1000 Schritte durch die Schule

Schüler, Lehrer und Eltern berichten über die Integration von Schülern mit Behinderungen in der Realschule

AutorIn: Kristin Ahrens
Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © Kristin Ahrens 2002

Titelseite:

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Kristin Ahrens (Hrsg)

Titel: 1000 Schritte durch die Schule. Schüler, Lehrer und Eltern über die Integration von Schülern mit Behinderungen in der Realschule.

Infos: Berlin/Bonn: Westkreuz-Verlag 2002; 72 Seiten, 80 Abb.; ISBN 3-929592-64-9; Preis:10 Euro;

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Jutta Schöler

10 Jahre nach dem Erscheinen des Buches "49 Schritte in die Schule" von Kristin Ahrens und Beate Hannig-Grethlein liegt ein anschaulich und lebendig geschriebener, mit zahlreichen Fotos und Schülerzeichnungen bebilderter Bericht vor, der die gemeinsame Zeit eines Jungen mit sogenannter geistiger Behinderung in einer Realschule aus dem Zeitraum der 7. bis 10. Klasse darstellt (1998-2002). Die Herausgeberin dieses Buches ist die Mutter von Paul. Sie hat die Mitschülerinnen und Mitschüler, die Lehrerinnen und Lehrer, eine Schulhelferin und eine Einzelfallhelferin sowie Mütter und Väter aus Pauls Klasse gebeten, ihre persönlichen Eindrücke, Erfahrungen und Einschätzungen über vier Jahre "normalen" gemeinsamen Unterrichts aufzuschreiben. Das auf ca. 70 DIN-A-4-Seiten zusammengestellte Ergebnis ist eine Fundgrube für alle diejenigen, die sich noch Argumentationshilfen wünschen für die Umsetzung einer Schulreform, zu der es hoffentlich bald auch in Deutschland zu einem Qualitätskriterium von Schulen wird (vor allem Schulen der Sekundarstufe), die Vielfalt und Verschiedenheiten der Lernbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen als eine Bereicherung anzunehmen.

Diese Realschule in Berlin, welche hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, hat schon mehrmals Jugendliche trotz einer Schädigung, einer Leistungsminderung oder schwerwiegender psychischer Beeinträchtigungen angenommen und gefördert. Das Buch ist allen Menschen zu empfehlen, die auch die deutschen Schulen zu "normalen" Schulen umwandeln wollen, nämlich zu Schulen, die Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung nicht mehr ausgrenzen.

Hier nur einige Beispiele aus dem Inhalt:

  • Der Rückblick des Klassenlehrers auf 4 Jahre Integrationsarbeit mit Sonnen- und einigen (Niesel)Regentagen, einer Auflistung aller Sondertermine wegen der drei "Integrationsschüler" dieser Klasse und mit dem Fazit: "Würde ich wieder eine Integrationsklasse leiten? Aufgrund der gemachten Erfahrungen uneingeschränkt JA (S. 15).

  • Acht Mitschüler und neun Mitschülerinnen der zwei "Integrationsschüler" und der einen "Integrationsschülerin" haben am Ende der gemeinsamen Schulzeit ihre Eindrücke aufgeschrieben und der Herausgeberin für dieses Buch zur Verfügung gestellt. - Diese Texte sowie die Mitschriften von Gesprächen, welche mit den drei IntegrationsschülerInnen geführt wurden, können die häufig gestellte Frage beantworten: "Was denken die Schülerinnen und Schüler über den Gemeinsamen Unterricht?" - Hier nur drei kurze Auszüge: "Wenn man mit ihnen zusammen ist, fällt nicht auf,dass sie Integrationsschüler sind. Sie benehmen sich normal, sind sie ja eigentlich auch, bis auf ihre Lernschwäche, na und." (David, S. 18) - "Ich bin seit ungefähr 10 Jahren mit Integrationsschülern in einer Klasse. Ich und Isabel sind schon seit der ersten Klasse zusammen auf dieser Schule. Paul ist seit der ersten Klasse in der Parallelklasse. Ich habe sie nie richtig als ‚anders' betrachtet oder gesehen. Ich finde, dadurch, dass ich schon so lange mit ihnen zu tun habe, bin ich viel sozialer und es ist eine tolle Erfahrung gewesen." (Nina, S. 19) - Aus dem Protokoll, das Kristin Ahrens mit der Schülerin Isabel geführt hat, wird sehr gut deutlich, dass sie manchmal damit haderte, manchmal aber auch froh darüber war, nicht immer dasselbe machen zu müssen wie ihre MitschülerInnen. Sie hat im Laufe der Schulzeit ganz offensichtlich gelernt, ihre eigenen Stärken, aber auch ihre Grenzen realistisch einzuschätzen. (s.S. 25 - 27)

  • Eindrucksvoll: Die Rückschau auf mehr als 10 Jahre Integrationserfahrungen durch die Mutter von Paul, die Sicht der Integrationshelferin - zwischen Familie und Schule - , das Beispiel einer Unterrichtsplanung zum zieldifferenten Deutschunterricht, die Dokumentation der Fortschritte von Paul beim Schreibenlernen. Mit 14 Jahren hat er mühsam mit wenigen Buchstaben eine Notiz an die Mutter geschrieben, mit 16 einen Kurzbrief mit dem Computer an den Lehrer und mit 17 eine eigene e-mail-Nachricht. Drei Lehrerinnen dokumentieren ihre Teamarbeit im Fachunterricht, zwei Väter und eine Mutter von MitschülerInnen sowie die vollständige Dokumentation des ausführlichen Zeugnisses von Paul, das er am Ende der 10. Klasse Realschule erhalten hat, runden den Bericht ab. Danach werden auch Ausblicke aufgezeigt für die weitere berufliche Perspektive dieser drei Jugendlichen, die ohne eine Integrationsklasse eine Schule für Lernbehinderte bzw. für Geistigbehinderte hätten besuchen müssen.

Dieses kleine Buch empfehle ich allen Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung, Lehrerinnen und Lehrern - insbesondere der Sekundarstufe I. Es eignet sich auch sehr gut für die Diskussion mit Studierenden, die zumeist noch keine Erfahrungen machen durften, wie sie hier dargestellt wurden, und die deshalb oft Schwierigkeiten haben, sich die Normalität eines nichtaussondernden Unterrichts vorzustellen.

Quelle:

Rezensiert von Jutta Schöler

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 22.02.2006

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