Computer ermöglichen.[55] Durch das Integrationsförderungsprogramm des Bundessozialamtes erhält das Landeskrankenhaus drei Jahre lang finanzielle Unterstützung für die Einstellung von Martha Verboschek, denn die Einrichtung und die regelmäßigen Anpassungen der Programme sind sehr kostenaufwändig. Auch vom Land Steiermark gibt es zusätzliche Förderungen.[56]

Drei
Fotos von Martha Verboschek an ihrem Arbeitsplatz.

Die erste Zeit im neuen Job war sehr hart – auch weil Martha Verboschek wegen des Krankenstandes ihrer Vorgängerin keine entsprechende Einschulung erhielt. Sie fand es besonders schwierig, mit den vielen verschiedenen und sehr komplizierten Verwaltungsprogrammen zurechtzukommen. Eine große Herausforderung für sie als Blinde war es, an alle nötigen Informationen zu kommen. Vieles war nicht digitalisiert und sie musste vieles erfragen, ohne allzu lästig zu werden. „Ich habe mich durchgekämpft!“ Sie schrieb Telefonnummern, Namen und Zugehörigkeiten mit und lernte sie in ihrer Freizeit auswendig. Sie war die erste Sehbehinderte, die je im Landeskrankenhaus beschäftigt war. Viele KollegInnen waren Martha Verboscheks Einstellung gegenüber skeptisch und wussten nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten. Sie waren verunsichert und viel zu hilfsbereit, weil sie ihr nichts zutrauten.

Doch das kannte sie bereits und ließ den Leuten Zeit. Inzwischen fühlt sie sich an ihrem Arbeitsplatz sehr wohl. Sie legt großen Wert darauf, sich ab und zu mit den KollegInnen zu unterhalten, wenn es die Arbeit zulässt, denn als Blinde bekomme sie vieles nicht mit und bleibe fast den ganzen Tag an ihrem Platz. Daher pflegt sie bewusst die Kontakte mit den KollegInnen, auch wenn diese nicht so intensiv sind wie unter manchen ihrer MitarbeiterInnen.Dass sie ein Beschäftigungsausmaß von nur 75 Prozent hat, gefällt Martha Verboschek, da sie so mehr Freizeit hat. Sie verlässt um sechs Uhr morgens das Haus, fährt eineinhalb Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Landeskrankenhaus und beginnt um halb acht Uhr mit der Arbeit. Um halb zwei Uhr ist ihr Arbeitstag zu Ende. Ihre Freizeit nutzt sie vor allem, um sich sportlich zu betätigen. Das ist ihr wichtig und tut ihr gut, da sie in ihrer Bewegungsfreiheit im Alltag eingeschränkt ist. Auch ist es eine Möglichkeit, die Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Sie geht laufen, schwimmen, fährt im Tandem Rad und geht im Winter gerne Langlaufen. Sie spielt außerdem einmal pro Woche Torball, ein Mannschaftssport, der speziell von blinden Menschen ausgeübt wird und in dem auch Meisterschaften abgehalten werden.

Martha Verboschek ist zufrieden und kommt mit ihrer Behinderung gut zurecht. „Heute bin ich echt stolz auf mich, dass ich es geschafft hab. Dass ich einfach den Mut aufgebracht hab, dass ich etwas angehe!“

Anderen Menschen mit Behinderung rät sie, nichts unversucht zu lassen und die Initiative zu ergreifen. Sie dürften sich nicht als Menschen abstempeln, für die es keine Möglichkeiten gebe. „Nur nicht aufgeben. Es ist sicher nicht einfach, aber wie man sieht, geht es auch!“Martha Verboschek hat die Erfahrung gemacht, dass zahlreiche Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Man müsse sich nur trauen, zu den zuständigen Ämtern zu gehen und nachzufragen. Sie selbst ist stets auf hilfsbereite Personen gestoßen, die sie an die richtigen Stellen weiter verwiesen haben. Man müsse zu sich und seinen Bedürfnissen stehen und diese kommunizieren.[57]

