Verzögerte Entwicklung - Überlegungen zur therapeutischen Begleitung und Behandlung von Kindern mit leichten Entwicklungsstörungen

AutorIn: Monika Aly
Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen in: Hans von Lüpke/Reinhard Voß (Hg.) Entwicklung im Netzwerk: Systemisches Denken und professionsübergreifendes Handeln in der Entwicklungsförderung. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1994, S. 109 - 119
Copyright: © Lüpke/Voß 1994

Einleitung

Kinder mit Entwicklungsstörungen werden unterschiedlich beurteilt: Das langsame Kind macht dem Kinderarzt Probleme, das zu schnelle dagegen oft nicht. Gemeinsam ist diesen Kindern, daß sie in ihrer Bewegungsqualität sehr reduziert sind. Übende Methoden sind als Hilfe nur begrenzt förderlich, da sie sich nur an den äußerlich sichtbaren Störungen orientieren. Da die Ursache für diese Probleme primär im Psychischen zu suchen ist, ist es notwendig, neben einer möglicherweise kurzfristigen Therapie durch eine beratende Begleitung den Alltag der Kinder und ihrer Familie zu stärken.

Kinder mit Entwicklungsverzögerungen werden entweder durch frühe krankengymnastische Therapien (Straßburg, Beitrag in diesem Band) in ihrer Motorik gefördert, oder es wird einfach gesagt: "Das wird sich von alleine auswachsen, wir tun aber nichts." Frühtherapie, die in die natürlichen Bewegungsabläufe eingreift, stört den Säugling in seiner Entwicklung und läßt ihm keine Zeit, seine Umwelt selbständig und entsprechend seinem eigenenen Rhythmus und seiner eigenen Initiative zu erfahren. Das Nichtstun kann auch zu wenig sein, wenn der Säugling aufgrund seiner Entwicklungsverzögerung nicht oder nur wenig in der Lage ist, eigene Erfahrungen zu machen. Säuglinge, die in ihrer Entwicklung verlangsamt sind, werden in aller Regel einem Behandlungsplan unterworfen, der sich weniger an ihren individuellen Möglichkeiten als vielmehr an einem Normen-Katalog von Fähigkeiten, also an sogenannten Entwicklungstabellen, orientiert. Der Arzt, der das Kind untersucht, äußert vielleicht Verdachtsmomente, er stellt häufig keine Diagnose, sondern spricht von einer Entwicklungsverzögerung. Aufgrund seines Verdachts verordnet er in aller Regel krankengymnastische Behandlung, der die Eltern gewöhnlich zustimmen, in der Hoffnung auf einen Behandlungserfolg, beziehungsweise auf die Prävention einer möglichen Behinderung. Die Eltern interessiert am meisten, worin die Ursache für die Entwicklungsverzögerung ihres Kindes zu sehen ist. Ob diese Verzögerung auf die Schwangerschaft oder die Geburt zurückzuführen ist, wollen vor allem die Mütter wissen. Gleichzeitig erfahren sie die gezielten Fragen von Ärzten und Therapeuten als Schuldzuweisung. Sie fragen sich, ob sie wirklich alles getan haben, um ihrem Kind den Weg ins Leben möglichst leicht und unkompliziert zu machen. Auf diese Frage erhalten sie meist keine befriedigende Antwort.

Zu langsam, zu schnell - zwei Probleme der Entwicklung

Eine Entwicklungsverzögerung wird im allgemeinen als Entwicklungsproblem angesehen. Wenn sich ein Säugling beispielsweise noch nicht dreht, obwohl er es laut Tabelle eigentlich tun müßte, weist er demnach eine Entwicklungsverzögerung auf. Ebenso ein Kind, das in einem bestimmten Alter noch nicht selbständig sitzt oder noch nicht geht. Die Eltern sind und werden beunruhigt: Es drängt sich ihnen fast überall der Vergleich mit gleichaltrigen Kindern von Freunden oder Nachbarn auf.

Demgegenüber gilt ein unruhiger Säugling, der nur kurze Schlafphasen hat, sich schnell erregt, keine Ruhe in einer Position findet, sich jedoch motorisch schnell, vielleicht hastig entwickelt, als unauffällig. Seine Bewegungsentwicklung verläuft scheinbar entsprechend der Norm. Der eine oder andere Kinderarzt wird der Mutter zu verstehen geben, sie müsse mit ihrem Kind "etwas strenger und konsequenter sein", sie könne aber froh sein, ein so lebendiges und neugieriges Kind zu haben.

