"Vojta-Therapie mit anschließendem Pikler-Aspekt"?

- Eine Erwiderung.

AutorIn: Monika Aly
Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Krankengymnastik Nr.4, 1996
Copyright: © Monika Aly 1996

"Vojta-Therapie mit anschließendem Pikler-Aspekt"?

Summary: Es gibt für neurologisch geschädigter Kinder keine einheitliche Therapiemethode. Vielmehr geht es um die individuelle Planung unterstützender therapeutischer und kompensatorischer Hilfen zur Erreichung des jeweils nächsten Entwicklungsschrittes. Insbesondere bleibt die eingreifende, nicht-responsive Behandlung nach Vojta fragwürdig. Sie läßt sich auch durch die Kombination mit anderen Konzeptionen - etwa der nach Pikler - nicht überzeugend begründen.

Im April-Heft der Zeitschrift "Krankengymnastik (1996)"unternahm Barbara Zukunft-Huber den Versuch, aus eher gegensätzlichen Ansätzen ein einheitliches Konzept zu entwickeln: Unter der Überschrift "Das genetisch verankerte Entwicklungsmodell" verband sie die Therapie nach Vojta mit einigen Elementen der Pädagogik von Maria Montessori und mit einem um das Wesentliche reduzierten "Entwicklungsmodell", das sie Emmi Pikler zuschreibt.

Die Autorin - selbst seit langem als Vojta-Therapeutin tätig - behauptet, diese sehr unterschiedlichen medizinischen und pädagogischen Vorgehensweisen seien teils identisch, teils würden sie einander ergänzen. Sie berichtet von Behandlungserfolgen, die sie mit Hilfe "der Vojta-Therapie mit anschließendem Pikler-Aspekt" einschließlich einer "Motivationssteigerung nach Montessori" erzielt haben will.

Dem Artikel, der in seinem theoretischen Teil im wesentlichen aus einer Zitatenmontage besteht, muß aus verschiedenen Gründen widersprochen werden. Auf das Thema "Montessori" möchte ich nicht näher eingehen; das ist nicht meine berufliche Kompetenz: Allerdings erscheint es mir banal, wohlgeformte Holzklötze einem plastifiziertem, lärmenden "Activity-Center" gegenüber zu stellen, um dann zu folgern, ersteres Spielzeug sei besser. Insoweit gibt es keine Meinungsunterschiede.

Wichtiger erscheint mir Zukunft-Hubers therapeutischer Optimismus im allgemeinen und im besonderen hinsichtlich der Vojta-Methode. Ich teile ihn nicht. Es widerspricht meinen Erfahrungen, wenn behauptet wird: "Jede Störung im neuromuskulären Gefüge kann mit der Vojta-Therapie behandelt werden." Schließlich wissen wir, die wir mit behinderten Kindern arbeiten, doch alle, wie eng die Grenzen unseres therapeutischen Einflusses gezogen sind.

Ich halte es für vermessen, von einer "nicht-fixierten" und einer (später) "fixierten" Cerebralparese zu sprechen, um dann so tun, als lägen zwischen beiden Begriffen die Möglichkeiten und tatsächlichen Erfolge einer wie immer gearteten Therapie. Zur Heilkunst gehören selbstverständlich eine Vielzahl professioneller Fähigkeiten - aber keine ungezügelten Machbarkeitsphantasien. Letztere können mehr zerstören als helfend bewirken.

Wir tun gut daran und nützen unseren Patienten wie deren Eltern, wenn wir unsere beschränkten Möglichkeiten im Blick behalten, wenn wir einen Mißerfolg - also ein Nichterreichen unseres therapeutischen Ziels - nicht einfach Dritten in die Schuhe schieben und dann einen "zu späten Therapiebeginn" oder mangelnde mütterliche "Cotherapie" behaupten. In diesem Sinn ist es vernünftig, rechtzeitig an sehr individuelle, immer wieder neu zu konzipierende kompensatorische Hilfen denken.

Jenseits solcher Fragen soll es hier jedoch um die behauptete Übereinstimmung zwischen Vojta und Pikler gehen. Schon die Grundbegriffe, die Zukunft-Huber gebraucht, erscheinen mir unscharf: Die Autorin spricht einmal von einem "deterministisch verankerten Entwicklungsmodell", an anderer Stelle von einem "deterministisch genetisch gesteuerten Entwicklungsprozeß" und meint dann, es handle sich dabei um grundlegende Gemeinsamkeiten von Vojta und Pikler.