Keiner erwarte, dass man gleich alles wisse und könne. Das Bundesförderungsinstitut, das Bundessozialamt, die Arbeitsassistenz und Behindertenbeauftragte können einem Menschen mit Behinderung hier behilflich sein. Als Blinde habe es Martha Verboschek viel schwerer gehabt als sehende Menschen, doch sie habe nicht aufgegeben und jede Hilfe angenommen. Heute ist sie in ihrer Arbeit sehr glücklich. Denn: „Egal mit welcher Behinderung, jeder kann irgendeine Arbeit leisten, die ihm Spaß macht.“ Besonders für Menschen mit Behinderung sei es wichtig, einen Aufgabenbereich zu haben, sich integriert und nützlich zu fühlen. „Man kriegt das Gefühl, dass deine Arbeit etwas wert ist, dass du selbst etwas wert bist. Das braucht man schon.“

Martha Verboschek hofft, nach ihrem dritten Arbeitsjahr als Telefonistin im Landeskrankenhaus in Graz übernommen zu werden. Denn dann endet mit der Integrationsförderung des Bundessozialamtes auch ihr vorläufiger Vertrag. Doch sie kann sich vorstellen, eines Tages auch in einem anderen Beruf tätig zu sein, in dem sie mehr unterwegs ist – vielleicht als Betreuerin im Blindenwesen.

Denn heute kann sie als Sehbehinderte mit Hilfe technischer Mittel fast jeden Beruf ausüben. Als sie jung war, war das einzige Hilfsmittel eine Lupe.Martha Verboschek ist zwar keine Rechtsanwältin geworden, doch ihre Durchsetzungskraft und ihre diplomatischen Fähigkeiten hat sie erfolgreich eingesetzt!



[52] Odilien-Institut für Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit, Leonhardstraße 130, 8010 Graz, Tel.: (+43316)322667-0, www.odilien.at

[53] Informationen für Wiedereinsteigerinnen finden Sie auf der Seite www.ams.at. In den regionalen Geschäftsstellen des AMS erhalten Sie kostenlos spezielle Broschüren. Hier finden Sie z. B: Perspektive Beruf. Ein Arbeits- und Serviceheft für arbeitslose Frauen zur Planung des Wiedereinstiegs nach der Karenz. Zurück in den Beruf. Informationen für Wiedereinsteigerinnen. Die andere Laufbahn. Karriereverläufe von Frauen. Kinderbetreuungsbeihilfe. Information zur entsprechenden Beihilfe.

[54] Das Projekt ISIS (Information, Service, Integration und Schulung für blinde und sehbehinderte Menschen) ist eine vom Bundessozialamt unterstützte Plattform des bfi Steiermark. Eggenberger Allee 15, 8020 Graz, Tel.:+43(0)57270 / DW 2218, www.blind-isis.at

[55] Eine Datenbank für technische Hilfsmittel ist z.B. www.hilfsmittelinfo.gv.at. Dort werden Hilfsmittel für behinderte, ältere und pflegebedürftige Menschen dokumentiert und man kann sich über das Angebot des österreichischen Hilfsmittelmarktes einen Überblick verschaffen.

[56] Transitarbeitsplatz: Wenn man Schwierigkeiten hat, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, kann die Vermittlung in ein Beschäftigungsprojekt helfen. Die Idee dabei ist die Wiedereingliederung langzeitarbeitsloser Menschen. Auf einem mit einem Jahr befristeten Arbeitsplatz bekommen sie die Möglichkeit, unter fachlicher Anleitung ihre berufliche Eingliederung zu starten. Ein solcher Transitarbeitsplatz soll dazu dienen, die persönlichen Voraussetzungen zu verbessern und schließlich eine Stellung auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Mehr Infos zu Gemeinnützigen Beschäftigungsprojekten und Sozialökonomischen Betrieben erhalten Sie bei Ihrer AMS-Geschäftsstelle