Das langsame Kind macht dem Kinderarzt mehr Sorgen. Seine Sorgen übertragen sich auf die Eltern. Das schnelle Kind bringt seine Eltern an ihre Grenzen. Nicht weil sie Sorgen haben, es könnte etwas nicht stimmen, sondern weil sie glauben, ihrem Kind nicht gerecht zu werden, keine "guten Eltern" zu sein, oder das Gefühl zu haben, das Kind wolle sie tyrannisieren.

Übergangsbewegungen: die Bedeutung des Gleichgewichts

Um von einer Position in eine andere zu gelangen, braucht der Säugling Übergangsbewegungen (Pikler, 1988). Solche Bewegungen sind notwendig, um zum Beispiel aus der Rückenlage über die Seitenlage in die Bauchlage zu gelangen, oder um aus der Bauchlage über den seitlichen Ellbogenstütz zum Seitsitz und damit zum Sitzen zu kommen. Übergangspositionen sind auch erforderlich, um sich vom Sitzen über den Bärenstand zum freien Stehen aufzurichten. Diesen wenig sichtbaren Bewegungsübergängen und Übergangspositionen wird meist keine besondere Bedeutung zugemessen: Je mehr der Säugling seine sichere Auflagefläche verläßt, um sich aufzurichten, vergrößert er seine Basis mittels eines Fußes, einer Hand oder des Unterarms, um sein Gleichgewicht zu sichern. Anfangs sind diese Abstützpunkte breiter, später werden sie enger, je nach Sicherheit des Kindes und auch durch die Verlagerung des Schwerpunktes - des Kopfes - nach oben. Es fühlt selbst, was es an Unterstützungsfläche braucht, vorausgesetzt, es hat den Zeitpunkt seiner Positionswechsel selbständig aufgesucht. Übergangspositionen und Übergangsbewegungen sind für die Beweglichkeit des Kindes eine Voraussetzung, um sich sicher und geschmeidig bewegen zu können (Pikler, 1988).

Ein Säugling, der auf diese Weise mit seinem Körper und seiner Bewegung vertraut ist, kann sich sicherer seiner Umgebung zuwenden. Ein Interesse an der Umwelt und ein Sich-Einstellen-Können auf diese sind Grundbedingungen des Lernens und der Entwicklung. Ein Säugling, der sich längere Zeit mit seinen Händen oder einem Spielzeug beschäftigen kann, ist in der Lage, etwas zu erforschen oder auch zu experimentieren. Das kann er nur, wie Pikler sagt, wenn er selbst sicher ist und auch eine Umgebung hat, der er vertrauen kann. Ein Säugling und Kleinkind, das in der Lage ist, über längere Zeit etwas zu erforschen oder auch zu experimentieren, zeigt, daß es auch über eine Sicherheit in der Beziehung zu seinen Eltern verfügt. Es kann sich in Ruhe einer Sache zuwenden, ohne Sorgen zu haben, etwas zu verpassen. Die Übergänge und Übergangsbewegungen können viel fließender und geschmeidiger sein, weil der Säugling sich jedes Schrittes gewiß ist.