Nun gibt es an der Tatsache, daß auch die Bewegungsentwicklung unterschiedlichen genetischen Voraussetzungen unterliegt, sicherlich keinen Zweifel. Für die Therapeuten folgt daraus aber - und hier beginnt der Dissens - zweierlei: Zum einen sollten ihre Interventionen spätestens dort enden, wo die (auch) genetisch bedingte Individualität des Kindes beginnt, zum anderen ist - so sieht es jedenfalls Pikler - die ungestörte, durch nichts weiter als optimale psychische und physische Rahmenbedingungen begünstigte Bewegungsentwicklung für Säuglinge und Kleinkinder die beste Form, um Selbständigkeit und Selbstsicherheit zu erlangen - die "Fortschritte" machen sie ihrem persönlichen Rhythmus entsprechend von alleine.

Eben deshalb lehnt Pikler alle stimulierenden Maßnahmen ab: Sie können den individuellen Entwicklungsverlauf stören, das Kind verwirren, notwendige Entwicklungs- oder Stabilisierungsphasen möglicherweise verkürzen und sie wirken daher nicht etwa "fördernd", sondern nachhaltig verunsichernd.

Während Vojta seine Konzeption von Anfang an im Hinblick auf behinderte Kinder entwickelte und nach Methoden der "Behandlung" suchte, ging Emmi Pikler (1902 - 1984) von gesunden Babys aus, die sie von äußeren Zwängen und Beengungen freihalten wollte. Sie entwarf ein komplexes Entwicklungskonzept, das sich nicht auf die Bewegungsentwicklung beschränkt. Ihre Überlegungen sind historisch gesehen durchaus eigenständige Fortentwicklungen der sozialpädiatrischen Ideen aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts. Nicht umsonst hat sie ihre klinische Ausbildung in den zwanziger Jahren bei Clemens von Pirquet in Wien genossen.

Pikler kam es in ihren theoretischen Studien nicht auf die Beschreibung von "Meilensteinen" an, sie konzentrierte sich auf die Qualität der Bewegung. Nicht die Ergebnisse - wie das Drehen, Sitzen oder Stehen - standen im Mittelpunkt ihres Interesse, vielmehr beobachtete sie systematisch, aufgrund langjähriger empirischer Studien, wie ein Kind von einem Entwicklungsschritt zum nächsten kommt, wie es diesen vorbereitet und wieviele Variationen es dabei ausprobiert.

Sie studierte beispielsweise, wie ein Kind von der Rückenlage in die Seitlage gelangt, wie es lernt, sein Gleichgewicht zu halten, wie es dabei beginnt, den Kopf anzuheben und Gegenstände zu untersuchen. Sie beobachtete, wie lange ein Kind in gewohnten Positionen verweilt, wie häufig es diese wechselt und wieviel zwischenzeitliches Ausruhen es braucht oder sich einfach gönnt. Es ging ihr eben nicht um die Abfolge von Entwicklungsstufen, sondern um die feinen Abstimmungen und Übergänge - im übrigen auch um den Respekt vor der individuellen Bewegungsentwicklung eines jeden Menschen. Wenn Zukunft-Huber meint, daß ein Säugling in Seitlage bereits das Gehen "übt", oder gar auf dem Rücken "liegend das Sitzmuster trainiert", so kann sie sich mit solchen wenig plausiblen Mutmaßungen vielleicht auf die etwas mechanische Vorstellungswelt Vojtas berufen, gewiß nicht auf Pikler.

Das dem Säugling angeborene Körpergefühl kann frühzeitig beeinträchtigt werden: Überforderung, mangelnde Zuwendung, psychischer und physischer Streß gehören zu den Gründen. Schon deshalb läßt sich Piklers Vorstellung von der Entwicklung eines Menschen nicht mit einer Therapiemethode verbinden, die massiv eingreifend ist und die Bewegungs-initiative - mindestens einige Male am Tag - eingrenzt oder regelrecht blockiert.

Es muß ein Kind desorientieren, wenn es die Hände der Mutter oder anderer Bezugspersonen mal als drückend und festhaltend erlebt, mal als kontaktaufnehmend und streichelnd. Der Vertrauensverlust, der durch solche Formen der "Cotherapie" entsteht, darf gerade für behinderte Kinder nicht unterschätzt werden, denn der Kontakt und die Beziehung zum Säugling entwickelt sich am intensivsten in der sich täglich mehrfach wiederholenden Pflege des Kindes: "Die Hände bilden die erste Beziehung des Säuglings mit der Welt (außer dem Stillen). Hände heben ihn auf, legen ihn hin, waschen, kleiden und füttern ihn." So formuliert Pikler die Grundlage ihrer Konzeption. Ein Übungsprogramm, wie das nach Vojta, wirkt genau an diesem Punkt zumindestens kontraproduktiv, wenn nicht zerstörerisch. Darüber hinaus knüpft es ja ganz bewußt nicht responsiv an die tatsächlichen Aktivitäten des kleinen Patienten an, sondern wird passiv verabreicht. Auch deshalb kann es sich unmöglich auf jene Konzeptionen berufen, die Emmi Pikler, ihre Schülerinnen und Nachfolgerinnen im Laufe der letzten 50 Jahre im Budapester "Lóczy"-Institut entwickelt haben.