[57] Bundessozialamt (BASB): Die Förderungen des BASB von Menschen mit Behinderungen sollen Ihnen den (Wieder-) Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Sie können auch einen bereits bestehenden Arbeitsplatz erhalten. Förderungen gibt es z.B. in den Bereichen: Ausbildungsbeihilfen, Schulungskosten, Technische Hilfsmittel oder Arbeitsplatzadaptierung, Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz. Weitere Informationen erhalten Sie unter der Nummer Tel.: 059988 (Ortstarif). Oder Im Internet: www.bundessozialamt.gv.at

Sabrina Nitz, Rankweil

Foto
von Sabrina Nitz

„Arbeit spielt eine ganz wichtige Rolle. Ich denke sie spielt bei Menschen mit Behinderung eine noch wichtigere Rolle, weil so der Selbstwert steigt und man unabhängiger ist.“

Portrait von Sabrina Nitz

Sabrina Nitz hat von Geburt an eine Gelenksversteifung. Von dieser Krankheit sind meistens entweder Hände oder Füße betroffen, Sabrina Nitz hat diese Beeinträchtigung jedoch an allen vier Gliedmaßen.Ihre angeborene Behinderung hält sie jedoch nicht davon ab, ein insgesamt sehr zufriedenes Leben zu führen. Sabrina Nitz wollte schon immer arbeiten. Diesen Traum hat sie sich als kaufmännische Angestellte im Bildungshaus bereits erfüllt. Und ihren Wunsch, alleine und selbständig zu wohnen will die 26-Jährige bis spätestens zu ihrem 30. Geburtstag in die Realität umsetzen. Sie ist überzeugt, dass sie dies schaffen wird, da die Arbeit ihr Selbstwertgefühl gestärkt hat und sie seither noch unabhängiger und zielstrebiger durchs Leben geht.

„Meine Behinderung war am Arbeitsplatz nie ein Thema.“

Vier
Fotos von Sabrina Nitz an ihrem Arbeitsplatz.

Sabrina Nitz ist 26 Jahre alt und arbeitet entgeltlich im Bildungshaus in Batschuns[58] und ehrenamtlich im Verein „Reiz – Selbstbestimmt Leben Vorarlberg“[59].

Seit sechseinhalb Jahren ist Sabrina Nitz in der privaten Weiterbildungsstätte als kaufmännische Angestellte tätig. Das Bildungshaus bietet diverse Kurse, hauptsächlich im Bereich der Erwachsenenbildung, an. Das Sortiment an Kursen erstreckt sich von Familie über Partner bis hin zur Pflege zuhause. Das Bildungshaus bietet jedoch auch für externe Firmen Räumlichkeiten an und stellt Betreuung für diese Seminare zur Verfügung.

Die Vorarlbergerin deckt in ihrem Job einen großen Aufgabenbereich ab, der sich von alltäglichen Sekretariatsarbeiten über die Unterstützung pädagogischer MitarbeiterInnen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit erstreckt.Sabrina Nitz beantwortet also Anfragen, schickt Info

rmationen aus und erledigt alle anderen wichtigen Büroarbeiten. Weiters hält sie Kontakt mit Medien und gibt Informationen an Zeitungen weiter. Während der Bürozeiten gestaltet sie außerdem die Programmhefte für das Bildungshaus, kreiert Flyer und erstellt Statistiken.Sabrina Nitz hält jedoch auch Kontakt zu den Teilnehmerinnen der Kurse und Informiert diese über die Veranstaltungen. Nebenbei bedient sie ebenfalls das Telefon.