Nur wenn die Übergänge vorhanden sind, entwickelt das Kind eine sichere und ausgewogene Beweglichkeit. Übergangsbewegungen sind auch ein Zeichen, daß der Säugling sich im eigenen Rhythmus aus eigener Initiative selbständig entwickeln konnte, also ohne eingreifende Hilfe seitens der Erwachsenen. Bei Kindern, die sich zu hastig oder zu langsam entwickeln, sind diese Übergangsbewegungen nicht vorhanden, gleichgültig, ob sich das einzelne Kind zu langsam oder zu hastig entwickelt hat. Man kann dies an der mangelnden Qualität ihrer Bewegungen beobachten: Das sehr langsame, übervorsichtige Kind braucht lange, um sich zu entscheiden, seine Position zu verändern, um zum Beispiel nach einem verlockenden Gegenstand zu greifen. Das Kind verharrt dann länger in einer Position und "schummelt" sich, oft etwas verkrampft und umständlich, in die nächste Position. "Bei den sich langsam entwickelnden Kindern halten wir sogar die Übergangspositionen für noch wesentlicher sowie alle Bewegungen, die das Kind darin probiert oder mit denen es seine Position oder seinen Platz wechselt" (Tardos in: Pikler, 1988). Die unruhigen Kinder "schießen" von einer Bewegungsposition in die nächste: Es gleicht oft einer Explosion. Bei diesen oft unberechenbaren schnellen Bewegungsabläufen registriert der Beobachter lediglich eine allgemeine Ungeschicklichkeit und Unfallträchtigkeit. Man kann sehen, daß die Kinder sich etwas "eckig" bewegen, aber eine große Bewegungslust zu haben scheinen. Bei einem ängstlichen und langsamen Kind dagegen fällt das Bewegungsproblem mehr ins Auge, da es länger in einer Position bleibt und auch länger braucht, diese zu verändern. Der Säugling oder das Kleinkind wirken daher bewegungsarm und auch bewegungsunlustig.

Die Bewegungsentwicklung im ersten Lebensjahr besteht hauptsächlich in dem Versuch, sich gegen die Schwerkraft aufzurichten (Bobath, 1980). Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Entwicklung des Gleichgewichts. Jede größere Bewegungsveränderung erfordert vom Säugling eine Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und bringt ihn in unsichere Situationen. Das Wagnis, eine andere Position einzunehmen, setzt viele Entscheidungen voraus: Ein unruhiger, hastiger Säugling, der wenig von seinem Körper wahrnimmt, wird sich aus Unsicherheit in etwas Neues stürzen, wird aber dort nicht bleiben können, da ihm die Ruhephasen für das Wahrnehmen seiner eigenen Fähigkeiten fehlen. Der Säugling kann diese "Entdeckungsreisen" gar nicht genießen, da er kein Vertrauen zu sich hat und auch nicht zu seiner Umgebung.

In der medizinischen Betrachtungsweise ist nur die Verlangsamung eine Störung der Entwicklung. Wir sehen aber, daß sowohl die langsame wie auch die zu schnelle, hastige Entwicklungsstörungen sind.

In der krankengymnastischen Fachsprache spricht man von Tonusregulations- oder Gleichgewichtsstörung und demzufolge von fehlender Rumpfrotation. Die Kenntnis darüber ist für den Therapeuten zweifelsfrei wichtig (Ayres, 1984).

Über das Kind selbst sagen solche Feststellungen aber wenig aus, sie erklären seine tatsächlichen Schwierigkeiten nicht. Im Vordergrund müßte zum Beispiel die Frage stehen: Wie identifiziert sich überhaupt das Kind mit seiner Bewegung? Welchen Schutz bietet ihm zum Beispiel ein erhöhter Tonus, um "stabil" zu bleiben? Oder sich vielleicht vor seiner Umwelt, die ihm bedrohlich erscheint, zu schützen? Bleibt ein Kind vielleicht durch seinen "schlaffen" Tonus länger schutzbedürftig und von seinen Eltern abhängig? Sind nicht bestimmte Bewegungen auch Zeichen für Ängstlichkeit, Unsicherheit und mangelndes Vertrauen? Der Säugling zeigt seine Gefühle durch die Art und Weise seiner Bewegungen: Freude, Müdigkeit, Hunger etc.

Dabei spielt der Spannungszustand der Muskulatur eine wichtige Rolle. Wenn die Gründe dafür nicht geklärt werden, können leicht "Pathologien" entdeckt werden, die keine sind. Es ist nicht unbedingt pathologisch, wenn der Säugling seinen Halt in der Schulterretraktion (Zurückziehung der Schultern und der fest angebeugten Arme) findet oder auch in der Anspannung seiner Nackenmuskulatur. Auch ist es nicht unbedingt pathologisch, wenn der Säugling in seinen ersten Lebensmonaten mittels der Mororeaktion (Schreck- und Fluchtreaktion der Arme) zeigt, daß er unsicher ist, Angst hat und nach Halt sucht.