Selbstverständlich gibt es behinderte Kinder, die einer therapeutischen Unterstützung bedürfen. Das führt aber in unserer Einrichtung nicht zur Anwendung einer "Pikler-Methode", wie ich überhaupt bezweifele, daß es eine einheitliche Methode zur Behandlung neurologisch geschädigter Kinder gibt. Zur Erweiterung der Kompetenz eines Kindes bedarf es genauer Fragen, die anhand der Beobachtungen vorhandener Fähigkeiten geklärt werden müssen. Dabei können die Piklerschen Entwicklungstabellen helfen. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber die jeweils individuelle therapeutische Planung ergibt sich daraus nicht. Sie muß auf die Erreichung des nächsten Entwicklungsschrittes gerichtet sein und kann sich eben deshalb nicht auf dem vermeintlich sicheren Boden einer Methode bewegen. Bei einem Kind mit Down-Syndrom (siehe http://bidok.uibk.ac.at/library/aly-bewegungsentwicklung.html) (Stand: 30.03.2005, Link aktualisiert durch bidok) sehen die therapeutischen Konsequenzen ganz anders aus, als bei einem Kind mit einer spastischen Diparese. (Abgesehen von solchen groben Unterscheidungen sind die persönlichen Ausprägungen derjenigen Probleme, die unter den genannten übergeordneten diagnostischen Begriffen zusammengefaßt werden, sehr unterschiedlich.) Während beispielsweise das Kind mit Down-Syndrom insbesondere heilpädagogischer Hilfen bedarf, und jede Form stimulierende Bewegungsförderung verunsichernd wirkt, bedarf das Kind mit einer Diparese eindeutig physiotherapeutischer Hilfen: Dazu gehören funktionelle Bewegungsangebote, gegebenenfalls Hilfsmittel zur Erreichung von Zielen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt im kognitiven Horizont des Kindes liegen.

Beide Patienten durchlaufen nicht unbedingt alle Entwicklungsstufen nach Pikler. Das ist auch kein Ziel, das aus gewissermaßen dogmatischen Gründen erreicht werden müßte. Unter Umständen müssen einzelne Stufen, die aufgrund der vorhandenen Störungen nicht überwunden werden können, mit therapeutischer Hilfe kompensiert werden. In jedem Fall ist es aber richtig, wenn die therapeutischen Überlegungen und Programme an das konkret geäußerte Interesse des Kindes anknüpfen und dessen Eigenaktivität unterstützen. Insofern helfen die allgemeinen Prinzipien Piklers, die nicht für behinderte Kinder im Besonderen entwickelt wurden, hier durchaus. Sie sind dem an der Pathologie orientierten, in jeder Weise antiindividuellen Maßnahmenkatalog Vojtas entgegengesetzt und zugleich überlegen. Eine Verbindung beider Konzeptionen, wie sie Zukunft-Huber vorschlägt und angeblich praktiziert, erscheint schon aus theoretischen Gründen ausgeschlossen.

Literatur

Aly, M., Aly, G., Tumler, M.: Kopfkorrektur. Ein behindertes Kind zwischen Therapie und Alltag, Rotbuch, 8. erw. Auflg. Berlin-Hamburg 1991

Aly, M.: Manipulative Frühtherapie als Störung gesunder und kranker Kinder. in: Krankengymnastik 37.Jg., Nr.1, 1985, S.5-1O

dies.: Die therapeutische Begleitung des kleinen MMC-Kindes, in: Krankengymnastik 44.Jg., Nr.3, 1992. S.268-284

Myriam David, Geneviève: Lóczy. Mütterliche Betreuung ohne Mutter (Mit einem Nachwort von Anna Tardos), Cramer-Klett&Zeitler, München 1995

Pikler, E.: Friedliche Babys, zufriedene Mütter, Herder, Freiburg 1981

dies.: Laß mir Zeit, Pflaum, München 1988

dies.: Miteinander vertraut werden, Arbor, Freiamt 1994

Schriftenreihe der Pikler Gesellschaft Berlin e.V.: Reismann, M.: Beziehungen, Berlin 1991; Vincze, M.: Schritte zum selbstständigen Essen, Berlin 1992; Barlog, E.: Über die Anfänge des freien Spiels, Berlin 1996. (Die Hefte können zum Preis von 10,- bzw. 15,- DM [plus Porto] bei der unten genannten Adresse bestellt werden.)

Quelle:

Monika Aly: "Vojta-Therapie mit anschließendem Pikler-Aspekt"? - Eine Erwiderung.

Erschienen in: Krankengymnastik Nr.4, 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 30.03.2005

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