„Mir macht an meiner Arbeit Spaß, dass die Aufgaben sehr abwechslungsreich sind.“

Aufgrund der Vielfältigkeit ihrer Aufgaben kennt Sabrina Nitz eigentlich keine tägliche Arbeitsroutine. Ihre Mutter, die offiziell als ihre Arbeitsassistentin im Ausmaß von ca. zehn Wochenstunden angemeldet ist, fährt sie jeden Tag zur Arbeit. Sabrina Nitz meint: „Ich fange am Morgen meistens zeitig an, da es mir lieber ist, früher zu gehen.“ Die ersten Tätigkeiten sind, dass sie mit ihrer Mutter etwas zu trinken holt und mit ihrer Hilfe die Zeitungen auf relevante Artikel durchsieht.Ihre Mutter als Assistentin und ihre Kolleginnen achten darauf, dass alles da ist, was Sabrina Nitz braucht. Am Computer erledigt sie dann alles selbst. Sie benötigt keine spezielle Arbeitsausrüstung. Die einzige Hilfe, die sie in der Arbeit in Anspruch nimmt, ist, dass sie sich die Unterlagen von ihren Kolleginnen direkt zum Tisch bringen lässt, weil sie sie z.B. nicht vom Regal herunterholen kann, zudem benötigt sie Hilfe beim Toilettengang und beim Mittagessen im Bildungshaus. Um halb fünf hat sie Dienstschluss, da holt sie ihre Mutter wieder vom Büro ab.

Die kaufmännische Angestellte teilt sich das Büro mit zwei Kolleginnen, auch im Sekretariat sitzen drei Damen. So glücklich sie mit ihrer Arbeit ist und so gut sie mit ihren Kolleginnen auskommt, so merkt sie mit einem Schmunzeln an, dass manchmal ein Mann als Ausgleich im Büro gar nicht schlecht wäre. Das einzige wirkliche Manko, welches Sabrina Nitz in ihrer Arbeit sieht, beschreibt sie folgendermaßen: „Das Einzige, was mir in der Arbeit manchmal ein bisschen fehlt, ist der direkte, öffentliche Kontakt zu anderen Leuten, da ich den Großteil der Arbeitszeit alleine mit meiner Kollegin im Büro verbringe.“Einen konkreten Traumberuf hatte sie nie, sie wusste aber immer, dass sie den Kontakt zu Menschen braucht. Auch eine Arbeit, bei der sie sich um Tiere kümmern kann, wäre für sie denkbar gewesen.

Sabrina Nitz hat sich als begünstigt Behinderte einstufen lassen. Ihr Chef bekommt somit Lohnzuschusszahlungen für ihre Anstellung. Sie freut sich über diese Tatsache, da sie meint, dass dies mit ein Grund dafür ist, dass sie diesen Job überhaupt bekommen hat und nun so selbständig arbeiten kann. Im Grunde genommen ist sie ihr eigener Chef, da sie ihre Aufgaben kennt und sich selbst einteilen kann, wann was wie erledigt werden muss. Daher ist es auch kein Problem, wenn sie mal früher gehen muss oder einen Tag freihaben will.

„Mein Ziel war es immer schon selbständig zu arbeiten.“

Die 26-Jährige hat zwar vom Kindergarten über die Hauptschule bis hin zur Handelsschule Integrationsklassen besucht, war jedoch immer die einzige Integrationsschülerin im Rollstuhl. Sie hat sich jedoch nie benachteiligt oder unfair behandelt gefühlt. „Obwohl ich die einzige Schülerin im Rollstuhl war, hatte ich immer liebe Klassenkollegen, die mich unterstützt und mir geholfen haben.“Während der Schulzeit hat Sabrina Nitz auch nie die Sonderbehandlung in Anspruch genommen, die ihr als Mensch mit Beeinträchtigung eigentlich zusteht. Das heißt, sie hat nie Zusatzzeiten für Schularbeiten beantragt oder von den LehrerInnen verlangt, dass sie weniger Aufgaben als die anderen machen muss.