Neurologische Auffälligkeiten im Säuglingsalter wie muskuläre Überregbarkeit, erhöhte oder verminderte Muskelanspannung, Haltungsasymmetrien und Entwicklungsverzögerungen sind häufig nur vorübergehend in den ersten ein bis zwei Lebensjahren nachweisbar. (Straßburg)

Zwei Beispiele

André war im Bauch seiner Mutter ein eher ruhiges Kind. Die Mutter, die sich erst spät zu einer Schwangerschaft entschlossen hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem es für sie beruflich keine Perspektive mehr gab, bemerkte ihn kaum - sie habe oft vergessen, daß sie schwanger sei. Am errechneten Geburtstermin tat sich nichts. Auch weitere 14 Tage verstrichen, ohne daß es Zeichen gab, daß der Säugling geboren werden wollte. Die Geburt wurde dann eingeleitet und dauerte endlos - wie die Mutter sich erinnert. In den ersten Lebensmonaten lag André nur im Arm oder an der Brust seiner Mutter - Tag und Nacht. Die Mutter erzählte, daß sie die meiste Zeit mit ihrem Säugling im Bett verbracht habe. André fand keinen Rhythmus zwischen Schlaf- und Wachzustand. Ebenso hatte er auch keinen Eßrhythmus - er wollte ständig trinken. Die Mutter erinnerte sich an eine Situation, als André 8 Monate war: Eine Freundin hatte ihn auf dem Arm, und sie war ganz überrascht, ihn zum ersten Mal aus der "Ferne" zu sehen. Gegen Ende des ersten Lebenjahres setzte die Mutter, die sich sehr ausgelaugt fühlte, André öfter in eine Sofaecke, damit er mehr sehen konnte. Am Boden wollte er nicht mehr liegen, da er sich, wie die Mutter glaubte, dort langweilte und dann ständig herumgetragen werden wollte. Außerdem bewegte er sich sehr wenig, nach der Beobachtung der Mutter, und so erschien ihr das Sitzen auf dem Sofa ein gewisser Kompromiß zu sein. Daraufhin wollte André nur noch hingesetzt werden, war jedoch nur solange ruhig, solange die Mutter bei ihm blieb. Sie gab ihm Spielzeug in die Hand, das er nach kurzem Manipulieren wieder fallen ließ. Zur Abwechslung legte ihn die Mutter in eine Babywippe, an der eine Spielzeugkette befestigt war. André zog zwar an dieser etwas gelangweilt herum, aber wirklich interessiert sei er an diesem und anderem Spielzeug nie gewesen. Interessiert habe ihn eigentlich nur die Nähe zu seiner Mutter.

Drei Monate nach seinem ersten Geburtstag lernte André laufen: Anfangs wurde er an den Händen seiner Mutter geführt, später machte er vorsichtige und ängstliche Schritte alleine. Die Mutter war zunächst zufrieden. André wollte nur noch laufen - mit Hilfe oder auch ohne - er stürzte und stolperte dabei ständig. Wenn er fiel, blieb er, nach Beschreibung der Mutter, unbeweglich wie ein "Käfer" auf dem Rücken liegen und erwartete von seiner Mutter, aufgehoben zu werden. Alleine konnte er nicht aufstehen, er wußte gar nicht wie. Also wurde er ständig aufgehoben, da ihn die Mutter nicht so hilflos am Boden liegen sehen konnte. André hatte ständig Beulen und Verletzungen. So kam sie mit dem Kinderarzt, dem sie ihre Sorgen mitteilte, überein, daß André "turnen" sollte. Der Kinderarzt überwies ihn zu uns.

André klebte fest auf dem Schoß seiner Mutter und wollte nichts von sich preisgeben, bewegen wollte er sich schon gar nicht. Er mochte ruhig im Arm seiner Mutter liegen und seine Flasche gereicht bekommen, was auch geschah. Die Mutter erzählte von seinem bisherigen kleinen Lebensweg, so als sei André nicht sehr viel älter als 6 Monate. In vielen Stunden begann sich André auch vom sicheren Schoß zu entfernen. Er schwankte stehend und gehend etwas ziel- und hilflos durch den Raum, aber nur in einem engen Radius um die Mutter herum. Den ganzen Raum schien er gar nicht wahrzunehmen. Er überlegte sehr lange, ob er ein interessantes Spielzeug vom Boden aufheben wolle und dazu seine sichere Stehposition aufgeben solle. Manchmal setzte er sich ganz plötzlich hin: er knickte seine Knie nach vorne und "saß". Auch diese Position wollte er keinesfalls aufgeben, selbst dann nicht, wenn das Spielzeug nur wenig entfernt lag. Nach langen Überlegungen entschied er sich dann manchmal mühsam, wieder aufzustehen, um sich genau diesem Ziel zu nähern. Wenn dabei etwas im Wege lag, nahm er es nicht wahr, da er nur den Blick auf sein Ziel gerichtet hatte. Er stolperte, stürzte und schrie um Hilfe. In jeder Stunde wünschte er sich genau dasselbe Spielzeug. Er spielte mit diesen Gegenständen dann auch jedes Mal auf die gleiche Weise: Er sortiert zum Beispiel unterschiedlich große, getrocknete Kürbisse in einen Korb, nimmt sie einzeln heraus, reiht sie in einer langen Schlange aneinander oder entlang der Wand und legt sie anschließend einzeln wieder zurück. Er schüttelt dabei jeden Kürbis, um zu hören, ob er Geräusche von sich gibt, was bei manchen der Fall ist. André scheint genaue Vorstellung von seinen "Ordnungsspielen" zu haben. Kaum etwas scheint zufällig zu sein. Er hat dabei viel Geduld, ist aber kaum bereit, auf Vorschläge zum Beispiel über kleinere Variationen seiner Tätigkeit einzugehen.

Daß André sensomotorische Bewegungserfahrungen fehlen, ergab sich schon aus seiner Vorgeschichte. Ebenso kann man sich vorstellen, daß André mit größeren Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen hat und daß bei ihm regelrechte Berührungsängste mit unbekannten Gegenständen bestehen. Mit einfachen Spielgegenständen experimentiert er länger: Er dreht und wendet sie in seiner Hand, wechselt von Hand zu Hand, klopft und schüttelt, nimmt sie in den Mund - Erforschungen, die wir von kleineren Säuglingen kennen.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen seinen motorischen Fähigkeiten und seinen ganz persönlichen, psychischen Möglichkeiten? Wie würde sich seine Persönlichkeit in einem anderen Körper, einem motorisch viel sicheren Körper fühlen? Ist seine Person so ängstlich und klein und kann sich nicht so richtig entfalten, weil er keine Erfahrungen macht, oder steckt er so voller Ängste, ist vielleicht noch in einem viel "kleineren" und jüngeren Entwicklungsstadium, so daß ihm viele Bewegungen von daher Angst machen? Sein Vater, der bisher keinen Platz zwischen Mutter und Sohn finden konnte, hatte sich einen bärenstarken Sohn gewünscht, mit dem er Fußballspielen und toben kann, einen richtigen kleinen Indianer. Seine Mutter dagegen hatte sich ein zartes Kind gewünscht, ein Mädchen vielleicht.

Der Säugling entwickelt sich nicht im Vakuum, sondern im Spannungsfeld der Phantasien seiner Eltern. Er ist ein Teil ihrer Orientierung auf die Zukunft hin, gehört zu ihrem "Projekt". Von ihm wird Kompetenz erwartet, vorweggenommen, gewünscht, aber auch gefürchtet. (Gidoni/von Lüpke)

Melanie hatte eine schwierige Geburt mit Nabelschnurumschlingung um den Hals. Sie verbrachte ihre ersten Lebenswochen im Krankenhaus - die Mutter durfte nicht dort bleiben, sondern konnte ihr Kind nur einmal täglich kurz sehen. Die Mutter lebte bei ihrer Mutter, die Beziehung zum Vater war unsicher und die Ärzte im Krankenhaus hatten die Mutter, wie sie sich heute erinnert, nicht über den Grund der weiteren stationären Behandlung und über den Zustand ihres Kindes informiert. Melanie wuchs dann zunächst bei ihrer Großmutter auf, dann zog die Mutter mit ihr in eine eigene Wohnung. Kurz vor ihrem zweiten Lebensjahr zog sie dann mit dem Vater des Kindes zusammen. Im Gegensatz zu André, der immer mit seiner Mutter eine enge Bindung hatte, hatte Melanie bereits früh einschneidende Veränderungen und Trennungen erfahren.