Sabrina Nitz hat sich für die dreijährige Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten in der Handelsschule entschieden, da sie schon damals der Meinung war, dass sie damit trotz ihrer Beeinträchtigung die besten Chancen auf ein selbständiges Arbeiten hätte, und ihre Entscheidung hat sich mittlerweile als richtig erwiesen. Nach Schulabschluss hat sie sich bei diversen Firmen beworben, jedoch keine passende Stelle gefunden. Einmal wurde ihr eine Stelle als Telefonistin angeboten. Dazu sagt sie: „Ich hab es mir geleistet, diese Stelle abzulehnen. Wozu hätte ich sonst meine Ausbildung gemacht?“ Sie hat sich dann beim Bildungshaus beworben, ohne dass selbiges eine Stelle offiziell ausgeschrieben hatte. Sabrina Nitzs Qualifikationen und ein bisschen Glück haben ihr dann zu Beginn zu einer 50-prozentigen Anstellung verholfen. Mit der Zeit wurde sie auf 80 Prozent aufgestuft und hat sich dann aber aus gesundheitlichen Gründen vor einiger Zeit wieder auf 70 Prozent zurückstufen lassen. Mit diesem Pensum ist sie nun vollauf zufrieden.

„Ich fühle mich in keiner Weise in meiner Arbeit benachteiligt.“

Auch wenn Sabrina Nitz zu Beginn nur auf Probe im Bildungshaus angestellt war, so hatte sie nie das Gefühl, dass sie im Team nicht erwünscht wäre. Ihre Arbeitskolleginnen haben sie von Anfang an integriert und sind ihr hilfreich zur Seite gestanden. Die Berührungsängste, die oft mit Menschen mit Behinderung auftreten, sind bei ihren Kolleginnen nie zum Vorschein gekommen. Es gab nie eine Distanz zwischen ihnen. Der Kontakt zu ihren KollegInnen ist mittlerweile sogar so gut, dass sie zeitweise auch privat etwas trinken gehen. Sabrina Nitz selbst sagt zu ihrer Situation folgendes: „Am Anfang war ich in der Firma nur zur Probe angestellt, jetzt kann man sich mich gar nicht mehr wegdenken.“

Auch wenn sie ihre Stelle nicht offiziell vermittelt bekommen hat, so ist Sabrina Nitz doch froh über die Hilfe, die ihr das AMS[60] und das IFS – Institut für Sozialdienste[61] geboten haben. Sie empfiehlt Menschen mit Behinderung sich bei der Arbeitsuche an diese zwei Stellen zu wenden, da die BeraterInnen dort auch zu den Vorstellungsgesprächen mitgehen und die potentiellen Dienstgeber über ihre Rechte, Vorteile und Pflichten aufklären würden. So stellen sie eine große Unterstützung und Erleichterung für Menschen mit Behinderung dar.

Sabrina Nitz hat außerhalb dieser Organisationen keine institutionelle Hilfe in Anspruch genommen. Sie hat außer der Arbeitsassistenz in Form des Fahrtendienstes durch ihre Mutter noch zwei weitere AssistentInnen für den persönlichen Bereich.

Beruflich und privat erhält Sabrina Nitz insgesamt ca. 20 bis 24 Stunden Assistenz in der Woche. Sie ist mit der Arbeit und Anzahl ihrer AssistentInnen im Moment eigentlich zufrieden, versucht jedoch schrittweise die Zeiten auszubauen und mehr Hilfe zu bekommen. Der Grund hierfür ist: „Ich möchte früher oder später von zuhause ausziehen und da brauche ich dann mehr persönliche Assistenz, um wirklich selbständig zu sein.“ Sie möchte weder von ihrer Mutter, noch von ihrem Freund abhängig sein. Sie will eigenständig sein und als selbständige Dienstgeberin ihrer Assistentinnen in der eigenen Wohnung fungieren. In ihren Worten: „Ich möchte mit 30 ausziehen und eigenständig in meiner eigenen Wohnung leben, so dass sich weder meine Mutter, noch mein Partner um mich kümmern muss.“

„Wichtig ist, dass man auf seine Gesundheit schaut, damit sich die Beeinträchtigung nicht verschlechtert.“

Um dieses Ziel erreichen zu können ist es für Sabrina Nitz auch ganz wichtig, auf ihre Gesundheit zu achten. „Ich habe zuhause einen kleinen Hometrainer, damit ich mich fit halten kann.“ Außerdem geht sie einmal pro Woche zur Physiotherapie.Bis vor kurzem ist sie als Ausgleich zur Arbeit und für das körperliche Wohlbefinden auch noch Reiten gegangen. Aufgrund eines Reitunfalls im Frühling hat sie dieses Hobby nun jedoch für einige Zeit auf Eis gelegt.In ihrer Freizeit geht Sabrina Nitz gerne fort oder ins Kino. Sie hält sich gern im Freien auf und führt ihren Begleithund aus. Dieser ist ihr im Alltag oft eine große Hilfe, da er ihr zum Beispiel Sachen aufhebt, die ihr runterfallen.