Nach den Berichten der Mutter entwickelte sich Melanie im ersten Lebensjahr ganz unauffällig, war sogar eine Schnell-Entwicklerin, die, wie die junge Mutter stolz erzählte, schon vor ihrem ersten Geburtstag lief. Der Kinderarzt war auch immer zufrieden. Erst als sie auf den Beinen war, wurde alles schwierig: Sie kletterte überall hoch, überschätzte sich dabei, fiel schnell hinunter, weil sie nicht "aufpaßte" - sie besaß kein Gefühl für Höhen und Gefahren, stürzte sich fast überall "hinunter". Melanie, jetzt zwei Jahre alt, wurde vom Krankenhaus zu uns überwiesen, wo sie zur diagnostischen Abklärung ihrer "Hypermotorik" stationär aufgenommen worden war. Auch Melanie hat keine Übergangsbewegungen: Sie fällt von einer Position in die nächste und kompensiert die Lücke mit hastigen, schreckhaften Bewegungen. Ganz ähnlich erscheint ihr psychisches Verhalten: Sie springt von einer Idee in die nächste, beschäftigt sich nur Sekunden mit einer Sache. Sie scheint keine Ruhe zu finden, um etwas Neues zu beginnen oder gar dabei zu bleiben. Noch bevor sie in der Lage ist, überhaupt etwas wahrzunehmen, ist sie längst beim nächsten.

Der Kinderarzt sah bei Melanie im ersten Jahr keine Entwicklungsprobleme. Die Unruhe, das viele Weinen und die Eßschwierigkeiten - sie aß ohne eigenes Maß, trank sehr hastig und erbrach viel - schob er auf die Unerfahrenheit der Mutter. Ebenso war auch das geringe Interesse von Melanie an ihrer Umwelt nicht Gegenstand ärztlicher Sorge.

Unterschiedliche Kinder - ähnliche Probleme

Beide Kinder sind sehr unterschiedlich in ihrer Entwicklung, sie scheinen geradezu gegensätzlich zu sein: André ist sehr langsam, ängstlich und sehr vorsichtig. Er bewegt sich auch nicht sehr gerne. Er spielt lieber an einem Platz und möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Melanie dagegen traut sich sehr viel zu, vielleicht zu viel. Sie bleibt nicht bei einem Spiel, sondern hastet eher von einer Aktion in die nächste. Bei aller Unterschiedlichkeit dieser beiden beschriebenen Kinder gibt es wesentliche Gemeinsamkeiten: Beide Kinder sind in ihrem Gleichgewicht sehr unsicher, sind in ihren Bewegungen sehr ungeschickt und in ihrer Bewegungsvariabilität eingeschränkt. Sie nutzen nur einen Teil ihrer naturgegebenen Bewegungsausstattung.

Kinder zum Beispiel mit einer Cerebralparese, die aufgrund einer zentralen Schädigung in ihrer Bewegungsauswahl stark eingeschränkt sind, müssen lernen, ihre reduzierte Bewegungsfähigkeit auf die ihnen mögliche Weise zu vermehren. Ihre Entwicklung wird aber aufgrund ihrer Schädigung begrenzt bleiben. André und Melanie dagegen haben keine zentrale Schädigung, verfügen über ein sehr großes Ausmaß an Bewegungs- und Entwicklungsfähigkeit, nutzen davon aber nur einen Teil: Beide Kinder haben keine Übergangsbewegungen und auch keine Übergangspositionen. Sie bewegen sich statisch von einer Position in die andere: am liebsten nur vom Sitzen zum Stehen und zurück. Auf dem Boden liegen sie sehr ungern. André vermeidet allzu viele Positionswechsel, er verbleibt lieber in einer statischen Position. Melanie flüchtet von einer Position in die nächste. Eine weitere Parallelität dieser beiden Kinder liegt in ihrem persönlichen Verhalten: So wie das sogenannte äußere Gleichgewicht sehr unsicher ist, so fehlt auch das innere Gleichgewicht. Beide reagieren äußerst empfindlich auf jegliche Veränderungen. Sie sind psychisch sehr unflexibel, manchmal geradezu starrsinnig. Geringe Variationen, kleine zusätzliche Anforderungen können sie in ihrem Spiel bereits völlig aus dem Konzept bringen. Auch hier könnte man von fehlenden Übergängen sprechen, von fehlenden psychischen Übergängen.

Es fällt den beiden beschriebenen Kindern schwer, sich auf eine Situation einzulassen. Sie brauchen dazu längere Anlaufzeiten, ebenso fällt es ihnen schwer, ein Ende zu finden. Diese - von mir so genannten - inneren Übergänge sind bei beiden Kindern sehr schwierig und wenig ausgeprägt - sie entsprechen den Problemen, die in ihrer Bewegungsentwicklung sichtbar werden. Für das Spiel, die Bewegung und auch für die innere Flexibilität sind Verbindungen in Form von Übergängen notwendig. André "klebt" an seiner Tätigkeit, variiert aus Angst vor Veränderungen wenig; Melanies Aufmerksamkeit dagegen ist nur kurzfristig, sie braucht eine lange Anlaufzeit, um bei einer Tätigkeit zu bleiben - wenn auch noch sehr kurz. Da sie hauptsächlich mit der Beibehaltung ihres Gleichgewichts beschäftigt sind, können sich diese Kinder in keiner Position konzentriert auf ein Spiel einlassen und schon gar nicht experimentieren.

Jeder zielgerichteten Funktion geht eine Phase des Erprobens, des Experimentieren voraus, die in einem schützenden Rahmen Erfahrungen mit Variationen ermöglicht. Unter allen Möglichkeiten wird die herausgefunden, die der eigenen Individualität entspricht und damit Identität ausdrückt. (von Lüpke)

André manipuliert nur, wenn er kleinere Gegenständen angeboten bekommt. Größere Gegenstände erfordern größere Bewegungen und damit zu viel an Gleichgewicht. Beide Kinder können nicht in Ruhe experimentieren, da sie hauptsächlich mit der Beibehaltung ihres Gleichgewichts beschäftigt sind. Durch die nicht vorhandenen Übergangsbewegungen müssen diese Kinder bei jeder Veränderung ihrer Position ihr Spiel unterbrechen. Eine noch so geringe Bewegungsveränderung beansprucht ihre gesamte Aufmerksamkeit. Nach den Forschungen von Anna Tardos verändert ein spielendes Kind im Durchschnitt alle zweieinhalb Minuten seine Position, um wieder aufmerksamer zu sein. Kinder, wie André und Melanie, die diese Positionswechsel nicht ausreichend oft vollziehen können, erleben ununterbrochen Defizite, vor allem an kognitiven Erfahrungen. Da diese Kinder noch wenige persönliche Erfolge als Ergebnis ihres Experimentierens erfahren haben, verkümmert auch ihr innerer Antrieb, selbst etwas auszuprobieren. Dies ist für uns ein Grund für unsere therapeutische Unterstützung.

Offensichtlich sind wesentliche Faktoren für eine möglichst positive Entwicklung des Kindes eine Vermeidung von Verunsicherungen, ein natürlicher emotionaler Austausch zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen, eine selbständige Bewegungserfahrung, eine ausreichende Förderung aller Sinneseindrücke und ein Wechsel von Aktivität und Ruhe, um einen eigenen Rhythmus finden zu können. Die Effizienz früher therapeutischer Interventionen nach festgelegten Methoden, insbesondere auch im Bereich der Krankengymnastik, muß in jedem Einzelfall kritisch bewertet werden. (Straßburg)

Von der Behandlung zur Begleitung durch Beobachtung

Es gibt andere therapeutische Ansätze, die Kindern wie André und Melanie in ihren eigenen Aktivitäten viel Spielraum geben: Zum Beispiel die 'Sensorische Integrationtherapie', entwickelt von Jean Ayres, einer amerikanischen Psychologin. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der sich nicht auf einzelne Übungen reduziert." Das Ziel dieser Therapie ist eine Verbesserung des Ablaufes der Hirnverarbeitungsprozesse und der sinnvollen Ordnung von Empfindungen." (Ayres, 1984) Dies geschieht durch "Stimulation" des Gleichgewichtssinnes (vestibuläres System), der Eigenwahrnehmung (propriozeptives System) und des Tastsinnes (taktiles System). Dennoch orientiert sich diese Methode, trotz ihres ganzheitlichen Ansatzes, hauptsächlich an äußeren, sichtbaren Störungen. Im Zentrum der Therapie steht nicht der Raum, den das Kind für seine Entwicklung braucht, ebenso nicht die Zeit, die das Kind benötigt, um eigene Initiativen entwickeln zu können. Da die äußerlich sichtbaren Störungen dieser Kinder meist Zeichen für psychische Unsicherheiten und Probleme sind, die sich aus der familiären Situation entwickeln - oft schon vor der Schwangerschaft - hat diese Methode auch hier ihre Grenzen. Die Überlegungen und Sorgen für das Kind können sehr gut in Kooperation mit anderen professionellen Kollegen, die diesen Aspekt berücksichtigen, fruchtbar diskutiert werden.