Sabrina Nitz ist außerdem Obfrau des Vereins „Reiz – Selbstbestimmt Leben Vorarlberg“. Dieser Verein engagiert sich vor allem im Bereich des selbstbestimmten Lebens von Menschen mit Behinderung. Ihre ehrenamtlichen Aufgaben in diesem Verein sind die Konzeptentwicklung und -bearbeitung, sowie Peer-Counseling und Öffentlichkeitsarbeit.Berufliche Wünsche für die Zukunft hat die Vorarlbergerin bezüglich des Vereins auch, da sie die Arbeit dort irgendwann offiziell übernehmen und dafür auch dementsprechend honoriert werden will.

„Die Arbeit verändert das Leben schon sehr, weil man nicht einfach in den Tag hinein lebt, sondern Pläne und Ziele hat.“

Doch diese Ziele muss man sich auch schon setzen, bevor man eine Arbeit findet. Die Tipps, die Sabrina Nitz an Frauen mit Behinderung auf Arbeitsuche weitergeben möchte, sind, dass man beruflich wie privat in Bewegung bleiben soll, dass man einfach rausgehen muss. Und: „Man kann genauso mit einer Behinderung vieles machen. Keine Ruhe geben, man kann genauso mit dem Rollstuhl viel machen. Wenn man eine Absage bekommt, darf man sich auf keinen Fall gleich unterkriegen lassen. Einfach kämpfen.“ Sie meint außerdem, dass ihr die Arbeit viele Ängste genommen hat. Sie geht nun gestärkter durchs Leben, weil sie durch die Arbeit einen geregelten Ablauf darin hat.

Sabrina Nitz sieht in ihrer Beeinträchtigung auch noch andere Vorteile. Sie meint, dass sie dadurch noch offener und sensibler geworden ist. Weiters sagt sie: „Ich glaube, dass ich mich durch meine Beeinträchtigung noch besser in Menschen einfühlen und mit Menschen mitfühlen kann.“[62]

Quelle

queraum. kultur- und sozialforschung: 15 Frauen mit Behinderung, 15 Wege zur Arbeit; Medieninhaber Arbeitsmarktservice Österreich, 2. Auflage 2016. http://www.ams.at/_docs/001_Frauenundbehinderung.pdf

bidok - Volltextbibliothek: Erst-/Wieder-/Neuveröffentlichung im Internet

Stand: 8.11.2017



[58] Bildungshaus Batschuns, www.bildungshaus-batschuns.at

[59] Reiz – Selbstbestimmt Leben Vorarlberg, www.reiz.at

[60] Allgemeine Angebote des Arbeitsmarktservices für Frauen finden Sie auf der Internetseite www.ams.at unter dem Link ‚Service für Arbeitsuchende‘ und ‚Angebote für Frauen’. Hier werden Sie informiert über die Karenz, Kinderbetreuung, Wiedereinstieg, Förderungen und dergleichen mehr.

[61] IFS-Assistenz begleitet und unterstützt Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige in allen Lebensbereichen. Beratungsstellen gibt es in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch, Bludenz, Egg und Hohenemms. Die Kontaktdaten der einzelnen Beratungsstellen finden Sie unter www.ifs.at/assistenz.html

[62] Sabrina Nitz verweist auf den Verein „RollOn“, eine Initiative zur Förderung behinderter Menschen. Nähere Informationen zu den Zielen und Aktivitäten des Vereins finden Sie unter www.rollon.at

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