Kinder, die eine Verzögerung in ihrer Entwicklung haben, brauchen in erster Linie Zeit und Ruhe, um überhaupt eigene Interessen für die Umwelt zu entwickeln. In seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt nimmt sich das Kind zunehmend selbst als Person wahr. Das geschieht im Kontakt und in der Kommunikation mit anderen Personen und im Kontakt zu seinem Körper - zum Beispiel beim An- und Auskleiden. In der Therapiesituation sind Kinder wie André und Melanie ebenso wie zu Hause darauf angewiesen, möglichst konstante räumliche und zeitliche Strukturen wiederzufinden. Mit dieser Sicherheit können sie anfangen, von sich aus mit Gegenständen zu experimentieren. Das Angebot sollte sich in jeder Therapiestunde neu nach dem Interesse und den Bedürfnissen des Kindes ausrichten, das bedarf einer großen Flexibilität des Therapeuten. Das Spielangebot sollte dem Kind Lust zum Spielen machen, die Wahl bieten, gleichzeitig aber auch die Freiheit, es abzulehnen zu dürfen. Gerade ein sich langsam entwickelndes Kind wird schnell überschüttet von Spielangeboten, für die es noch gar kein Interesse entwickeln konnte. Es sollte darum gehen, "Menschen nicht für etwas interessieren zu wollen, sondern zu spüren, für was sie sich bereits interessieren" (Jacoby). Der Raum sollte so verlockend sein, daß das Kind - nicht der Therapeut - aktiv ist. Gleichzeitig darf das Kind auch inaktiv sein dürfen. Jeglicher Behandlungsplan schränkt die Möglichkeit ein, wirklich offen für das zu sein, was geschehen könnte. Dennoch braucht der Therapeut genaue Vorstellungen über Fähigkeiten und Grenzen des Kindes. Der Therapeut macht Vorschläge, das Kind nimmt sie vielleicht an, modifiziert sie und stellt neue Fragen. Dadurch entsteht ein Dialog mit einem offenen Ende, der sich spiralförmig nach oben entwickelt, mit immer wieder neuen Verbindungen und Übergängen, gleich einem Dialog mit immer wieder neuem gegenseitigem Fragen (Milani Comparetti & Roser, 1982). Die Probleme können so niemals die gleichen bleiben, da ständig neue Anregungen und Bedürfnisse dazukommen. Das Kind lernt dabei, sicherer im Umgang mit sich selbst und seinen Problemen zu werden.

Kinder mit Entwicklungsstörungen wie André und Melanie brauchen mehr eine Begleitung, eine Beobachtung als eine Behandlung (Gidoni, 1989). Diese Begleitung brauchen vor allem auch die Eltern, um die Schwierigkeiten ihrer Kinder besser verstehen zu können. Die Therapiestunden, die nur für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll sind, sind eine Möglichkeit, dem Kind Anregungen und Ideen zu geben, um in einer "geschützten" Situation Bewegungs- und Spielerfahrung zu sammeln. In der Suche nach dem Gleichgewicht beispielsweise ordnet sich das Kind und gewinnt eigene Sicherheit.

Die Eltern nehmen bei uns an diesen Therapiestunden als Beobachter teil und lernen Zeit und Raum, den das Kind benötigt, kennen. Sie lernen auch, einen klaren Rahmen zu geben, vielleicht auch sich unter Umständen selbst Grenzen zu setzen.

Quelle:

Monika Aly: Verzögerte Entwicklung - Überlegungen zur therapeutischen Begleitung und Behandlung von Kindern mit leichten Entwicklungsstörungen

Erschienen in: Hans von Lüpke/Reinhard Voß (Hg.) Entwicklung im Netzwerk: Systemisches Denken und professionsübergreifendes Handeln in der Entwicklungsförderung. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1994, S. 109 - 119

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.07.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation